
Sie erhielt als erste afroamerikanische Schriftstellerin den Literaturnobelpreis: Toni Morrison (1931 – 2019), das literarische Gewissen der USA. Mit ihren Romanen, aber auch als Lektorin bei Random House war sie eine Instanz für die Autorinnen der nachfolgenden Generation, ihr Einfluss auf die Literatur und deren Rezeption war enorm: Durch sie wurden afroamerikanische Themen zum Bestandteil des US-Literaturkanons.
Mit ihren Romanen wurde sie zu einer wichtigen Stimme, die Themen wie die mangelnde Aufarbeitung der Sklaverei und den anhaltenden Rassismus immer wieder in die Gesellschaft einbrachte. Dabei lag ihr Fokus insbesondere auf der Situation schwarzer Frauen, die doppelt unter Benachteiligung zu leiden hatten – sie stehen immer wieder im Mittelpunkt ihrer Bücher.
Inhaltsverzeichnis:
- Menschenkind – Beloved (1987)
- Die Herkunft der Anderen – Origin of Others (2016)
- Heimkehr – Home (2012)
- Gott, hilf dem Kind – God Help the Child (2015)
Menschenkind – Beloved (1987)
„Doch ihr Hirn interessierte sich nicht für die Zukunft. Vollgestopft mit Vergangenheit und gierig nach mehr, ließ es ihr keinen Raum, sich den nächsten Tag auch nur vorzustellen, geschweige denn ihn zu planen. Genau wie an dem Nachmittag damals in den wilden Zwiebeln – als der nächste Schritt das Äußerste an Zukunft war, was sie vor sich gesehen hatte. Andere Menschen wurden wahnsinnig, warum konnte sie das nicht? Bei anderen hörte das Denken einfach auf, wandte sich ab und ging zu etwas Neuem über; so etwas mußte Halle wohl widerfahren sein.“
In einigen Rezensionen zu Akwaeke Emezis Roman „Süßwasser“ wird auf Toni Morrisons Werk „Menschenkind“ (OA: „Beloved“, 1987), für den sie 1988 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, Bezug genommen: Beide Bücher stellen Frauen in den Mittelpunkt, die vor einer unerträglichen Realität vorübergehend in den Wahnsinn flüchten. Beide Bücher zeigen aber ebenso: Diese Frauen sind stark, unzerbrechbar, ungebrochen, Überlebende. Bei genauem Hinsehen wird zudem klar: Der ihnen zugeschriebene Wahnsinn haust in den Hirnen der anderen. Der Irrsinn liegt dort, wo Menschen meinen, sie hätten legitime Gewalt über Menschen anderen Geschlechts, anderer Rasse, anderer Herkunft.
Schicksal der Sklavin Margaret Garner
Während „Süßwasser“ jedoch in der Gegenwart spielt, geht Toni Morrison in „Beloved“ weit zurück in die Vergangenheit. Während ihrer Arbeit in den 1970er-Jahren als Herausgeberin und Verlagslektorin am „Black Book“, einem Band über die Geschichte der Amerikaner afrikanischer Abstammung, stieß Morrison auf eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 1851 über die entflohene Sklavin Margaret Garner. Die Frau wurde von den Häschern in Ohio aufgegriffen. Sie versuchte, ihre vier Kinder zu töten, um diese vor dem Sklavendasein zu bewahren, eines stirbt.
Die spätere Literaturnobelpreisträgerin hatte sich bis dahin wenig mit der Geschichte ihrer Vorfahren beschäftigt: Die Recherchen zu „Black Book“ und der Roman „Menschenkind“ machten Toni Morrison jedoch endgültig zu der großen Schriftstellerin und Humanistin, zu dem Gewissen der Vereinigten Staaten. „Beloved“ ist ein Roman, den man nicht mehr vergisst und eines der wichtigsten und besten Bücher der amerikanischen Literatur der letzten Jahrzehnte. Mehr zum Roman und zum Leben von Toni Morrison bietet dieser Beitrag im Deutschlandfunk anläßlich ihres Todes 2019.
