Friedrich Hölderlin – Heimkunft

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Bild von Th G auf Pixabay

Freilich wohl! das Geburtsland ists, der Boden der Heimat,
Was du suchest, es ist nahe, begegnet dir schon.
Und umsonst nicht steht, wie ein Sohn, am wellenumrauschten
Tor‘ und siehet und sucht liebende Namen für dich,
Mit Gesang ein wandernder Mann, glückseliges Lindau!
Eine der gastlichen Pforten des Landes ist dies,
Reizend hinauszugehn in die vielversprechende Ferne,
Dort, wo die Wunder sind, dort, wo das göttliche Wild
Hoch in die Ebnen herab der Rhein die verwegene Bahn bricht,
Und aus Felsen hervor ziehet das jauchzende Tal,
Dort hinein, durchs helle Gebirg, nach Komo zu wandern,
Oder hinab, wie der Tag wandelt, den offenen See;
Aber reizender mir bist du, geweihete Pforte!

Friedrich Hölderlin, „Heimkunft“, Auszug aus der 4. Strophe, bei Gutenberg in voller Länge.

 

Lindau, Pforte des Landes, Pforte zum See, den die Einheimischen gerne auch das „schwäbische Meer“ nennen. Hölderlin ging beim Anblick des Hafens das Herz auf, Mörike schwärmte von der vergnüglichen Stadt, Michel de Montaigne mochte das Essen (mehr literarische Bezüge hier beim Literaturportal Bayern). Und auch für mich seit meiner Kindheit ein Sehnsuchtsort, ein Ort zur Seelenbaumelei.

Verschämte Lektüren (23): Christiane und der liebe Augustin

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Das Augustin-Denkmal in Lindau. Bild: Birgit Böllinger

EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIANE SCHLÜTER

Ein Kollege hatte mir vor Jahren den „lieben Augustin“ aus Lindau (nicht zu verwechseln mit dem Wiener „Ach Du lieber Augustin, alles ist hin…) in die Hand gedrückt – das sei ein wunderbares Buch für Bodenseeliebhaber. Und so nahm ich es seither auch wahr: Als kleinen, verschmitzten, lebensfrohen Schelmenroman, den man allenfalls am „Schwäbischen Meer“ kennt. Doch nun wurde ich eines Besseren belehrt – das Buch ist laut Kindlers Literatur Lexikon nicht nur seit drei Jahrzehnten Bestandteil der Deutschlektüre an amerikanischen Universitäten, sondern traf auch im fernen Frankfurt eine Schülerin mitten ins Herz. Lest hier die Geschichte einer besonderen Leidenschaft:

Christiane Schlüter und ihr lieber Augustin

Verschämt war diese Lektüre nie. Nur ein wenig aus der Zeit gefallen, wie ihr Held auch. Augustin Sumser ist Spieldosenmacher und mit einer Rokokoseele auf die Welt gekommen. Als er zwölf Jahre alt ist, beginnt die Französische Revolution, und alle Welt empfindet fortan heroisch. Nur Augustin nicht. Er lebt ein flatterleichtes Leben am Ufer des Bodensees und stellt immer nur so viele Spieldosen her, wie er zum Leben braucht. Der ideale Gegenentwurf zur Burn-out-Existenz.

Ich lernte ihn kennen, als ich mit 14 in der Büchersammlung meiner Oma stöberte – um die Mitte der 70er-Jahre. Das Wort Burn out war noch nicht erfunden, in meinem Frankfurter Gymnasium zerfielen Schüler- und Lehrerschaft in rechts und links, einmal stand die Polizei mit Wasserwerfern vor dem Schulhof. Ich aber las „Der liebe Augustin. Die Geschichte eines leichten Lebens“. Ich wanderte mit dem Helden um den Bodensee, lächelte über seine vielen kleinen Amouren und beweinte mit ihm seine beiden großen Lieben. Ein bisschen aus der Zeit gefallen, wie gesagt.

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Die beeindruckende Augustin-Sammlung von Christiane Schlüter.

Bis heute ist dieses Buch für mich das perfekte Beispiel dafür, wie etwas leicht und schön sein kann und trotzdem ganz und gar unkitschig. Das liegt zum einen an der Sprache, die genauso leicht ist wie das Leben, das sie beschwört. Zum anderen gibt Horst Wolfram Geißler, der Schöpfer des Augustin, seinem Helden einige Schicksalsschläge mit, weshalb die Idylle so ungebrochen eben doch nicht ist. Das Idyllische speist sich vielmehr daraus, wie Augustin seine Welt sieht: heiter und dabei unaufdringlich weise. Und schließlich findet das Ganze zwar in einer höchst realen Gegend statt: an den Ufern des Bodensees. Aber der Erzähler öffnet den Vorhang zu diesem Schauplatz mit einem Augenzwinkern, indem er sagt: Leute, diese Geschichte spielt in einer anderen Welt. Einer, die es so vielleicht nie gab.

