Mark Twain – der witzelnde Weltenbummler

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Die einen bezeichnen ihn als ersten „Rockstar“ der Literatur, der vor allem mit seinen von Esprit sprühenden Vorträgen Furore machten. Die anderen zählen ihn schlicht und einfach nicht zu Literaten ersten Ranges. Dabei hatte Mark Twain (1835 – 1910) schon zu Lebzeiten einen Kultstatus inne. Seine berühmtesten Bücher über die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn wurden zu Bestsellern – und sind heute aus vielen amerikanischen Bibliotheken verbannt. Was auch etwas besagt: Denn Mark Twain war und ist auch deswegen so populär, weil er mit spitzer Feder, Witz und Humor gegen Rassismus, Imperialismus und andere Ungerechtigkeiten der Welt zu Felde zog.

Obwohl er auch als Chronist der Südstaaten gilt, war Mark Twain sein Leben lang eher an der Ostküste der Vereinigten Staaten beheimatet – oder auf Reisen. Viele Jahre verbrachte er dabei in Europa. Doch zunächst zog des jungen Autor nach Hawaii…


Als Mark Twain zu den Sandwich-Inseln reisen darf, ist er bei weitem noch kein etablierter Autor. 1866 wird Samuel Langhorne Clemens im Auftrag der Tageszeitung “Sacramento Daily Union” mit dem Dampfschiff auf Reportage entsandt. Der junge Reporter, geboren 1835 in Florida, soll vor allem über die Zuckerrohrindustrie auf den Sandwich-Inseln berichten.

Auch wenn der junge Journalist alles andere als die bestellten Auftragsarbeiten ablieferte – sowohl für ihn als auch für die Herausgeber des „Sacramento Daily“ wurde die Reise zum Glücksfall. Aus den geplanten vier Wochen wurden vier Monate, aus den journalistischen Berichten wurden lebendige Reportagen, kleine Erzählungen und vor allem Humoresken über das Inselleben. Und aus dem Zeitungsmann Samuel Langhorne Clemens wurde durch den Erfolg dieser Briefe und der anschließenden Vortragsreisen der berühmte „Mark Twain“.

Die Reiseberichte lesen sich auch heute noch so frisch, lebendig und widerborstig wie andere „Reisebücher“ aus der Feder dieses großen amerikanischen Schriftstellers, sei er mit den Arglosen im Ausland unterwegs oder auf einem „Bummel durch Europa“. Bis die Reportagen, die den Grundstein zu Mark Twains Erfolg bildeten, jedoch komplett in Buchform erschienen, sollte es dauern. Er selbst verwertete zu Lebzeiten nur Teile daraus in anderen Büchern. In deutscher Übersetzung durch Alexander Pechmann – der der Ausgabe auch ein lesenswertes Nachwort mit einer Fülle weiterer Informationen angefügt hat – wurden die vollständigen Briefe aus Hawaii erst 2010 veröffentlicht, 100 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers.

Die „Post aus Hawaii“ lässt schon die typischen Züge des späteren Schriftstellerstars erkennen: Die Briefe sind humorvoll bis bissig, ab und an gehen ihm die fiktiven Gäule durch, sie zeugen zugleich aber auch von seinem journalistischen Spürsinn und seiner genauen Beobachtungsgabe. Was das Werk von späteren unterscheidet: Mark Twain schlägt deutlich patriotische Töne an, Hawaii wird vor allem aus dem Blickwinkel betrachtet, inwieweit die Insel und ihre Nachbarn nützlich für Amerika sein könnten.

Als Twain auf die Sandwich-Inseln kommt, waren diese bereits mehrfach wegen ihrer geographischen Lage und ihrer Naturschätze zum Objekt der Begierde geworden: James Cook gab der Inselkette zu Ehren von Lord Sandwich ihren Namen, dann annektierten die Russen, die Engländer und die Franzosen in abwechselnder Reihenfolge die Inseln, die seit 1810 durch die gewaltsame Eroberung von Kamehameha I. als Königreich geführt wurde. Die Monarchie überlebte den Besuch Twains nur wenige Jahre. Und auch die nachfolgende Republik war nur von kurzer Dauer: 1898 wurde Hawaii von den Amerikanern annektiert und ist seit 1959 der 50. Staat der Vereinigten Staaten.

