Die amerikanische Short Story ist – vergleicht man sie mit den Lesegewohnheiten hier – eine Erfolgsgeschichte. Vor allem hat die Kurzgeschichte in den USA eine ganz andere Tradition, die zurückreicht bis Irving Washington und Edgar Allan Poe, Nathaniel Hawthorne und Mark Twain. Viele bedeutende Magazine, darunter der New Yorker, und Zeitschriften boten Raum für short stories und damit den Schriftsteller*innen eine Einnahmequelle. Auch in der Moderne blieb diese prägnante Erzählform beliebt, einige der bekanntesten Namen sind unter anderem Ernest Hemingway, Richard Yates und John Cheever. Dass die Short Story in den USA hohe literarische Anerkennung genießt, zeigt sich auch daran, dass die wichtigsten nordamerikanischen Literaturpreise wie der Pulitzer-Preis und der National Book Award regelmäßig auch für Erzählbände vergeben werden.
Eine Auswahl von Story-Sammlungen findet sich auch auf diesem Blog.
Inhaltsverzeichnis:
- Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe
- Lawrence Block (Hg.): Nighthawks. Stories nach Gemälden von Edward Hopper
- Kathleen Collins: Nur einmal
- Zelda Fitzgerald: Himbeeren mit Sahne im Ritz
- Donald Ray Pollock: Knockemstiff
- Kristen Roupenian: Cat Person
- Benjamin Alire Sáenz: Alles beginnt und endet im Kentucky Club
- William Saroyan: Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich
- George Saunders: Zehnter Dezember
- Joy Williams: Stories
- Bibliographische Angaben
Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe
„Mein Leben begann ruhig, ich wohnte in Bergbaustädten und zog zu oft um, um Freunde zu haben. Ich suchte mir einen Baum oder einen Platz in einem alten verlassenen Hüttenwerk und saß in der Stille. Meine Mutter las normalerweise oder schlief, und so sprach ich meistens mit meinem Vater. Sobald er zur Tür hereinkam oder wenn er mich in die Berge und ins tiefe Dunkel der Minen mitnahm, redete ich ununterbrochen. Dann ging er ins Ausland, und wir lebten in El Paso, Texas, wo ich die Vilas-Schule besuchte. In der dritten Klasse konnte ich gut lesen, hatte aber vom Addieren keine Ahnung. Ein schweres Korsett auf meinem Rücken. Ich war hochgewachsen, aber immer noch wie ein Kind. Ein Wechselbalg in dieser Stadt, als hätten mich Bergziegen in den Wäldern aufgezogen.“
Aus der Erzählung „Stille“
Ein Wechselbalg, eine Außenseiterin, von Kindheit an unterprivilegiert, niemals dazugehörend. Stille, Einsamkeit, Melancholie als Erbe. Sie dringen durch jede dieser Erzählungen. Zugleich aber auch eine Sprödigkeit, eine Lakonie, trockene Humorsicht auf die Welt, das Streben der Ehrgeizigen nach einem Quäntchen mehr an Glück leise belächelnd. Lucia Berlin erzählt von jenen – meist Frauen – die sich dennoch behaupten, im alltäglichen Elend ihre Würde bewahren, den Lebenswillen auch. Sie erzählt von unterbezahlten Krankenschwestern, ausgebeuteten Putzfrauen, illegalen Einwanderinnen, Suchtkranken in der Reha, Alkoholikerinnen im wiederholten Entzug, von den Underdogs, die sich in Waschsalons, auf der Straße, auf der Flucht treffen – und sie erzählt immer auch von sich selbst, an ihrer eigenen Biographie entlang.
Dunkle Königinnen der Selbstbehauptung
Die Frauen, von denen sie erzählt, das sind trotz ihrer Schwächen, ihrer Demütigungen und Verletzungen jedoch keine Gebrochenen – es sind die dunklen Königinnen der Selbstbehauptung. Ein Abbild dieser Schriftstellerin vielleicht, die in einem Brief an einen Freund über sich selber schrieb: „Keine Gefühle zeigen. Nicht weinen. Lass niemanden an dich ran.“ Nicht gerade das Heilsrezept, das die moderne Psychotherapie Menschen mit einer Biographie ähnlich derer der amerikanischen Autorin (1936 – 2004) verordnen würde – Sprechen lautet da die Diagnoseempfehlung. Manches ist jedoch vielleicht einfach auch unsagbar. Und nur durch die Verwandlung in Literatur findet es seinen Ausdruck – so stelle ich mir das Schreiben der Lucia Berlin vor, für die vielleicht (das ist meine Spekulation) das Verfassen von Texten der einzige Ruhepol in einem unruhigen Leben war, die einzige Möglichkeit, Schläge abzuwehren, Verletzungen zu heilen.
Ein Blick auf die Biographie: In Alaska geboren, der Vater Bergbauingenieur, der beruflich bedingt ein unstetes Leben führen muss, die Mutter eine Trinkerin. Im Alter von zehn Jahren erkrankt Lucia Berlin in Chile an Skoliose, der Vater verlässt die Familie, die bei den Großeltern unterkommt. Großvater und Onkel sind ebenfalls Trinker, wie in zwei Erzählungen angedeutet ist, wird Lucia Berlin zudem Opfer sexuellen Missbrauchs durch den Großvater. Sie selbst kämpft später ihr Leben lang gegen den Alkoholismus an, heiratet Männer, die selbst am Abstürzen sind, erzieht ihre vier Söhne größtenteils alleine, wechselt häufig die Wohnorte. Und ist daneben noch, vor allem in den 1960er bis 1980er Jahren literarisch überaus produktiv – wenn auch öffentlich kaum beachtet.
Literarische Anerkennung erst nach ihrem Tod
„Lucia Berlin“, so heißt es in einer wunderbaren Annäherung an die Schriftstellerin durch Mara Delius in der „Welt“, „blieb so unbekannt, dass sie noch nicht einmal vergessen werden konnte, als sie gestorben war.“ Tatsächlich gelangt die amerikanische Autorin erst eine Dekade nach ihrem Tod, zu einer Art literarischen Berühmtheit. Als 2015 die Erzählungen unter dem Titel „A Manual for Cleaning Women“ erschienen, wurde diese Wiederentdeckung zu einer literarischen Sensation. Und auch im deutschen Sprachraum bekam Lucia Berlin dann die Aufmerksamkeit, die ihr gebührt. Der Arche Verlag brachte die Erzählungen Anfang 2016 unter dem Titel „Was ich sonst noch verpasst habe“ heraus, wunderbar übersetzt von Antje Rávic Strubel.
Diese zeigt sich in ihrem Vorwort begeistert von der Amerikanerin – eine Begeisterung, die ich nur teilen kann:
„Mit ihrer unbehauenen Sprache, ihren ungeschönten Schilderungen und komplexen Figurenporträts, durchwoben von abgründigem Witz, hat Lucia Berlin allerdings ein unverkennbar eigenes, einzigartiges literarisches Universum geschaffen. Diese Autorin schaut dorthin, wo es wehtut. Den Schmerz fängt sie in einem dunklen Lachen auf.“
Das dunkle Lachen, das vom Schmerz in jeder Freude weiß – es klingt durch viele dieser Erzählungen, die sind wie „Tigerbisse“ – so lautet der Titel einer Erzählung über eine geplante Abtreibung in Mexiko:
„Und da war sie, Bella Lynn! Auf dem Parkplatz des Betriebsbahnhofs. Stand aufrecht winkend in einem taubenblauen Cadillac-Cabrio, in fransenbesetzten wildledernen Cowgirl-Klamotten. Sie war bestimmt die schönste Frau in West-Texas und hatte tausend Schönheitswettbewerbe gewonnen. Langes hellblondes Haar und goldbraune Augen. Ihr Lächeln, nein, es war ihr Lachen, ein dunkles, tiefes, wasserfallartiges Lachen, das Freude verströmte, das vom Schmerz in jeder Freude wusste und sich darüber lustig machte.“
Lawrence Block (Hg.): Nighthawks. Stories nach Gemälden von Edward Hopper
„Wer sind Sie?“
Bosch erstarrte.