Als ich Jahre nach der Lektüre zum ersten Mal am Bodensee war, bin ich auch nach Lindau gefahren, wo der liebe Augustin gewohnt haben soll. Ich fand ein Häuschen in der Altstadt, eine Skulptur am Hafen und in einer Buchhandlung die aktuelle Ausgabe des Augustin. Daheim standen schon fünf andere: Ich hatte angefangen, die Ausgaben zu sammeln. Ein befreundeter Bibliothekar versorgt mich bis heute damit, inzwischen besitze ich 35 Exemplare und habe begonnen, meine Sammlung nach Tausendern weiter zu untergliedern. Anfallende Doubletten schenke ich weiter. Und ich freue mich, wenn ich auf Leute treffe, die den Augustin ebenfalls mögen, so wie jetzt Birgit Böllinger. Ab und zu aber, wenn ich das Bedürfnis habe, mal wieder aus der Zeit zu fallen, lese ich das Buch erneut. Natürlich das allererste Exemplar aus dem Bücherschrank meiner Oma. Es gibt Lieben, die vergehen nie.

Christiane Schlüter


Was ich über mich sage:

Ich stelle immer nur so viele Texte her, wie ich zum Leben brauche … Nein, stimmt nicht. Schreiben ist für mich nicht nur Profession, sondern Passion. Deshalb entstehen neben Ratgebern, Sachbüchern, Geschenkbüchern, Memoirs und Reden auch Texte wie der obige, und dazu manches noch Verschämte. Außerdem wichtig: meine Kurse in Autobiografie und Journalismus, wo wir übers Schreiben auch reden. Und vor allem das Psychodrama als kreative Methode, neue Handlungsmöglichkeiten zu erschließen – auf dem Papier wie im echten Leben. Die ganze Mischung findet sich hier: www.christiane-schlueter.de.

Felicitas Andresen: Sex mit Hermann Hesse

„Steppenwolf“ ist scheiße, sage ich.
er guckt hochnäsig wie immer.
es ist das buch über einen jammernden neurotischen verklemmten spießer auf abwegen.
sag jetzt nicht, das soll es ja auch sein.
du hast nicht das thema verfehlt. im gegenteil, du hast es übererfüllt. du hast einen jammernden neurotischen verklemmten spießer mit einer jammernden neurotischen verklemmten sprache geschildert.
dann frage ich: was haben denn die hippies da dran so toll gefunden? haben sie`s als rezept gelesen? als vorschlag? Wenn der was nimmt, darf ich`s auch?

Felicitas Andresen, Sex mit Hermann Hesse, 2015, Klöpfer&Meyer Verlag.

Man nehme einen zugkräftigen Titel und … es wird erst einmal mehr über den Titel gesprochen denn über das Buch. Wie oft Verleger Hubert Klöpfer (siehe hier im Interview) wohl diese Frage beantworten musste? Nein, der Titel ist nicht am Lektorentisch im Verlagshaus geboren, sondern stammt von der 76jährigen Autorin selbst.

Und die weiß zu gut, was es heißt, wenn Hermann Hesse zum „Sexobjekt“ wird: Denn wie ihre Erzählerin lebt Felicitas Andresen in Gaienhofen, Kultstätte für Hesse-Fans, und arbeitet wie diese im örtlichen Hesse-Museum (als Kassiererin). Und dort lässt es sich nur zu gut erleben, wie weit der Hesse-Kult bei manchen Anhängerinnen gehen kann.

angefixte besucher stehen am tisch. sie starren auf die bücher.
ich betrachte ihr betrachten. das ist kein normales suchen und wählen. Sie stehen vor dem numinosen. sie warten darauf, dass sie erleuchtet werden. sie wollen wissen, welches buch sie kaufen müssen, welches das für sie angemessene heilmittel ist. welches die richtige potenz, die korrekte verdünnung.
Hermann Hesse ist der brennende dornbusch, Hermann Hesse konnte auf dem wasser gehen.
das hat folgen für den akt des verkaufens.

