Joachim Ringelnatz – Weihnachten

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit,
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
Schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
Und das alte Lied von Gott und Christ
Bebt durch Seelen und verkündet leise,
Dass die kleinste Welt die größte ist.

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Liebe Leute,

was, ist denn schon Weihnachten? Ein paar Tage dauert es zwar noch, aber ich verabschiede mich heuer mit Ringelnatz sehr frühzeitig in die Weihnachtspause. Und mit ihm möchte ich auch Danke sagen bei euch: Fürs Folgen, für das Interesse, für das Mitlesen und den Austausch.

Für mich ist der Blog nach wie vor ein Geschenk, dass ich mir selber mache: Weil mir das Schreiben über die Bücher, die ich lese, nach wie vor sehr viel Freude macht. Und die Freude verdoppel sich, wenn ich dadurch auf das eine oder andere Buch aufmerksam machen kann oder sich ein Austausch ergibt. Eure Likes und Kommentare sind ein Zeichen der Wertschätzung – dafür vielen Dank.

A propos Geschenke: Seit einiger Zeit ergänze ich meine eigenen, längeren Beiträge durch einen Spendenbutton. Ich habe lange gezögert, ob ich das tun soll. Ich möchte mich an dieser Stelle bei den Menschen, die mich bestärkt haben, dies zu tun, bedanken. Und ein herzliches Dankeschön an die Spenderinnen und Spender für eure Beteiligung!

Ich wünsche allen ein persönlich friedliches und schönes Weihnachtsfest in dieser unruhigen Zeit, glückliche und erholsame Tage und einen guten Start in das Neue Jahr!

Wir lesen uns 2020 wieder,

eure Birgit

 

 

Dinçer Güçyeter (Hg.): Cinema

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„Im Kino gewesen. Geweint.“

Lange, lange ist es her, dass Franz Kafka diese Worte in sein Tagebuch schrieb. Das Kino war für ich, wie Hanns Zischler in dem wunderbaren Band „Kafka geht ins Kino“ schreibt, ein Fluchtpunkt. Das Kino: Ein Sehnsuchtsort. Einsam sein zu können, ohne sich einsam zu fühlen, im Dunkeln für zwei Stunden in fremde Welten versinken, eine Eintrittskarte raus aus der Realität. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal im Kino geweint habe, es muss beim „englischen Patienten“ gewesen sein. Das Kino hat für mich viel von seiner Magie verloren, die großen „Filmpaläste“ der heutigen Zeit scheue ich wie der Teufel das Weihwasser. All die Popcornschmatzer, Gummibärchentütenraschler, Handylichterwinker, Colarülpser, Dauerquassler, sie nerven mich unendlich. Am liebsten hätte ich wohl das Kino für mich allein.

Ein wenig davon, wie das war, als man in die Programmkinos seiner Stadt schlurfte, sich gespannt in den Kinosessel lümmelte, als mit dem Vorspann die Stimmen verstummten und jeder auf die Leinwand starrte, etwas von diesem speziellen Kinogefühl bringt eine Lyrikanthologie der beiden nimmermüden Herausgeber Dinçer Güçyeter und Wolfgang Schiffer zurück. Ein Eindruck, den wohl auch Bettina Baltschev vom Deutschlandfunk hatte:

Dass das Nachdenken über Film bei so manchem Dichter, und wahrscheinlich auch bei so manchem Leser, nostalgische Gefühle auslöst, verwundert nicht. Erinnerungen an Nachmittagsfilme, an Spätfilme, an Technicolor oder an die letzte Reihe im Vorstadtkino erzählen von einer verschwundenen Welt. Eine Welt, die einige jüngere Dichterinnen und Dichter wohl nur noch vom Hörensagen kennen, weshalb sie sich gleich neueren Formaten widmen, Serienhits wie „True Detective“, „Mad Men“ und „Monk“.

