
Dass Nathaniel Hawthorne am amerikanischen Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli, zur Welt kam, hat durchaus Symbolkraft: Er ist Begründer einer eigenen, amerikanischen Literatur mit ihren ganz eigenen, amerikanischen Mythen. Hawthornes Bücher sind eine Losschreibung – eine Auseinandersetzung mit der engen puritanischen Welt, die seine Vorväter in Neuengland begründeten, eine Auseinandersetzung mit den rigiden Moralvorstellungen und den engen gedanklichen Zirkeln, in denen sich die Vorväter der Neuen Welt bewegten.
Hawthorne (1804 – 1864) wird in Salem geboren, jener Stadt, die durch ihre Hexenprozesse 1692 berühmt-berüchtigt wurde, sein Ururgroßvater war einer der Richter. Auch das ein Grund, warum sich der Schriftsteller immer wieder mit der starren Welt der Puritaner beschäftigte. Berühmtestes Beispiel dafür: Sein Roman „Der scharlachrote Buchstabe“, mit dem er seinen eigentlichen Durchbruch als Schriftsteller hatte.
Dieser und „Das Haus mit den sieben Giebeln“, das hier noch ausführlicher vorgestellt wird, sind die beiden Monolithe seines Werks, das aber ebenso eine umfangreiche Sammlung von Erzählungen und autobiographischen Texten umfasst. Hawthorne, der neben Edgar Allan Poe und Herman Melville der düsteren amerikanischen Romantik zugerechnet wird, zeigte in seinem Schreiben zwei Seiten: Während viele seiner Stories Gruselelemente bergen und von den dunklen Aspekten des Lebens handeln, ist er in den Erzählungen von seinem Leben im „alten Pfarrhaus“ oder im „kleinen Paradies der Dinge“ heiterer, optimistisch und von der philosophischen Schule der Transzendentalisten, der er angehörte, geprägt.
Paul Auster über den berühmten Vorgänger
„…und es gibt verschiedene andere Hawthornes, die uns ebenfalls überliefert sind: Hawthorne, der Allegoriker, Hawthorne, der hochromantische Fabeldichter, Hawthorne, der Chronist des kolonialen New England des 17. Jahrhundert, und, am bemerkenswertesten, Hawthorne, wie er von Borges neu interpretiert wurde – als Vorläufer Kafkas. Hawthornes Literatur kann mit Gewinn aus jedem dieser Blickwinkel gelesen werden, doch gibt es noch einen weiteren Hawthorne, der mehr oder weniger wegen der Vielzahl seiner anderen Verdienste vergessen und vernachlässigt wurde: der private Hawthorne, der Anekdoten und impulsive Einfälle hinkritzelte, der Arbeiter der Ideen, der Meteorologe und Landschaftsbeschreiber, der Reisende, der Briefautor, der Historiker des alltäglichen Lebens„, schrieb Paul Auster in „The American Notebooks“.

Sophia und Nathaniel Hawthorne schwelgen im Paradies der kleinen Dinge
„Wie glücklich Adam und Eva waren! Niemand drängte sich zwischen sie, und all die Unendlichkeit, die sie umgab, diente nur dazu, ihre Herzen enger aneinander zu binden. Wir lieben einander ebenso sehr wie sie, doch für uns gibt es keinen stillen und lieblichen Garten Eden. Meine Liebste, willst du mit mir fortsegeln, um irgendeine Sommerinsel zu entdecken? – Glaubst du nicht auch, dass Gott seit Anbeginn der Zeit eine für uns reserviert hat?“
Nathaniel Hawthorne an Sophia Peabody. Boston, 21. April 1840
So heiter wie in den Briefen an seine Ehefrau, die Malerin Sophia Peabody, die wie Hawthorne dem Kreis der Transzendentalisten angehörte, kennt man den Schriftsteller aus seinen Romanen beileibe nicht. 1842 heiraten die beiden und finden ihren „Garten Eden“. Das Paar bezog unmittelbar nach seiner Hochzeit im Juli ein altes Pfarrhaus – „The Old Manse“ in Massachusetts, das auch heute noch als Museum zu besichtigen ist. Ihr Zusammenleben halten sie in einem gemeinsamen Tagebuch, „The Common Journal”, fest, das sich bis zum November 1843 erstreckt. Unter dem Titel „Das Paradies der kleinen Dinge“ erschienen diese Briefe 2014 in deutscher Übersetzung durch Alexander Pechmann und mit einem Vorwort von Peter Handke, der bei Hawthorne eine „geradezu elementare Reizbarkeit und Verdrießlichkeit“ diagnostiziert – die aber in diesen Briefen nur ganz, ganz selten aufschimmert.