Die großen Nachbarn hatten schon immer ein lebhaftes Interesse an den Inseln – und dieses sollte auch über die Zeitungsberichte Mark Twains beim Publikum geschürt werden. Immerhin ging es auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. So schreibt Mark Twain im April 1866 an seine Leser:

„Der Walfang des nördlichen Pazifiks – der keineswegs unbedeutend ist – hat sein Zentrum in Honolulu. (…) Die Handelskammer von San Francisco wäre gut beraten, wenn sie sich bemühte, das Geschäft mit dem Walfang nach Kalifornien zu holen. Honolulu rüstet dieses Jahr die Mehrheit von sechsundneunzig Walfängern aus und erhält dafür eine ziemlich große Geldsumme.“

„America first“: Und doch kann man Herrn Twain für diese jungenhafte patriotische Haltung nicht allzu böse sein, bringt er einen doch überwiegend mit seiner Südsee-Post zum Schmunzeln und zum Lachen. Neugierig, respektlos, intelligent: So berichtete Mark Twain über das Leben und die Sitten auf den Inseln. Keiner ist vor ihm sicher: Er karikiert das Gehabe der Missionare, die naive bis morbide Wissbegier der Touristen, nimmt Eingewanderte und Einheimische aufs Korn und amüsiert sich insbesondere über die örtliche Politik.

„Wenn man in Honolulu mit einem Fremden ins Gespräch kommt und den natürlichen Wunsch verspürt, herauszufinden, auf welchem Terrain man sich bewegt und welche Art von Mensch der andere ist, dann spricht man ihn am besten zunächst mit „Kapitän“ an. Man beobachte ihn genau, und wenn man an seinem Gesichtsausdruck erkennt, dass man auf der falschen Spur ist, frage man ihn, wo er predigt. Es ist so gut wie sicher, dass er entweder Missionar oder Kapitän auf einem Walfänger ist.“


1867 unternahm der inzwischen etablierte Autor eine mehrmonatige Schiffsreise durch Europa und den Nahen Osten. „Die Arglosen im Ausland“, das 1869 erscheint, ist sein erstes Reisebuch – und gilt auch als erste literarisch-journalistische Kritik am Pauschaltourismus. Die zweite Europareise erfolgt rund elf Jahre später und mündet in „A tramp abroad“, in deutscher Übersetzung „Bummel durch Europa“. 1878 und 1879 bummelte Mark Twain mit einem stattlichen Tross an Familie und Freunden im Anhang durch den alten Kontinent. Soll heißen: Vor allem durch Süddeutschland, die Schweiz, Italien und Frankreich. Der deutsche Norden wurde nur kurz gestreift, Skandinavien fand er auf seiner Landkarte wohl noch nicht, Südosteuropa war gerade in Urlaub und die iberische Halbinsel hatte keine Zeit.

„A Tramp Abroad“ erschien 1880. Und Mark Twains Landsleute erfuhren dadurch von allerhand Merkwürdigkeiten, Sitten und Gebräuchen. Am allermeisten jedoch beschäftigten den Schriftsteller die alten Sagen – herrliche Vorlagen, um fact und fiction zu vermengen, kleine Lügenmärchen zu spinnen und assoziativ abzuschweifen. „Bummel durch Europa“ ist sowieso das Buch eines passionierten Spaziergängers, der seinen Beinen und Gedanken freien Lauf lässt. Zumindest stützte er sich auf eine seriöse Quelle: „Rheinsagen von Basel bis Rotterdam“ von F. J. Kiefer (ein Buch, das es tatsächlich gab, ungelogen). Vielleicht lag es aber auch an „Die schreckliche deutsche Sprache“, dass Mark Twain so manche geschichtliche Fakten durcheinanderwirbelte – der herrliche Sprachaufsatz ist dem „Bummel durch Europa“ angehängt:

„Ich ging oft ins Heidelberger Schloß, um mir das Raritätenkabinett anzusehen, und eines Tages überraschte ich den Leiter mit meinem Deutsch, und zwar redete ich ausschließlich in dieser Sprache. Er zeigte großes Interesse; und nachdem ich eine Weile geredet hatte, sagte er, mein Deutsch sei sehr selten, möglicherweise einzigartig; er wolle es in sein Museum aufnehmen.“


Noch mehr tramps abroad:

Thomas Wolfe: Eine Deutschlandreise

Thomas Wolfe fühlte sich von Deutschland magisch angezogen. Die Berichte seiner sechs Reisen zwischen 1926 und 1936 gleichen den Forschungen eines Ethnologen in einem fremden Land.


In Heidelberg und Baden hielt sich Mark Twain länger auf – und hatte neben Ironie und Spott vor allem wohlwollende Worte für Stadt, Land und Leute übrig:

„Das Schloß blickt auf die dichtgedrängte, braungedachte Stadt hinunter; und von der Stadt aus überspannen zwei malerische alte Brücken den Fluß. Nun weitet sich der Blick; durch das Tor der Schildwache stehenden Vorgebirge schaute man auf die weite Rheinebene hinaus, die sich sanft und vielfarbig ausbreitet, allmählich und traumhaft verschwindet und schließlich im fernen Horizont verschmilzt. Ich habe mich noch nie einer Aussicht erfreut, die solch einen heiteren und befriedigenden Zauber gewährte wie diese.“

So erheitert, kann sich Mark Twain auch den eigenartigen Sitten des Studentenlebens widmen. Er schreibt mit spürbar irritierter Faszination (oder faszinierter Irritation) über die Verbindungen, deren Duellgebräuche und den berühmten Studentenkarzer, der heute noch besichtigt werden kann.

„Die Decke war vollkommen mit Namen, Daten und Monogrammen bedeckt, die man mit Kerzenrauch daruntergeschrieben hatte. Die Wände waren dicht mit Zeichnungen und Porträts (im Profil) bedeckt, von denen einige mit Tinte, andere mit Ruß, andere mit Bleistift und wieder andere mit roter, blauer oder grüner Kreide angefertigt worden waren; und überall dahin, wo zwischen den Bildern ein Daumenbreit Platz freigeblieben war, hatten die Häftlinge Klageverse oder Namen und Daten geschrieben. Ich glaube nicht, daß ich jemals in einem sorgfältiger ausgemalten Zimmer gewesen bin.“

Doch besuchte Mark Twain nicht nur Duelle und das Heidelberger Schloß, sondern widmete sich auch richtiger, ernsthafter Kultur: Mehrmals besuchte er das Nationaltheater in Mannheim. Mit wenig Freude:

„An einem Tag fuhren wir nach Mannheim und hörten uns eine Katzenmusik, will sagen: eine Oper an, und zwar jene, die „Lohengrin“ heißt. Das Knallen und Krachen und Dröhnen und Schmettern war unglaublich. Die mitleidlose Quälerei hat ihren Platz in meiner Erinnerung gleich neben der Erinnerung an die Zeit, da ich mir meine Zähne in Ordnung bringen ließ.“

Berühmt sind seine Aussagen über Wagner-Opern, die er später, bei einem weiteren Europaufenthalt traf: Nichts könne eine Wagner-Oper besser machen als das Weglassen der Gesangsstimmen urteilte er bissig, nachdem er 1891 die Festspiele in Bayreuth besucht hatte.


 Doch zeigen die Aufzeichnungen von seinen Reisen vor allem auch, wie vielseitig interessiert dieser Künstler war. Und das schlug sich selbstverständlich in seinem Werk nieder. In der letzten Veröffentlichung während seines Lebens widmete Mark Twain sich einem ganz anderen, für ihn ungewöhnlichen Thema: „Is Shakespeare dead?“ fragte er ein Jahr vor seinem eigenen Tod.

Er war natürlich nicht der erste, der sich mit Shakespeares Identität auseinandersetzte, aber kaum einer tat es so vergnüglich wie Mark Twain.