64 Lyrikerinnen und Lyriker nähern sich in „CINEMA“ auf ihre ganz eigene Weise der Kunstform des Films. Das ist formal wie inhaltlich weitgefasst und spannend – die Gedichte reichen vom Lang- und Prosagedicht bis hin zum gereimten Kurzzeiler. Das offene Format – eingeladen wurden zeitgenössische Dichterinnen und Dichter, sich frei assoziierend mit ihren Texten zu beteiligen – ermöglicht auch inhaltlich eine große Spannbreite:

„Die hier Vorgestellten jedoch haben mit ihren bis auf wenige Ausnahmen unveröffentlichten Texten von der kurzen Notiz über die lange Kindheitserinnerung bis zur literarischen Sinfonie, mit ihren lyrischen Antworten auf Kur- und Dokumentarfilme, auf Pornos und Hochglanz-Kino, auf TV-Serien, den Fernseh-Tatort, den Amateurstreifen und das 3D-Dolby-Surround-Spektakel, auf Western, Liebesfilme und Krimidramen, sie haben CINEMA in der Summe eine Hommage geschrieben, deren poetische Stimmen so vielfältig sind und eindringlich werden können wie die bewegten Bilder, die sie – wer weiß, vor wie langer Zeit bereits – auf den Weg gebracht haben.“

Diese Vielfalt macht diesen Kinogang zu einem echten Überraschungsei. Da erinnert sich Jörg Sundermeier, Verleger des „Verbrecher Verlags“ an den Tupfenrock seiner Mutter:

Tupfenrock,
Bunt
Wie ein Heimatfilm.

und Silke Vogten, die „angepisst“ am Flughafen von Helsinki sitzt, „wo ich unfreiwillig gelandet bin“, ist plötzlich mit sich und der Welt versöhnt, weil:

„ich sehe in Wolken die vorüberziehen
und dann denke ich an Aki Kaurismäki
an einen schwarzen Hund so
unvergesslich im Leben der Bohème

und bin von 0 auf 100 mit allem versöhnt.“

Diese biographischen Texte zeigen, wie sehr das Kino, der Film in unseren Alltag, in unser Denken und unsere Auffassungen von der Welt hineingreift, der Film vielleicht als präsenteste und prägendste Kunstform. Sie zeigen aber auch die enge Verknüpfung von Film und Lyrik: Sofort hat man beim Lesen die bunten Tupfenröcke vor Augen, sofort sieht man den schwarzen Hund – Lyrik vermag Bilder in uns wachzurufen, die einen eigenen, inneren Film in Gang setzen.

Neben bereits sehr bekannten Namen aus der zeitgenössischen Lyrik wie beispielsweise Kerstin Becker, Nora Gomringer und Ulrike Almut Sandig, deren Langgedicht „Gesänge des Funkturms“ (das vom 1927 entstandenen Film „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“ inspiriert ist) allein schon den Kauf dieser Anthologie für jeden Lyrikleser und Kinogänger nötig macht, ist „CINEMA“ auch ein „Who is who“ der zeitgenössischen Lyrikszene, die im Literaturbetrieb eben meist nur eine Nebenrolle spielt.

Wer in diesem Film sonst noch seinen Auftritt hat, ist auf der Homepage des Verlags zu finden. Ich habe mich sehr gefreut, auch auf Gedichte von Marina Büttner zu stoßen – offenbar teilen wir unseren Filmgeschmack. Die Blogbetreiberin des feinen Blogs „Literatur leuchtet“ hat ein Hommage-Trio, eng an den Filmen bleibend, für die Anthologie geschrieben. Ihre Verbeugung vor dem wunderbaren Film „Die Poetin“ über Elizabeth Bishop ist ein kleines Kunstwerk:

the art of losing isn`t hard to master
so nebenbei: vergiß mich

und halte eine hand und lass
mich. der abstand
– versatzpfand –
zu dir fällt in den bereich
des unausweichlichen
des alltäglichen vergehens und vergessens.“

In ihrer ansonsten wohlmeinenden Kritik bezeichnet Bettina Baltschev „die sicher gut gemeinte Offenheit für alle denkbaren Themen und Formen“ als „Geburtsfehler“ der Anthologie, sie führe „zu einer gewissen Beliebigkeit“. Ich empfinde dieses anders: Für mich ist „CINEMA“ wie ein Gang ins Kino – man ahnt, was einen erwartet, und wird dennoch von Szene zu Szene neu überrascht.


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Lia Sturua: Enzephalogramm

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Unergründlich? Das menschliche Gehirn und seine Zellen. Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Verrat, Schmerz, nagelreiche Stellen
über mich, wenn ich Korrektur lese,
kann es sein, dass ich einen Druckfehler mache –
eine kleine Lüge,
Hauptsache, man glaubt mir den Text!