Statt dunkler Literatur helle Liebesromantik
Beispielsweise wenn er über die monotonen Gräuselungen des Concord Rivers vor seiner Haustür reflektiert. Der nämlich ist, so lässt es ein Tagebucheintrag von Nathaniel Hawthorne vermuten, eine recht zähfließende Angelegenheit:
„Doch wenn ich den Fluss als Ganzes betrachte, finde ich nichts, was sich besser zum Vergleich eignet als einer dieser fast reglosen Würmer, die ich ausgrabe, um sie als Köder zu benutzen. Der Wurm ist träge, und ebenso der Fluss – der Fluss ist schwammig und ebenso der Wurm – man weiß kaum, ob sie lebendig oder tot sind, doch mit der Zeit gelingt es beiden trotzdem davonzukriechen.“
Statt dunkler Literatur-Romantik helle Liebes-Romanze. Es ist die „kleine Frau“, die Frieden seiner Seele bringt, die wilden Blumen zu zarten Gebinden ordnet und das karge Pfarrhaus wohnlich macht. Wäre nicht so viel echtes Gefühl aus diesen Zeilen zu lesen, was wiederum sehr anrührend wirkt – so wäre mancher Tagebucheintrag auch nahe am Kitsch. Oder von unfreiwilliger Komik, so Sophias Seelenerguss vom 9. Mai 1843:
„Liebster Gatte, du solltest nicht arbeiten müssen, vor allem nicht mit den Händen, & du hasst es zu Recht. Du bist ein Engel, der kam, die noch schlafende Natur & die Menschen zu beobachten, ohne dazu gezwungen zu sein, doch mit Fortpflanzung oder dem Wegräumen von alten Abfall abzumühen. Apollo inmitten seiner Herden hätte nicht so deplatziert aussehen können wie du mit Säge&Axt&Rechen.“
Hawthorne, der am Rande dem Kreis der Transzendentalisten angehörte, hatte schon zuvor Erfahrungen mit back-to-the-roots gemacht, als er für ein halbes Jahr auf der Brook Farm lebte, einem frühen Kommune-Projekt. Dass dem nicht sein Lebensstil war, wurde dem schüchternen Mann relativ schnell deutlich.
Emerson und Thoureau in der Nachbarschaft
Die Zweisamkeit, so vermittelt es auch das Tagebuch, lag dem Schriftsteller mehr. Allerdings war „The Old Manse“ kein unbedacht gewählter Ort. In unmittelbarer Nähe lebte Ralph Waldo Emerson, Margaret Fuller kam häufig vorbeispaziert und Henry David Thoureau wurde ein beliebter Gesprächspartner von Hawthorne. So ist das Tagebuch ein Fundus für alle, die an dieser literarischen Epoche interessiert sind. Peter Handke dazu:
„Ihrer beider Liebesgeschichte ist in zweifacher Hinsicht eine Dreiecksgeschichte, erst einmal im Dreieck mit der Natur, und dann im Dreieck mit den Menschen, mit den Verwandten, stärker wohl noch mit den Freunden, insbesondere Emerson und Thoreau, die zu dem einstigen Pfarrhaus auf Besuch kommen.“
Vor allem aber scheinen das Leben auf dem Lande und die Ehe mit Sophia, aus der drei Kinder hervorgehen, auf lange Sicht heilsam für Nathaniel, der bis zu seinem 30. Lebensjahr kaum Anerkennung für seine schriftstellerische Tätigkeit gefunden hatte, gewesen zu sein: Seine großen Romane, die ihn zu seiner Zeit berühmt machten, entstanden alle nach der Zeit in „The Old Manse“. Er fand und verstand, wo das Paradies verborgen sein könnte: In den kleinen Dingen.
Henry James: Lebensängste, überaus elegant verpackt
Vom charmanten Frühwerk bis zu den Romanen der letzten Jahre: Henry James ist ein Autor, der wie kein zweiter die leisesten Schwingungen der Seele erfasst.
