Rose Ausländers „Leben im Wort“

Vor wenigen Wochen, genau am 11. Mai, wurde der 120. Geburtstag von Rose Ausländer (1901 – 1988) gefeiert. Ein kleines Portrait der Dichterin ist auf diesem Blog bereits zu finden.
Aktuell ehrt der Ulmer Verlag „danube books“ die große jüdische Wortkünstlerin mit einer bezaubernden Graphic Novel, die zum Jubiläumsjahr erschienen ist.

„Leben im Wort“ zeichnet das wechselvolle Schicksal der Lyrikerin nach, das sie von der grünen Bukowina und vom multikulturellen Czernowitz in die USA und wieder zurück nach Europa bis hin zu ihrem Lebensabend in Düsseldorf führte. Ein steter Begleiter war dabei das Wort: Die Fülle der Gedichte von Rose Ausländer zeugt davon, wieviel sie zu sagen hatte, die Schönheit ihrer Sprache ist auch ein Indiz für diese besondere kulturelle Landschaft der Bukowina, die mit ihr und Paul Celan zwei der größten Dichter dieser Zeit hervorbrachte. Und die beide ihr Leben lang die Vertreibung aus „dieser friedlichen Hügelstadt/von Buchenwäldern umschlossen“ in ihren Zeilen verarbeiteten, sondern auch Vertreibung, Tod und Unbehaustheit im Exil. In dem oben zitierten Gedicht „Cernowitz vor dem Zweiten Weltkrieg“, das auch in der Graphic Novel zu finden ist, schreibt Rose Ausländer:

Ihr Leben lang hatte Rose Ausländer Sehnsucht nach ihrer grünen Mutter, dem Buchenland der Bukowina. Bild von Dan Fador auf Pixabay

„Vier Sprachen
Verständigen sich
Verwöhnen die Luft

Bis Bomben fliegen
Atmete glücklich
Die Stadt“

Dr. Oxana Matiychuk, selbst in der Vielvölkerstadt, die heute zur Ukraine gehört, geboren, erzählt das Leben der Rose Ausländer chronologisch nach – von der behüteten Kindheit, die abrupt durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wird. Hier macht die junge Rose die erste Exilerfahrung, die Familie flieht nach Wien, kehrt aber in das Buchenland zurück. 1920 dann der zweite Wendepunkt durch den frühen Tod des Vaters, Rose Ausländer geht, wie viele andere auch, in die USA. Dies ist nicht die letzte örtliche Veränderungen in diesem von Veränderungen geprägten Leben – lange, bis sie in ein jüdisches Altersheim in Düsseldorf ging, lebte Rose Ausländer konsequent nur mit sieben Koffern in verschiedenen Pensionen. Immer abreisebereit, vielleicht auch immer auf der Flucht.

Die Ausländer-Expertin Oxana Matiychuk – sie ist Dozentin am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie der Jurij Fedkowytsch Universität Czernowitz, Leiterin der „Ukrainisch-Deutschen Kulturgesellschaft Czernowitz“ am Zentrum Gedankendach und verfasste mit ihrer Promotionsarbeit zur „Genese des poetischen Textes im Werk von Rose Ausländer“ die erste Studie in der Ukraine zum Leben und Werk der bukowinischen Autorin – erzählt das Leben der Dichterin chronologisch, auf die wesentlichen Fakten reduziert und doch mit einer Liebe für die wichtigen Details (z.B. die sieben Koffer), die nicht nur die Dichterin beleuchten, sondern auch einen Blick auf den Menschen dahinter ermöglichen.

Neben der Erzählung der Biographie führt die Graphic Novel auch in die Entwicklung von Rose Ausländers Schreiben, in ihr Leben mit den Worten ein. Dies alles ist in einer klaren Sprache verfasst, „in kunstvoller didaktischer Reduzierung, ohne jedoch zu simplifizieren“, wie Maria Dippelreiter schreibt. Und geradezu hinreißend sind Layout und Illustration dieser Graphic Novel, mit viel Liebe zu Details. Die beiden Künstler dahinter sind die mehrfach ausgezeichnete ukrainische Grafikdesignerin Olena Staranchuk und der Illustrationskünstler Oleg Gryshchenko. Gestaltung und klare Sprache machen dieses wunderbare Geburtstagsgeschenk für Rose Ausländer auch zu einem idealen Medium, um Leben und Werk auch jüngeren Lesern oder Menschen, die nicht viel von ihr kennen, näherzubringen.