„Wie meinen Sie das?“, fragte er.
„Mit wem identifizieren Sie sich?“, fragte sie. “Mit dem einsamen Mann, dem Paar, das nicht allzu glücklich wirkt, dort zu sein, oder dem Mann hinter dem Tresen? Wer sind Sie?“
Bosch wandte den Blick von ihr ab, betrachtete wieder das Bild.
„Ich weiß nicht recht“, antwortete er. „Und Sie?“
„Definitiv der Einzelgänger“, sagte sie. „Die Frau wirkt gelangweilt. Sie inspiziert ihre Fingernägel. Ich langweile mich nie. Ich nehme den Einsamen.“
Bosch starrte auf das Gemälde.
„Ja, ich auch, schätze ich“, sagte er.
„Was glauben Sie, was für eine Geschichte steckt dahinter?“, fragte sie.
„Wie, bei denen? Wie kommen Sie darauf, dass es eine Geschichte gibt?“
„Es gibt immer eine Geschichte. Malen heißt Geschichten erzählen. Wissen Sie, warum es Nighthawks heißt?
„Nein, eigentlich nicht.“
Aus: „Nachtfalken“ von Michael Connelly
Es ist eines der berühmtesten Gemälde der modernen Kunst, dieses Bild von den einsamen Nachtfalken in einer amerikanischen Bar. 1942 entstanden, inspiriert es bis heute andere Kunstschaffende, seien es Maler, Musiker oder auch Autoren. Von Gottfried Helwein bis Banksy, von Tom Waits bis zu den Nighthawks, von Peter Handke über Richard Ford bis hin zu Joyce Carol Oates – die auch in dieser Anthologie vertreten ist, allerdings mit einer Erzählung zu einem anderen Hopper-Gemälde, „Eleven A. M.“ (1926) – sie alle griffen auf dieses Motiv, das wie kein anderes die Einsamkeit in der Moderne symbolisiert, zurück.
Vertreter des amerikanischen Realismus
Edward Hopper (1882 – 1967) gilt als der Chronist der Ödnis der amerikanischen Vorstädte und der Provinz, seine Gemälde erzählen von Einsamkeit, isolierten Menschen, sie sprechen von der Monotonie des Lebens und enttäuschten Erwartungen. Wer Hopper als den Vertreter des amerikanischen Realismus in der Malerei begreift, der begreift auch, dass es nicht viel ist, was das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu bieten hat.
Seine Bildgestaltung, die klaren Konturen, die präzisen Formen, sie scheint einzelne Momente festzuhalten, Momentaufnahmen, beinahe wie in der Fotografie. Und doch laden vor allem die melancholischen Unterströmungen – bedrückt wirkende Menschen, eine Körperhaltung, die Zweifel und Einsamkeit vermittelt, verlassene Orte – geradezu ein, das Bild über den festgehaltenen Moment hinaus zu erforschen, die dahinterliegende Geschichte zu ergründen.
Anlässlich einer Hopper-Ausstellung schrieb John Updike:
„Hopper war vergleichsweise zurückhaltend; statt seine Subjekte für eine Aussage zu benutzen – über unsere naturwüchsigen Energien, wie bei Marsh, oder als prismatische Verdichtung unserer sozialen Welt, wie bei Benton –, scheint Hopper darauf zu warten, dass seine Figuren von sich aus das Geheimnis ihrer Bedeutung lüften. Wie bei Vermeer sickert ein Geheimnis in das Bild ein und durchtränkt noch die unscheinbarsten Handlungsebenen.“
Dieses Geheimnis, das alles durchtränkt – es brachte wohl auch den amerikanischen Kriminalschriftsteller Lawrence Block dazu, etliche seiner Kolleginnen und Kollegen anzugehen und um Geschichten zu einzelnen Hopper-Bildern zu bitten.
Gemälde, die Geschichten verbergen
Im Vorwort dieses Sammelbandes, der 2016 in den USA erschien und in deutscher Übersetzung sowie in schöner Gestaltung Ende 2017 beim Droemer Verlag (jeder Story ist auf einer Seite das entsprechende Hopper-Gemälde vorangestellt), stellt Block jedoch eines klar:
„Hopper war jedes Mal bestürzt, wenn seine Arbeiten als Illustrationen abqualifiziert wurden. Wie bei allen anderen abstrakten Expressionisten auch, galt sein Interesse Form, Farbe und Licht, nicht der Bedeutung oder dem Erzählerischen.
Hopper war weder Illustrator noch narrativer Künstler. Seine Bilder erzählen keine Geschichten. Stattdessen vermitteln sie – kraftvoll und unwiderstehlich – den Eindruck, dass sich darin Geschichten verbergen, die nur darauf warten, erzählt zu werden.“
17 Autoren erzählen also in „Nighthawks“ Geschichten zu Gemälden Hoppers, darunter unter anderem zu den titelgebenden Nachtfalken, zu Summer Evening (1947), Hotel Room (1931), New York Movie (1939) und weiteren Bildern, die durch ihre Bildsprache bis heute prägender Bestandteil der amerikanischen Kultur sind. Bei einem Herausgeber wie Block, selbst mehrfach preisgekrönter Kriminalautor, liegt es nahe, dass unter den beteiligten Schriftstellern etliche aus diesem Genre kommen. So unter anderem Megan Abbott, Jeffery Deaver und Lee Child. Außerdem ließen sich auch, wie bereits erwähnt, Joyce Carol Oates und zudem Stephen King, um die zwei bekanntesten Namen dieser Anthologie zu nennen, von Hoppers Darstellungen inspirieren.
Unterschiedliches Erzählniveau
Nicht alle der Erzählungen sind literarisch auf einer Höhe. So wirkte „Abenddämmerung“ von Robert Olen Butler zum 1914 entstandenen Bild „Soir bleu“ auf mich etwas konstruiert, dagegen fällt „Zimmer am Meer“ von Nicholas Christopher zu “Rooms by the Sea“ (1951) thematisch und sprachlich aus dem Rahmen, doch alle Stories eint, dass das Geheimnis hinter dem Bild meist ein düsteres und nicht selten ein blutiges ist. Die Geschichten (und damit auch die Bilder) erzählen von Männern, die aus Liebe töten, von Frauen, die Sadisten in die Hände fallen, die Frauen, die sich und andere rächen, von enttäuschten Hoffnungen und gebrochenen Herzen.
Meist ist das jeweilige Bild „nur“ die Grundlage, auf der sich eine Geschichte dazu entwickelt, das Gemälde als Anstoß der schriftstellerischen Phantasie. Dass die Gemälde selbst thematisiert werden – so wie in Michael Connellys Beitrag – oder gar Edward Hopper selbst mittelbar auftritt, bildet die Ausnahme. Für diese sorgt die Kunsthistorikerin Gail Levin, die als die Fachfrau zu Hoppers Werk gilt, Bücher über ihn herausgab und Hopper-Ausstellungen kuratierte. Inwieweit ihre fiktive Erzählung vom Prediger, der sammelt, einen Kern der Wahrheit enthält, entzieht sich meiner Kenntnis. Dadurch offenbart sich jedoch ein kleiner Mangel dieses schön gemachten Buches: Ein Überblick mit den wichtigsten Daten zu Hopper wäre eine feine Ergänzung gewesen.
Abgesehen davon ist „Nighthawks“ ein unterhaltsam zu lesendes Experiment: Das Buch zeigt aufs Beste, wie sich Künste gegenseitig inspirieren können – und welche Gedanken ein Bild in Gang zu setzen vermag. Ein Projekt, das im Grunde Auftakt zu einer Reihe sein könnte: Es gibt noch einige Künstler und Bilder mehr, zu denen man herrliche Geschichten erzählen kann.
