Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

germany-3096508_1920

Bild von 680451 auf Pixabay

EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIANE SCHLÜTER

Kluger Lesespaß und eine herzzerreißende Geschichte: der historische Roman über die Liebeskatastrophe der jungen Annette von Droste-Hülshoff. Ein Gastbeitrag von Christiane Schlüter.

Eine Hecke im Frühjahr. Auf der einen Seite: ein Beet, in dem zwei junge Frauen Unkraut jäten. Auf der anderen: vier ebenso junge Wichtigtuer, die sich darüber auslassen, wie sehr Frauen den Männern doch geistig unterlegen seien – aber dafür sei ja das Feingefühl die weibliche Domäne. Anna und Nette, unbemerkt hinter ihrer Hecke, schneiden debile Grimassen und amüsieren sich köstlich. Wenig später wird sich Anna mit den Männern gegen Nette verbünden, aus Neid, aus Bigotterie, aus der ganzen Wohlerzogenheit des beginnenden Biedermeier heraus. Und Nette, die später berühmte Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, wird damit ein Trauma erleben, das ihr ganzes weiteres Dasein prägt.

„Fräulein Nettes kurzer Sommer“ ist der historische Roman überschrieben, in dem Karen Duve (u. a. „Taxi“, „Anständig essen“) die Geschichte dieser Intrige aufrollt. Sie steuert besagten Sommer 1820 aus dem Abstand mehrerer Jahre heraus an, doch ganz ohne Längen, denn jede einzelne Szene ist dicht erzählt. Wir erleben die späteren Verschwörer um Annettes nur fünf Jahre älteren Onkel August von Haxthausen als Studenten in Göttingen. Wir begleiten Annette und ihre Schwester Jenny zu endlosen Verwandtschaftsbesuchen zwischen dem Münsterland und Ostwestfalen, durchgerüttelt auf Wegen, die mit Knüppeln befestigt sind, weshalb man in den Reisekutschen nicht sprechen darf, will man nicht riskieren, sich die Zunge abzubeißen. Solche Details hat Duve in Hülle und Fülle ausgegraben.

Doch nicht nur das macht ihr Buch so unterhaltsam. Vergnügen bereitet vor allem Duves auktoriale Erzählstimme, die stilsicher heutige Wendungen einflicht („Westfalen war echt das Letzte“), die zuweilen in ironische Distanz zu ihrer Protagonistin geht und sie doch nie verrät: „Aus einem Buchenwald traten ein kleiner, grundhässlicher Mann namens Heinrich Straube und ein zartes, sehr blondes und etwas glotzäugiges Freifräulein.“ Dass dieses Freifräulein einen scharfen Verstand besitzt, den es auch noch unweiblich spielen lässt, und dass es vor allem eine geniale Dichterin zu werden verspricht, zeigt sich schon bald. Der das erkennt, ist Heinrich Straube, ein armer Student aus Göttingen. Rasch entwickeln die beiden Gefühle füreinander, in ihrer Folge blüht Annette auf und wird deshalb einen kurzen Sommer lang von mehr Männern umschwärmt, als es ihre jungen Verwandten um Anna und den gleichfalls dichterisch ambitionierten August dulden können. Damit bahnt sich an, was als Annettes Liebestragödie in die Geschichte eingegangen ist.

Karen Duves Vorhaben war, in den Grenzen des historisch Möglichen das psychologisch Wahrscheinliche zu entwickeln, so hat sie in einem Interview mit der „Neuen Westfälischen“ gesagt. Es ist ihr perfekt gelungen. Wer die Fakten kennt, möchte Annette mit fortschreitender Handlung auf jeder Seite zurufen: „Nicht! Pass auf! Sieh dich vor!“ Und immer wieder glaubt man in der Erzählstimme jene Annette zu erkennen, wie sie eben auch war: scharfblickend und scharfzüngig, mit einem untrüglichen Sinn für die Ungerechtigkeit, die den Frauen nur Sticktücher und Strickstrümpfe ließ, während die Männer reden durften und dichten, jagen und politisieren. Diese Annette ahnt, dass es anders möglich wäre – nur eben nicht in ihrer Zeit. Darin ist sie eine Geistesverwandte von Carl Friedrich Gauß in Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, der ebenfalls weiß, dass es Epochen geben wird, in denen das Leben bequemer sein wird als in seiner eigenen.