Alles Gute ist wild und frei: Die Essays von Henry David Thoreau
Neben seinem Roman „Walden“ wurde Henry David Thoreau vor allem durch seine Essays bekannt – von der Pflicht zum Ungehorsam bis zum Leben ohne Grundsätze.
Mark Twain – der witzelnde Weltenbummler
Mark Twain sein Leben lang eher an der Ostküste der Vereinigten Staaten beheimatet – oder auf Reisen. Viele Jahre verbrachte er dabei in Europa.
The Old Manse – im alten Pfarrhaus, 1846
Von 1842 bis 1845 leben Nathaniel und Sophia Peabody „im Paradies der kleinen Dinge, dem alten Pfarrhaus von Concord, Massachusetts. Doch dann muss das Ehepaar das Haus verlassen, weil sich Mietschulden angehäuft haben. Dennoch wird der Schriftsteller sein Leben lang an diese Zeit als eine glückliche zurückdenken. 1846 erscheint ein Band mit Erzählungen („Mosses from an old Manse“), dem als Einleitung der Text „The Old Manse“ vorangestellt ist. Ein autobiographisches Essay, in dem sich Hawthorne nochmals an den Ort zurückversetzt, an dem er ein relativ sorgenfreies, befreites Leben führte.
Karl-Heinz Ott übersetzte den Text und schreibt in seinem Nachwort:
„So gelöst und entspannt wie dieser Text klingen seine Erzählungen nur selten, und die meisten von ihnen sind auch weit dunkler eingefärbt und ohne ein solches Leuchten, bei dem die Wolken am Himmel vor allem dazu dienen, dass die Konturen schärfer hervortreten und alles, was in der Sonne liegt, in umso herrlicherem Licht erstrahlt.“
Philosophie und Natur
Überwältigende Landschaftsschilderungen gepaart mit philosophischen Betrachtungen, die jedoch „nie ins Abstrakte abdriften“: Der wenige Seiten lange Text, eigentlich „nur“ als Vorwort gedacht, ist ein kleines Juwel, in dem Hawthorne seine Stärken auspackt – und zu diesen gehören neben den philosophischen Reflexionen durchaus auch satirische Töne. Beispielsweise wenn er über die ungewöhnliche Anhängerschaft schreibt, die sich in Concord, damals Zentrum der amerikanischen Transzendentalisten, versammelt:
„Nie wurde eine kleine Landgemeinde von so vielen seltsamen, merkwürdig gekleideten Sterblichen überfallen, von denen die meisten mit dem wichtigtuerischen Gefühl auftraten, Agenten des Weltgeschicks zu sein, auch wenn sie die reinsten Langweiler waren. Genau so stelle ich mir die gleichbleibende Art von Leuten vor, die sich so dicht wie nur möglich um einen originellen Denker drängen, um von ihm noch den unmerklichsten Atemhauch zu erhaschen und sich mit unechter Originalität aufzupumpen.“
Gemeint ist mit dem Denker Ralph Waldo Emerson, dessen Großvater das Pfarrhaus als Ortsgeistlicher erbaut hatte. Emerson selbst schrieb darin seinen Essay „Natur“. 1845, als die Hawthornes Concord verlassen musste, baute sich zudem Thoreau seine berühmte Blockhütte in den Wäldern bei Concord, die 1854 in „Walden“ verewigt wurde. Aus Sicht der amerikanischen Literaturgeschichte wurde die Kleinstadt in Massachusetts zu einem einmaligen Geisteszentrum.
Dreigestirn Hawthorne, Emerson und Thoureau
Hawthorne wäre aber eben nicht Hawthorne, hätte er nicht einen ganz speziellen Blick auf seine Zeitgenossen: Selbst immer Einzelgänger, grenzt er sich auch gegenüber den philosophischen Ansätzen von Emerson und Thoureau ab, setzt Natur und Kultur, Stadt und Land nicht als Gegensatzpaare, versucht Naturverbundenheit mit den Errungenschaften der Zivilisation in Einklang zu bringen. Zugleich aber stellt er sich dem ständigen Expansionsdrang seiner jungen Nation entgegen, weist auf die Bedeutung gewachsener Werte (auch diese durch die Natur repräsentiert) hin. Hawthorne, inmitten der Transzendentalisten in Concord, ist und bleibt unter Utopianern ein Realist. Noch einmal Karl-Heinz Ott zu diesem Essay:
„Das als Vorwort konzipierte, über ein bloßes Vorwort weit hinausreichende Alte Pfarrhaus gehört nicht nur zum Schönsten, was er je geschrieben hat, es bleibt auch so lange gegenwartsnah, wie es Auseinandersetzungen darüber geben wird, was man als wahre Natur und wünschenswertes Leben anzusehen hat.“

Hawthorne, Liebender, Ehemann und Vater
Von einer ganz reizenden Seite kann man den Schriftsteller der düsterenen Romantik in „Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny“ erleben. Der Einzelgänger muss einige Wochen im August 1851 allein mit Sohn Julian und Karnickel Bunny verbringen. Der Sohn überlebt, das Kaninchen nicht.