Kathleen Collins: Nur einmal
„Okay, leuchten wir die Nacht ein. Ich will einen Spot auf dem großen Doppelbett, das fast den ganzen Raum einnimmt. Und einen kleinen auf den mit Jute bespannten Nachttisch. Okay, jetzt ein Licht auf den Schreibtisch mit den vielen Notizbüchern, Papieren und dem ganzen Kram. Gut so. Dann ein Spot auf das Sofa, das eigentlich nur aus ein paar Kissen besteht. Und jetzt ein schöner weicher Tupfer auf den jungen Mann, der am Schreibtisch seine Gedichte verfasst oder liest. Und noch einer auf die junge Frau, die am Herd steht und Kakerlaken erschlägt.“
Spot an: Schon mit den ersten Worten wird klar, wie multitalentiert Kathleen Collins (1942 – 1988) gewesen sein muss. Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Cutterin, Regisseurin: Jede Erzählung wie ein Kurzfilm, ihr Gespür für Szenen, Augenblicke, Momentaufnahmen dringt durch alle Zeilen. Doch erst drei Jahrzehnte nach ihrem viel zu frühen Tod – Kathleen Collins verstarb 46-jährig an einer Krebserkrankung – kamen ihre Texte ans Licht, wird ihr Talent gewürdigt. 2016 unter dem Titel „Whatever Happened to Interracial Love?“ in den USA erstmals veröffentlicht, wurden ihre Erzählungen, die bis dahin von ihrer Tochter in einer Art Seemannskiste aufbewahrt worden waren, zu einer Sensation.
Was macht die Besonderheit dieser 16 Texte aus, die überwiegend um Schriftstellerinnen und Dichter, Malerinnen und Künstler, um Intellektuelle kreisen, die von den Schwierigkeiten der Liebe handeln und der Kluft zwischen den Rassen? Die, obwohl oftmals so knapp und spröd im Tonfall, doch so plastisch die fieberige Hitze New Yorks in den Sommern der 1960-er Jahre heraufbeschwören?
Diskussionen am Küchentisch
Zum einem ist es die Sprache: Oft intim und privat, als würde man als Leserin von der Autorin direkt angesprochen und in eine Diskussion in einem Loft oder in ein Gespräch am Küchentisch, irgendwo in einer Mittelstandssiedlung, miteinbezogen. Im Nachwort zur deutschsprachigen Ausgabe schreiben Verleger Daniel Kampa und Cornelia Künne:
„Collins` Erfahrungen als Filmemacherin zeigen sich in ihrer erzählerischen Experimentierfreudigkeit. Dialoge, Regieanweisungen, schnelle Schnitte überraschen den Leser, und oft fühlt man sich bei der Lektüre wie inmitten einer imaginären Kamerafahrt.“
Zum anderen aber treffen die Geschichten mitten ins Herz und voll auf einen Nerv, der in den Vereinigten Staaten unter Trump so offen wie lange nicht wieder daliegt: Die Tatsache, dass es von rechtlicher und politischer Gleichberechtigung zu wirklicher Gleichstellung ein weiter Weg ist. Dass die Rassentrennung zwar Jahrzehnte qua Gesetz schon aufgehoben ist, aber in den Köpfen weiter existiert.
Toni Morrison – das literarische Gewissen der USA
Sie erhielt als erste afroamerikanische Schriftstellerin den Literaturnobelpreis: Toni Morrison (1931 – 2019), das literarische Gewissen der USA.
Eine Entdeckung – die Lyrikerin Wanda Coleman und «strände. warum sie mich kaltlassen»
Wer die Gedichte von Wanda Coleman (1946 – 2013) liest, der wird ganz unmittelbar mit der Lebenswirklichkeit der schwarzen Bevölkerung in den USA konfrontiert: Das sind Zeilen, die brennen vor Zorn und Frustration, Gedichte, die aufrütteln.
Das vergessene Meisterwerk: «Ein anderer Takt» von William Melvin Kelley
Der Debütroman „Ein anderer Takt“ erschien bereits 1962. Die Wiederentdeckung des Buches kommt in einer rassistisch geprägten Trump-Ära zur rechten Zeit.
Hochphase der Bürgerrechtsbewegung
Als Kathleen Collins ihre Erzählungen schrieb, durchlebte die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ihre erste Hochphase. Auch Kathleen Collins hatte sich dem Civil Rights Movement angeschlossen und war politisch aktiv. Doch davon erzählt sie nicht – sondern davon, wie das Politische in das Private hineinwirkt und vice versa. Was sie, die junge afroamerikanische Intellektuelle an gesellschaftlichen Veränderungen in ihrem Umfeld, dem kreativer junger Leute in New York, erlebte – deutlich wird dies vor allem an der Erzählung, die der amerikanischen Ausgabe ihren Titel gab – schlägt sich in ihren Stories nieder. Und macht sie so aktuell: Denn überwunden sind die Grenzen, die sich zwischen Bevölkerungsgruppen auftun und in Familien, Beziehungen und Liebesgeschichten zu spüren sind, noch lange nicht.
Besonders bewegend war für mich die Erzählung „Tote Erinnerungen … tote Träume“: Ein Kind ist hin- und her gerissen zwischen der Ursprungsfamilie ihrer früh verstorbenen Mutter, deren ganzer Stolz es ist, seit Generationen besonders hellhäutig zu sein. Der Vater, ein Bestattungsunternehmer (wie auch Kathleen Collins` Vater es war), ist den Angehörigen „zu dunkel“. Wie er sich bemüht, in dieser Familie Anerkennung zu erwerben, das ist herzzerbrechend geschildert.
Enorme Anpassungsleistungen erfordert
Die Anpassungsleistungen, die Afroamerikaner in vielfacher Hinsicht leisten mussten, um sich einen Platz in der amerikanischen Gesellschaft zu erobern, thematisiert die Autorin in verschiedenster Weise. Aus „Die glückliche Familie“:
„Wie weit muss ich ausholen, damit Sie die Zusammenhänge verstehen? Ich kannte Ralph schon seit so vielen Jahren. Er war geradlinig, ehrgeizig, bildungshungrig. Er und Lillie hatten `42 geheiratet, gleich nach seiner Entlassung aus der Navy. Ihm fehlte die elitäre Prägung, die Lillie ihre Anmut und ihren Charme verlieh. Er war irgendwo im Süden von New Jersey aufgewachsen, als Sohn einer Arbeiterfamilie, und hatte sich jeden Erfolg hart erkämpfen müssen. Selbst in der Zeit, die ich hier schildere, gab es im Hochschulbetrieb kaum Schwarze, und er litt sehr darunter, litt unter dem ständigen Druck, besser sein zu müssen als andere, um als Gelehrter anerkannt zu sein.“
Freiheit und Gleichberechtigung sind jedoch nicht nur Thema zwischen den Rassen, sondern auch zwischen den Geschlechtern. In „Rettungsleinen“ schreibt sie von einer Frau, die von ihrem getrennt lebenden Ehemann auch aus der Ferne noch am Gängelband gehalten wird. In „Rückzug“, das auch an Toni Morrisons letztes Buch „Gott, hilf dem Kind“ erinnert, bringt sie beide Metathemen zusammen:
„Ich bilde mir nichts darauf ein, aber ich war die erste Farbige, die er ernsthaft als Geliebte in Betracht zog. Das weiß ich. Die erste, die über das Savoir-vivre verfügte, das ihm so unermesslich wichtig war. Die erste mit Stil, Geschmack, Eleganz, Witz und einem Faible für Lyrik und Haute Couture. Eine Farbige mit Stil ist nämlich immer noch die Ausnahme und eine Farbige, die Stil, Geschmack, Eleganz und Witz mit einem Faible für Lyrik und Haute Couture verbindet, muss man wahrlich mit der Lupe suchen. So etwas lässt sich nicht anerziehen.“
Frauen haben auf jeden Fall das Nachsehen
Doch auch wenn die Frauen in diesem Buch zu der „verblüffenden Erkenntnis“ gelangen, dass sie jeden heiraten könnten – (…) „nicht nur einen farbigen Arzt/Anwalt/Lehrer/Professor, sondern jeden. Einen mexikanischen Lastwagenfahrer. Einen japanischen Psychiater. Einen südafrikanischen Journalisten. Jeden. Sogar einen Weißen“ -, sieht die Realität anders aus: Die Beziehungen, ob gemischtrassig oder nicht, sind in diesen Erzählungen zum Scheitern verurteilt, die Männer, oft offen oder versteckt aggressiv, kommen mit den gesellschaftlichen Umbrüchen weitaus schwerer zurecht als das weibliche Geschlecht. „Dort gibt es nichts zu holen“ zieht die Protagonistin eines One-Night-Stands in der Erzählung „Treatment für eine Story“ nüchtern Bilanz.
