Ein Leben wie ein Roman – Jack London folgt dem Ruf der Wildnis

Dass er einmal zum erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit werden würde, das war ihm gewiss nicht in die Wiege gelegt. So abenteuerlich, wie Jack Londons Leben später verlief, so dramatisch waren bereits die Umstände vor seiner Geburt: Er kam 1876 als nichteheliches Kind zur Welt, sein vermutlicher Vater, ein „Philosoph“, Astrologe und Wanderprediger bestritt nicht nur die Vaterschaft, sondern soll Londons Mutter auch zur Abtreibung gedrängt haben. Deren Suizidversuch scheiterte, Jack London durfte das Licht der Welt sehen.

Auch die Kindheits- und Jugendjahre waren nicht ohne: Der kleine Jack, schon früh ein Vielleser, musste stets zum Familieneinkommen beitragen. London war zunächst Zeitungsjunge, arbeitete in einer Konservenfabrik, wurde Austern-Pirat und schloß sich der Fischereipolizei an, fuhr dann als Robbenjäger nach Japan, schlug sich als Landstreicher durch und schaffte es dann doch irgendwann auf die Universität.

Das harte, aber abenteuerliche Leben setzte er auch fort, als er bereits als Schriftsteller großen Erfolg hatte – und zahlte dafür einen hohen Preis: Jack London, der alkoholsüchtig war und Morphium nahm, starb erst 40-jährig im November 1916 auf seiner Farm in Kalifornien. Trotz der kurzen Lebensspanne ist sein Ouevre enorm – zu seinen bekanntesten Werken zählen auch heute noch der autobiographische Roman „Martin Eden“ (1908), „Der Seewolf“ (1904) und die beiden Romane „Ruf der Wildnis“ sowie „Wolfsblut“, die zu Bestsellern wurden.

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1897 war Jack London dem „Lockruf des Goldes“ gefolgt: Nach Dawson City, Kanada, einem kleinen, damals völlig überfüllten Ort, von dem aus Zehntausende auszogen und hofften, ihr Glück zu machen. Der Erfolg von Jack London blieb begrenzt – gerade mal etwas über 4 Dollar war seine Goldausbeute wert. Jedoch inspirierten ihn seine Erlebnisse zu zahlreichen Erzählungen. Unter anderem zu „Der Ruf der Wildnis“ (1903), ein Text, der zunächst als Episodenroman in der „Saturday Evening Post“ erschien und der London schlagartig berühmt machte.

In „Der Ruf der Wildnis“ ist der große Rüde Buck zunächst „der König in seinem Reich“, ausgelassen, sorgenfrei herrscht er auf dem kalifornischen Landgut eines Richters. Bis der König entführt wird: Der Klondike-Goldrausch fordert seinen Tribut. Die Nachfrage nach großen, kräftigen Hunden, die für die Schlitten im Norden benötigt werden, ist enorm – selbst im Süden der Vereinigten Staaten lässt sich mit ihnen Hunden ein trefflicher Gewinn erzielen.

Entführt, verkauft, verprügelt, „besiegt, aber nicht gebrochen“, so wird Buck von illegal agierenden Hundehändlern auf die Reise in das unbekannte Land geschickt. Und zugleich tritt der mächtige Hund – eine Mischung aus Bernhardiner und Schäferhündin – auch durch sein eigenes Leben hindurch eine Reise rückwärts an:

„Er tat die Augen erst auf, als der Lärm des erwachenden Lagers ihn weckte. Zuerst wußte er nicht, wo er war. Es hatte die ganze Nacht über geschneit, und er war unter dem Schnee vollständig begraben. Die Schneewände bedrückten ihn von allen Seiten, und große Angst durchdrang ihn plötzlich – die Angst des wilden Tieres vor der Falle. Dies war ein Zeichen dafür, daß er durch sein eigenes Leben hindurch rückwärts Witterung vom Leben seiner Vorfahren aufnahm (…).“

Die Rückentwicklung, die London in seiner Erzählung schildert, umfasst sowohl eine körperliche als auch eine moralische Anpassung: Buck muss sich im wahrsten Sinne des Wortes durchbeißen, um in der fremden Umgebung und im harten Volk der Schlittenhunde zu überleben. Doch: „Sein Herz war unzerreißbar“ und Buck, der sich durchsetzt, zum Leithund am Schlitten wird, der feindliche Vierbeiner besiegt und schwache zweibeinige Herrschaften hinter sich lässt, wird wieder König in seinem Reich.  Nur die enge Gemeinschaft mit dem Abenteurer John Thornton bindet den Hund noch an die Menschen. Als Thornton von Indianern getötet wird, gibt es für Buck kein Band mehr, das ihn hält – er schließt sich einem Rudel Wölfe an, er wird zum „Geisterwolf“.