Informationen zum Buch:
Oxana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort. Graphic Novel.
Mit Illustrationen von Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko.
Verlag danube books, Ulm, April 2021
56 Seiten, 14 B x 20 cm H. Hardcover, Fadenheftung, gedruckt auf Munken  Lynx (170 g).
ISBN 978-3-946046-27-1.
16,00 EUR (D) | 16,50 EUR (A).

Ilana Shmueli: Zwischen dem Jetzt und dem Jetzt

es zieht die Hand meiner Schwester die so früh wieder losließ

Ilana Shmueli (1924-2011)

Zwei Frauen, ein Ausgangspunkt: Wie Selma Meerbaum-Eisinger ist auch Ilana Shmueli in Czernowitz geboten, beide 1924. Wie Selma, die 18jährig in einem Arbeitslager starb, kommt Ilana aus einer jüdischen Familie, wächst in dieser rumänischen Stadt auf, denkt, spricht und wächst jedoch in einer deutsch-österreichischen Umfeld heran. Man kann davon ausgehen, dass die beiden sich kannten. Doch während die eine, Selma, früh dichtete und früh starb, kann sich Ilana Shmueli zwar retten, findet aber erst spät zu einer eigenen Sprache: Einer Lyrik, die von Verlusten geprägt ist – dem Verlust einer unbeschwerten Jugend, dem Verlust der Heimat, dem Verlust der Wurzeln, dem Verlust der Heimatsprache. „Ich bin in keiner Sprache wirklich ganz zu Hause“, äußert sie einmal. „Ich begann hebräische Gedichte zu schreiben. Später kam ich wieder aufs Deutsche zurück.“

“In spärlicher Wortlandschaft” – so beginnt ihr Gedicht, das auf Lyrikline nachgelesen und angehört werden kann – hat Ilana Shmueli lange gelebt. Dass die gebürtige Liane Schindler, aus der später Ilana Shmueli wird, doch noch zu dieser Sprache findet, das hat auch mit einer ganz bestimmten Begegnung zu tun: 1965 trifft sie in Paris Paul Celan wieder, inzwischen schon ein berühmter Dichter, für sie ein Jugendfreund, der wie sie in Czernowitz aufgewachsen ist. Die Querverbindungen sind vielfach – Paul Celan ist wiederum mit Selma Meerbaum-Eisinger verwandt. Und erwähnt werden muss auch Rose Ausländer, die ebenfalls aus der Bukowina kam.

Als die Deutschen 1941 Czernowitz besetzen, finden sich diese jungen Menschen im Ghetto zusammen – Gedichte und Musik bilden die Gegenwelt zur grausamen Realität. Sie erleben mit, wie andere deportiert und in die Zwangsarbeit verschleppt werden, sie erleiden täglich Demütigungen, Verfolgung und Brutalität. Sie richten sich gegenseitig auf durch die Kultur, die Literatur. Die Flucht vor der Realität gewähren Gedichte – diese Stimmung nimmt Ilana Shmueli in das Exil mit, bewahrt sie ein Leben lang auf, bis sie endlich wieder zu ihrer eigenen Sprache findet. Ihre Gedichte sind daher auch Ausdruck der Exilerfahrung, der Zerrissenheit zwischen zwei Welten, das Reflektieren auf eine unwiederbringliche Vergangenheit. Anrührend des Gedicht “Neige dich zu deinen Toten”, das auch die Schuldgefühle der Überlebenden, die Zweifel artikuliert:

Ich hab Leben gewählt/mit dem ganzen Ballast.

Ilana Shmueli gelingt mit ihren Eltern 1944 die Flucht nach Palästina. Hier baut sie sich ein neues Leben auf, studiert Musikerziehung und Sozialpädagogik, heiratet den Musikwissenschaftler Herzl Shmueli, arbeitet als Sozialpädagogin in Tel Aviv. Nach außen hin erscheint dies wie ein Leben, das nach einem Bruch seinen erneuten Lauf nimmt. Doch dann die Wiederbegegnung mit Paul Celan 1965 in Paris, 1969 besucht er sie in Israel, es ist seine einzige Reise dorthin. Auch für Celan wird dieser Besuch zu einer Art Heimat- und Sprachsuche, er erlebt, wie seine ureigene deutsche Dichtersprache ihn zum Außenseiter macht – während Ilana Shmueli dabei ist, ihre Muttersprache zu verlieren. Die Exilerfahrung an unterschiedlichen Orten und die gemeinsame Verortung in Czernowitz verbindet sie – Ilana Shmueli wird Paul Celans letzte große Liebesbeziehung.