Wie die beiden Nachwort-Autoren deutlich machen, verwebte Kathleen Collins Autobiographisches in ihren Erzählungen: „ihre Kindheit, ihre Zeit als Studentin und ihr Engagement in der Bürgerrechtsbewegung, ihre frühen, holprigen Affären, ihre schwierigen Beziehungen zu schwierigen Männern, persönliche Niederlagen und den Willen, sie zu überwinden.“
Zelda Fitzgerald: Erdbeeren mit Sahne im Ritz
„Die Blätter der Ulmen schablonierten ein schwarzes Fries auf den Gehweg, und hemdsärmelige Männer ließen hohe, warme, nach Gummi riechende Wasserbögen auf Prunkwinden und Bermudagras niedergehen, bis die Luft von einem frischen Grasduft erfüllt war und die Damen hinter den dichten Blumenranken eine kurze Weile ohne Fächer auskamen. Die ganze Stadt wartete auf die abendliche Neun-Uhr-Brise und lag so reglos da, dass man die scharrenden Räder der Straßenbahn, die sich bergan mühte, noch sechs Straßen weiter hören konnte. Die Mädchen, die sich in den Häusern auf den Tanzabend vorbereiteten, hatten die Wahl zwischen schweißtreibender Hitze und den krampfartigen Windstößen aus dem Ventilator.“
Aus „Ein Südstaatenmädchen“
Man kann die Hitze der Südstaaten spüren. Und sinkt beim Lesen vielleicht auch aufgrund der Wortkaskaden ein wenig müde zurück. Krampfartige Windstöße. Sie perlen, diese Erzählungen von Zelda Fitzgerald (1900 – 1948). Manchmal wie Champagner. Aber manches Mal perlen sie auch ab. Man fühlt sich ein wenig ermattet nach so viel wohlformulierter Eleganz. Diamanten und Talmi.
Glamourgirl des Jazz Age
Die warmtönende Leichtigkeit, die diese Geschichten prägt – es wird gelegentlich spürbar, dass dahinter harte Arbeit stand. Dass da eine junge Autorin noch ihren Weg suchte. Vielleicht die Formel, die das Leben Zeldas prägte: Das Glamourgirl des Jazz Age, das sich hinter den glänzenden Kulissen mit eiserner Disziplin und unheimlich angestrengt (so trainierte sie wie besessen in einem Alter, in dem andere das Tutu an den Nagel hängen, für eine Ballettkarriere) sein Leben mit Sinn füllen wollte und nicht nur den nächsten Kelch mit Champagner.
Vor allem wollte Zelda Fitzgerald wohl auch eines: Mehr sein als die exaltierte Muse ihres berühmten Mannes, F. Scott Fitzgerald. Ihre Erzählungen, die nun im Manesse Verlag gebündelt erschienen, sind zum Teil schon bekannt – sie wurden jedoch größtenteils als Gemeinschaftswerk von Scott und Zelda veröffentlicht, oder sogar, wie „Our Own Movie Queen“, ganz ihm zugeschrieben. Zwar vermerkte Scott zu dieser Erzählung in seinem Tagebuch, Zelda habe den hauptsächlichen Anteil geleistet – aber sie musste zurückstehen. Für die Geschichten ihres Mannes wurde einfach mehr bezahlt. Und Geld hatten die beiden bei ihrem Lebensstil immer bitter nötig.
Lesley M. M. Blume: Und alle benehmen sich daneben
Wie Hemingway kühl und auf Kosten anderer seinen Erfolg als Schriftsteller plante: The Sun Also Rises war ein Skandal mit Ansage.
Ernest Hemingway feiert in Paris ein Fest fürs Leben
Wenn es eine Hymne auf das Paris der 1920er-Jahre, das Paris der amerikanischen Bohème, auf die Liebe und die Literatur gibt, dann ist es wohl dieses Buch.
F. Scott Fitzgeralds letzter Roman: Die Liebe des letzten Tycoon
Hollywood, „Goldgräberstadt im Lotusland“: Fitzgerald fristete seine letzten Jahre als Drehbuchschreiber. Und hinterließ den Tycoon, seinen letzten Roman.
Die Ehe mit F. Scott Fitzgerald – ein Disaster
Die Ehe der beiden war trotz enormer gegenseitiger Anziehung stets auch von Ungleichheit und Konkurrenz geprägt. Zudem durch seinen Alkoholismus und ihre psychische Erkrankung belastet. Ein Leben im vagen Gleichgewicht, zerbrechlich, schwankend, ein Drahtseilakt bis zum dramatischen Ende. Dieses Balancieren auf dem Hochseil der Gefühle – es ist in diesen Erzählungen, die überwiegend in den Jahren 1929 bis 1931 veröffentlicht wurden, bereits angelegt und spürbar. Man merkt, trotz einiger Mängel: Es hätte sich bei diesen Anlagen, wäre ihr Leben anders verlaufen, eine großartige Schriftstellerin entwickeln können.
Zelda, ab 1930 immer wieder für lange Phasen in stationärer psychiatrischer Behandlung, schreibt 1932 innerhalb weniger Wochen den Roman „Save me the waltz“, der (wie einige ihrer Erzählungen) in seiner Südstaaten-Melodie deutlich an Truman Capote erinnert. Mit dem letzten Walzer liegt zudem der Nachweis vor: Sie hatte es, sie konnte es. Doch es ist wohl bei diesem Roman und einem Theaterstück geblieben – 1940 kam Zelda Fitzgerald bei einem Brand in einer psychiatrischen Klinik ums Leben.
It-Girls auf der Suche nach dem Glück
Vielleicht ist es ein Selbstbildnis, das ihrer Erzählung „Die erste Revuetänzerin“ zugrundeliegt:
„Und auch Gay lebt weiter – in den vielen ruhelosen Seelen, die auf ihrer mondänen Wallfahrt über die Kontinente ziehen, die in muffigen Kathedralen nach dem verlorenen Zauber gebräunter Rücken und sommerlicher Strände suchen, die sich nach Stabilität und Pflichterfüllung sehnen, ohne recht daran zu glauben; in allen Menschen, die eine Schiffsreise zu einer ungezwungenen Angelegenheit mit Abendgarderobe und Diamantschmuck machen und das „Ritz“ zu dem, was es ist.“
Revuetänzerinnen, Kleinstadt-Schönheiten, die von der Leinwand träumen, Mädchen mit Talenten, auch fragwürdigen, Lebensglücksucherinnen: Zelda Fitzgerald schrieb über eigenständige, selbstbewusste Frauen, die sich, bei aller Abgeklärtheit, dennoch in romantischen Stricken verfangen. It-Girls mit Macken und Sehnsüchten. Und die besseren der insgesamt elf Erzählungen überzeugen, weil Zelda ihr Bestreben nach eleganten Formulierungen durch leise Ironie, durch warme Spöttelei durchbricht. Es gehen haarfeine Risse durch die Glitzerwelt – und das macht diese Stories lesenswert.