Auf den Hund gekommen:


Drei Jahre nach „Der Ruf der Wildnis“ ist Jack London – überzeugter Sozialist und vehementer Kritiker des Kapitalismus – einer der, wenn nicht der berühmteste lebende amerikanische Schriftsteller und durchaus wohlhabend. Und dennoch braucht er Geld: Zum Erwerb einer Farm in Sonoma County, die heute noch als eine Art Freiluftmuseum zu besichtigen ist. Der Finanzbedarf ist ein Anlass, um den Roman „White Fang“ zu schreiben. „Wolfsblut“ (1906) ist ein Gegenstück zu „Der Ruf der Wildnis“: „White Fang“ ist ein wilder Hybrid zwischen Hund und Wolf, der mehr und mehr domestiziert wird. Doch  zunächst erlebt der Mischling die grausame Seite der Menschlichkeit, Unterwerfung durch Schläge und Gewalt. Wolfsblut wird  bei Hundekämpfen zum Töten gezwungen und mehr und mehr verbestialisiert – bis er von einem wohlmeinenden Ingenieur befreit wird. Durch Liebe und Vertrauen lernt das Tier, sich in eine menschliche Familie einzufügen.

„Die jetzige Veränderung erforderte eine Umkehr seines gesamten Wesens – und das zu einem Zeitpunkt, wo er die Formbarkeit seiner Jugend längst verloren hatte; wo die Fasern seines Charakters zäh und knotig geworden waren; wo ein diamanthartes, unnachgiebiges, raues Flechtwerk daraus geworden war; die Oberfläche seines Geistes zu Eisen geworden war und all seine Instinkte und Grundsätze zu festen Regeln, Vorsichtsmaßnahmen, Abneigungen und Begierden geronnen waren.“

Doch die Veränderung gelingt, denn Weedon Scott, White Fangs Befreier, weckt „Lebenskräfte, die verkümmert und nahezu untergegangen waren. Eine dieser Kräfte war Liebe.“

Es entbehrt nicht ganz der Ironie, dass das Buch ausgerechnet mit Hilfe eines US-Präsidenten, nach dem ein Kuscheltier benannt ist, der selbst aber ein „nahezu pathologischer Tiermörder“ (so Lutz-W. Wolff im Nachwort zu seiner grandiosen Neuübersetzung von „Wolfsblut“) war, zum Gegenstand einer erhitzten Diskussion wurde. Theodore Roosevelt kritisierte 1907 Schriftsteller, „die er als „nature fakers“ (Naturfälscher) bezeichnete, weil sie den Helden ihrer Tiergeschichten angeblich menschliche Fähigkeiten und Verhaltensweisen andichteten.“ Tiere würden anthropomorphisiert, mit menschlichem Verständnis ausgestattet, dabei seien sie „Automaten, regiert von Instinkten.“

Jack London antwortete 1908 im Magazin „Colliers“ mit dem Aufsatz „The Other Animals“, gespickt mit Beispielen seiner eigenen Hunde:

„I had a dog in Oakland. His name was Glen. His father was Brown, a wolf-dog that had been brought down from Alaska, and his mother was a half-wild mountain shepherd dog. Neither father nor mother had had any experience with automobiles. Glen came from the country, a half-grown puppy, to live in Oakland. Immediately he became infatuated with an automobile. He reached the culmination of happiness when he was permitted to sit up in the front seat alongside the chauffeur. He would spend a whole day at a time on an automobile debauch, even going without food. Often the machine started directly from inside the barn, dashed out the driveway without stopping, and was gone. Glen got left behind several times. The custom was established that whoever was taking the machine out should toot the horn before starting. Glen learned the signal. No matter where he was nor what he was doing, when that horn tooted he was off for the barn and up into the front seat.“

Auch wenn Jack Londons beide Bücher später oft als „Kinderversionen“ verhunzt wurden, plötzlich sprechende Hunde auftauchten und das Tier vermenschlicht wurde – den Originaltexten kann man Anthropomorphismus nur bedingt vorhalten. Ja, London spricht Hunden, was die Verhaltensforschung seither durchaus bestätigt hat, zu: Lernfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Sozialkompetenz. Die Spannung beider Bücher liegt auch darin, dass Tieren eine Gefühlswelt zugestanden wird – eine Tatsache, die für jeden Hundebesitzer unbestritten ist.