Lia Sturua, „Enzephalogramm“, Edition Monhardt, 2018.

Schreiben, das ist ein ewiges Ringen um das richtige Wort, die Suche nach dem wahrhaften Ausdruck. Selten ist mir das so bewusst geworden wie bei der Lektüre der Gedichte von Lia Sturua. Da spricht eine Stimme zu uns, mal rau, spröde, mal wild, mal zärtlich und liebevoll, aber auch melancholisch und beinahe verbittert. Ihre Gedichte treffen mitten ins Herz und bewegen das Hirn: Dem oftmals nüchternen, der Realität verhafteten Beginn folgen surreale Bilder, überraschende Gedankenvolten, die beim Lesen Einhalt gebieten, zum Nachdenken bringen, enträtselt werden wollen. Da ist eine, die auf der Suche ist nach den Bildern, die den Windungen ihrer Gedankengänge entsprechen – das ist beeindruckend, das ist manches Mal auch verstörend, aber vor allem ist es überragend schön.

Es ist, als lege die georgische Schriftstellerin mit ihren Gedichten eine Kartografie der Gefühle an im Widerstreit mit dem, was ihr der Verstand eingibt – die Vielfalt der Gedanken, erfasst in einem „Enzephalogramm“. Mit diesem nüchternen medizinischen Begriff ist der erste Gedichtband mit Übertragungen ihrer Lyrik ins Deutsche der nunmehr 80-jährigen Autorin betitelt. Dass wir ihren Hirnströmen folgen dürfen, ist der Übersetzung von Nana Tchigladze und der Nachdichtung durch den Verleger Stefan Monhardt zu verdanken – sie machen uns eine ganz besondere Stimme der georgischen Literatur zugänglich.

„Enzephalogramm“ umfasst vor allem Gedichte aus den beiden letzten Bänden, die die Lyrikerin in Georgien veröffentlichte: Zeilen einer älter werdenden Frau, die von Einsamkeit und Vergänglichkeit sprechen, von Verlusten, vergangenen Lieben, nie geborenen Kindern. Lia Sturua beschönigt dabei nichts, zieht ganz nüchtern Bilanz, die Bilanz eines langen Lebens:

(…) wie damals, als ich noch zur Begeisterung fähig war –
zu kräftiger Begeisterung; Hymne, Kapelle,
Symphonieorchester!
Für eine Glühbirne und den in die Tür eingeklemmten
gelblichen Streif genügt auch Kammermusik,
mezza voce, die leise Freude,
dass jemand zu Hause ist, und wenn keiner,
der entsprechende Gram, eine Salonform der Verzweiflung,
die mit knirschenden Zähnen auf mich wartet
als das Wirklichste, das es heute noch gibt.

Die große Dame der georgischen Lyrik – ihre erste Gedichtsammlung veröffentlichte die Philologin bereits 1965, es folgten weitere Lyrikbände, Essays und ein Roman – wirft dabei in ihren Gedichten einen unerbittlich klaren Blick auf sich, aber auch auf die Außenwelt.

(…) Manchmal gewöhnt man sich an einen Menschen
wie an ein Ding oder an das Brot,
an die Alltäglichkeit,
manchmal entdeckt man es und läuft weg (…)

Die Gleichsetzung von Menschen und Dingen, sie gehört zum poetischen Kosmos der Lia Sturua, die so nüchtern über die Angelegenheiten des Körpers einer (älterwerdenden) Frau spricht, zugleich aber einen „letzten Gedanken“ der „Beseeltheit eines Stuhls“ widmet.

Ihre Zeilen stehen da, als müsse sie sich immer wieder auch ihrer selbst versichern: Als Frau, als Liebende, als Schreibende – die Rolle der Dichter greift sie immer wieder auf, ironisch in der Außenbetrachtung, durchaus auch bissig wie in dem Poem „Nach Motiven von Platon“ oder in „Wer bist du jetzt?“:

Dichter, süß wie Zuckerwatte,
oder unreife Diebe,
dass noch die Luft davon Zahnschmerzen bekommt?

Allen Zeilen haftet diese unmittelbare, zumindest mich sehr tief berührende Wahrhaftigkeit an – denn; „ (…) ein Enzephalogramm kann nicht lügen“. Ein Jahr nach dem Gastland-Auftritt Georgiens gibt es aus der Literatur dieses Landes immer noch so viel zu entdecken – Lia Sturua ist dabei ein ganz besonderer Schatz!