Irgendwie muss man diese verwöhnten, erfolgs- und lebenshungrigen jungen Frauen trotz ihres Narzissmus, der durch die Zeilen klingt, dann doch einfach mögen, wenn man Sätze wie diese in der Erzählung „Ein Mädchen mit Talent“ liest:
„Sie gönnte sich Masseure, die sie jeden Morgen behandelten, zu viele Sidecars vor dem Mittagessen und Unterwäsche, in der man tot aufgefunden werden wollte.“
Kristen Roupenian: Cat Person
„Und dann ist es Abend, und sie sitzen auf der Terrasse des Hotels, um sie herum leuchten die Lichterketten. Neben ihnen ergießt sich ein Infinity Pool in den Horizont und erzeugt die Illusion, man könne direkt über einen Wasserfall in die glitzernde Nacht von L.A. gleiten. Die Hochzeitsparty-Freundinnen haben jetzt acht Stunden miteinander verbracht, was, wie sich herausstellt – super gemacht, Partyplaner! – einfach viel zu lang ist. (…) Irgendwann fängt Taylor an, Ryan Nachrichten zu schreiben, und Kath kann an der Art, wie sie nach ihrem Telefon greift und es wieder wegpfeffert, ablesen, dass sie streiten.“
Aus „Cat Person“
Das ist sie, die Liebe in den Zeiten der digitalen Cholera: Brautleute streiten sich am Handy, ungeliebte Jungs starren auf ihr Smartphone, das Beziehungs-Aus wird per SMS gemanagt und eine Tinder-Verabredung läuft aus dem Ruder. Währenddessen erweist sich das reale Leben als zunehmend verstörend. Sei es, weil die Protagonisten dieser Stories kaum mehr wissen, wie man analog kommuniziert, sei es, weil das Leben an sich eben eine ziemlich verstörende Angelegenheit ist.
2017 machte die bis dahin noch unbekannte Schriftstellerin Kristen Roupenian mit ihrer Kurzgeschichte „Cat Person“, die im „New Yorker“ veröffentlicht wurde, Furore: Roupenian, die da gerade nur wenige Monate ihren Creative-Writing-Abschluss in der Tasche hatte, traf im Zusammenhang mit der #metoo- Debatte einen Nerv.
Im New Yorker heftig diskutiert
Die Story einer 20-jährigen, die sich widerwillig, aber aus einem irrationalen Gefühl der Verpflichtung heraus mit einem wesentlich älteren Mann auf Sex einlässt, wurde zu einer der meistdiskutierten Online-Artikel des New Yorker. Da brach sich in der digitalen Welt eine Menge Bahn, was mehr mit dem Inhalt denn dem Stil der Story zu tun hatte: Die Verunsicherung junger Frauen (ein uraltes Thema), die Empfindlichkeit der Männer, die Missverständnisse zwischen den Geschlechtern, die Verknüpfung von Sex und Macht über eine andere Person.
Für Roupenian wurde die Story zum Sprungbrett: Einen Vertrag für eine Kurzgeschichten-Anthologie und einen Roman mit einem Honorar von über einer Million Dollar folgte. Die Anthologie versammelt zwölf Kurzgeschichten, versammelt unter dem Titel „Cat Person“.
Eine Mischung aus schrägem Humor und Schauder
Roupenian stellt vor allem Protagonisten der Orientierungslosigkeit in den Mittelpunkt ihrer Geschichten: Die frisch geschiedene Alleinerziehende, die sich in einem Rudel von Helikoptermüttern behaupten muss, der gutwillige Friedensarbeiter, der in Kenia mit einem alten Kult konfrontiert wird, das gelangweilte Pärchen, das einen Freund in seltsame Sexspiele verstrickt. Immer ist dabei – mal offensichtlich wie in der als Märchen angelegten Story „Der Spiegel, der Eimer und der alte Knochen“, mal untergründig wie in „Der Junge im Pool“ – ein Unterton der Gefahr zu spüren, immer stellt man sich beim Lesen darauf ein, dass sich der Horror Bahn bricht.
Die feministische Version von Stephen King?
Tatsächlich könnte sich Roupenian zu einem feministischen Stephen King der Literatur entwickeln – wenn man ihr denn auch Zeit zur Entwicklung gibt. Ihre Stärke liegt in der Analyse moderner Beziehungen, die geprägt sind von den Fragen, die sich auch in einer schönen neuen, digitalen Welt stellen: Was heißt Liebe, Sex, Vertrauen, wie bricht man aus alten Geschlechterrollen aus und dies alles in einer Zeit, in der der vielleicht der nächstbeste passende Partner wie eine Supermarktauslage auf Tinder wartet? Hier erzählt Roupenian ganz unaufgeregt und lakonisch. Dort, wo die Autorin menschliche Abgründe offen legt und auch dort, wo sie Erwartungshaltungen und politische Korrektheit satirisch unterläuft, ist sie ganz stark.
Wer sich einen Eindruck machen möchte: Die Story „Beißerin“ kann hier online gelesen werden.
Donald Ray Pollock: Knockemstiff
„Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut.“
Bumm! Schon der erste Satz ein Schlag mit dem Hammer. Voll in die Magengrube. Und so geht es weiter in „Knockemstiff“: Das Leben kennt keine Gnade mit den Bewohnern dieses verlassenen, ja förmlich gottverlassenen Kaffs in Ohio. Und Daniel Ray Pollock keine Gnade mit seinen Lesern. Durchschnaufen ist nicht – Knockemstiff ist die amerikanische Hölle, und da gibt es keinen Notausgang.
Hier sammelt sich der „white trash“. Einen Schwarzen, so ist in einer der Erzählungen zu lesen, hat man in Knockemstiff, diesem reaktionären, hinterwäldlerischem Ort noch nie gesehen. Wenn man schon ganz unten ist, dann ist man wenigstens nicht das Allerletzte auf der Darwinschen Leiter – wenigstens nicht schwarz. So kann man das verstehen.
Endstation für jede Hoffnung
In Knockemstiff gibt einem das Leben den Rest – entweder raubt einem das Koks den Verstand oder die Demenz. Endstation Sehnsucht? Von wegen. Endstation für die Hoffnung, und das hoch drei. Keiner kommt hier ungeschoren davon, keiner kommt hier weg – und wenn doch, dann landet er mit einer Perücke auf dem Kopf in einer Absteige oder als Leiche auf dem Müll.
Alkohol, Drogen, Gewalt – das ist die unheilige Dreifaltigkeit in Knockemstiff. Schwerer Stoff. Nur wenige Momente lang lässt DRP etwas aufblinzeln, das Schönheit in das Leben bringt:
„Nein, er redet ununterbrochen über Hawaii“, seufzt Peg und schaut zum Fenster hinaus, wo die Abendsonne gerade wie ein brennender Vogel in die andere Welt eintaucht. Und während die herabstürzenden Strahlen die Küche in ein blutiges Rot tauchen, vergisst sie für einen kurzen wunderschönen Augenblick einfach alles.

Schnell geht das Fenster wieder zu: Denn Knockemstiff ist nicht die Abendsonne, das ist der Ort, wo man bei verstopften Leitungen ein Loch in den Zimmerboden hat, um seinen Scheiß loszuwerden. Der Erzählband ist das Debüt von DRP. Schon beim Lesen hatte ich den Eindruck: So kann nur einer schreiben, der dieses Leben kennt. Tatsächlich ist Pollock aus Knockemstiff – und er ist entkommen. Schreiben vielleicht auch als Therapie, als Vergangenheitsbewältigung. Aber nicht im lamoryanten Ton, sondern lakonisch, hart, hard-boiled:
– „Selbst an einem guten Tag waren Gespräche mit seinem Vater so, als wäre man mit einem ausgehungerten Kannibalen in einem Fahrstuhl eingesperrt.“
EIn brillanter Erzähler, der aus dem Nichts kam
Zu ertragen wäre diese Abfolge von Grausamkeiten wohl kaum, wäre Pollock nicht ein brillanter Erzähler (und überdies brillant übersetzt von Peter Torberg). Das Buch wird verglichen mit dem Kosmos „Winesburg, Ohio“ von Sherwood Anderson. Dort schon war das Leben, in diesem Winesburg, seltsam genug. Doch in Kockemstiff haben nun auch noch Crystal Meth, Fast Food, Soap Operas und Bodybuilding Einzug gehalten
Pollock ist für mich eine grandiose Entdeckung – lakonisch wie Charles Bukowski, hart wie James Ellroy, melancholisch wie Raymond Carver. Knockemstiff, ein Ort ohne Hoffnung:
„Theodore“, sagte William und grinste wie ein Verrückter, „wir sind Götter, schon vergessen? Scheiße, wir können alles.“ Wer dies in Knockemstiff glaubt, muss tatsächlich verrückt sein.