Gewalt und Poesie
Die Geschichte von Sethe wird aus mehreren Perspektiven erzählt, ist stilistisch und sprachlich anspruchs- und wundervoll. Passagen, in denen ganz nüchtern von der kaum auszuhaltenden Gewalt und Entmenschlichung, der Sklaven ausgesetzt waren, erzählt wird, wechseln sich ab mit geradezu lyrischen Passagen. Und auch hier findet sich die typische Verwebung realistischer Sequenzen mit Szenen reinster Magie. Elisabeth Wehrmann kommentierte 1989 in der Zeit zur deutschen Übersetzung:
„Was Toni Morrison in dunklen Melodien beschwört, wofür sie eine Sprache findet, die jede Nuance von zarter Lyrik bis zum harten Slang trifft, ist nicht nur das unversöhnte Erbe, der unüberbrückbare Gegensatz von schwarzer Menschlichkeit und menschenzerstörender weißer Kultur. Die komplizierte Struktur ihres Romans mit ihren wechselnden Zeitebenen und Perspektiven beschreibt auch zögernd, auf Umwegen und gegen innere Widerstände den Prozeß einer Trauerarbeit, entwickelt aus der Spannung von Magie und Wirklichkeit ein Ritual der Heilung.“
Erzählt wird in der Rückblende: Fast zwei Jahrzehnte nach der Flucht von Sethe und ihrer Bluttat trifft sie Paul D. wieder, ebenfalls einer der Sklaven von „Sweet Home“ (was für ein Euphemismus!). Sie lebt mit Denver, ihrer Tochter, abgeschieden und isoliert im Haus ihrer verstorbenen Schwiegermutter (die von ihrem Sohn durch zusätzliche Fronarbeit freigekauft werden konnte) in Cincinnati, wo die Sklaverei überwunden ist (nicht jedoch der Rassismus). Paul D. bringt in das unheimliche Haus, das von Gespenstern beherrscht wird, einige wenige Augenblicke der Unbeschwertheit – bis auch er mit den Geist der Vergangenheit konfrontiert wird: „Menschenkind“ ist die Verkörperung der getöteten Tochter, die an ihrer Mutter hängt wie ein Bleigewicht, sie aussaugt wie ein Vampir, die die Liebe einfordert, die ihr durch den Tötungsakt genommen wurde. Sie ist der Geist und das Fleisch gewordene unaushaltbare Gewissen.
Ein Akt der Verzweiflung
Und dennoch stellt sich beim Lesen immer wieder die Frage: Ist die Tötung eines Kindes, um es vor dem schrecklichsten aller Leben zu bewahren, nicht nur ein Akt der Verzweiflung, sondern auch der Befreiung? Toni Morrison äußerte selbst dazu, dass die Tat „das absolut Richtige war, sie (Margaret) aber nicht das Recht hatte, es zu tun.“ Ein unauflösbares Dilemma, ein furchtbarer Akt der Auflehnung gegen die Entmenschlichung, vor dem sich Sethe nur in den Wahnsinn retten kann.
Doch auch dies wird deutlich: Der eigentliche Irrsinn liegt auf der Seite der Sklavenhalter. Nach und nach wird die ganze Brutalität dieses dunklen Kapitels der amerikanischen Geschichte enthüllt: Familien, die auseinandergerissen, Kinder, die von der Mutterbrust wegverkauft werden, Männer, die verbrannt, gefoltert, in Fußeisen gelegt und Maulsperren malträtiert werden, Frauen, die vergewaltigt, wie Zuchtvieh gehalten, gepeitscht und gedemütigt werden. Menschen, denen die Menschlichkeit abgesprochen wird, gehalten wie Tiere.
