
Als 2016 „1933 war ein schlimmes Jahr“ in der Übersetzung von Alex Capus erschien und es sogar in das „Literarische Quartett“ schaffte, schien es, als sei hier ein vergessener Autor geradezu aus dem Nichts wieder aufgetaucht. Tatsächlich aber gab es schon zuvor einige der Bücher des amerikanischen Schriftstellers John Fante, den Charles Bukowski als „seinen Gott“ bezeichnete, auch in deutschen Übersetzungen zu entdecken. Unter anderem im Goldmann Verlag und beim unabhängigen MaroVerlag aus Augsburg, der seit Jahrzehnten das Andenken amerikanischer Autoren wie Bukowski, Ginsberg und eben auch Fante pflegt. So erschien 2016 im MaroVerlag der Band „Little Italy“ mit 20 Erzählungen, die auf Anregung Bukowskis bei der „Black Sparrow Press“ 1985 unter dem Titel „The Wine of Youth“ herausgegeben wurden, weitere Bücher folgten.
Inhaltsverzeichnis:
Erzählungen: Little Italy (1985)
Der Erzählband „Little Italy“ ist ein durchaus geeigneter Einstieg in den fantesken Themenkreis, in dessen Büchern abwechselnd zwei Familien im Mittelpunkt stehen, die Bandinis und die Molises, italienische Einwandererfamilien, die sich mehr schlecht als recht in den Vereinigten Staaten durchschlagen. Armut, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung wegen der Herkunft, harte Väter, abgearbeitete Mütter und dazwischen junge Männer, gefangen in den Widersprüchen der katholischen Kirche, die in den Familien eine große Rolle spielt, und den eigenen Leidenschaften (die da sind Baseball, Mädchen und kleine Gaunereien).
„Er wollte diesen Handschuh haben, aber er wusste auch, dass er ihn sich nicht kaufen konnte, darum hätte er die ganze Sache besser vergessen sollen. Tat er aber nicht. Er stand vor dem Schaufenster, und man will es nicht glauben, da ist der Teufel vorbeigekommen. Ich weiß, wie sich der Junge gefühlt hat, ich habe selbst oft genug die Stimme des Teufels in mir gehört und es sieht so aus, als lungert der immer da vor den Schaufenstern herum und wartet auf Opfer (…).“
Fante schildert das Milieu der italienischen Einwanderer
Es ist diese Mischung aus lakonischer Flappsigkeit, gekoppelt mit einem subtilen Humor, der für Fantes Erzählweise einnimmt – eine Mischung, die auch über die dunkleren Seiten im Kosmos der Familie Bandini, von der in „Little Italy“ erzählt wird, hinwegträgt. Denn man kommt von ganz unten, muss sprichwörtlich jeden Cent zweimal umdrehen, hangelt sich durch. In „Ein Maurer im Schnee“ heißt es:
„Der Winter in Colorado war erbarmungslos. Jeden Tag rieselte der Schnee vom Himmel, und abends tauchte die untergehende Sonne die Rockies in ein deprimierendes Rot. (…) Mein Vater war Maurer. Wegen des Schnees konnte er allerdings nicht arbeiten. Sein Mörtel gefror, bevor er abbinden konnte, und seine Finger waren in der Kälte kaum zu gebrauchen. Dabei war er ein Mann der Tat und brauchte immer Beschäftigung. Je länger der Schnee liegen blieb, desto ungenießbarer wurde Vater zu Hause.“
Erzählt wird aus der Perspektive des jungen Arturo – ganz offensichtlich ein Alter Ego John Fantes – der zwischen Familienzugehörigkeit und Ausbruchswillen schwankt. Auch als er nach Los Angeles geht, um Schriftsteller zu werden, lassen ihn die familiären Bande nicht los, bleibt er ein Produkt seiner Herkunft. Sei es bei einer Begegnung mit einem Priester während eines Erdbebens in Los Angeles (die Story trägt bezeichnenderweise den Titel „Zorn Gottes“), sei es bei Gebeten an die Mutter Gottes um Geld für die Miete, Aufträge für Drehbücher und Vergeltung an einem Jugendfeind, sei es in den verfahrensten Situationen down in Hollywood: Glaube und Familie sind Himmel und Hölle zugleich, Gefängnis und Sicherheitsnetz:
„Dann ging ich in die andere Richtung und verschmolz langsam mit der hysterischen Menge, ließ mich mittreiben und wusste, dass ich allein war und dass mein Sündenregister bald wieder ausgeglichen sein würde, dank meiner Kirche, die vor allem ein feiner Kerl war.“
Manch einem mögen diese Stories, die so detailreich aus einem bestimmten Milieu erzählen, zu redundant erscheinen, zu wenig abwechslungsreich in der Thematik. Für echte Fantianer dagegen und solche, die in diesen Kreis eintreten wollen, bieten sie eine Essenz des Werks Fantes, authentisch, lebendig, menschlich auch an den düstersten Stellen.