Lässt man sich also vom Buchtitel „anfixen“, so wird man vielleicht enttäuscht, wenn man veritabel Erotisches erhofft, dafür aber mit einer Annäherung der besonderen Art an Hermann Hesse überrascht. Die ältere Dame, die mit der Museumsarbeit eigentlich nur ihr Budget aufstocken will und von Hesse wenig Ahnung hat, beginnt sich mit dem Schriftsteller und den Kult um ihn auseinanderzusetzen: Wer war er, der Typ, der dreimal heiratete, der Freikörperkultur huldigte und dennoch vor der „Wollust“ zurückschreckte? Sie beginnt zu lesen, zu forschen, bohrt sich in Hesses Werk hinein – im ständigen stillen Gespräch mit dem freundlich blickenden Herrn mit Strohhut und Nickelbrille. Und wundert sich dabei über die beinahe kultische Verehrung, die ihm von der Leserschaft entgegengebracht wird. Wie die Besucher sich „andächtig und gierig“ sich mit Hesse-Büchern und Sekundärliteratur eindecken, als seien das Heilmittel oder Drogen, das, so stellt die kritisch beobachtende Museumsmitarbeiterin fest, „das ist zugleich sakral und sexuell konnotiert“.

Felicitas Andresen schildert diese Auseinandersetzung mit dem Überdichter temperamentvoll, in einem herrlich trocken-satirischen Ton. Zwar stört mich die Kleinschreibung (da bin ich spießig), auch wenn diese passend zu dem leicht schnodderigen Ton sein mag. Ansonsten aber ist „Sex mit Hesse“ ein unterhaltsamer Roman, vor allem für jene, die selbst mit den Büchern des Pastorensohns nicht immer ganz zu Rande kommen. Dabei bieten die sogar praktische Hilfe für den Alltag:

Siddhartha hat mich fit gemacht für ein gespräch mit meiner bankfrau frau Scharde und ganz kühl habe ich meinen bausparvertrag gekündigt und meinen eigenanteil aufs sparbuch gepackt und kann nun diese und noch einige rechnungen bezahlen und der verlust soll mich kein bisschen kümmern. „traf Siddhartha ein verlust, so lachte er und sagte, ei sieh, das ist also schlecht gegangen.“
Hesse fürs leben. endlich verstehe ich die user.

„Sex mit Hesse“: Der fällt aus Gründen (Hesse tot und museal) aus. Aber wenn schon kein Sex, dann entwickelt sich in dieser einseitigen Beziehung zumindest so etwas wie Zuneigung – am Ende ist die kritische Beobachterin geneigt, Hesse milde zu beurteilen:

Im „Kurgast“, das merke ich bald, da ist der Hermann nun doch erwachsen geworden. weg ist die larmoyanz der pubertät, überwunden die penetrante selbstbespiegelung des jungen mannes, und der quengelnde neurospießer ist noch pränatal. gekommen ist freundlichkeit und leiser spott, eben auch über den, den er da begleitet und beschreibt, denk kurgast Hesse, da ist er doch noch – vorübergehend – erwachsen, so erwachsen, wie ich mir ihn wünsche, wie zu sein auch ich es mir wünsche. Da ist der Hermann auch ein erwachsener moderner autor, der mit den mitteln spielt, der karikiert, reflektiert, sich selber über die schulter schaut.

Der Roman ist zwar nicht das ganz große Kino, jedoch unterhaltsame Lektüre für Hesse-Fans. Und auch für Hesse-Verachter. Auch die werden darin ihren Stoff finden. Im Roman von Felicitas Andresen finde ich mein eigenes Ringen mit der Hesse-Lektüre wieder: In meiner Jugend musste man ihn lesen – Böll, Frisch, Hesse, die gehörten zum Kanon einer bestimmten Szene. Später empfand ich ihn als beinah unerträglich esoterisch, überhöht, empfindsam. „Coelho für Fortgeschrittene“ spöttelte ich. Mit den Jahren kehrt Hesse wieder ein: Über seine Briefe und Gedichte, der Menschenfreund und Menschenkenner fasziniert, aber auch der Umgang mit seiner eigenen Bipolarität. Andresen ist jedoch nicht nur der schwer durchschaubaren Person Hesses auf der Spur, sondern ebenso dem Schriftsteller und den Auswirkungen seines Werkes: Und da fühlt man sich denn doch manches mal ganz schön ertappt.


Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.kloepfer-meyer.de/default.asp?Menue=36&Buch=328

Bild zum Download: Blumenarrangement


 

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