Ein unvergesslicher Roman
Gunhild Kübler schreibt in „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“ über das Buch:
„Wer dieses Buch gelesen hat, wird es nicht mehr vergessen. Es verändert einen. Unmöglich, hier in der üblichen Lektüredistanz zu verharren. Auch deshalb, weil Toni Morrison geradezu hypnotisch eindringlich erzählt. Wie der Geist, von dem die Rede ist, kehren hier die Schrecken eines der großen Verbrechen der Menschheitsgeschichte wieder.“
Heidi Thomann Tewarson arbeitet in ihrer rororo-Monographie zu Toni Morrison noch einen weiteren Aspekt des Romans deutlich heraus: Den der Selbstfindung, dem Bemühen, eine eigene Identität zu erhalten. Für Sethe und Paul D., denen diese in der Sklaverei genommen wurde, ein zusätzlicher Kraftakt, aber auch für die Nachfahren. Für die drei Hauptprotagonisten – das Paar und Denver, die Tochter – hält der Roman ein fragiles, aber versöhnliches Ende bereit: Sie lernen mit einer Vergangenheit, in der sie vor allem Opfer, aber eben auch Täter waren, zu leben.
Aber „Menschenkind“, die Namenlose, existiert weiter, in den Träumen, in der Hinterkammer des Gewissens. Heidi Thomann Tewarson:
„Das Geschichtenerzählen hat ihnen weitergeholfen. Die ungeheuerlichste Geschichte aber, die des toten Mädchens, die auch für das abgrundtiefe Leiden der unzähligen anderen Opfer steht, ist unfassbar – also nicht in Worte zu fassen. Deshalb – und so endet Toni Morrison – ist dies keine Geschichte zum Weitererzählen.“
Literaturtipps zum Thema Rassismus:
Eine Entdeckung – die Lyrikerin Wanda Coleman und «strände. warum sie mich kaltlassen»
Wer die Gedichte von Wanda Coleman (1946 – 2013) liest, der wird ganz unmittelbar mit der Lebenswirklichkeit der schwarzen Bevölkerung in den USA konfrontiert: Das sind Zeilen, die brennen vor Zorn und Frustration, Gedichte, die aufrütteln.
Das vergessene Meisterwerk: «Ein anderer Takt» von William Melvin Kelley
Der Debütroman „Ein anderer Takt“ erschien bereits 1962. Die Wiederentdeckung des Buches kommt in einer rassistisch geprägten Trump-Ära zur rechten Zeit.
Die Herkunft der Anderen (2016)
2016 war Toni Morrison (1931 – 2019) eingeladen, an der Harvard Universität die Carles Eliot Norton-Vorlesungen zu halten. Sie steht damit in einer langen und ehrenhaften Tradition. Die ursprünglich in Gedenken an den Archäologen Norton eingerichtete Vorlesungsreihe öffnete sich von Beginn an anderen Disziplinen und Wissenschaften, steht für ein Menschenbild, das andere Kulturen, Traditionen und Meinungen zulässt – anders, als es derzeit die amerikanische Politik propagiert.
In einer Reihe mit Calvino und Gordimer
Als namhafte Vertreter der Literatur sprachen dort unter anderem schon Czeslaw Milosz, Italo Calvino und Nadine Gordimer. Dass Toni Morrison ein zutiefst politisches Thema für die sechs Vorlesungen wählen würde, legt ihr Werk nahe. Denn das Schreiben der Literaturnobel- und Pulitzerpreisträgerin kreist seit ihrem ersten Roman „Sehr blaue Augen“ um den Themenkomplex Rassismus und Ausgrenzung und den Auswirkungen, insbesondere auf die betroffenen Frauen.
„Was ist „Rasse“ (außer einem genetischen Trugbild), und warum kommt es auf sie an? Welches Verhalten erfordert oder begünstigt sie, sobald ihre Elemente erst erkannt oder definiert sind (soweit das überhaupt möglich ist). „Rasse“ ist die Klassifizierung einer Art, und wir gehören zur „Rasse“ des Homo sapiens, Punkt. Aber was ist dann diese andere Sache – die Feindseligkeit, der gesellschaftliche Rassismus, die Konstruktion von Andersartigen?“
Ob es der Wunsch der jungen Pecola ist, „sehr blaue“ Augen zu haben, die als Symbol für ein besseres Leben stehen (für das eines „weißen“ Kindes), oder ob es zur Gewohnheit wird, stets weiß zu tragen, um die „mitternachtsschwarze“ Hautfarbe zu präsentieren wie eine exotische Trophäe, so wie es Bride in Morrisons letztem Roman „Gott, hilf dem Kind“ tut: stets ist der Preis, den insbesondere schwarze Frauen zu zahlen haben, ein sehr hoher. Anpassung schützt vor Gewalt, Mißbrauch, Ausgrenzung nicht – und führt in keinem von Morrisons Büchern zu einem wirklichen Verständnis und einer echten Akzeptanz zwischen den Vertretern der beiden Gruppen.