Hervorzuheben ist auch die handwerklich liebevolle Gestaltung des Bandes, der in einer nummerierten Auflage erschienen ist. Für Liebhaber der georgischen Schrift sind alle Gedichte im Original der deutschen Übertragung gegenübergestellt.

Bibliographische Angaben:
Lia Sturua
„Enzephalogramm“
Edition Monhardt, 2018
23,00 Euro, Hardcover, Lesebändchen, Fadenheftung, 124 Seiten
ISBN 978-3-328-9817789-4-6

Ein Blick auf das besondere Verlagsprogramm der Edition Monhardt ist sehr zu empfehlen: https://monhardt.de/

Ludwig Uhland – Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag.
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal;
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland (1787 – 1862)


Bild zum Download: Blumen


 

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Lina Atfah: Das Buch von der fehlenden Ankunft

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Ein Buchladen in Syrien, 2006. Ob der Inhaber noch lebt, fragt sich auch die Fotografin: Bild von Lauren Mulcahy auf Pixabay

… kein Horizont der wie ein Zelt Gedichte auf dem Sprachsand
aufschlägt
der Tod allein
der Tod er prüft die Wahrheit
und prüft alles Geschriebene
nicht leicht ist es, an ihn zu glauben …

Lina Atfah, „Das Buch von der fehlenden Ankunft“, Zitat aus dem Gedicht: „Der Tod stimmt mich nicht traurig“.

Seit 2011 tobt in Syrien dieser verheerende Krieg, dem hunderttausende Menschen zum Opfer fielen und der Millionen in die Flucht zwang. Darunter auch die junge syrische Dichterin Lina Atfah: 1989 in Salamiyah geboren, kam sie 2014 über den Libanon nach Deutschland. Sie hatte schon früh Repressalien erfahren müssen: Bereits  die Texte und Gedichte der 17-jährigen waren dem Assad-Regime aufgestoßen. 2006 wurde sie beschuldigt, Gotteslästerung und Staatsbeleidigung begangen zu haben. Erst nach einer langen Zeit des Wartens erhielt sie 2014 die Erlaubnis zur Ausreise.

Wie es ist, seine Heimat unfreiwillig verlassen zu müssen, wie es ist „Am Rande der Rettung“ zu stehen, einer Rettung, die Leib und Leben meint, aber die Seele zerreißt, das thematisiert Lina Atfah in dem Gedicht „Am Rande der Rettung“:

„…Ich nahm Abschied von allen Lieben
und umarmte zum letzten Mal die Seele des Ortes…“

Zugleich mit der Bilanz der Dinge, die sie zurücklässt, offenbart sich ihr, der Dichterin und Studentin der arabischen Literatur, die zeitweilige Ohnmacht der Sprache:

„… ich ordnete die Dinge meines Herzens
das Schreiben gehorchte mir nicht
meine Sprache umarmte meinen Wunsch nicht
meine fernen Erinnerungen beugten sich über meine Gegenwart…“

Es ist die Ohnmacht der Sprache und die spürbare Heimatlosigkeit, die eine Dichterin, die mit und in ihrer Sprache lebt, doppelt trifft. Nino Haratischwili, die zu diesem ersten in Deutschland erschienen Lyrikband von Lina Atfah ein Vorwort beigetragen hat, schreibt darin:

„Die Erfahrung, aus der Heimat fliehen zu müssen, ist, so denke ich, in jeder menschlichen Biografie ein harter Schnitt, eine Zäsur, ein Teilen in Davor und Danach, aber für einen Autor ist es eine doppelte Entwurzelung, ein Verlust der Sprache und somit ein Sprung in die Unerträglichkeit des Ungewissen.“

Auch davon erzählt „Das Buch von der fehlenden Ankunft“, von jenen, die wie in dem gleichnamigen Langgedicht „nach einem verlorenen Paradies“ suchen, die die „Narben des Abschieds tragen“, die schlicht und einfach Opfer sind:

„Wir flohen vor dem Krieg, doch dieser Krieg ist nicht
Täuschung oder List
er ist die Geschichte brutaler Gewalt in Zeiten der Blindheit
als bräuchte der Tod eine List!“