Das Tagebuch, das Hawthorne in dieser Zeit führt, ist eine bezaubernde Lektüre. Vater und Sohn, allein auf sich gestellt, verbringen die Tage in einem ruhigen Rhythmus – Morgenwaschung, der Kampf mit Sohnes Lockenpracht, der Gang in das Dorf, das Warten auf Briefe von Sophia, bescheidene Mahlzeiten, ruhige Abende. Wenige Unterbrechungen – ein Höhepunkt ist ein Ausflug mit Freund und Nachbar Herman Melville in ein Shaker-Dorf. Die Verachtung für diese Sekte zeigt an einer der wenigen Stellen dieses kleinen Ausschnitts aus den Tagebüchern den giftig-bissigen Schriftsteller, der wenig Gnade mit den religiösen Irrwegen seiner Landsleute kennt.
Vor allem aber steht eines im Mittelpunkt des Büchleins: Die Erfahrung, rund um die Uhr mit seinem Sohn zusammen zu sein (die beiden Töchter waren mit der Mutter verreist). Die Hawthornes, so erläutert Paul Auster in seinem Nachwort, pflegten einen für damalige Zeiten ungewöhnlichen Erziehungsstil. Liebe und Nachsicht statt Härte und Strenge, den Kindern wurde die freie Entwicklung ihrer Persönlichkeit erlaubt. Doch Julians lebhaftes und vor allem gesprächiges Wesen bringen Hawthorne, der lange Jahre seines Lebens eher einsiedlerisch verbrachte, manchesmal auch an den Rand seiner Geduld. Gerade diese Notizen, in denen sich eine leichte Gereiztheit äußert, der Wunsch, den Redeschwall auch einmal brachial zu stoppen (der jedoch nie ausgeführt wurde), das Bekenntnis, dass das eigene Kind auch auf die Nerven fallen kann – gerade dies macht den Reiz von „Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny“ aus.

„Das Haus mit den sieben Giebeln“, 1851
„Das ehrwürdige Gebäude ist mir seit je wie ein Gesicht erschienen, das nicht nur von Wind und Wetter draußen gezeichnet ist, sondern von langen Erdenleben drinnen und dessen Wechselfällen redet.“
Seinen düsteren Blick auf die Gesellschaft gab Hawthorne, der manchen seiner Zeitgenossen als „obskurster Schriftsteller“ Amerikas galt, in seinen Romanen als auch in seinem umfangreichen Erzählwerk frei. „Dr Heidegger`s Experiment“ (1837) kann getrost als eine der besten Erzählungen dieser Epoche bezeichnet werden. Gesellschaftskritik und Spannungselemente verbindet er meisterhaft auch in seinem dritten Roman, „Das Haus mit den sieben Giebeln“.
Eigene Ahnen nahmen an Hexenjagd teil
Hawthorne, dies wird in seinen Büchern deutlich, ließ das düstere Erbe seiner vorfahren, die knapp zwei Jahrhunderte zuvor in die USA gekommen waren und an den Salemer Hexenverfolgungen beteiligt waren, nicht los. Hawthorne, der in den Augen von Henry James und Herman Melville als einer der größten, gar als Begründer der amerikanischen Romanliteratur galt (wobei dieses Privileg auch James Fenimore Cooper zugeschrieben werden kann), betrieb er Vergangenheitsbewältigung für eine ganze Nation. Zertrümmerte das Alte, im Leben wie in der Literatur.