Für sie führt diese Lebens- und Liebeserfahrung jedoch auch sprachlich wieder in die Heimat zurück: Sie übersetzt später Paul Celans Gedichte in das Hebräische und beginnt dadurch, selber zu schreiben. Fast schon wortkarg anmutende Gedichte, die um diese Themenlandschaften des Exils, des Verlustes, der Konfrontation mit dem Tod, des Entkommens, der Flucht, des Weiterlebens, das Glück und Bürde zugleich ist, kreisen.

Im Jahr 2000 erscheint ihr Buch über Paul Celan „Sag, dass Jerusalem ist“. Der bewegende Briefwechsel, der bis zum Freitod des Dichters 1970 andauert, wird 2004 beim Suhrkamp Verlag veröffentlicht. Ilana Shmueli arbeitet daran als Herausgeberin mit. In der Zwischenzeit sind erste Gedichte von ihr erschienen,  weitere Veröffentlichungen folgen (Rimbaud Verlag).

2009 erhält Ilana Shmueli den Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil. In der Begründung heißt es:

“Spät und tief sind die Gedichte Ilana Shmuelis auf uns gekommen, wie aus einer anderen Zeit und einem anderen Raum. Ortlosigkeit und Wortlosigkeit, die Erfahrung, unbeheimatet und sprachlos zu sein, ist eine der Wurzeln, aus denen ihre Dichtung hervorwächst. Und dennoch verbinden sich ihre Verse in äußerster Verknappung des Ausdrucks mit einem reichen Strom von Vorstellungen. Es ist eine große Lebendigkeit, die hier von sich zeugt, die gegen Enge, Kälte, Vorurteil anrennt. Shmuelis Dichtung ist “Zwischenruf, Einspruch, Widerwort, Aufschrei” (Matthias Fallenstein). Sie bezieht sich vielfältig auf die Poesie des Freundes Paul Celan und widersetzt sich ihr zugleich. In ihren Erinnerungen an eine Jugend im Czernowitz der Zwischenkriegszeit und ihrem Briefwechsel mit Celan öffnet Shmueli zugleich den Blick auf den bedeutenden kulturellen Hintergrund ihres Schreibens im Exil.”

Sie stirbt am 11. November 2011 in Jerusalem.

Reden von Toten:/der Wortbruch am Unmitteilbaren/mit unkluger Zunge

Ihre Bücher erschienen im Rimbaud Verlag.
Verlagsinformationen zum Gedichtband „Zwischen dem Jetzt und dem Jetzt“:
https://www.rimbaud.de/shmueli.html#zwischenjetzt

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Selma Meerbaum-Eisinger: Blütenlese

Selma

Bild: (c) Michael Flötotto

Poem (Auszug)

Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein.
Nein…

Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942).

Das Lachen, das Lieben, das Kämpfen, das Hassen – für all dieses blieb Selma Meerbaum-Eisinger nur eine kurze Lebensspanne vergönnt. Gerade einmal 18 Jahre alt durfte diese junge Frau werden, die inzwischen zu den großen Dichtern aus Czernowitz (heute in der Ukraine gelegen) gezählt wird: Wie Paul Celan und Rose Ausländer stammt sie aus dieser multikulturellen, vielsprachigen osteuropäischen, vor allem jüdisch geprägten Gemeinde, die einst Hauptstadt des Kronlandes Bukowina der österreichisch-ungarischen Monarchie war. Anders als Paul Celan, mit dem sie verwandt war, und Rose Ausländer überlebt Selma Meerbaum-Eisinger den Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Rassenideologie jedoch nicht. Nach dem Einmarsch rumänischer und deutscher Truppen im Juli 1941 wurde Selmas Familie in das Ghetto von Czernowitz gezwungen und bald darauf ins Arbeitslager Michailovka nach Transnistrien verschleppt. Dort stirbt Selma Meerbaum-Eisinger am 16. Dezember 1942 entkräftet am Flecktyphus. Was von ihr bleibt, sind 58 Gedichte.

Ja (1941)

Du bist so weit.
So weit wie ein Stern, den ich zu fassen geglaubt.
Und doch bist du nah –
nur ein wenig verstaubt
wie vergangene Zeit.
Ja.

Du bist so groß.
So groß wie der Schatten von jenem Baum.
Und doch bist du da –
nur blaß wie ein Traum
in meinem Schoß.
Ja.