Vorwort von Charles Bukowski
Den von Kurt Pohl und Rainer Wehlen übersetzten Erzählungen hat der Verlag ein Vorwort von Charles Bukowski aus dem Jahr 1979 vorangestellt. „The dirty old man“ bewunderte den Schriftsteller, pilgerte täglich an seiner Tür vorbei:
„Fante war mein Gott, und ich wusste, dass man die Götter in Ruhe zu lassen hatte, man klopfte nicht an ihre Tür. (…) Bedingt durch andere Umstände lernte ich dieses Jahr den Autor endlich kennen. Es gibt noch viel, viel mehr über John Fante zu erzählen. Eine Geschichte, die von schrecklichem Glück und einem schrecklichen Schicksal und von einem seltenen, natürlichen Mut handelt. Eines Tages wird sie erzählt werden, aber ich hab das Gefühl, es wäre ihm nicht recht, wenn ich sie hier wiedergeben würde. Ich will nur soviel sagen, dass die Art seiner Worte und seine eigene Art sich gleichen: stark und gut und warmherzig.“
So ist es, so sind diese Stories aus Little Italy in Colorado: Stark und gut und warmherzig.
Lauter toxische Verhältnisse: Das Lebensdrama des Richard Yates
Es gibt Schriftsteller, die umkreisen immer wieder dieselben Themen. Und dennoch wird man ihrer nicht überdrüssig. Einer davon ist Richard Yates.
Die Short Story, eine nordamerikanische Erfolgsgeschichte
In den USA hat die Short Story eine besondere Tradition und genießt hohe literarische Anerkennung. Eine Auswahl von Kurzgeschichten-Sammlungen.
Ein Leben wie ein Roman – Jack London folgt dem Ruf der Wildnis
Die Abenteuer, über die Jack London schrieb, kannte er aus eigenem Erleben. Ob Goldschürfer oder Robbenjäger- Jack London hatte alles selbst mitgemacht.
Voll im Leben (1952)
In seinem 1952 erschienen autofiktionalen Roman „Voll im Leben“ schildert John Fante die vor allem für ihn nervenaufreibenden neun Monate während der ersten Schwangerschaft seiner Frau Joyce.
„Joyce schlief, als ich nach Hause kam. Es war gegen Mitternacht. Ich ging ins Bett und ließ das Licht brennen und fühlte mir regelmäßig den Puls. Es war eine schwere Nacht. Ich weiß noch, dass es hell wurde, und dann war ich eingeschlafen. Mittags wachte ich auf, und es ging mir gut.
Joyce saß in ihrem Zimmer und schrieb Briefe.