Mehr noch als die andauernden Fernsehbilder aus Syrien von zerstörten Städten schreiben sich einem diese Gedichte ins Herz, machen begreif- und erfassbar, was dies alles für die Betroffenen und für die Menschheit bedeutet. Lina Atfah klagt an, benennt zornig den Irrsinn des Krieges, beweint in ihren Zeilen die Kinder, die ihm zum Opfer fallen:

„Regen löscht das Feuer in den Leichnamen der Kinder
der uns entfachende Regen, Regen, der jetzt schreibt
für jede Stirn gibt es Patronen
zwei Mädchen die sich schwesterlich die Landeswunden teilen
und unser Unglück teilen“

(Auszug aus: „Lin und Leila und Der Wolf“)

Dass „Das Buch von der fehlenden Ankunft“ nun im Pendragon Verlag erscheinen konnte und somit Lina Atfah ein wenig auch im deutschen Literaturbetrieb ankommen konnte, das ist auf ihr Talent zurückzuführen, aber auch dem Projekt „weiter schreiben“ zu verdanken: Dort finden Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten eine Plattform. Denn:

„Weiter schreiben zu können heißt aber auch weiter gelesen zu werden. Denn das Schreiben und das Gelesenwerden gehören zusammen. Man schreibt nicht für sich, man schreibt aus sich heraus. Für Autor*innen ist es elementar, dass der Prozess des Schreibens nicht abbricht. Schreiben ist nicht nur eine Kunst, es ist auch eine Lebensform, eine Art, die Welt wahrzunehmen, sich auf sie einen Reim zu machen und sich darüber in Beziehung zu setzen mit ihr. Das gilt für Autor*innen aus Krisengebieten in besonderem Maße. Für sie ist der Schreibprozess durch die politische Situation nicht nur unterbrochen, sondern manchmal sogar lebensgefährlich. Mussten die Künstler*innen ihr Land oder ihre Region verlassen, bricht ihnen zudem der eigene Sprachraum weg.“

In dem schön gestalteten Band des Bielefelder Pendragon Verlages finden sich die Gedichte von Lina Atfah auch in arabischer Schrift, manche zudem in zweifacher Übertragung in die deutsche Sprache, was den Zugang zu ihrer Lyrik besonders interessant macht. So ist es spannend zu lesen, wie unterschiedlich beispielsweise Joachim Sartorius und Dorothea Grünzweig ihre Akzente bei einen Gedicht über den Umgang mit Tod und Gewalt setzen. Insgesamt zwölf Übersetzer und Autorinnen und Autoren, die die Gedichte übertragen und nachgedichtet haben, werden aufgeführt, darunter auch Jan Wagner und Julia Trompeter, Suleman Taufiq und Osman Yousufi.

Dadurch kann sich auch die ganze Spannbreite von Lina Atfahs Schreiben in der deutschen Sprache entfalten: Denn neben den Gedichten, die eine zornige, bittere Anklage gegen den Krieg und von politischer Wucht und Klarheit sind, beherrscht die Dichterin auch die Kunst der sinnlichen, orientalischen Dichtung, lebensprall, poetisch und voller Schönheit:

„ich berausche mich an mir
ich beobachte wie die Finger des Schattengottes mich zweimal gestalten
hier im Schatten des Stoffes
und hier im Text, wenn er zur unschuldigen Falle wird,
um das listige Gemälde zu verführen!“

Informationen zum Buch:

Lina Atfah
Das Buch von der fehlenden Ankunft
Pendragon Verlag
Gebunden, Lesebändchen, 152 Seiten
22,00 Euro
ISBN: 978-3-86532-641-6

Zum Projekt Weiter Schreiben:
https://weiterschreiben.jetzt/weiter-schreiben/ueber-uns/

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Theodor Fontane – Noch einmal ein Weihnachtsfest

Noch einmal ein Weihnachtsfest,
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm` ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,
Alles Falsche, alles Rechte,
Alles Gute, alles Schlechte –
Rechnet sich aus all dem Braus
Doch ein richtig Leben raus.
Und dies können ist das Beste
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.