Bis 1980 dauerte es, bis dieses literarische Vermächtnis in Deutschland veröffentlicht wird. Der deutsche Literaturhistoriker Jürgen Serke gab 1980 diese Gedichte unter dem Titel „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund“ im renommierten Verlag Hoffman und Campe, Hamburg, mit seinem Essay „Geschichte einer Entdeckung“ heraus. Zwei von Selmas Freundinnen, die inzwischen in Israel lebten, hatten die Gedichte aufbewahrt. Hersch Segal, einst Klassenlehrer des Mädchens im jüdischen Lyzeum von Czernowitz, brachte die Poeme schließlich 1976 in einer kleinen Auflage im Privatdruck heraus. Diese „Blütenlese“ – so hatte Selma ihr blaues Album, in das sie die Zeilen schrieb, genannt – gelangte schließlich über die Familie Paul Celans an Hilde Domin. Und die große jüdische Lyrikerin sorgte letztlich dafür, dass Serke und andere von diesen Gedichten erfahren.

Fast vier Jahrzehnte benötigte es, bis Selma Meerbaum-Eisinger dem Vergessen entrissen wurde. Unbefangen, unbeeindruckt lesen kann man ihre Zeilen heute nicht – nicht, wenn man weiß, welches Schicksal sie erwartete. Zunächst sind die Gedichte der jungen Frau Natur- und Liebesgedichte – gewidmet ihrem ein Jahr älteren Freund Lejser Fichman, den sie in der zionistischen Jugendbewegung kennengerlernt hatte. Selma, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, träumt mit ihm von einer besseren Welt. Die Auswanderung nach Palästina ist ein Traum, ein Ziel. Doch in allen Zeilen liegt schon diese Ahnung inne, dass das Leben für diese beiden jungen Menschen etwas anderes bereithält.

Lied (1939)

Heute tatest du mir weh.
Rings um uns war Schweigen nur,
Schweigen nur und Schnee.
Himmel war, nicht wie Azur,
blau jedoch und voll mit Sternen.
Windeslied erklang aus fernsten Fernen.

Heute warst du mir ein Schmerz.
Häuser waren da, so weiß verschneit,
alle in des Winters Kleid.
Ein Akkord in tiefer Terz
war in unsrer Schritte Klang.
Bahnsirenen heulten lang…

Heute war es wunderschön.
Schön wie tiefverschneite Höh’n,
eingetaucht im Abendglutenring.

Heute tatest du mir weh.
Heute sagtest du mir: geh!
Und ich – ging.

Czernowitz, einst noch rumänisch, wird an die Sowjetunion abgetreten. Die Hoffnung, dies sei für die jüdische Bevölkerung die Rettung, trügt – bis 1941 werden Tausende nach Sibirien verschleppt. 1941 wird Czernowitz erneut von den Rumänen besetzt – und die Verfolgung der Juden nimmt ihren ganzen grausamen Verlauf: Verlust der Bürgerrechte, Einführung des gelben Judensterns, Zwangsarbeit, Ghettoisierung, Deportation. Lejser Fichman stirbt auf der Flucht, Selma, ihre Mutter und der Stiefvater verlieren im Arbeitslager ihr Leben.

Die Gedichte zeugen von einem hellwachen, aufgeweckten, neugierigen und lebensfrohen Geist, sie zeigen die Handschrift eines Mädchens, das zwar noch jung, aber schon von ungeheurer Sensibilität war. Ihr Einfühlungsvermögen spricht für eine große Reife. Manches wirkt vielleicht sprachlich noch ein wenig aus dem Takt, ein wenig zu schwärmerisch. Doch selbst im Moment des kritischen Lesens spürt man dies große Talent. Und die Frage steht im Raum: „Was hätte aus ihr noch werden können?“

Hilde Domin schrieb über Selma Meerbaum-Eisinger und ihre Begabung:
„Trotz des >Sonderschicksals< ist dies ein Werk, das deutlich ins Gut der deutschen Poesie gehört, nicht der spezifisch jüdischen. Es ist eine Lyrik, die man weinend vor Aufregung liest: so rein, so schön, so hell und so bedroht.“

Poem (1941)

Die Bäume sind von weichem Lichte übergossen,
im Winde zitternd glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig-blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau vom Morgenwind vergossen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschlossen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond aufs Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.

Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie aufs neue blühn.

Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
er sagt mir, daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.

Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein.
Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.

Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?

Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
Worauf?
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie und nie.
Ich will leben.
Bruder, du auch.
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten.
Weshalb?
Aus tausend Flöten
weint Wald.

Der Mond ist lichtes Silber im Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann…
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
tot.

Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.
Ein
Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.

