Lauter toxische Verhältnisse: Das Lebensdrama des Richard Yates

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Es gibt Schriftsteller, die umkreisen in ihren Werken immer wieder dieselben Themen. Und dennoch wird man ihrer nicht überdrüssig. Ganz vorne auf dieser Liste steht für mich Richard Yates (1926 – 1992). Seine Bücher sind Variationen seiner Lebensthemen: Übermächtige, meist psychisch angeschlagene Mütter, zerrüttete Ehen, traumatisierte Kinder. Gescheiterte Lebensentwürfe, verlorene Illusionen, vernichtete Träume. Zerbrochene Seelen, Abstürze in Alkohol, Landung in der Psychiatrie. Yates, Chronist der amerikanischen Mittelschicht, der „kleinen Leute“ mit großen Ambitionen, ist ein gnadenloser Realist. Er erzählt vom Scheitern – manchmal, so wie in „Zeiten des Aufruhrs“, enden Lebenslügen dramatisch-tödlich, manchmal, so wie in „Cold Spring Harbor“, liegt der Schrecken „nur“ in den Banalitäten des Alltags.


„Filme waren wunderbar, denn sie holten einen in eine andere Welt und gaben einem zugleich das Gefühl, vollständig zu sein. In der Realität konnte einen alles auf Schritt und Tritt daran erinnern, dass das eigene Leben verknäuelt und gefährlich unvollständig war, der Schrecken stets kurz davor, von einem Begriff zu ergreifen, doch in der kühlen, wohlriechenden Dunkelheit des Kinos verschwand diese Wahrnehmung fast immer, und sei es auch nur für ein Weilchen.“

„Cold Spring Harbor“ ist der letzte Roman, den Yates, schon schwer von seiner Alkoholsucht gezeichnet und von psychischen und finanziellen Problemen erdrückt, vollbringen konnte. Gewidmet ist er seinem Freund Kurt Vonnegut – einer der vielen Bewunderer der Yateschen Prosa. Yates-Biograph Rainer Moritz bezeichnet in „Der fatale Glaube an das Glück“ (DVA Verlag, 2012) das Buch als eines der besten Werke des amerikanischen Schriftstellers. Es fällt mir schwer, diese Unterscheidung zu treffen – es ist ein sehr gutes unter den übrigen der sehr guten Büchern von Yates, das durch diese typische verhaltene Mischung aus Realismus und Resignation, Melancholie und Ironie besticht. Allerdings: So gnadenlos wie in diesem Buch geht er mit seinen Figuren selten um. „Cold Spring Harbor ist bewusst kein Roman, der Mühe darauf verschwendet, seine Protagonisten mit Sympathiewerten auszustatten“, bemerkt dazu Rainer Moritz.

Im Mittelpunkt stehen der pensionierte Militär Charles Shepard (seine alkoholsüchtige und psychisch kranke Frau Grace kommt fast nur schemenhaft vor) und dessen etwas hohlköpfiger Sohn Evan, der allenfalls durch seine äußerliche Attraktivität hervorsticht:

„Dem Jungen mochte einst eine kriminelle Karriere gedroht haben, doch der erwachsene Mann war von reiner Trägheit befallen. Obendrein wurde er unübersehbar immer attraktiver – die Mädchen warfen ihm überall verblüffte Blicke voller Hilflosigkeit zu -, und das Witzige daran war: Für jemanden, der so blendend aussah, schien es nicht richtig, so wenig im Kopf zu haben.“

Die beiden Männer lernen durch Zufall die einsame Gloria und deren Kinder Rachel und Phil kennen. Nicht weniger böse als Evans‘ Charakterisierung ist die Beschreibung von Gloria bei einem Treffen mit Charles, der ihr dabei gesteht, dass er nur mangelnde Sehkraft hat:

„Und so war es durchaus möglich, dass er ihre Falten an Hals und Gesicht und den Fettfleck, den eine heruntergefallene Wurstscheibe auf dem Oberteil des besten ihrer drei Kleider hinterlassen hatte, nicht sehen, dass er ihr Alter nicht einschätzen konnte und sich nicht fragen musste, wie er auf die unverhüllte Einsamkeit und Sehnsucht reagieren sollte, mit der sie ihn immer ansehen würde.“

Durch die Beziehung der beiden jungen Leute Rachel und Evans werden die Bande der beiden Familien ineinander verwoben. Gloria, die in der Ehe eine Chance zu gesellschaftlichem Aufstieg und einen Ausweg aus ihrer Einsamkeit sieht, kauft kurzerhand eine Bruchbude für sich und das junge Paar in Cold Spring Harbor, dem Wohnort der Shepards: Das Ende der Ehe ist damit bereits vorgezeichnet. Nichts Spektakuläres an Handlung also, sondern Geschichten, wie sie hier und dort, heute und gestern (der Roman ist in den 1940er-Jahren angesiedelt) spielen könnten.