Die Konstruktion von Andersartigkeit
Die Vorträge decken die Konstruktion der Andersartigkeit auf, die vor allem der Zementierung gesellschaftlicher Hierarchien dient, wie es Toni Morrison auf den Punkt bringt:
„Die Zuschreibung von „Rassemerkmalen“ mit daraus folgender Ausgrenzung hat weder mit den Schwarzen begonnen noch mit ihnen geendet. Kulturelle Besonderheiten, körperliche Merkmale oder die Religion waren und sind stets im Fokus, wenn Strategien zur Erringung von Vorherrschaft und Macht entwickelt werden.“
Wie dies funktioniert, macht Toni Morrison an einer Mischung aus eigenen Erfahrungen, historischen und literarischen Quellen (sie nimmt unter anderem auch William Faulkner und Ernest Hemingway unter die Lupe) deutlich. Klug nimmt sie dabei die Mechanismen auseinander, die sich im Laufe der amerikanischen Geschichte entwickelt haben, von der Romantisierung der Sklaverei bis hin zum „Fetisch Farbe“ – der, so macht die Schriftstellerin deutlich, beide Seiten betrifft.
Zugang zum Schreiben und Denken der Autorin
„Die Herkunft der Anderen“ bietet über seine aktuellen gesellschaftspolitischen Aspekte hinaus auch einen sehr guten Zugang in Denken und Schreiben Toni Morrisons, die in ihren Vorträgen einige ihrer eigenen Bücher, insbesondere „Paradies“, „Menschenkind“ sowie die Romane „Heimkehr“ und „Gott, hilf dem Kind“ analysiert und dem Publikum ihre Herangehensweise offenlegt.
Bedeutsam ist dieser Vortragsband jedoch in erster Linie wegen seiner politischen Dimension: Denn mag auch die einstmals gesetzlich legitimierte Rassentrennung überwunden sein, der Rassismus besteht in den gesellschaftlichen Strukturen fort (was im Übrigen auch in Sachen Sexismus zu sagen wäre). So haben schwarze Amerikaner weniger Bildungs- und Aufstiegschancen, verdienen in der Regel bei vergleichbaren Tätigkeiten weniger, sind in weitaus höherem Maße von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen und nicht zuletzt auch im höheren Maß von Kriminalisierung.
Vorwort von Ta-Nehisi Coates
Lesenswert ist der schmale Band auch durch das Vorwort des Schriftstellers und Journalisten Ta-Nehisi Coates. Coates ist der Sohn des Gründers der „Black Classic Press“ und durch seine Forderung nach Reparationszahlungen der USA an ihre schwarze Bevölkerung für die Leiden der Sklaverei für Diskussionen. Er gilt als die „schwarze Stimme“ der Gegenwart und deckt kritisch die Formen des modernen Rassismus auf.
In seinem Vorwort schreibt er:
„Morrisons Buch steht in einer im Lauf des vergangenen Jahrhunderts angewachsenen Reihe von Arbeiten, die überzeugende Argumente für die These zusammengetragen haben, dass der weiße Rassismus unüberwindlich ist.„
William Faulkner und die Reise mit einem Sarg: «Als ich im Sterben lag»
William Faulkners Roman „Als ich im Sterben lag“ erschien 1930 und war, nach „Schall und Wahn“ das Buch, das seinen Weltruhm als außergewöhnlicher Stilist begründete. Eine Tour de Force, nicht nur für die Protagonisten, sondern auch ein Parforceritt für den Schriftsteller selbst.