 

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Otto Dov Kulka: Landschaften der Metropole des Todes. Aharon Appelfeld: Geschichte eines Lebens

„Damals baute das Vergessen sich seine tiefen Keller, und die nahmen wir später mit nach Israel. (…)
Dieses Buch ist keine Zusammenfassung, sondern eher der – wenn man so will – verzweifelte Versuch, die verschiedenen Teile meines Lebens wieder mit einer Wurzel zu verbinden, aus der sie erwachsen sind.“

Aharon Appelfeld, „Geschichte eines Lebens“, 1999

„Für mich endete diese Reise als etwas, das eigentlich niemals in der Freiheit ankam. Ich blieb in jener Metropole, ein Gefangener jener Metropole, dieses unabänderlichen großen Gesetzes, das keinen Platz ließ für eine Rettung, für eine Verletzung dieser fürchterlichen „Gerechtigkeit“, der zufolge Auschwitz immer Auschwitz bleiben muss. So blieb mir das unabänderliche Gesetz erhalten, und ich blieb in ihm gefangen (…).“

Otto Dov Kulka, „Landschaften der Metropole des Todes“, 2013

In einer Zeit, in der es möglich ist, den Überdruss an der Erinnerungsarbeit an die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte und des jüdischen Volkes öffentlich zu formulieren, in einer Zeit, in der Gedenken mancherorts zur bloßen Form und Formel erstarrt, in dieser Zeit ringen die Opfer dennoch immer noch um ihre Sprache, ihre Sprache, ihre Geschichte, ihre Würde.

Mag mancher sich von der scheinbaren „Monotonie des Grauens“ abwenden, uninteressiert oder überdrüssig, so möchte man jenen die Zeugnisse derer geben, die die Hölle der Vernichtung überlebten: Für das Individuum gibt es keine Monotonie im Grauen, die Grausamkeit führte stets zur individuellen Zer- oder Verstörung. Zu den literarischen Zeugnissen trugen Imre Kertész, Jorge Semprun, Louis Begley (Besprechung hier: „Lügen in Zeiten des Krieges“), Primo Levi und viele andere bei. Doch Schreiben ist hier mehr als das Wenden an die Außenwelt, als öffentliche Erinnerungsarbeit– es ist vor allem Schreiben, um die Autonomie über das eigene Leben nach der Versklavung wiederzuerlangen.

Eindrucksvoll deutlich machen dies die Bücher zweier Autoren, die bereits als Kinder in die Maschinerie des Todes gerieten: Aharon Appelfeld und Otto Dov Kulka. Beide konnten entrinnen – um einen hohen Preis.

Elternlos, heimatlos, sprachlos.

Otto Dov Kulka musste fast 80 Jahre alt werden, bis er die Geschichte einer Kindheit, die in Theresienstadt zu Ende ging, in Sprache festhalten konnte. Seine nun erschienenen „Landschaften der Metropole des Todes – Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und Vorstellungskraft“ sind ein eindrückliches Ringen – das Ringen um die Sprache, die das Unsagbare erfassen kann, das Ringen um die eigene Geschichte. „Auf der Suche nach Geschichte und Gedächtnis“ ist ein Kapitel überschrieben: Zentral in seinem Lebenswerk sei die historische, wissenschaftliche Forschung zu Fragen des Holocaust gewesen, ein Mittel, biografische Elemente auszuklammern, die Distanz zu wahren. Aber es gelingt nicht, die Vergangenheit unter Verschluss zu halten, Auszüge aus den Tagebüchern und festgehaltene Träume verdeutlichen dies.

Die Erinnerung bricht sich Bahn – und dabei sind nicht prägend Szenen haltloser Gewalt. Ergreifender ist das, was Kulka aus seinem Gedächtnis als die Erfahrungen eines Kindes herausholt: Der blaue Himmel mit Silberstreifen über dem Todeslager, „die große Stummheit, die entsetzliche Stille“, die über Auschwitz während einer Hinrichtung lastet, der Kinderchor, der unweit der Krematorien die „Ode an die Freude“ einstudiert:

„Wenn ich die Welt von Auschwitz und ihre Realität betrachte – als Junge von zehn Jahren habe ich diese scharfe, brutale, zerstörerische Dissonanz und Pein wohl nicht gespürt, die jeder erwachsene Häftling erlebte, der aus seiner Welt der Kultur mit ihren Normen der Grausamkeit und des Todes geworfen wurde. Diese Konfrontation, die jeder Häftling, der am Leben blieb, durchlebte und die fast immer einen Teil des Schocks ausmachte, der ihn oft schon nach kurzer Zeit niederstreckte – sie existierte für mich nicht. Denn das war die erste Welt und die erste Lebensordnung, die ich kennenlernte: die Ordnung der Selektionen und der Tod als einzige Gewissheit, die die Welt regiert.“

Das Gesetz des „Großen Todes“ als kindliche Urerfahrung – dem zu entkommen, „damit zu ringen, mit der hoffnungslosen Aussichtslosigkeit, und sich dennoch verzweifelt zu bemühen, ihm zu entkommen, wie ich es dort versucht habe, war eine prägende Erfahrung.“ Und dem zu entkommen, einen Abschluss zu finden, dafür scheint auch Kulkas Buch geschrieben worden zu sein.