„Wie hast du geschlafen?“
„Schrecklich“, sagte sie. „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan.“
Sind es zu Beginn noch die üblichen paar Paarprobleme, wenn eine Beziehung sich verfestigt und Nachwuchs kommt („Das Kind kam zwischen uns wie ein Stein“) – er trauert dem wilden, freien Leben hinterher, sie sinnt über die Zukunft nach, ihn plagt das Verlangen, sie das Rückgrat – wird es mit einem Schlag bitter ernst: Im gutgläubig erworbenen Haus bricht Joyce eines morgens durch den von Termiten zerfressenen Küchenboden. Die Lösung scheint zunächst genial: Papa, der geniale Handwerker und Bauarbeiter, soll es richten. Doch der alte Mann, einst aus den Abruzzen in das Land der Verheißung eingewandert, der sich und seine Familie wie viele italienische Einwanderer mehr schlecht als recht durchbrachte, bringt eine ganz eigene Dynamik mit ins Spiel. Und fortan ist Fante nicht nur der hyperventilierende werdende Vater, sondern auch der Sohn, der eine einzige Enttäuschung ist ….
Küche, Kirche, Krankenhaus
Die Szenen familiären Zusammenlebens zwischen Küchenboden, Kirche und Krankenhaus sind herzerwärmend erzählt. Das ist stilistisch von einer zurückgenommenen Finesse, einer zurückhaltenden Direktheit, das ist manches Mal schreiend komisch, immer zum Mitfühlen, das ist aber vor allem eines: Voll das Leben.
Voll im Leben: Mit seinen ersten veröffentlichten Romanen über den Schriftsteller Arturo Bandini – ganz eindeutig sein Alter Ego – hatte John Fante Ende der 1930er Jahre erste Achtungserfolge erzielt und durch seinen klaren, natürlichen Stil unter anderem eben auch Bukowski als Verehrer gewonnen. Doch der ganz große Durchbruch blieb aus, ein Leben als freier Schriftsteller war, zumindest mit Familienanhang, nicht mehr denkbar.
Drehbuchautor für die Traumfabrik
Wie so viele andere talentierte Autoren auch fand John Fante sein Auskommen mit dem Schreiben von Drehbüchern in der Traumfabrik. 1952 erschien noch „Voll im Leben“, für dessen Drehbuch Fante für den Oscar nominiert wurde – der Film mit Judy Holliday und Richard Conte kam 1956 in die Kinos. Dann wurde es literarisch jedoch still um Fante. Zwar schrieb er noch einige herausragende Drehbücher, aber die nächsten Romane erschienen erst wieder in den 1970er-Jahren. Mag sein, dass er dazwischen voll absorbiert war mit dem, was sich in „Full of life“ ankündigt:
„Es war ein großes Haus, weil wir Leute mit großen Plänen waren. Der erste Plan war schon Wirklichkeit, eine Rundung um ihre Mitte, ein Ding, das ständig in Bewegung war, sich krümmte und wand wie ein Schlangenknäuel. (…)
Mein Haus! Vier Schlafzimmer. Platz. Jetzt lebten wir zu zweit dort, und der dritte Bewohner war unterwegs. Irgendwann würden es sieben sein. Das war mein Traum.“
Im vollen Leben wurden es sechs: Fante und Joyce bekamen vier Kinder und waren fast 50 Jahre verheiratet. Seinen letzten Roman diktierte der Schriftsteller, der aufgrund seiner Zuckerkrankheit erblindet war, seiner Frau und besten Kritikerin:
„Wäre sie nicht gewesen, ich hätte mein Leben auch mit einem anderen Beruf zubringen können – als Reporter oder als Maurer, egal. Meine Prosa entstand durch sie. Das war eine Tatsache. Ich wollte ständig aufgeben; ich hasste das Schreiben, verzweifelte, zerknüllte Papier und warf es quer durch das Zimmer. Aber sie durchstöberte das weggeworfene Zeug und förderte Sätze zutage; ich wusste eigentlich nie, wann ich gut war.“
Wer lesen möchte, wie aus einem Talent ein Schriftsteller, aus einem Jungen ein Mann, aus einem Liebhaber ein Gatte und Vater und aus einem Kind ein mitfühlender Sohn wird, der lese „Voll im Leben“.
Bibliographische Angaben:
Voll im Leben
Übersetzt von Doris Engelke
MaroVerlag, 2018
ISBN: 978-3-87512-482-8
Little Italy
Übersetzt von Rainer Wehlen und Kurt Pohl
MaroVerlag, 2016
ISBN 978-3-87512-475-0