Theodor Fontane

Ich komme langsam in das Alter, in dem die Weihnachtszeit tatsächlich eine besinnliche wird. Die Großeltern-Generation fehlt seit einigen Jahren, die Kinder in der Familie machen sich allmählich selbständig. Der Kreis wird kleiner. Man denkt an die, die nicht mehr dabei sein können.
Zugleich mildert sich der Erwartungsdruck an diese Tage mit den Lebensjahren. Gesten sind wichtig, Geschenke weniger. Im Mittelpunkt steht das Zusammensein.
Man beginnt es wie Fontane zu halten, dem alten, weisen Knaben, und zieht ein wenig Bilanz. Ich wünsche mir an Weihnachten vor allem eines: Dessen Gelassenheit, dessen Lebensweisheit. Wie man das erreicht, davon gibt es sicher auch im kommenden Jahr, dem Fontane-Jahr, mehr zu lesen.

Allen meinen lieben Leserinnen und Lesern hier sage ich Dank für die Begleitung über das inzwischen sechste Blogjahr hinweg. Ich wünsche Euch schöne und frohe Festtage!

Dagrun Hintze: Einvernehmlicher Sex

„Auf der Mitte des Lebens kann Liebe
verdammt beunruhigend sein
aber auf der Mitte des Lebens
gelang es mir jetzt
mit Hilfe des Stadtplans zurückzukehren
an den Platz auf dem ich sitzen wollte
allein“

Dagrun Hintze, Auszug aus „Pfirsiche kaufen“.

In und auf der Mitte des Lebens hat eine Frau idealerweise schon einige Variationen der Liebe hinter sich, Erfahrungen gesammelt, Dramen erlebt, Enttäuschungen überstanden, Hoffnung geschöpft, den Zauber des Anfangs und die Magie des Bleibens erfahren – von all dem erzählt die 1971 in Lübeck geborene Schriftstellerin Dagrun Hintze in ihrem neuesten Gedichtband „Einvernehmlicher Sex“.  Einigen Lesern des Blogs dürfte sie noch durch ihre Fußballgeschichten unter dem Titel „Ballbesitz“ in Erinnerung sein – und wer so unterhaltsam und treffend über Fußball schreiben kann, der kann das auch über weitere wichtige Nebensächlichkeiten des Lebens: Liebe, Sex, Erotik.

„Ich hatte in meinem ganzen Leben
noch nie einen One-Night-Stand hinbekommen
auch wenn jede zweite Frauenzeitschrift
behauptet dass man das vor Dreißig
geschafft haben muss“

… heißt es im titelgebenden Gedicht „Einvernehmlicher Sex“. Ob es der Erzählerin mit 40 gelingt (oder eben auch nicht), sei an dieser Stelle nicht verraten. Aber schon die wenigen Zeilen machen deutlich: Mit der Autorin könnte man einen herrlichen Frauenabend verbringen, bei ein paar Glas Wein kichernd und lachend die eigenen Liebespleiten austauschen. Es sind Geschichten vom ersten Petting, damals, mit fünfzehn, mit dem Sohn eines Müslifabrikanten über die Begegnung mit einem Tschechen, den frau gerne 20 Jahre früher kennengelernt hätte bis hin zum veritablen Liebeskummer, der unvermittelt über einen hereinbricht, weil sieben Jahre nach der misslungenen Liebesgeschichte plötzlich Brian Ferry im Taxi erklingt. Love is the Drug.

In 38 Prosagedichten erzählt Dagrun Hintze vom Liebesleben einer modernen Frau: Mal heiter, mal lakonisch, mal wehmütig, mal überschwänglich. In Szenen, die man selber kennt, von Gefühlen, die man nachvollziehen kann. Und hier trifft es der Text des Verlags, der behauptet: „Man begleitet die Erzählerin durch Höhen und Tiefen und merkt irgendwann, dass man sich zwischen den Zeilen befreundet hat.“

Mein Lieblingsgedicht in diesem Band ist jedoch eines geworden, das vergleichsweise verklausuliert wirkt:

Zwischenstand

Bis hier
Ein Fell auf nackter Haut
die auch nicht mehr schneeweiß ist
und Leberflecke an pikanten Stellen
Nicht aus der Zeit gefallen
auch nicht verrückt geworden
Pfefferminztee
und ein halbes Leben

Die Autorin Simone Buchholz äußert sich begeistert über die Gedichte der „open mike“-Preisträgerin 2005:

„Dagrun Hintze haut einem die Poesie um die Ohren, dass die Welt aus dem Takt gerät, mitten hinein in die schönste Schieflage, in eine zarte Schlagseite, ins heftigste Wetter, in bunte Himmel, und man möchte mit ihr und ihren Piratenfreunden durch diese Nächte und Tage tanzen, von denen sie schreibt.“

„Einvernehmlicher Sex“ ist erschienen bei Minimal Trash Art (MTA), einem Verlag für Musik, Texte und Bilder, der heuer sein 20-jähriges Bestehen feiert. Reinschauen lohnt sich: https://www.minimaltrashart.de/

Dagrun Hintze
Einvernehmlicher Sex
38 Gedichte

80 Seiten
Taschenbuch
12,00 Euro

ISBN 978-3-9814175-3-1-
Minimal Trash Art (MTA)
2018

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Joachim Ringelnatz – Der Bücherfreund

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Bild von Nino Carè auf Pixabay

Ob ich Biblio- was bin?
Phile? „Freund von Büchern“ meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den anderen Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher — wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben —
Hei ! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.

Wie ? – ich jemals auch in Büchern lese??
Oh, sie unerhörter Ese—
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.

Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hochverehren.

Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren.

Joachim Ringelnatz

„Der Bücherfreund“ erschien erstmals in der Ringelnatzischen Gedichtsammlung „Allerdings“ im Jahr 1928. Ob der Bücherfreund Ringelnatz selbst über eine so überbordernde Bibliothek verfügte, bezweifle ich – zu unstet war sein Leben, zu oft war er unterwegs, zu häufig auch in finanziell prekäre Lagen, um selbst eine Bildungsbürgerbüchersammlung um sich zu haben. Allerdings kannte er sich – nicht nur als Lesender und Schreibender – aus im „Verwalten“ von Bücherbergen. Vielleicht dachte er bei diesem Gedicht an seine Zeit in Klein-Oels zurück: Dort verwaltete er 1912 die Bibliothek des Grafen Yorck v. Wartenburg. Nachdem er wegen einer Prügelei entlassen worden war, arbeitete er im Jahr darauf als Bibliothekar Börnes v. Münchhausens, später als Bibliothekar und Fremdenführer auf Burg Lauenstein (Oberfranken), bis er 1913 wieder nach München ging, um seiner eigentlichen Berufung als Bühnenkünstler und Schreibender nachzugehen.


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Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

wir haben die freiheit vervielfacht
uns selbst lebendig zu begraben

auf der hauswiese
daheim

Linda Vilhjálmsdóttir, „Freiheit“, aus dem Isländischen übertragen von Jón Thor Gíslason und  Wolfgang Schiffer, Elif Verlag, 2018

Was mich am meisten erstaunt und erschüttert an der derzeitigen politischen Lage ist, wie wenig vielen Menschen doch Freiheit als ein Wert zählt, den es zu erhalten und zu verteidigen gilt. Die Bilder aus Chemnitz brachten mich nicht nur wegen des blanken Hasses, der aus vielen Gesichtern, Gesten und Worten sprach, aus der Fassung. Sondern auch, weil so viele offenbar bereit sind, Rattenfängern hinterherzulaufen, die, gäbe man ihnen die Möglichkeit, alle unseren Freiheiten beschränken oder sogar vernichten würden: Die Pressefreiheit, die Freiheit der Gedanken, der Meinungen und Haltungen, die persönliche Freiheit.

Jetzt, da in Europa im Grunde eine gesellschaftliche Blütezeit herrschen könnte, da die Wirtschaft boomt und die letzten „eisernen“ politischen Systeme gekippt sind, scheint sich das Rad rückwärts zu drehen. Der Faschismus hebt überall sein schmutziges Haupt – weil er Menschen anspricht, die sich ausgeschlossen fühlen, denen täglich suggeriert wird, „Sicherheit und Ordnung“ seien gefährdet, die offenbar vor allem mit einem nicht zurechtkommen: Mit der Freiheit, die wir ergreifen könnten, wenn wir es nur wollten.