Aharon Appelfeld klammert die Lagererfahrung in seiner „Geschichte eines Lebens“ dagegen bewusst aus. Ein Entkommen und ein Wiederfinden der Kindheit davor, die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, das Wiederfinden der Sprache als Heimat – das sind die Themen,  mittels derer die beiden Autoren nebst ihrer vergleichbaren Biographie, sich intensiv berühren. Auch Appelfeld, der sich als Literat jahrzehntelang mit der Shoah auseinandersetzte, braucht lange, um zu seiner eigenen Geschichte zu gelangen.

„Seit Ende des Zweiten Weltkriegs sind bereits über fünfzig Jahre vergangen. Vieles habe ich vergessen, vor allem Orte, Daten und die Namen von Menschen, und dennoch spüre ich diese Zeit mit meinem ganzen Körper. Immer wenn es regnet, wenn es kalt wird oder stürmt, kehre ich ins Ghetto zurück, ins Lager oder in die Wälder, in denen ich so lange Zeit verbracht habe. Die Erinnerung hat im Körper anscheinend lange Wurzeln. Manchmal genügt der Geruch von gammeligen Stroh oder ein Vogelschrei, um mich weit weg und tief in mich hineinzuschleudern.“

Appelfeld erzählt in nüchternem, aber deshalb auch umso anrührenderem Ton die Geschichte eines Schriftstellers, der sein Leben lang versucht, eine Sprache zu finden – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Die Sprache der geliebten Mutter ist die Sprache ihrer Mörder. Das Jiddische ist die Sprache der Großeltern, das in Israel als rückständig abgelehnt wird. Ruthenisch, rumänisch, deutsch, jiddisch – die Vielsprachigkeit seiner Heimat, sie droht verloren zu gehen, während das Hebräische ihm nicht zuwächst. Der Verlust der Worte, das Ringen um sie – das ist auch das Ringen um die innere und äußere Heimat. Das Buch endet bezeichnenderweise mit der Auflösung des Clubs „Das neue Leben“, der 1950 von Überlebenden aus Galizien und Bukowina in Jerusalem gegründet worden war. In der neuen Zeit hat das alte Leben keinen Platz mehr – ein melancholischer Fingerzeig auf den Niedergang einer ganz eigenen Kultur. Appelfeld stammte aus Czernowitz – jener rumänischen Stadt, in der das geistige Leben, vor allem aber die jüdische Kultur ein blühendes Leben erlangte. Paul Celan, Rose Ausländer, Klara Blum – nur einige der Schriftsteller, die mit dieser Stadt verbunden sind.

Die Wörter können Vergangenes weder zurückholen noch ungeschehen machen. Appelfeld bleibt skeptisch, was die der Sprache zugeschriebene Heilkraft betrifft. Aber – auch geprägt durch die  Begegnung mit Samuel Agnon (1888-1970) – wird sie nicht nur zum Mittel, um das Stammesgedächtnis zu erhalten, eine für ihn denkbare Definition des Schriftstellers. Sondern auch, um das Schweigen zu überwinden:

„Mein Schreiben begann mit einem starken Hinken. Die Erlebnisse des Krieges lasteten auf mir, und ich wollte sie weiter überwinden. Über meinem bisherigen Leben wollte ich ein neues erbauen. Es brauchte Jahre, bis ich zu mir zurückkehrte, und als es soweit war, hatte ich noch einen langen Weg vor mir. Wie gibt man diesem brennenden Inhalt Form? Wo anfangen? Wie die Teile zusammenfügen? Und mit welchen Worten?“.

Otto Dov Kulka und Aharon Appelfeld: Es ist gut, dass sie ihre Sprache wieder gefunden haben.

Otto Dov Kulka, geb. 1933 in der Tschechoslowakei, kommt mit seiner Mutter zunächst nach Theresienstadt, 1943 in das sogenannte Familienlager nach Auschwitz-Birkenau. Dort trifft er wieder mit seinem Vater Erich zusammen. Die beiden Männer überleben. Seit 1949 lebt Kulka in Israel und widmet sich der Geschichtsforschung. Er ist emeritierter Professor für die Geschichte des jüdischen Volkes an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er wird am 18. November 2013 mit dem Geschwister-Scholl-Preis in München ausgezeichnet.