Denn natürlich bleibt Annette ein Kind ihrer Zeit – gehalten und zugleich eingeengt durch Familie, Religiosität, Konventionen. Dass aber das Leben damals dem unseren in manchem überraschend gleicht, auch das zeigt dieser Roman. Depressionen, Ausgebranntsein, empfundene Beschleunigung, Ausgrenzung von Juden und Fremden: Das gab es seinerzeit schon. Vergnüglich sind Auftritte von Geistesgrößen wie den Brüdern Grimm und Harry (Heinrich) Heine – alle werden sie von ihren späteren Podesten heruntergeholt und als das gezeigt, was sie waren: ganz normale Menschen in den Grenzen ihrer Epoche. So bietet „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ beides zugleich: klugen Lesespaß und eine herzzerreißende Geschichte.

Christiane Schlüter


Zur Autorin:
Christiane Schlüter ist Autorin und Journalistin. Sie verfasst Ratgeber, Sachbücher, Geschenkbücher, Memoirs und Reden und gibt Kurse in Autobiografie und Journalismus. Mehr Informationen über ihre Tätigkeiten gibt es hier: www.christiane-schlueter.de.


Zum Buch:

Karen Duve
Fräulein Nettes kurzer Sommer
Verlag Galiani-Berlin
592 Seiten, gebunden
25,00 Euro
ISBN 978-3-86971-138-6

Link zum Interview in der „Neuen Westfälischen“:

https://www.nw.de/kultur_und_freizeit/literatur/literatur/22265136_Karen-Duve-Diese-Geschichte-war-ein-Gluecksfall.html

Die Geburt der Magnolienfrau – Wie ein Memoir entstand

person-984236_1920

Bild von Free-Photos auf Pixabay

EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIANE SCHLÜTER

Im vergangenen Sommer hörte ich erstmals von Christiane Schlüters Projekt und war sofort neugierig: Denn Christiane war deutlich anzumerken, welch tiefen Eindruck die Begegnungen mit Sabrina De Stefanie und deren unglaubliche Lebensgeschichte bei ihr hinterlassen hatten. Über die Faszination für das Biographische hinaus löcherte ich sie jedoch auch mit weiteren Fragen: Wie aber bringt man dieses Leben in Buchform? Wieviel Arbeit steckt in so einem Projekt, was ist die Rolle der Co-Autorin? Ein wenig von dem Prozess vom Manuskript zum Buch habe ich so mitbekommen. Und mich daher auch mitgefreut, als ich das fertige Buch vor wenigen Tagen in Händen hielt: Weiß ich doch inzwischen, wieviel Arbeit darin steckt. Und ich freue mich sehr, dass Christiane Schlüter bereit war, meinen Bloglesern von diesem Prozess vom Manuskript zum Buch zu erzählen:

Am Anfang war eine Geschichte. Eine unglaubliche Geschichte, teils aufgeschrieben, im Rohzustand noch und ohne Verlag … Es war die Geschichte von Sabrina De Stefani, die als junge Frau in Indien ihre große Liebe gefunden, ihre innere Freiheit errungen hatte und dann in abgrundtiefe Gefahr geraten war.

Dank gut vernetzter Frauen fiel der Text in die Hände eines Verlages und bald darauf, zwecks Co-Autorinnen-Suche, in die Hände von Gerald Drews, meinem Agenten. „Unbedingt!“, sagte ich auf die Frage, ob ich daran mitarbeiten wolle.

Alle freuten sich.

Dann stellte sich der Verlag anders auf, die Geschichte passte nicht mehr hinein. Was nun? Was tun mit diesem Stoff, in dem ja nicht nur eine, sondern sogar viele Geschichten steckten? Die neuerliche Verlagssuche gestaltete sich als Arbeit am Projekt. Worum geht es wirklich? Um das Glück? Um die Liebe? Um die Freiheit? Zum Schlüssel wurde eine Szene aus der frühen Kindheit der Heldin: Wegen eines Rückenleidens im Gipsbett gefangen, hatte Sabrina mehrere Sommer lang unter einer Magnolie im Garten ihrer geliebten Großmutter gelegen und sich aus der Enge fort- und in den Blütenhimmel hinaufgeträumt. Sie war: die Magnolienfrau!