Abgesehen von der Debatte über „Vermenschlichung“, die auf die beiden Bücher Londons nicht zutrifft, kann man „Ruf der Wildnis“ und „Wolfsblut“ aber dennoch als Parabeln auf menschliches Verhalten lesen: Die Erzählung von Buck zeigt – übertragen auf die Welt der Zweibeiner – zu was unter widrigen Umständen der Hund dem Hund, der Mensch dem Menschen sein kann: Homo homini lupus. Umgekehrt wird an „White Fang“ deutlich, was Liebe, Freundschaft und Vertrauen auch uns bedeuten können. Beide Bücher sind auch Zeugnisse der Auffassungen des glühenden Sozialisten Jack London: Sie erzählen von den elenden Auswüchsen des Kapitalismus (Goldrausch), von Ausbeutung Schwächerer, von der Verelendung ebenso aber auch vom Wert, den der Zusammenhalt in der Gruppe darstellt, vom Wert der Menschlichkeit.

Lutz-W. Wolff  in seinem Nachwort zu „Wolfsblut“:

„Dabei übersahen die Kritiker freilich, dass White Fang eine bescheidene, aber wichtige Botschaft vermittelt, die zum Kern von Jack Londons unter schweren Opfern erworbenen Weltbild gehört: Menschen wie Tiere werden vor allem von ihrer Umwelt geprägt. Behandelt man sie grausam und ungerecht, werden sie «böse», behandelt man sie mit Liebe und Gerechtigkeit, so werden sie «gut».


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Mit seinen Romanen und Erzählungen über die raue Welt Alaskas war Jack London wohlhabend geworden. Doch der Kalifornier war nicht der Typ, der sich mit einem dicken Bankkonto zur Ruhe setzen würde. London, der immer zu großen Ideen neigte, wollte sich mit dem erschriebenen Geld einen Traum erfüllen – in sieben Jahren die sieben Weltmeere durchqueren. Weit kam er nicht: Der Bau seiner Yacht Snark Plänen trieb ihn bereits vor dem Ablegen tief in die Schulden. Und als 1907 endlich die Segel Richtung Honolulu gehisst werden konnten, wurde schnell deutlich, dass die Snark alles andere als besonders seetauglich war. Es grenzte an ein Wunder, dass die Reisenden mit dem leckenden Boot Honolulu erreichten und die Reise sogar über Hawaii, Tahiti, die Fidschi-Inseln bis zu den Neuen Hebriden und die Salomon-Inseln weiterging. Im Südpazifik war dann jedoch, nach erst zwei Jahren, Schluss: Jack London, gesundheitlich sowieso angegriffen, musste wegen schwerer Malaria-Anfälle zur Behandlung nach Sydney.

Doch trotz der von Pech und Pannen geprägten Ozeanumsegelung erschloss sich der Schriftsteller eine neue Welt – auch in literarischer Hinsicht. Fünf der besten „Südseegeschichten“ Jack Londons sind in dem Band „Das Haus von Mapuhi“ enthalten. Sie zeigen alles andere als ein unberührtes Südseeparadies: Die Einwohner der Inseln sind zum einen den Gewalten der Natur ausgeliefert, wie die titelgebende Geschichte „Das Haus des Mapuhi“ eindrucksvoll aufzeigt. Ebenso schwelen aber auch die Konflikte zwischen Ureinwohnern und den Europäern, die in „Koolau, der Aussätzige“ zu einem Aufstand Leprakranker führen oder in „Familienstolz“ zur Verleugnung des Halbbruders, der von einer indigenen Mutter stammt.

Ob Jack London von Männerfreundschaften, von Freiheitskämpfern oder Überlebenden eines Hurrikans  erzählt: Neben der Natur spielt das Streben nach Glück der Menschen eine Hauptrolle. Erstaunlich ist dabei die Bandbreite: Mitreißende Abenteuergeschichten, aber auch so ein anrührendes Erzählstück wie „Ah Kims Tränen“. Der chinesische Junggeselle hat in Honolulu sein finanzielles Glück gemacht – doch die Frau seiner Träume darf er nicht heiraten, weil sie sich nicht an die strengen Sitten der chinesischen Kolonie hält. Erst der Tod der Mutter erlöst ihn von seinem Bann.