Benjamin Alire Sáenz: Alles beginnt und endet im Kentucky Club
Einst war er, als in den USA die Prohibition und später die Prüderie herrschte, die erste Anlaufstelle nach der Grenze: Der berühmte Kentucky Club in Juárez. Es heißt, Marilyn Monroe habe hier eine Lokalrunde geschmissen, um ihre Scheidung von Arthur Miller zu feiern. Andere sprechen von Elizabeth Taylor gegen Eddie Fisher. Wie auch immer. Verbürgt ist, dass Liz Taylor mit Ehemann und Saufkumpan Richard Burton hier abhängte, Bob Dylan auf der Suche nach Inspiration war und Ronald Reagan nach Abkühlung von der mexikanischen Hitze. Angeblich wurde auch die Margaritha in dieser Lokalität erfunden. Kurzum: Der Kentucky Club war ein Ort, an dem man gerne war. Bis die Drogenkartelle kamen. Und Juárez zu einer der tödlichsten Städte Mexikos wurde. In Sichtweite: das texanische El Paso, Ort der Ruhe und – Bigotterie.
2012 wurde in der „Welt“ über die groteske Verschiedenheit der Nachbarorte, die nur durch eine Grenzbrücke getrennt sind, geschrieben:
„Der Krieg diverser Gangs und Drogenkartelle hat aus Juárez eine der gefährlichsten Städte der Welt gemacht. In El Paso herrscht Ruhe und ein fast gespenstischer Wohlstand. Es ist eine der sichersten Städte der USA.“
Die Grenze: sie ist auch in sieben Erzählungen, die der amerikanische Schriftsteller Benjamin Alire Sáenz unter dem Titel „Everything Begins and Ends at the Kentucky Club“ zusammenstellte, immer präsent. Das Buch erschien 2012 in einem kleinen Verlag in El Paso, blieb zunächst kaum beachtet, bis der Erzählband 2013 den renommierten Pen/Faulkner Book Award erhielt. Seit 2014 liegt er in deutscher Übersetzung vor.
Das Gefälle zwischen reich und arm
Die Geschichten vom Leben an der amerikanischen-mexikanischen Grenze, das Gefälle von Reichtum und Armut, die Spirale aus Drogenkriminalität, Gewalt und dem Auswanderungswunsch jener, die sich befreien wollen aus den Krakenarmen der Kartelle, diese Geschichten treffen in das amerikanische Herz und in den mexikanischen Geist. Denn die Kehrseite der Medaille ist die Gewalt an Immigranten – so „markieren“ einige US-Boy einen jungen Mexikaner mit dem Messer -, der aggressive Versuch, sich abzuschotten, der Flucht in die Sucht, die Bigotterie auf der einen Seite der Grenze. Alire Sáenz erzählt von Paaren, die damit rechnen müssen, dass der, der auf der „falschen“ Seite lebt, eines Tages spurlos verschwindet.
Er erzählt von Jungen, die ihren Vätern nachtrauern – Dealern, die selbst in die Abhängigkeit verschwinden, Rednecks voller Homophobie, Männern, die eines Tages einfach nicht mehr da sind. Die Gewalt beschreibt Alire Sáenz dabei nicht explizit. Vielmehr sind dies beinahe zurückgenommene, stille Erzählungen. Einzelschicksale, die den Zustand einer zerrissenen Gesellschaft widerspiegeln. Grenzgänger, verloren zwischen zwei Welten, ohne große Perspektiven, ohne Hoffnung. Wenn, dann tritt die Gewalt als Reflektion über die Gewalt in das Buch:
„Dann lösten sich meine Gedanken von der Unterhaltung und ich fragte mich, wie es wäre, jemanden eine Knarre an den Kopf zu halten, jemanden zu entführen, einen Menschen zu foltern. Wie es wäre, jemanden die Hände abzuhacken? Ich wusste, dass es eine Mailingliste für die Zählung der Toten gab, weil ich diese Mailingliste abonniert hatte. Das Problem war, dass die Toten keine Namen hatten. Manchmal dachte ich mir Namen für sie aus.
Ich hatte eine ganze Liste mit diesen Namen.
Das alles, dachte ich, das alles kam durch Männer wie meinen Vater.“
Es sind leise, beinahe schon melancholische Geschichten, geprägt von einer stillen Trauer. Und über diese sowie über die Einsamkeit tröstet sich mancher im Kentucky Club hinweg – die Bar spielt keine Hauptrolle, ist aber Anlaufpunkt in jeder der einzelnen Geschichten.
William Saroyan: Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich
Der Titel dieses 2017 bei dtv erschienenen Erzählbandes verspricht nicht zu viel: In der Tat ist William Saroyan (1908 – 1981), im Gegensatz zu Hemingway, an dem er sich auch in seinen Texten immer wieder ironisch reibt, ein freundlicher, ein menschenfreundlicher Autor. Er erzählt von Ausreißern, Trinkern, Arbeitslosen und Underdogs, tummelt sich in Bars, Billardhallen und auf der Straße. Nicht gerade von der Sonnenseite des Lebens also. Und doch vermag Saroyan seinen Figuren hellen, warmen Glanz zu geben, ohne in das Klischee des „glücklichen Armen“ abzurutschen.
Es ist der Humor, der ganz besondere Witz und eine gute Portion Gelassenheit, die diese Stories prägen. Unendlich köstlich ist beispielsweise die Geschichte vom Pechvogel zu lesen, der beim Glücksspiel 2400 Dollar gewinnt, aus Freundlichkeit einer alten Lady Geld zustecken möchte, deswegen jedoch als Dieb bezeichnet wird und die ganze Aktion beinahe mit dem Leben bezahlt. In „Zweitausendvierhundert Dollar und ein paar Zerquetschte für Freundlichkeit“ fängt der ganze Ärger eben mit dieser Saroyan eingeschriebenen Menschenfreundlichkeit an:
„Er sagte, ganz egal, was man versucht, zum Beispiel freundlich sein, es hätte sowieso keinen Sinn, also könnte man genauso gut spielen. Er sagte: »Es gibt keinen einzigen Menschen auf der Welt, der das Spiel austricksen kann.« Er meinte nicht das Glücksspiel, er meinte das Leben.“
Das wilde Leben eines Vielschreibers
William Saroyan scheint das Tricksen besser gelungen zu sein, bis auf den letzten großen Coup. Kurz vor seinem Tod sagte er zu Journalisten: „Jeder muss sterben, aber ich habe immer geglaubt, in meinem Fall würde eine Ausnahme gemacht. Und was nun?“ Bis dahin führte der Schriftsteller armenischer Abstammung ein erfülltes, auch wildes Leben, einerseits geprägt von Eheskandalen und zu viel Alkohol, andererseits durch unermüdlichen Fleiß, wie Richard Kämmerlings von der Welt in seinem Nachwort zu dem Erzählband schreibt. Kämmerlings betont, wie sehr Sayoran auch literarisch seine Wurzeln als Kind eines armenischen Emigranten pflegt:
„An das Erbe seines Volkes hat Saroyan nicht nur aus Sentimentalität angeknüpft, sondern sicher auch, weil die armenischen Charaktere mit ihrem hintersinnigen, dem jüdischen verwandten Humor, ihrer Erzählfreude und ihrer sophistischen Lebensphilosophie das ideale Medium für sein künstlerisches Projekt waren: Die Zumutungen des Alltags und die Schläge des Schicksals durch ihre Verwandlung in Literatur erträglich zu machen und sogar zu einer quasireligiösen Rechtfertigung des Daseins zu veredeln.“
Das alles kann man auch auf eine einfache Formel bringen: „Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich.“
George Saunders: Zehnter Dezember
„Wenn man Geschichte studierte, Kulturgeschichte, dann kam einem die eigene Epoche kleinlich vor. Es gab verschiedene Theorien der Einwilligung. In biblischen Zeiten konnte ein König über ein Feld reiten und sagen: Die da. Und dann wurde sie zu ihm gebracht. Und sie wurden ordentlich vermählt, und wenn sie einem Sohn das Leben schenkte, super, holt die Wimpel raus, die behalt ich. Ob sie in jener ersten Nacht drauf stand? Wahrscheinlich nicht. Ob sie zitterte wie Espenlaub? Egal.“
Aus: „Sprung zum Sieg“
Unschlüssig, unschlüssig, unschlüssig. „Zehnter Dezember“ von George Saunders wurde mit Lorbeeren überkränzt. 2013 in den USA erschienen, rief es das New York Magazine zum Buch des Jahres auf, nannte Saunders „einen Autor, der schreibt wie ein Heiliger“. Der Amerikaner, 1958 geboren, nach mehreren anderen Jobs wie viele seiner Zunft in den USA über das Literaturstudium zum Autoren geworden, macht nun mit diesem Erzählband auch hierzulande Furore.