Und da bricht nach Jahren eine Isländerin die Zeit ihres literarischen Schweigens und legt einen schmalen Band vor, der auf mehreren Ebenen voller Wucht ist: Der Gedichtband „Freiheit“ von  Linda Vilhjálmsdóttir erhielt bereits nach seinem Erscheinen 2015 mehrere Literaturpreise. Wenig verwunderlich: Treffen diese auf den ersten Blick beinahe nüchternen Zeilen, die bar sind von jeder blumigen Metaphorik, mitten ins Mark. Wer jedoch meint, Lyrik könne nicht politisch sein, ohne in den Ton von Alltagsrhetorik oder plumper Agitation abzugleiten, der wird mit diesem schmalen Buch eines Besseren belehrt. Die sachliche, ruhige, ja fast karge Wortwahl ist jedoch eingebettet in ineinander verwobene Assoziationsketten, in bewusst gesetzte Wiederholungen, die zeigen, wie bewusst gewählt jedes Wort für sich ist, wie gut gedacht und kunstvoll gesetzt die einzelnen Sentenzen sind.

Einem einführenden Teil, der sich dem Elementaren widmet –

zwischen
himmel und erde
ist alles

wie es geschrieben steht

– folgen drei thematisch ins sich geschlossene Zyklen, die sich dem Alltagsleben, den Eindrücken einer Reise nach Israel und Palästina und der isländischen Situation nach der Finanzkrise, die das Land erschütterte, widmen. Im Grunde jedoch kreist alles um die eine Metaebene, um den Begriff der Freiheit. Die Lyrikerin setzt sich mit der selbstgewählten Konformität unserer Leben auseinander, sie geht den Zwängen religiöser und politischer Regeln auf die Spur, sie zeigt auf, wie sehr wir unsere Freiheit in der Freiheit des Konsums erschöpfen.

Manches muss man sich erschließen, manches ist gerade heraus formuliert:

ihm gefiel das thema meiner freundin
über den krieg der ständig in unseren köpfen wütet

hielt aber nicht viel von meinem freiheitsstoff
meinte freiheit an sich sei uninteressant

es spiele keine rolle ob die menschen frei seien
solange sie mit der freiheit nicht umgehen können

Man könnte meinen, um unsere Befähigung zur Freiheit sei es schlecht bestellt. Doch solange es Dichterinnen wie Linda Vilhjálmsdóttir gibt, die mit dem literarischen Finger sozusagen auf die Wunden zeigen, ist es mir wiederum nicht allzu bange. Schreiben, dichten, lesen: Das sind Akte der Freiheit. Nur dort werden sie unterdrückt, wo die politische Freiheit schon beendet ist.

Die Übertragung von „Freiheit“ ist einmal mehr eine Gemeinschaftsarbeit von Jón Thor Gíslason und  Wolfgang Schiffer, die bereits diesen beeindruckenden Gedichtband aus dem Isländischen übersetzt haben: „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht wiederfinden können“.
Bei Wolfgang Schiffer kann man zudem mehr über Linda Vilhjálmsdóttir erfahren:
https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2018/03/28/europaeischer-dichter-der-freiheit/
Beide Gedichtbände erschienen im Elif Verlag, Verleger, Autor und Lyriker Dinçer Güçyeter hat einmal mehr eine passende Gestaltung für das Buch gefunden – ein Fenster zur Freiheit.

überglücklich
für einen augenblick
mit der korrigierten schuldenlage
der stabilität der wiedergeburt der hochhäuser
der ausgeglichenheit des staatshaushalts mit all den weltrekorden
und der erlösung der überlegenen

überglücklich und geschmeichelt
und nicht gewillt auch nur einen tag mit heiliger ruhe zu vergeuden

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Joachim Ringelnatz – Schwebende Zukunft

Habt ihr einen Kummer in der Brust
Anfang August,
Seht euch einmal bewußt
An, was wir als Kinder übersahn.

Da schickt der Löwenzahn
Seinen Samen fort in die Luft.
Der ist so leicht wie Duft
Und sinnreich rund umgeben
Von Faserstrahlen, zart wie Spinneweben.

Und er reist hoch über euer Dach,
Von Winden, schon vom Hauch gepustet.
Wenn einer von euch hustet,
Wirkt das auf ihn wie Krach,
Und er entweicht.

Luftglücklich leicht.
Wird sich sanft wo in Erde betten.
Und im Nächstjahr stehn
Dort die fetten, goldigen Rosetten,
Kuhblumen, die wir als Kinder übersehn.

Zartheit und Freimut lenken
Wieder spät deren Samen Fahrt.

Flöge doch unser aller Zukunftsdenken
So frei aus und so zart.

Joachim Ringelnatz