Doch Richard Yates ist ein Meister darin, dieses alltägliche Scheitern zu sezieren. Er zeichnet oftmals ein Milieu zwischen Mittelschicht und Bohème. Menschen, die dem amerikanischen Versprechen nach freier Lebensgestaltung nachjagen – und sowohl an den äußeren Bedingungen und den eigenen Unzulänglichkeiten scheitern.

In „Cold Spring Harbor“ macht er besonders deutlich, wie unerfüllte Lebensträume in Familien oftmals von Generation zu Generation weitergegeben werden. Väter sehen Söhne in ihren Fußstapfen. Töchtern werden die Träume der Mütter zu eng. So oder so – alles eine Schuhnummer zu groß. Gescheiterte Hoffnungen, die zur Bürde für die Nachkommen werden. Träume, für die auch kein Preis zu hoch erscheint.

Auch wenn Yates in diesem Roman mit seinem Personal recht unsentimental umspringt, seine Schwächen messerscharf darstellt und weniger als sonst auch Mitgefühl und Wärme mitschwingen lässt – das Buch ist mitreißend, auch hochironisch, kein Wort zu viel. Yates, der Stilist, wusste, wie er sie zu setzen hatte.


„Betty“, sagte Miller. „Tust du mir einen Gefallen?“ Er beobachtete, wie sich ihr Stirnrunzeln im Licht der vorbeigleitenden Straßenlaterne in einen gekränkten Blick verwandelte. „Halt den Mund. Halt bitte einfach den Mund.“

Eins und doppelt möchte man sein. Die romantische Idee des Ineinander-Verschmelzens, die regelmäßig an den Klippen des Alltags zerschellt. Einer, der gerade dieses mit wenigen, knappen Sätzen beschrieb, war Richard Yates. Schon in seinem bekanntesten Roman „Revolutionary Road“ gibt es sie, diese Szenen einer Ehe – da liegt so viel Unausgesprochenes zwischen dem Paar, soviel ungelebte Möglichkeiten, soviel unerfüllte Wünsche. Den bitteren Geschmack der Enttäuschung – ihn transportierte der amerikanische Schriftsteller auch in seinen letzten Erzählungen, neun short storys, die zu Lebzeiten unveröffentlicht geblieben sind.

In eine „Eine letzte Liebschaft“ – übrigens ist ausgerechnet die titelgebende Erzählung, in der Yates ausnahmsweise aus der Perspektive einer Frau schreibt, das schwächste Stück dieses Erzählbandes – sind Geschichten versammelt, die um Missverständnisse kreisen, um Vorverurteilungen, um falsche Träume. Der Buchhalter, der an dem Tag, an dem er von seiner Frau verlassen wird, auch feststellen muss, dass andere ihm mit Ablehnung begegnen, wird radikal von allen Selbsttäuschungen befreit. Eine Ehefrau, die auf einer Party gerne Heldengeschichten ihres Mannes aus dem Weltkrieg hören würde – doch dieser schweigt aus guten Gründen. Ein Tuberkulosekranker, der sich in die falsche Frau verliebt und abserviert wird – ihr Brief ersetzt das, was heute wohl in einer SMS beinhaltet wäre.

Richard Yates erzählte in seinen Stories wie in den Romanen von zerbrochenen Träumen und einsamen Seelen. Er benötigte keine ausführlichen psychologischen Schilderungen – die Erzählungen sind kurz, knapp, mit wenigen Worten, einzelnen Szenen wird das Dilemma des Vereinzelten angerissen und beleuchtet.

Yates, ein Meister der Zwischentöne, dessen Texte sich immer wieder um die Fragilität des Lebens drehen, der sich den Außenseitern, den Verlassenen, den Einsamen zuwendet. Und doch: So hoffnungslos deren Lage auch zu sein scheint, so öde, trist und langweilig ihr Alltag ist, alle klammern sich mit einem letzten Rest verzweifelter Hoffnung an die dünnen, abgewetzten Fäden, mit denen sie noch lose mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld verbunden sind. Das angestrengte Aufrechterhalten bröckelnder Fassaden, das Bewahren eines letzten Restes von Würde, die niemals endende Hoffnung auf ein Stück vom Glück – das ist es, was Yates` Figuren am Leben hält. Ganz typisch sind dafür die dahinsiechenden Kriegsveteranen, die von einem vergangenen Leben und ihren „Heldentaten“ erzählen: Diebeszügen, Besäufnissen, Liebschaften, Ehebruch. Oder Betty Meyers, die Navy-Ehefrau, die sich aus Langeweile und Frustration einem Aufreißer hingibt.