„Landschaften der Metropole des Todes“, Deutsche Verlagsanstalt DVA, 192 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-421-04593-5

Aharon Appelfeld, geb. 1932 bei Czernowitz (heute Ukraine), verliert beide Eltern im Holocaust. Ihm gelingt die Flucht aus einem Lager, er schlägt sich auf Bauernhöfen und im Wald durch. Seit 1946 lebt er in Israel. Er ist emeritierter Professor für hebräische Literatur an der Ben-Gurion-Universität in Beerscheba.

„Geschichte eines Lebens“, rororo-Taschenbuch, 208 Seiten, 8,99 Euro, ISBN 978-3-499-24247-2

Aufmerksam machen möchte ich noch im Zusammenhang mit der Heimatstadt von Aharon Appelfeld auf das Projekt „Zeitzug“: http://www.zeitzug.com

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Rose Ausländer: Ich spiele noch

Manche haben sich gerettet

Aus der Nacht
krochen Hände
ziegelrot vom Blut
der Ermordeten

(Aus „Schallendes Schweigen“)

Rose Ausländer (1901-1988)

Die Nächte der Rose Ausländer zwischen 1941 und 1944, ich mag mir sie nicht vorstellen. 1941 wird die jüdische Bevölkerung in Czernowitz von den Nationalsozialsten und deren rumänischen Schergen in einem Ghetto zusammengetrieben. Dem Transport in ein Arbeitslager und der Zwangsarbeit, die meist im Tod endete – wie bei der jungen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger – entkommt Rose Ausländer, weil sie im Ghetto in Kellerverstecken untertaucht. Unter den einstmals 60.000 Juden in Czernowitz ist sie eine der wenigen Überlebenden.

Wir feiern das Fest der Abwesenden
mit verschollenen Freunden

(Aus „Das Fest)

Hunger, Arbeit, Todesnot – der Gruppe um Rose Ausländer und Paul Antschel, der sich später Paul Celan nennt, helfen Gedichte, um diese Zeit zu überstehen. Rose Ausländer, die Älteste unter ihnen, hat da bereits veröffentlicht, Lebens- und Welterfahrung gesammelt. „Schreiben war Leben. Überleben!“ notiert sie später.

Sie wird 1901 als Rosalie Beatrice Scherzer im damals noch österreichischen Czernowitz geboren. Schon als Schülerin kommt sie mit ihren Eltern nach Budapest und Wien, kehrt aber immer wieder in ihre multikulturelle, geistig blühende Heimatstadt zurück, wo sie 1919 ein Gaststudium der Literatur und Philosophie an der Universität beginnt.

Die frühen Gedichte beschreiben eine einzigartige Geistesatmosphäre in dieser Stadt, die heute in der immer noch gebeutelten Ukraine liegt:

Der Spiegelkarpfen
in Pfeffer versulzt
schwieg in fünf Sprachen

(Aus „Cernowitz“)

„Warum schreibe ich? Vielleicht weil ich in Czernowitz zur Welt kam, weil die Welt in Czernowitz zu mir kam. Jene besondere Landschaft. Die besonderen Menschen. Märchen und Mythen lagen in der Luft, man atmete sie ein“, so äußert sie sich später über ihre geistige Heimat. Sie erinnerte sich an die jiddischen Dichter Elieser Steinberg und Itzig Manger, die deutschsprachigen Autoren Paul Celan und Alfred Margul-Sperber, der sie entdeckte. Und an eine einmalige Kulturlandschaft, eine blühende, multikulturelle Metropole, die zerschlagen wurde im Wahn des Krieges und des nationalsozialistischen Terrors.

Aus „In jenen Jahren“:

In jenen Jahren
war die Zeit gefroren:
Eis so weit die Seele reichte.

Bereits mit 17 schreibt Rose Ausländer Verse, Ideen in ihr Tagebuch, steht fest, „dass Lyrik mein Lebenselement war“. Doch zunächst kommen die Erfahrungen, dann die Literatur. 1920, nach dem Tod des Vaters wandert sie gemeinsam mit dem Studienkollegen Ignaz Ausländer in die USA aus. Dort arbeitet sie als Redakteurin und veröffentlicht bereits ihre ersten Gedichte. 1926 erhält sie die amerikanische Staatsbürgerschaft – die sie 1937 wegen ihrer langen Abwesenheit von den USA wieder verliert. Ob die Staatsbürgerschaft sie vor dem Ghetto bewahrt hätte? Und schließlich die Frage, die einen seltsamen, beinahe zynischen Unterton hat – was hätte dies für ihre Lyrik später bedeutet, ein Betrachten des Wahnsinns aus der Ferne?