Unheilige Geschichten, tiefschwarz und dystopisch
Zehn unheilige Geschichten, selig machen sie nicht.
Dies in doppelter Hinsicht: Saunders malt die eigene und die kommende Epoche nicht kleinlich, sondern schwarz. Tiefschwarz. Die zehn Erzählungen sind in den USA der nahen Zukunft angesiedelt, dystopisch könnte man sie nennen. Da werden Menschen medikamentösen-chemischen Experimenten unterworfen, die sie zu Sexgier und Mordlust treiben. Frauen aus Dritt-Welt-Ländern hängen als Dekosklavinnen in Gärten, wie missbrauchte Blumenblüten. Funcenter, Freizeitparks, in denen Mittelalter nachgelebt wird – bis hin zum Raubrittertum des Besitzers, der Angestellte versklavt und vergewaltigt. Von wegen fortgeschrittene Praxis der Einwilligung.
Daneben aus der amerikanischen Gegenwart Bekanntes und Vertrautes: Traumatisierte Kriegsveteranen, McDonald`s und Butterfinger, Luxusautos und Schrottwagen, Luxusimmobilien und Enteignungen im Vorstadt-Ghetto. Saunders zeichnet ein düsteres Bild von der Lage seiner Nation, von der Weiterentwicklung seines Landes: Konsumversessen, konsumabhängig lassen die Menschen sich scheinbar willenlos steuern. Bis zu ihrem Niedergang. Ein Vater, der sich ruiniert, um den Kindern genau das bieten zu können, was die Nachbarn haben. Ein Sohn, der sich demütigen lässt im Ritterkostüm, um die Eltern – krank, aber ohne Versicherung – über die Runden zu bringen. Eine Alte, die nach 15 Jahren vor die Türe gesetzt wird.
Stories über ein verunsichertes Land
Wenig Hoffnung kommt da auf, vor allem beim Blick in die Zukunft – die Menschen instrumentalisiert, entwürdigt, Menschenrechte ein Relikt aus der Vergangenheit. Dass Saunders damit in das Herzen einer bestimmten amerikanischen Leserschaft oder auch den Zeitgeist trifft, verwundert nicht. Die Zweiklassengesellschaft driftet brutal auseinander, anhaltende Kriegseinsätze, der fragwürdige Umgang mit Kriegsgefangenen, der fragwürdige Umgang mit den inneren Bürgerrechten, NSA und Überwachung, und so weiter und so fort: All das wirft die Frage auf, wohin das Land steuert. Und Saunders greift diese Themen auf, packt in seine Geschichten diese Ängste und Verunsicherungen. Deutlich wird dies insbesondere dort, wo er die Klassen aufeinanderprallen lässt – beispielsweise in „Welpe“, als eine begüterte, behütende Mutter in einem White-Trash-Haushalt landet, um für ihre Kids einen Hund zu besorgen. Es endet tragisch – nicht für jene, die das Geld haben. Oder in „Die Semplica-Girl-Tagebücher“, dem Bericht eines Vaters, der nur das Beste will – was in dieser Welt immer auch das Teuerste ist.
Trotz der Schwarzmalerei: Saunders setzt auf den Menschen, den einzelnen Menschen, der Hero wird für eine Stunde, einen Tag. Den pummeligen Jungen, der einen Selbstmörder rettet. Den Nachbarsjungen, der eine Vergewaltigung oder Schlimmeres verhindert. Den Kollegen, der Unrecht nicht hinnehmen will. Wenn diese Erzählungen eine geheime Botschaft ausstrahlen, dann diese – dass manche inneren Werte, manche Vorstellungen von „Recht/Unrecht Gut/Böse“ nicht auszumerzen sind.
Stil zu manieristisch
Allein seligmachend ist dies jedoch nicht. Unschlüssigkeit rief/ruft beim mir die Sprache/Stil hervor. Wer sich hier über den gehäuften Einsatz von „/“ in den letzten Zeilen/Sätzen wundert – eine der stilistischen Eigenheiten des Mr. Saunders. Ein Rezensent bemerkte, der letzte Erzählband des Amerikaners sei so postmodern gewesen, dass er wiederum beinahe unlesbar sei. Deshalb sei man beinahe glücklich, nun „Zehnter Dezember“ in den Händen zu halten. Eine Qualitätsaussage ist dies für mich nicht. Der „////“-„Tick“ – und hier stimme ich mit Günter Keil überein – ist ein Merkmal einer „allzu lässigen, um Unkonventionalität bemühten Prosa“. Maren Wulf schreibt: „Mal ist der Ton knapp, beinahe schon karg, ein anderes Mal von unbändiger Lust am Fabulieren gekennzeichnet. Immer wieder umgangssprachlich, aber nicht flach. Temporeich.“ D`accord. Damit schon. Aber leider: Angereichert durch zu viele Manierismen.
„Greenway-Mädel: Quasi zauberhaft hier.
Drinnen Leslie Torrini zu Besuch (!). Das = Hammer. Leslie war noch nie solo hier. Sagt, ihr gefällt, dass unsere SGs nah am Teich hängen und sich drin spiegeln. Ruft zu Hause an und sagt, sie will Teich haben. Leslies Mutter nennt Leslie verwöhntes Balg und sagt, kein Teich. Das = großer Treffer für Lilly.“
Das = Beispiel für sprachlichen Manierismus. Leserin sagt, muss nicht sein. Geschichtenimmanente Verstörungsmomente stärker (!) ohne Ablenkung durch postmoderne Spielerei. Geschichten auch so gut oder Leserin verwöhntes Balg?

Joy Williams: Stories
„Dann, eines Nachmittags, kam Walter von der Arbeit in der Autowerkstatt nach Hause, und es schien, als wäre er aus einem seltsamen Schlaf erwacht. Sein Erwachen schien ihn nicht zu erschrecken. Seine kummervollen Tage und Nächte endeten mit einer Wucht, die nicht größer war als das Auflaufen eines Bootskiels am Ufer eines Flusses.“
Aus der Erzählung „Letzte Generation“
Es sind diese beinahe beiläufigen Bilder, sacht wie das Auflaufen eines Bootskiels, die Joy Williams zu einer Meisterin des Untergründigen machen. In den USA ist die 1944 in Chelmsford, eine Kleinstadt in Massachusetts geborene Schriftstellerin, lange schon eine literarische Referenz: Bewundernde Noten von Don DeLillo, Bret Easton Ellis, Lauren Groff und Raymond Carver sind auf der Rückseite der deutschen Buchausgabe ihrer „Stories“ zu lesen.