Sinclair Lewis, der Staubaufwirbler
Er sezierte das nordamerikanische Spießbürgertum: Sinclair Lewis, der unter anderem mit „Babbitt“ einen zeitlosen Charakter geschaffen hat.
Schall und Wahn – der ganze Kosmos von William Faulkner
„Schall und Wahn“ ist eine Herausforderung für den Leser, eine mitreißende Zumutung. In der Neuübersetzung von Frank Heibert glänzt dieser Solitär noch mehr.
Heimkehr – Home (2012)
„Lotus, Georgia, ist der übelste Ort dieser Welt, übler als jedes Schlachtfeld. Auf dem Schlachtfeld gibt es wenigstens ein Ziel, Erregung, Mut und die Möglichkeit des Siegs, wenn auch begleitet von vielen Möglichkeiten der Niederlage. Der Tod spielt immer mit, aber auch das Leben hat eine Chance. Dumm nur, dass man nicht vorher weiß, wie es ausgeht.“
Für Frank Money, Mitte Zwanzig, bleibt auch, nachdem er Lotus, Georgia, verlassen hat, wenig mehr, was das Überleben wert wäre. Er, der Kriegsfreiwillige, kehrt traumatisiert aus Korea zurück und findet eine Heimat vor, die ihn nur aufzunehmen bereit war, solange er bereit war, für sie zu sterben. Toni Morrisons Roman „Heimkehr“ spielt in den zutiefst rassistischen USA der 50er Jahre. Und obwohl es einer ihrer kürzeren, schmäleren Romane ist, ist auch dieses Buch vollgepackt von Leben und Tod, Hass, Verzweiflung und Liebe, Hoffnung und Resignation. Ein kleines Meisterwerk im Blick auf eine gespaltene Gesellschaft, im Blick auf das „andere Amerika“.
Rassismus zerstört die Familien
Ihre Kernthemen sind das Leben der afroamerikanischen Bevölkerung und die Familie. Letztere gibt es jedoch nie in der Bilderbuch-Form, häufig ist die Familie, neben dem Rassismus (oder wegen) mit ein Kern des Übels, mit ein Grund, warum ihre Figuren mit dem Leben ringen, am Leben scheitern. Auch Frank Money ist einer dieser gebrochenen Menschen – traumatisiert, alkoholisiert, narkotisiert begegnet er dem Leser zunächst als in einer Psychiatrie Gestrandeter. Er flieht und nimmt den Leser mit auf eine „Heimkehr“ im doppelten Sinne – zurück in den Süden der USA, immer ein wenig auf der Flucht, immer bemüht, nicht aufzufallen. Ein Priester gibt ihm dieses mit auf den Weg:
„Du wirst für jeden Bissen dankbar sein, denn nirgends, wo dein Bus auch hält, wirst du dich an einer Imbissbude hinsetzen können. Hör zu, du bist aus Georgia, und du warst in einer Armee, in der die Rassentrennung aufgehoben ist, und du denkst vielleicht, im Norden geht`s ganz anders zu als im Süden. Aber glaub das bloß nicht und zähl nicht drauf. Die Gewohnheit ist so mächtig wie das Gesetz, und sie kann genauso gefährlich sein.“
Ein Ende mit Hoffnung
Und Frank Money unternimmt eine Heimkehr im übertragenen Sinn – er, der sich im Töten des Krieges, in seinen Alpträumen, in den Alkoholabstürzen verloren hatte, scheint sich wiederzufinden. „Heimkehr“ hat, im Gegensatz zu etlichen vorhergehenden Büchern der Literaturnobelpreisträgerin, ein Ende mit hoffnungsfrohem Ausgang. Die beiden Geschwister Frank und Cee, vom Schicksal gebeutelt, finden in der Heimat ihren Frieden. Grund für die Reise Frank Moneys ist seine jüngere Schwester Cee, für die er stets Vaterersatz, großer Bruder und Beschützer, bester Freund und Seelenverwandter war. Cee ist in einer Notlage – der einzige Grund, um zurück nach Georgia zu fahren, um diese Heimkehr zu unternehmen.
