Inger-Maria Mahlke: Wie ihr wollt

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Bild: (c) Michael Flötotto

Alles ist faul im Staate Heinrich Blaubarts und seiner Nachkommen. Da wird am Hofe Elisabeths I. antichambriert, hofiert, intrigiert, um Leib, Leben und Status gekämpft und dennoch ist aufgrund verwickelter Verwandtschaftsverhältnisse, unüberschaubarer Machtspiele und unüberbrückbarer Religionsfragen kein Kopf vor dem Rollen sicher. Und über alledem thront die Queen – die die Fäden in harter Hand hält, die die Puppen tanzen lässt.

Inger-Maria Mahlke hat sich eine der turbulentesten Epochen der englischen Geschichte für ihren Roman „Wie ihr wollt“ herausgepickt. Und legt damit ein Buch vor, das kräftig gegen die allgemeinen Klischees und gegen den Strich in Sachen Historienroman gebürstet ist: Die Heldin, das ist keine strahlende, liebreizende, holde Jungfer, ein positiver Held fällt komplett aus, und überhaupt mangelt es an echten Sympathieträgern in diesem Roman, in dem alles Verwicklung ist bis hin zur überaus verschachtelten Erzählstruktur und seiner düsteren, ausweglosen Kammerspiel-Atmosphäre. Zudem wird der historische Stoff, der eine interessante Figur des elisabethanischen Zeitalters in den Mittelpunkt rückt, durch eine moderne, frische Sprache konterkariert.

Also die Warnung gleich vorneweg: Das ist kein Roman fürs „easy reading“. Wer sich die englische Geschichte und Shakespeare-Dramen nicht bereits schon verinnerlicht hat, wird sich zunächst bei der Lektüre dieser „literarischen Aneignung eines historischen Stoffes“ (so die Autorin über ihren Roman) schwer tun. Und auch der vorangestellte Stammbaum sowie Kurzcharakteristika der Figuren am Ende des Buches erleichtern den Lesefluss nicht – das Buch ist beinahe aufgebaut wie ein Puzzlespiel, mit Sprüngen vor- und rückwärts durch die Chronologie und Familiengeschichte, so sprunghaft wie der Gedankenfluss der Anti-Heldin.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Mary Grey, einer kleinwüchsigen Adeligen mit entfernten Thronansprüchen und einer unstatthaften Heirat. Wer Elisabeths ehernen Willen zuwider handelte, wurde kurzerhand verbannt (die gesündere Variante), in den Tower verfrachtet oder geköpft. Nicht wenige aus Mary Greys Verwandtschaft ereilte dieses Schicksal – getowert und geköpft. Für letzteres schien jedoch auch die echte Mary Grey nicht wichtig oder gefährlich genug – jahrelang wurde sie bei königlichen Gewährsleuten gefangen und vom Hofe fern gehalten. Der Roman setzt dort an, als die frisch verwitwete Mary sich um eine Rehabilitierung bemüht – erlebtes Erzählen, Tagebuchnotizen der Protagonistin, Erinnerungsfetzen und kleine dramatische Szenen mit ihrer Dienstmagd fügen sich nur allmählich zu einem Gesamtbild zusammen.

Im Grunde ist der Roman ein düsteres Kammerspiel mit zwei Personen – ein Beziehungsdrama zwischen einer eingesperrten Kleinwüchsigen, die trotz innerer Opposition und Rebellion auch die Träume von Anerkennung und Aufstieg nicht unterdrücken kann und ihrer sperrigen, wortkargen Dienerin, die Reibungsfigur, Gefangenenwärterin und Verbindungsperson zur Außenwelt zugleich ist.

Wer die Lesekonzentration für die sprunghafte Erzählweise aufbringt, der kommt in den Genuss eines durchaus unterhaltsamen Psychogramms: An den bissigen Ergüssen des „Giftzwergs“ Mary Grey, die in inneren Monologen zunehmend deutlicher ihre Verbitterung und Bosheit über Intriganten, Karrieristen und Wendehälse ausschüttet, kann man sich ergötzen.

Ans Herz wächst einem die arme Gefangene dennoch nicht. Mary Grey ist letzten Endes keine Identifikationsfigur – ist sie doch nicht nur in den Ketten ihrer körperlichen Behinderung gefangen, sondern auch in den Ketten ihrer eigenen (Macht-)Ansprüche. Ihr Käfig ist – trotz allem Willen zur Selbstbehauptung – auch ein Selbstgewählter. Sie bleibt eine Getriebene, eine, die nach öffentlicher Anerkennung als Mitglied des Hofes hungert. Zwar könnte man Mary Grey trotz ihrer Widersprüchlichkeit und äußerlichen Machtlosigkeit auch als moderne Frauenfigur interpretieren – in ihren Tagebucheinträgen wird der kritische, distanzierte Blick auf Ränkespiele und Neurosen deutlich, analysiert sie das Geschehen klar und begehrt dagegen zumindest in ihren Notizen auf, auch wenn sie selbst Gefangene ihrer eigenen Herkunft bleibt. Dennoch bleibt sie als Figur ambivalent, zweideutig.

Das trotzige „Wie ihr wollt“ des Titels bezeichnet ein Anti-Programm zum shakespearianischen Illyrien in „Was ihr wollt“: Wer mich (Mary Grey) nicht will, der hat halt schon gehabt…eine Trotzreaktion, weil die Hauptfigur nur zu deutlich erfährt, wie es ist, wenn man in mehrfacher Hinsicht nicht dazugehört, wenn man ausgeschlossen bleibt.

Der Roman ist konzeptionell eine Herausforderung – man könnte auch sagen: streckenweise etwas mühsam in seiner Verklitterung. Doch Inger-Maria Mahlke punktet (bei mir zumindest) mit einer lakonischen, teils bissigen, teils knochentrockenen Sprache. Dennoch war ich über die Platzierung auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis überrascht – aber so ist es eben mit Jury-Entscheidungen: Wie es Euch gefällt.

Inger-Maria Mahlke, „Wie ihr wollt“, Berlin Verlag, 2015, 272 Seiten.
Bestellmöglichkeit bei Buchhandel.de.

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