In ihrer Heimat vielfach ausgezeichnet, hierzulande bislang noch völlig unbeachtet: Zwei übersetzte Bände erschienen vor über drei Jahrzehnten, danach las man nichts mehr über die Erzählerin. Umso erfreulicher, dass der Band „Stories“, der 2023 herauskam, von der ganzen Bandbreite des Feuilletons besprochen wurde. Zu Recht: So grandios taucht kaum eine in das menschliche Herz der Finsternis ein. „Stories“ versammelt eine kluge Auswahl aus dem Werk von Joy Williams, sozusagen ein „best of“ von den 1970er-Jahren bis 2014, die die Bandbreite dieser Schriftstellerin zeigen.
Mit einer bissigen Lust an der Entlarvung ihrer Figuren
Mit kurzen, pointierten Sätzen nimmt sie ihren Figuren die Masken vom Gesicht, entlarvt sie mit einer gewissen bissigen Lust. Über Jack, einen egozentrischen forensischen Anthropologen, der sich bei einem Jagdunfall mit einem Pfeil durchs Auge selbst das Gehirn wegschießt, lässt sie dessen frustrierte Lebensgefährtin Miriam sagen:
„Aus der Reha kam er mit einem Gesicht nach Hause, das so ausdruckslos war wie ein glasierter Kuchen.“
Miriam begibt sich in der Erzählung „Kongress“ schließlich mit Jack und dessen Studenten Carl, dessen Besitzansprüche an den behinderten Forscher immer massiver werden, auf einen Roadtrip, beginnt mit einer Lampe mit Tierfüßen zu sprechen und übernimmt am Ende die Stelle eines Präparators in einem Naturkundemuseum mitten in der Pampa. Frank Schäfer kritisierte in seiner Rezension in der „taz“ diese Story als einzige, die zu sehr in eine Traumlogik abgleite, andere erkennen in solchen Erzählungen die Nähe zu George Saunders.
„Auch Williams betrachtet die Realität so lange, bis sie einem irgendwann ganz fremd erscheint“, meint Frank Schäfer. „Kongress“ aber zeigt in meinen Augen: Ebenso beherrscht Williams die Kunst, das Irreale ganz normal, ganz real erscheinen zu lassen. Warum nicht öfter mit einer Lampe sprechen?
Ein Abbild amerikanischer Tristesse
Tatsächlich fällt „Kongress“ unter den insgesamt 13 Erzählungen in „Stories“ etwas aus dem Rahmen. Gemeinsam haben sie jedoch alle eines: Sie sind Skizzen dieser speziellen amerikanischen Tristesse, die man auch aus Werken anderer US-Schriftsteller – neben Williams‘ Studienkollegen Raymond Carver sowie Lucia Berlin wären da auch die etwas älteren Richard Yates und John Cheever zu nennen – kennengelernt hat.
Doch neben der Genauigkeit des Beobachtens und der feinen Zeichnung ihrer Figuren (meist Verzweifelte, Abgehängte, Ausgebrannte), der Kunst der feinen psychologischen Skizzierung, die Charaktere in wenigen Bildern greifbar macht und untergründigen Melancholie, die diese Autor*innen gemeinsam haben, sind die Stories von Joy Williams in einem Wesenszug einzigartig: Sie verströmen eine Aura des Unheimlichen, Abgründigen, die einen immer wieder erschauern lässt. Es wundert nicht, dass Bret Easton Ellis „der Mut fehlt, die Geschichten ein zweites Mal zu lesen“.
In „Liebe“ erblickt ein kleines Mädchen bei einer winterlichen Autofahrt einen „Schneeschuhhasen“:
„Der Hase ist prächtig! Und so schnell! Er gleitet um unsichtbare Hindernisse, wie ein Wesen aus einem freundlichen Traum, fliegt über den Graben, die Pfoten wie Paddel, leicht gelblich, von der Farbe rohen Holzes.“
Sekunden später ist der Hase tot und „stürzt, wie eine Kugel, Pfoten und Kopf eng an den Körper gepresst.“
Immer nah am Kipppunkt zur Tragödie
Urplötzlich kommt in diesen Erzählungen der Kipppunkt, in denen die Normalität zur großen Tragödie wird. Oder zumindest schleicht sich die Ahnung ein, dass das Ganze böse enden könnte, sei es nun in „Lu-Lu“, als eine junge Frau die Boa Constrictor ihrer alten Nachbarn entführt oder in der Erzählung „Rost“: Der weitaus ältere Ehemann von Lucy, Dwight, entflammt für einen rostigen Ford Thunderbird, dem keine Autowerkstatt noch eine Chance gibt. Schließlich landet das Auto im Wohnzimmer und das ungleiche Paar im Auto, aus der Fensterscheibe starrend. Das unspektakuläre Ende ist ganz groß. Man kann nur das Schlimmste fürchten:
„Ein leichter Regen fiel, ein warmer Frühlingsregen. Während sie hinsah, fiel er rascher. Er war silbrig, doch je rascher er fiel, desto weniger wirkte er wie Regen, und sie konnte es fast klirren hören, als er auf die Straße traf.“
John Fante: «Voll im Leben» in «Little Italy»
Mit dem ersten Kind steht er plötzlich „voll im Leben“: John Fante, endlich wiederentdeckt, mit einem tragisch-komischen Erzählstück seiner Biographie.
Ein Leben wie ein Roman – Jack London folgt dem Ruf der Wildnis
Die Abenteuer, über die Jack London schrieb, kannte er aus eigenem Erleben. Ob Goldschürfer oder Robbenjäger- Jack London hatte alles selbst mitgemacht.
Tadeusz Borowski überlebt Auschwitz nur wenige Jahre
1943 wird der Dichter Borowski verhaftet. Er wird Häftling Nummer 119 198 in Auschwitz. Die Bilder aus dem Lager wird er nie wieder los.
Bibliographische Angaben:
Lucia Berlin
Was ich sonst noch verpasst habe
Übersetzt von Antje Rávic Strubel
dtv Verlag, 2017
ISBN: 978-3-423-14586-2
Lawrence Block (Hrsg.)
Nighthawks
Stories nach Gemälden von Edward Hopper
Übersetzt von Frauke Czwikla
Droemer Knaur, 2017
Kathleen Collins
Nur einmal
Übersetzt von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg
Kampa Verlag, 2018
ISBN: 978 3 311 10002 7
Zelda Fitzgerald
Himbeeren mit Sahne im Ritz
Übersetzt von Eva Bonné
Manesse Verlag, 2016
ISBN: 978-3-7175-2400-7
Kristen Roupenian
Cat Person
Übersetzt von Nella Belljan, Friederike Schilbach
Blumenbar Verlag, 2019
ISBN 978-3-351-05057-3
Donald Ray Pollock
Knockemstiff
Übersetzt von Peter Torberg
Liebeskind, 2013
ISBN: 978-3-95438-014-5
Benjamin Alire Sáenz
Alles beginnt und endet im Kentucky Club
Übersetzt von Sabine Hedinger
Verlag Rippberger & Kremers, 2014
ISBN: 978-3-943999-15
William Saroyan
Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich
Übersetzt von Nikolaus Stingl
dtv Verlag, 2019
ISBN: 978-3-423-14705-7
George Saunders
Zehnter Dezember
Übersetzt von Frank Heibert
Luchterhand Verlag, 2014
ISBN: 978-3-442-71845-0
Joy Williams
Stories
Übersetzt von Brigitte Jakobeit und Melanie Walz
Dtv Verlag, 2023
ISBN: 978-3-423-28321-2