Unter dem umfangreichen Werk Londons – darunter 27 Romane, zudem etliche autobiographische Texte, zahllose politische Essays, Reportagen, Essaysammlungen und fast 200 Kurzgeschichten, findet sich immer wieder eine Überraschung – sogar einen Agententhriller. „Mord auf Bestellung“ ist ein seltsamer Hybrid aus Abenteuergeschichte, Thriller und Philosophiediskurs, nicht wirklich gelungen. Jack London war jedoch 1909 nach seinem Südseeabenteuer abgebrannt – sowohl an Geld als auch an Einfällen. Die Idee zu „The Assassination Bureau Ltd.“ kaufte er seinem jüngeren Schriftstellerkollegen Sinclair Lewis ab. Doch London brach die Arbeit am Manuskript 1910 ab, kam offenbar nicht weiter.


Romane von Sinclair Lewis:

Sinclair Lewis, der Staubaufwirbler

Er sezierte das nordamerikanische Spießbürgertum: Sinclair Lewis, der unter anderem mit „Babbitt“ einen zeitlosen Charakter geschaffen hat.


1963 wird das Manuskript, wie Freddy Langer im Nachwort der deutschen Übersetzung ausführt, dem Krimiautor Robert L. Fish aus dem Nachlass Jack Londons zugespielt. Fish greift den Faden auf und spinnt das Werk fort. Der diabolische Ivan Dragomiloff ist Kopf einer Attentatsagentur – die Killer ermorden rund um die Welt gegen Honorar Menschen, sofern diese nach Ansicht der Agentur gegen die Gesetze der Gesellschaft verstoßen. Dieses Gesetz der Agentur ist ehern – und tritt daher auch in Kraft, als ein Kopfgeld gegen Dragomiloff selbst ausgesetzt wird (ausgerechnet von Winter Hall, einem jungen Mann, der die Nichte des Russen ehelichen will). Neben einer Verfolgungsjagd durch die Vereinigten Staaten, zahllosen Toten und einer Liebesgeschichte mit Hindernissen ist der Roman vor allem geprägt von Diskussionen über Recht und Moral, Schuld und Sühne zwischen Dragomiloff und Winter Hall.

Man merkt dem Buch diesen Bruch durchaus an: Ist Jack Londons Anteil eher „philosophisch“ aufgeladen, so treibt Fish den zweiten Teil in stringenter Thrillermanier voran. Überzeugen kann das Endprodukt nicht: Das ganze logische Gerüst erscheint wenig schlüssig, der kriminalistische Teil war nicht Londons Stärke, die moralphilosophischen Dialoge sind zwar intelligent angelegt, aber driften zu sehr von der Rahmenhandlung ab. Nicht von ungefähr ließ London das Manuskript in der Schublade verschwinden.

Interessant ist das Buch eher für London-Leser, die sich eingehender mit der Persönlichkeit des Schriftstellers beschäftigen wollen: Denn mit Dragomiloff zeichnet er einen jener kraftvollen „Übermenschen“, die er in seinem Werk (siehe den „Seewolf“) des Öfteren auftreten lässt. Übersetzer Andreas Nohl schreibt über ihn:

„In gewisser Weise hatte er den Nietzscheanischen Vulgärmythos vom Übermenschen (Overman oder Superman) zur eigenen Lebensmaxime erhoben. All dem haftete etwas ebenso Zwanghaftes wie Überlebensgroßes an, eine übersteigerte Version des amerikanischen Optimismus.“

Und dennoch, trotz all dieser Makel, war Jack London in seiner besseren Texten ein mitreißender Schriftsteller – einer, der immer wieder dazu verführt, dem Ruf der Wildnis zu folgen.


Wolfsblut
In der Übersetzung von Lutz-W. Wolff
dtv Verlag, 2013
ISBN: 978-3-423-14239-7

Der Ruf der Wildnis
In der Übersetzung von Lutz-W. Wolff
dtv Verlag, 2013
ISBN: 978-3-423-14277-9

Das Haus von Mapuhi. Südseegeschichten.
Übersetzt von Andreas Nohl
C.H. Beck Verlag, 2016
ISBN: 978-3-406-69859-0

Mord auf Bestellung
Übersetzt von Eike Schönfeld
Penguin Verlag, 2018
ISBN: 978-3-328-10340-0