Von Georgia in die Army und wieder zurück – vom Regen in die Traufe und wieder zurück: Alles, was einem Schwarzen im Amerika der 50er Jahre bleibt, ist die Gewissheit, dass man nirgends lange bleiben kann, ohne irgendeinen Tod zu sterben. Und dass keine Sicherheit gegeben ist – außer in den wenigen Bindungen, die Bestand haben.
Formal meisterhaft
Die Poesie der Sprache, die so beiläufig daherkommt wie die Schilderung alltäglicher, grausamster Gewalt, ob rassistisch oder sexistisch motiviert, ist es, was Toni Morrison zu einer ganz großen Schriftstellerin macht. In „Heimkehr“ hat sie dies, vielleicht gerade wegen der Verdichtung auf knapp 158 Seiten, zu einer meisterhaften Form gebracht.
Anders als in „Menschenkind“, „Paradies“ oder „Teerbaby“ verzichtet die Literaturnobelpreisträger jedoch auf den Einbau magischer Elemente: Frank und Cee reisen in ihren (Alp-)Träumen zwar auch in das Unterbewusste, sind jedoch bereits schon Kinder der Moderne. Doch ein anderes Leitmotiv setzt sich in diesem Roman fort: Der Zusammenhalt starker Frauen, die sich vom Schicksal weit weniger beugen lassen als ihre männlichen Begleiter.
Vorangestellt sind Heimkehr einige lyrische Liedzeilen. Das Haus ist Amerika, das Toni Morrison, Literaturnobelpreisträgerin und Bürgerrechtlerin, nie eine Heimat bot.
Wessen Haus ist das?
Wessen Nacht hält das Licht fern
Hier drinnen?
Sag, wem gehört dieses Haus? Meins ist es nicht.
Ich hab von einem anderen geträumt, wohnlicher, heller,
Mit einem Blick auf Seen, befahren in bunten Booten,
Auf Felder, weit wie Arme, ausgebreitet für mich.
Dieses Haus ist fremd.
Seine Schatten lügen.
Sag mir, warum mein Schlüssel hier passt.
Gott, hilf dem Kind – God Help the Child (2015)
„Ich kann nichts dafür. Mir könnt ihr nicht die Schuld geben. Ich hab`s nicht gemacht, und ich habe keine Ahnung, wie es passieren konnte. Kaum eine Stunde hat es gebraucht, nachdem sie sie zwischen meinen Schenkeln herausgezogen hatten, um zu merken, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte. Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz.“
Lula Ann ist ein „Teerbaby“. Ein Schock für die Eltern, die – in ihrem Verhalten tief geprägt vom amerikanischen Rassismus -, so stolz auf ihre helle Haut sind. Der Vater verschwindet, die Mutter, die sich von ihrem Kind ironischerweise „Sweetness“ nennen lässt, zieht das Mädchen in einer Atmosphäre von emotionaler Kälte und Ablehnung auf.
Was für das Kind Lula Ann als Makel erscheint, der soziale Integration, Freundschaften und sogar familiäre Liebe verhindert, das verwandelt sie als Erwachsene, als „Bride“ in ein Markenzeichen: Eine atemberaubende Schönheit, tiefschwarz, jedoch stets in Weiß gekleidet, inszeniert sie sich als „Panther im Schnee“.
Bride bleibt ein „Teerbaby“
Doch im Kern bleibt die glamouröse Karrierefrau, die Markenklamotten trägt und einen Jaguar fährt, das kleine, verunsicherte Kind. Keine Spur von „Black Panther“. Erst ein dramatischer Gewaltakt und ein Mann, der sie verlässt, führt Bride, die weiße Braut, auf Spurensuche: Nach Brooker, ihrem Geliebten, aber vor allem nach sich selbst.
In ihrem letzten Roman vereint Toni Morrison erneut ihre zentralen Themen: Rassismus und Feminismus. Ob in „Sula“, „Teerbaby“ oder auch „Menschenkind“, immer wieder stellte die Literaturnobelpreisträgerin Frauen in den Mittelpunkt ihrer Geschichten Frauen, die im doppelten Sinne mit ihrer Identität zu ringen haben.