„Wir treffen uns
hinter der Heimat
im Haus mit
gebrochenem Flügel“

(Aus: „Entfremdung“).

„Alle Dichter schöpfen in ihren Texten aus ihrem Erleben. Eine so enge Verknüpfung von Leben und Werk wie bei Rose Ausländer ist aber ungewöhnlich, selten, vielleicht einmalig“, meint Helmut Braun, Herausgeber ihrer Gedichte beim S. Fischer Verlag. Braun macht unter den fast 3.000 Gedichten, die Rose Ausländer in ihrem langen Leben schrieb, mehrere Hauptthemen, Kapitel, aus – Werke über die Kindheit und Jugend in der Bukowina, die Gedichte über das Judentum, über die Shoa-Erfahrung und das Exil, Texte über das Schreiben und die Heimat Sprache sowie Gedichte über wesentliche, existentielle Lebenserfahrungen – die Liebe, das Älterwerden, den Tod. Alles zusammengefasst an Lebenserfahrung findet sich in dem Gedicht „Ich vergesse nicht“, eine Aufzählung dessen, was prägte: Elternhaus, Mutterstimme, die Bukowina, New York, der erste Kuss, das Darben im Keller, das bittersüße Amerika.

Wir suchen
im Hudson eine bleibende Fabel
die Gesetzestafel im Steinreich

(Aus: „Manhattan Am Sonntag“)

Die Liebe zur Mutter, die auch Heimat ist, führt die junge Frau zurück nach Europa, bis 1941 veröffentlicht Rose Ausländer weiter, lehrt Englisch, arbeitet als Übersetzerin, reist nach Paris, New York, wird geschieden, verliebt und trennt sich erneut – das Leben einer jungen, emanzipierten Frau, so erscheint es. Der Krieg, die Rassenverfolgung setzt dem allem ein Ende.

Nach der Shoa-Erfahrung ist auch ihr Schreiben nicht mehr dasselbe. Rose Ausländer überlebt, kehrt zurück in die USA – und verfasst ihre Gedichte bis 1956 ausschließlich in englischer Sprache. Es scheint, als habe sie neben der geographischen Heimat und der Mutter, die 1947 verstorben ist, auch die Heimat der deutschen Sprache verloren. „Warum schreibe ich seit 1956 wieder deutsch? Mysteriös, wie sie erschienen war, verschwand die englische Muse. Kein äußerer Anlass bewirkte die Rückkehr zur Muttersprache. Geheimnis des Unterbewusstseins.“

Mein Vaterland
ist tot
sie haben es begraben
im Feuer

heißt es in dem Gedicht „Mutterland“. Dazu wird nun: Das Wort.

Die Annäherung an das Land der Täter kann nur wieder schrittweise erfolgen. 1957 unternimmt sie eine erste Europareise, Rumänien und Deutschland meidet sie. 1964 übersiedelt sie nach Wien, ein Jahr später dann in die Bundesrepublik. Ab 1972 lebt sie im Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf, dem Elternheim der jüdischen Gemeinde, wo sie nach langer Bettlägerigkeit am 3. Januar 1988 stirbt.

Der Dichter
fügt wieder zusammen
das zerstückelte Lied

Trotz ihrer angegriffenen Gesundheit im Alter zählen ihre letzten Jahre mit zu den produktivsten – das Schreiben ist ihr ein Bedürfnis, „ein Trieb“. Helmut Braun, der ihren literarischen Nachlass verwaltet und Rose Ausländer ab den 70er Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht hat, war fasziniert von der ungeheuren Kreativität und Kraft dieser Dichterin, die auch angesichts des Sterbens dem Tod noch Worte abtrotzte. „Rose Ausländer lebte in der verzweifelten Hoffnung, das Schreiben noch möglich sei“, so Braun, „sie leitete ihre gesamte Identität aus ihrem Schreiben her.“

„Warum schreibe ich?
Weil ich, meine Identität suchend, mit mir deutlicher spreche auf dem wortlosen Bogen.“


Die Werkausgabe erscheint bei den S. Fischer Verlagen: http://www.fischerverlage.de/autor/rose_auslaender/183

Weitere Informationen zur Dichterin bietet die Rose Ausländer-Gesellschaft

Bild zum Download: Weiße Rosen


 

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