„Wie sehr Sie alles Alte hassen!“, entsetzte sich Phoebe. „Es macht mich schwindlig, an eine so unstete Welt zu denken!“
„Ich liebe jedenfalls keinen Moder“, antwortete Holgrave. „Nehmen wir dieses alte Haus der Pyncheons! Lebt es sich gesund darin, mit seinen schwarzen Schindeln und dem grünen Moos, das zeigt, wie verrottet sie sind? Und in den dunklen Räumen mit den tiefen Balken, dem Ruß und Schmutz, der sich an den Wänden niederschlug vom Seufzen und Atmen in Missmut und Angst? Mit Feuer sollte dieses Haus geläutert werden – geläutert, bis davon nur noch Asche bleibt!“
In dem Roman, mit dem Hawthorne berühmt wurde, steht ein (scharlachroter) Buchstabe als Symbol für diesen Umbruch. In dem Roman, mit dem er schließlich reich und persönlich unabhängig wurde, ist es ein Haus. Der Roman lässt sich lesen wie eine Mischung aus Schauer- und Kriminalgeschichte, gewürzt mit einer zarten Romanze – ein amerikanisches „Wuthering Heights“, jedoch mit eindeutigen Sympathieträgern und einem Happy End für dieselben: Die junge Generation (das neue Amerika) überwindet die Sünden der Vorväter.
Ein verfluchtes Gebäude ist die Hauptfigur
Ein Lesevergnügen, hervorragende Unterhaltung bietet diese Heim- und Hausgeschichte allemal. Bei der Einweihung des giebeligen Prachtbaus streckt den Obersten Pyncheon ein Blutsturz nieder. Kein Wunder: Hat der puritanische Scheinheilige doch den proletarischen Matthew Maule der Hexerei beschuldigt, um an dessen Grundstück zu kommen. Seither liegt auf dem Gelände ein Fluch. Rund anderthalb Jahrhunderte später – also in der Gegenwart, in der Hawthorne schrieb – belastet die Ursünde der Vorväter die letzten Nachkommen weiterhin. Die alte Jungfer Hepzibah Pyncheon muss aus materieller Not heraus einen Laden eröffnen – höchst amüsant die Passagen, in der die „leutscheue“ Alte vor Angst bibbernd einem gefräßigen Dorfjungen Naschereien verkauft -, ihr Bruder Clifford, unschuldig als Mörder verurteilt, kehrt geistig verwirrt und gebrochen in sein Elternhaus zurück. Dem Geschwisterpaar setzt deren Vetter Jaffrey zu, ein Nachfahr dieser doppelmoralischen Puritaner, wie er im Buche steht: Ehrgeizig, machtlüstern, intrigant. Jaffrey ist besessen von einer Besitzurkunde über Ländereien, die er im Haus mit den sieben Giebeln vermutet – und zu jeder Untat fähig, um an das Haus und die Urkunde zu kommen. Den drei Vertretern der alten Generation steht jedoch die junge Garde gegenüber: Die frische, unverdorbene Phoebe und Holgrave – ein Symbol für das „Neue“ ist auch dessen Beruf, er ist Daguerroetypist -, die letztendlich nicht nur Clifford von der falschen Anklage entlasten, sondern natürlich auch ein Herz und eine Seele werden – wer in Holgrave und Phoebe ein Selbstportrait der innigen Ehegemeinschaft von Nathaniel und seiner Sophia liest, liegt dabei sicher nicht daneben.
Eine der ersten Gothic Novels
So liest sich diese Schauergeschichte bei aller Düsternis also schmissig und leicht, birgt Spannungs- und Herzensmomente. „Das Haus mit den sieben Giebeln“, eine der ersten „gothic novels“, ist mehr noch als der ein Jahr zuvor erschienene Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ eine „radikale Generalabrechnung mit den Schatten der Vergangenheit“, so Klaus Modick im Deutschlandfunk.
Bibliographische Angaben:
Das Haus mit den sieben Giebeln
Übersetzt von Irma Wehrli
Manesse Verlag, 2014
Sophia und Nathaniel Hawthorne
Das Paradies der kleinen Dinge. Ein gemeinsames Tagebuch
Übersetzt von Alexander Pechmann
Jung und Jung Verlag, 2014
ISBN 978-3990270479
Das alte Pfarrhaus
Übersetzt von Karl-Heinz Ott
Hoffmann und Campe, 2011
ISBN 978-3455403190
Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny
Übersetzt von Alexander Pechmann
Jung und Jung Verlag, 2011
ISBN 978-3-902497-84-0