Verinnerlichung rassistischen Denkens
Heidi Thomas Tewarson schreibt in ihrer rororo-Monographie (2005) über Toni Morrisons Roman „Sehr blaue Augen“:
„…ist das erste Buch, in dem Toni Morrison der Frage nach der verheerenden Folge eines schädlichen, fremden, aber allgemein verinnerlichten Denkens nachgeht, einer Frage, die in vielen Variationen immer wieder aufgegriffen wird. Die fast automatische Verinnerlichung rassistischen Denkens erweist sich als das wahrhaft Zerstörerische.“
Das wahrhaft Zerstörerische ist und bleibt natürlich der Rassismus an sich – doch wie sehr rassistische Denkweisen von den „Opfern“ selbst übernommen werden, wie sehr sie diese weitertragen und sich damit einem inhumanen System unterwerfen, das zieht sich wie ein roter Faden von der blauäugigen Pecola („Sehr blaue Augen“, 1970) bis hin zur teerschwarzen Bride. Deren Abgrenzung von der Mutter, ihre Karriere, ihre wechselnden Liebschaften: Dies alles entpuppt sich als dünner Firnis. Anpassung und Selbstverleugnung statt Selbstverwirklichung. Auch ihre Art, ihre tiefschwarze Hautfarbe zu einem Markenzeichen zu machen, ist einem rassistischen Diktat unterworfen. „Black is beautiful“, pervertiert.
„Siehst du“, sagte Jeri. „Schwarz zieht. Es ist die heißeste Ware, die es in unserer Gesellschaft gibt. Weiße Mädchen, sogar braune, müssen sich nackt ausziehen, um so viel Aufmerksamkeit zu erregen.“
Bride, deren „Liebesleben zu einer Art Cola light wurde“, mit Typen, die „mich behandelten wie einen Orden, ein glänzendes, stummes Zeugnis ihrer Heldentaten“, muss erst auf Menschen treffen, die – wie sie – durch Traumata in der Kindheit geprägt sind -, um an ihre Wurzeln, um zu echtem Selbstbewusstsein, zu echter „black power“ zu gelangen. Sie muss zudem symbolisch beinahe verschwinden, um wieder zu wachsen: Indem ihr Körper sich in den eines brust- und haarlosen Kindes zurückverwandelt (ein typisches, wenn auch eher zurückgenommenes Beispiel für die Magie, die Toni Morrison gerne in ihre Romane einflicht), wird sie erst zur Frau.
Ökonomische Erzählweise
„Gott, hilf dem Kind“: Nicht von ungefähr erinnert der Titel an Billie Holidays Song „God bless the child“. Und wie passend die Textzeile daraus: „Mama may have, Papa may have, but God bless the child that’s got his own!“ Der schmale, multiperspektivisch erzählte Roman ist nicht das herausragendste Buch innerhalb Toni Morrisons Werk. Aber es erzählt auch von den Hoffnungen der Schriftstellerin selbst. Am Ende des Romans finden die Braut, Bride, und Brooker zusammen, sie ist schwanger, sie träumen von der Zukunft:
„Ein Kind. Neues Leben. Immun gegen alles Böse, jede Krankheit, behütet vor Entführung, Schlägen, sexueller Gewalt, Rassismus, Demütigung, Verletzung, Selbstzweifel, Verwahrlosung. Niemals irrend, voller Güte. Ohne Zorn. So stellen sie es sich vor.“
God bless the child.
Bibliographische Angaben:
Toni Morrison
Menschenkind
Übersetzt von Thomas Piltz und Helga Fetsch
Rowohlt Verlag, 2007
ISBN: 978-3-499-24420-9
Die Herkunft der anderen
Übersetzt von Thomas Piltz
Rowohlt Verlag, 2018
ISBN: 978-3-498-04543-2
Heimkehr
Übersetzt von Thomas Piltz
Rowohl Verlag, 2014
ISBN: 978-3-499-25985-2
Gott, hilf dem Kind
Übersetzt von Thomas Piltz
Rowohl Verlag, 2018
ISBN: 978-3-499-27172-4