Wie wichtig doch ein Titel ist! Er bündelt die Geschichte. Ist er gefunden, dann ist im Keim das Buch schon da. Lässt er sich nicht blicken, steht das ganze Projekt noch in Frage.

Der Berliner Allegria Verlag, der zu Ullstein gehört, gab der „Magnolienfrau“ schließlich im Herbst 2016 ein neues Zuhause – mit der Programmchefin Karin Stuhldreier, die das Projekt zu ihrer Herzenssache machte, und mit vielen weiteren Unterstützern. Jetzt konnte das Buch wachsen. Es gab ja schon Text. Und es gab, wenige Monate später, rund 50 Sprachdateien: Interviews, in denen Sabrina De Stefani die ganze Geschichte noch einmal erzählt: Wie sie im Gipsbett lernt, innerlich aus ihrem Körper auszusteigen, sich wegzubeamen, hinauf in die blütenbestandene Baumkrone. Wie sie später, als junge Erwachsene, auf die Suche geht nach der einen großen Liebe, die ihr Nähe und Freiheit zugleich schenken wird …

Diese Suche führt die erfolgreiche Selfmade-Frau bis in den Himalaja, wo sie, an der Seite eines hinduistischen Krieger-Priesters, die entscheidenden Einsichten ihres Lebens gewinnt. Doch dann spinnen ihre Widersacher eine Intrige, und wieder wird sie eingesperrt: ins Tihar Jail, das größte Frauengefängnis Asiens. Wird sie sich und das Kind, das sie erwartet, retten können? Und wird sie ihre große Liebe wiedersehen?

In einem monatelangen Dialog zwischen Sabrina De Stefani und mir wuchs der Text. Jedes Kapitel entstand basierend auf dem Vortext oder einem der Interviews. Wurde hin- und hergeschickt, angereichert, gestrafft, zuletzt lektoriert und dann, während die nächsten Kapitel entstanden, wieder und wieder abgeglichen: Stimmt die Richtung noch? Der Erzählton? Die Kernaussage? Ist die Heldin erkennbar, verstehbar in ihrer Suche? Wird klar, was sie gefunden hat? Und stimmen – über den zeitlichen Graben hinweg – die Fakten?

Programmchefin Karin Stuhldreier war unsere erste kritische Leserin. Wo wir uneins waren, überließen wir ihr die Entscheidung. Ihr Lob spornte uns weiter an. Für Sabrina bedeutete diese Arbeit ein tiefes Eintauchen in ihre eigene Vergangenheit – und immer wieder die Begegnung mit ihrem Schreibtalent. Für mich bedeutete sie die Eroberung einer neuen, lebendigen Art zu schreiben.

Als nach vielem Ringen auch das Cover gefunden war, begann die Vorfreude auf das fertige Buch: Jetzt war etwas zu sehen. Dann kamen die Katalogvorschau, die Fahnen und immer noch Änderungen. Schließlich mussten wir loslassen. Der Verlag begann das Buch in Szene zu setzen.

Jetzt ist es erschienen, und Sabrina und ich schauen ihm voller Freude und Hoffnung nach. Wir wünschen ihm, dass es sich die Lesewelt erobert.

Christiane Schlüter

Christiane Schlüter ist Autorin und Journalistin. Sie verfasst Ratgeber, Sachbücher, Geschenkbücher, Memoirs und Reden und gibt Kurse in Autobiografie und Journalismus. Mehr Informationen über ihre Tätigkeiten gibt es hier: www.christiane-schlueter.de.


Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/die-magnolienfrau-9783793423249.html

Verschämte Lektüren (23): Christiane und der liebe Augustin

p1060600

Das Augustin-Denkmal in Lindau. Bild: Birgit Böllinger

EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIANE SCHLÜTER

Ein Kollege hatte mir vor Jahren den „lieben Augustin“ aus Lindau (nicht zu verwechseln mit dem Wiener „Ach Du lieber Augustin, alles ist hin…) in die Hand gedrückt – das sei ein wunderbares Buch für Bodenseeliebhaber. Und so nahm ich es seither auch wahr: Als kleinen, verschmitzten, lebensfrohen Schelmenroman, den man allenfalls am „Schwäbischen Meer“ kennt. Doch nun wurde ich eines Besseren belehrt – das Buch ist laut Kindlers Literatur Lexikon nicht nur seit drei Jahrzehnten Bestandteil der Deutschlektüre an amerikanischen Universitäten, sondern traf auch im fernen Frankfurt eine Schülerin mitten ins Herz. Lest hier die Geschichte einer besonderen Leidenschaft:

Christiane Schlüter und ihr lieber Augustin

Verschämt war diese Lektüre nie. Nur ein wenig aus der Zeit gefallen, wie ihr Held auch. Augustin Sumser ist Spieldosenmacher und mit einer Rokokoseele auf die Welt gekommen. Als er zwölf Jahre alt ist, beginnt die Französische Revolution, und alle Welt empfindet fortan heroisch. Nur Augustin nicht. Er lebt ein flatterleichtes Leben am Ufer des Bodensees und stellt immer nur so viele Spieldosen her, wie er zum Leben braucht. Der ideale Gegenentwurf zur Burn-out-Existenz.

Ich lernte ihn kennen, als ich mit 14 in der Büchersammlung meiner Oma stöberte – um die Mitte der 70er-Jahre. Das Wort Burn out war noch nicht erfunden, in meinem Frankfurter Gymnasium zerfielen Schüler- und Lehrerschaft in rechts und links, einmal stand die Polizei mit Wasserwerfern vor dem Schulhof. Ich aber las „Der liebe Augustin. Die Geschichte eines leichten Lebens“. Ich wanderte mit dem Helden um den Bodensee, lächelte über seine vielen kleinen Amouren und beweinte mit ihm seine beiden großen Lieben. Ein bisschen aus der Zeit gefallen, wie gesagt.

augustin2

Die beeindruckende Augustin-Sammlung von Christiane Schlüter.

Bis heute ist dieses Buch für mich das perfekte Beispiel dafür, wie etwas leicht und schön sein kann und trotzdem ganz und gar unkitschig. Das liegt zum einen an der Sprache, die genauso leicht ist wie das Leben, das sie beschwört. Zum anderen gibt Horst Wolfram Geißler, der Schöpfer des Augustin, seinem Helden einige Schicksalsschläge mit, weshalb die Idylle so ungebrochen eben doch nicht ist. Das Idyllische speist sich vielmehr daraus, wie Augustin seine Welt sieht: heiter und dabei unaufdringlich weise. Und schließlich findet das Ganze zwar in einer höchst realen Gegend statt: an den Ufern des Bodensees. Aber der Erzähler öffnet den Vorhang zu diesem Schauplatz mit einem Augenzwinkern, indem er sagt: Leute, diese Geschichte spielt in einer anderen Welt. Einer, die es so vielleicht nie gab.

Als ich Jahre nach der Lektüre zum ersten Mal am Bodensee war, bin ich auch nach Lindau gefahren, wo der liebe Augustin gewohnt haben soll. Ich fand ein Häuschen in der Altstadt, eine Skulptur am Hafen und in einer Buchhandlung die aktuelle Ausgabe des Augustin. Daheim standen schon fünf andere: Ich hatte angefangen, die Ausgaben zu sammeln. Ein befreundeter Bibliothekar versorgt mich bis heute damit, inzwischen besitze ich 35 Exemplare und habe begonnen, meine Sammlung nach Tausendern weiter zu untergliedern. Anfallende Doubletten schenke ich weiter. Und ich freue mich, wenn ich auf Leute treffe, die den Augustin ebenfalls mögen, so wie jetzt Birgit Böllinger. Ab und zu aber, wenn ich das Bedürfnis habe, mal wieder aus der Zeit zu fallen, lese ich das Buch erneut. Natürlich das allererste Exemplar aus dem Bücherschrank meiner Oma. Es gibt Lieben, die vergehen nie.

Christiane Schlüter


Was ich über mich sage:

Ich stelle immer nur so viele Texte her, wie ich zum Leben brauche … Nein, stimmt nicht. Schreiben ist für mich nicht nur Profession, sondern Passion. Deshalb entstehen neben Ratgebern, Sachbüchern, Geschenkbüchern, Memoirs und Reden auch Texte wie der obige, und dazu manches noch Verschämte. Außerdem wichtig: meine Kurse in Autobiografie und Journalismus, wo wir übers Schreiben auch reden. Und vor allem das Psychodrama als kreative Methode, neue Handlungsmöglichkeiten zu erschließen – auf dem Papier wie im echten Leben. Die ganze Mischung findet sich hier: www.christiane-schlueter.de.