„Im Wir-nehmen-an-Handel machen drei separate und voneinander unabhängige Kulte miteinander Geschäfte. Zwei dieser Kulte sind unter den Namen Shakespearianer und Baconisten bekannt, und ich bin der dritte – der Brontosaurier. Der Shakespearianer weiß, dass Shakespeare der Verfasser von Shakespeares Werken ist. Der Baconist weiß, dass Francis Bacon ihr Verfasser ist; der Brontosaurier weiß nicht so genau, wer von beiden sie geschrieben hat, ist aber recht entspannt und zufrieden der festen Überzeugung, dass Shakespeare es nicht war, und er hegt die starke Vermutung, dass Bacon es war.“

Ganz so entspannt bleibt der alte Mark Twain – beim Verfassen des Textes immerhin schon 73 Jahre alt – jedoch im Verlaufe des Büchleins nicht. Die hauptsächliche These, auf die er sich als Beinahe-Baconist stürzt: Die Shakespeare-Dramen zeugen von einem profunden juristischen Wissen, das sich ein ungebildeter Geldmensch aus einem Kaff namens Stratford niemals habe aneignen können. Francis Bacon dagegen war, so Mark Twain, ein Universalgenie mit klassischer Bildung, ein strahlender Stern am Horizont. Sicher ist es zwar in seinen Augen nicht, dass Bacon Shakespeare war – aber so gut wie unmöglich, dass eben jener Shakespeare Shakespeare war.

„Es hat nur einen Shakespeare gegeben. Zwei kann es nicht gegeben haben; schon gar nicht zwei zur selben Zeit. Es braucht Ewigkeiten, einen Shakespeare hervorzubringen, und weitere Ewigkeiten für einen, der ihm ebenbürtig ist. Diesem war niemand vor seiner Zeit ebenbürtig; und niemand in seiner Zeit; und niemand seither. Die Aussichten, jemand könnte ihm in unseren Zeiten ebenbürtig sein, sind nicht gerade rosig.“

Neue Erkenntnisse in Sachen Shakespeare-Detektei birgt dieser Text von Mark Twain dem Leser nicht. Auch war der Satiriker schon in besserer Form: Es gibt unterhaltsamere und bissigere Texte von ihm. Aber dennoch: Mark Twain ist Mark Twain, gerade auch wenn er über einen Shakespeare schreibt, der nicht Shakespeare war. Und so ist der schmale Band eine vergnügliche Lesestunden-Fußnote für alle Shakespeare-Fans und oder eben Liebhaber jenes Dramatikers, der wer auch immer war …

Als Mark Twain 1910 in Connecticut verstarb, war er ein anerkannter Schriftsteller, aber hatte auch einige Schicksalsschläge zu verarbeiten gehabt, sowohl finanzieller Natur durch die Pleite seines Verlags und einer Druckerei, vor allem aber den Tod seiner Ehefrau Olivia und seiner Tochter Jean. Mit wieviel Würde er dies verarbeitete, das zeigt „Meine geheime Autobiografie“, die, so hatte es der Schriftsteller selbst verfügt, erst 100 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden durfte. Der Erfolg – sie wurde über eine halbe Million Mal allein in den USA verkauft – zeigt, welchen Stellenwert der amerikanische Autor und Satiriker bis heute innehat.

„Mir schien, ich könnte so frank und frei und schamlos wie ein Liebesbrief sein, wenn ich wüsste, dass das, was ich schreibe, niemand zu Gesicht bekommt, bis ich tot und nichtsahnend und gleichgültig bin.“


Post aus Hawaii
Übersetzt von Alexander Pechmann
mare verlag, 2010
ISBN: 978-3-86648-130-5

Ist Shakespeare tot?
Übersetzt von Nikolaus Hansen
Piper Verlag, 2016
EAN 978-3-492-97407-3

Meine geheime Autobiographie
Übersetzt von Hans-Christian Oeser und Andreas Mahler
Aufbau Verlage, 2012
ISBN: 978-3-351-03513-6