Die anrührendste der neun Erzählungen stellt jedoch ein Kind in den Mittelpunkt: Die kleine Eileen. Sie findet 50 Cents, malt sich aus, was sie sich mit diesem persönlichen Besitz an Wünschen erfüllen könnte – und wird prompt von den Erwachsenen des Diebstahls bezichtigt. Hier zeigt Yates eine seiner hervorragenden Eigenschaften als Autor: Die Wärme, das Mitgefühl, das er für seine Figuren, die Schwachen und Verletzten, aufbrachte.So schreiben kann einer nur, der selbst oft genug schwach und verletzt war – und weiß, wie Einsamkeit klingt:

„Pollock war jetzt ganz von dem Gefühl beherrscht, erschreckend allein zu sein, aller Sicherheit beraubt; ihn überkam die Angst, die ein Kind ergreift, das in einer Menschenmenge verloren geht.“


Ausgerechnet in der Zeit einer großen persönlichen Krise – Richard Yates trennte sich von seiner ersten Ehefrau Sheila, litt unter Depressionen und kam nach einem Zusammenbruch in die Psychiatrie – kam der große schriftstellerische Erfolg: Der Debütroman „Revolutionary Road“ (in deutscher Übersetzung „Zeiten des Aufruhrs“) bekam zahlreiche begeisterte Kritiken und machte Yates mit einem Schlag bekannt.

Auch hier geht es um gescheitertes Eheglück. Nur anfangs scheinen April und Frank voller Ambitionen und Hoffnungen, voller Liebe und Zuneigung. Doch die Vorstadt kriegt sie alle: Es gibt keine Revolution in der Straße der Revolution. Es ist der falsche Ort, es ist das  falsche Leben. Während Frank sich zunächst bei seinem Job langweilt, hofft April immer noch, dass die einstmaligen Träume von der Bühne wahr werden könnten. Doch das Leben läuft anders: Frank beginnt die übliche Karriere und April verblüht in der Vorstadt.

Ein letztes Aufbäumen ist ihr Plan, nach Frankreich auszuwandern. Während April noch an Aus- und Aufbruch glaubt, entpuppt sich Frank als Blender. Seine hochfliegenden Träume von einer kreativen Karriere verpuffen, er gibt sich – weil er sich seine eigenen kleinen Freiheiten herausnehmen kann – gerne mit dem kleinen Leben in der kleinen Stadt zufrieden. April jedoch bezahlt dafür einen hohen Preis. Ein Roman, der sich flüssig liest, der seine vielen inhaltlichen Ebenen bei wiederholten Lektüren nach und nach offenbart.

„Im Ort gibt es vier Kirchen. Vom Gorey Brook Country Club haben Sie wahrscheinlich schon gehört. Dort gibt es einen herrlichen, von Pete Ellison entworfenen Achtzehn-Loch-Golfplatz, vier regenfeste Tennisplätze und ein Schwimmbad. Hoffentlich sind Sie kein Jude. Da gelten hier nämlich strenge Prinzipien. Ich selbst habe keinen Pool und empfinde das, ehrlich gesagt, als Manko. Wenn sich die anderen über Chemikalien und so weiter unterhalten, ist man vom Gespräch ausgeschlossen.“

Zu Lebzeiten von Richard Yates war keines seiner Bücher mehr so erfolgreich wie das Debüt. Zu Unrecht, wie man inzwischen mit Blick auf sein gesamtes Werk feststellen muss.


Ob in „Eine besondere Vorsehung“ oder „Eine gute Schule“ oder in seinen Erzählungen: Immer wieder arbeitet Richard Yates  in seinem Schreiben die Traumata seines Lebens auf. Die Künstlerin-Mutter, die keinen Halt geben konnte, weil sie selbst haltlos war. Die gescheiterten Beziehungen. Die – nach kurzem Ruhm – mangelnde Anerkennung als Schriftsteller. Die Psychiatrieerfahrung, der Alkoholismus, die Armut, die Isolation. Unter all diesen Büchern halte ich „Young hearts crying“ für sein persönlichstes Werk, für eine Art Bestandsaufnahme gegen Ende seines Lebens. Und trotzdem auch dieser Roman in vielfacher Weise ein Monument des Scheiterns ist – am Ende des Buches klingt etwas wie Hoffnung, wie Ruhe an. Die Schlussszene zeigt den Protagonisten, den an seinen eigenen Maßstäben gescheiterten Michael nach einem Gespräch mit seiner Ex-Frau Lucy, er schlendert zu seinem Hotel, denkt an Sarah, seine zweite Ehefrau, an die Partnerschaft, die vielleicht am Zerbrechen ist:

Vielleicht würde sie kommen und mit ihm leben, vielleicht auch nicht; und es gab noch eine dritte, schreckliche Möglichkeit: Vielleicht würde sie kommen, im Geiste zögerlicher Willfährigkeit nur ein Weilchen bleiben und darauf warten, dass ihr gesunder Menschenverstand sie befreite. „…im Grunde ist jeder allein“, hatte sie gesagt, und er begann zu erkennen, dass darin viel Wahrheit steckte. Und außerdem: Jetzt, wo er älter war, wo er zu Hause war, spielte es vielleicht gar keine Rolle, wie die Geschichte am Ende ausging.

Tatsächlich sind die Liebesbeziehungen, die Ehegeschichten in diesem Roman – ebenso wie in seinem Pendant „Revolutionary Road“ – die Folien für eine zentralere Frage: Was ist, wenn der Lebenstraum, dem du nachhängst, zu groß für dich ist?

„Young hearts crying“ ist vor allem auch ein Künstlerroman und eine verhalten zynische, bittere Abrechnung mit dem Kunstbetrieb: Wie die zu Anerkennung gelangen, die die beste Anpassungsleistung erbringen, der arrivierte Maler, der seit Jahren mit Erfolg ein Thema variiert, der gescheiterte Schauspieler, der zum richtigen Zeitpunkt die Exploitation-Welle ausnutzt, um an Geld und eine jüngere Ehefrau zu kommen, die Tochter aus reichem Hause, die sich in Schauspiel, Schreiben, Malen versucht.

Der Schriftsteller Michael bewegt sich selbst durch diesen Roman, als habe er ständig die falschen Kleider an (auch an den anderen Künstlern bemerkt Michael im wörtlichen Sinne diese falschen Kleider, die aufgesetzt wirkenden abgetragenen Army-Klamotten, der Wandel vom abgerissenen Maler hin zum Khakihosen tragenden College-Dozenten). Das Leben, die Dichtung wird zum Ringen um „Authenzität“. Dies geht so weit, daß er es ablehnt, vom riesigen Vermögen seiner ersten Frau Lucy zu leben, sondern einen Gebrauchstexter-Job annimmt: Weniger aus einem Gefühl „männlicher Würde“ heraus, den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, denn aus der Vorstellung, ein Leben in Wohlstand und der damit erkauften Freiheit sei falsch für sein Werk.

Dieses Ringen um Wahrhaftigkeit führt zum Bruch der Ehe, zum Zusammenbruch und in die Psychiatrie – ein Trauma seines eigenen Lebens, das Richard Yates hier erneut aufarbeitet.

„Und nachdem ich aus dem Bellevue raus war“, sagte er, „hatte ich ständig Angst. Angst, um Straßenecken zu biegen. Es gab keine Schlangen mehr, aber die Angst vor der Flak wollte nicht aufhören. (…) Aber der zentrale Gedanke, verstehst du, ist die Untrennbarkeit von Angst und Wahnsinn. Angst haben macht dich verrückt; Verrücktwerden macht dir Angst.“

Auch Yates versuchte, sein Leben lang mit dieser Angst zurechtzukommen, die Scherben zusammenzuhalten. Obwohl ihm die öffentliche Anerkennung versagt blieb, schrieb er einen Roman nach dem anderen, die zum Besten gehören, was die moderne amerikanische Literatur zu bieten hat.

„Die Arbeit mochte nicht alles sein, was es auf der Welt gab, doch sie war das Einzige, worauf Michael Davenport sich verlassen konnte. Wenn er sie jetzt schleifen, seine Gedanken je davon wegdriften ließ, dann konnte es zu einem dritten Schub kommen – und der konnte ihn, hier in New York, durchaus wieder ins Bellevue bringen.“

Das Schreiben, so formuliert es Rainer Moritz, war Richard Yates‘ Waffe gegen den Untergang.


Cold Spring Harbour
Übersetzt von Thomas Gunkel
ISBN: 978-3-328-10155-0

Eine letzte Liebschaft
Übersetzt von Thomas Gunkel
ISBN: 978-3-328-10276-2

Zeiten des Aufruhrs
Übersetzt von Hans Ulrich Wolf
ISBN: 978-3-328-10154-3

Eine strahlende Zukunft
Übersetzt von Thomas Gunkel
ISBN: 978-3-442-74993-5


Sinclair Lewis, der Staubaufwirbler

Er sezierte das nordamerikanische Spießbürgertum: Sinclair Lewis, der unter anderem mit „Babbitt“ einen zeitlosen Charakter geschaffen hat.