Die Wende im Leben junger Männer

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Bild von Peter Dargatz auf Pixabay

„Ein blendendes Weiß darunter, ein unendlicher Raum für frisch Gelerntes, für ständig Gehörtes, für die historischen Gesetzmäßigkeiten, für korrekt Phantasiertes, Platz für den zur Wissenschaft erklärten Mummenschanz – die Spekulation mit der Welt. Ich war gefangen an diesem Tisch, in diesem Raum, in dieser Welt, der einzigen, die denkbar war in diesem Moment, in dieser Zeit, in diesem Land.“

Frederic Wianka, „Die Wende im Leben des jungen W.“

„Die kleinen Unglücke summierten sich, eine feindliche Stimmung baute sich auf. Ein Glas ging zu Bruch, und sofort trat Carl mit bloßem Fuß in einen der Splitter. Ihn packte die Wut. Draußen fielen die Grenzen, und er saß in Gera-Langenberg fest. Verlassen von Gott und der Welt.“

Lutz Seiler, „Stern 111“

Vom Volkseigenen Betrieb Plastmaschinenwerk in Schwerin, materiell gesichert, im Jugendkollektiv geborgen, doch die Gedanken unfrei, zur prekären freien Künstlerexistenz in Berlin, malend wie ein Besessener, doch immer am Abgrund balancierend, außerhalb stehend, gescheiterte Beziehungen, zu viel Alkohol und zu wenig Begabung zur Freundschaft: DIE Wende, der Zusammenbruch des politischen Systems, sie markiert auch eine wesentliche Wende im Leben des Ich-Erzählers aus dem Debütroman von Frederic Wianka.

Der Zufall wollte es, dass ich kurz nach der Lektüre von „Stern 111“ von Lutz Seiler, der damit den Preis der Leipziger Buchmesse errang, zu diesem Roman griff. Beide Bücher sind eng verwandt und doch so unterschiedlich: Wenderomane, Berlinromane, Künstlerromane, Liebesromane. Beide Protagonisten lernen einen Handwerksberuf in der DDR, beide zieht es nach Berlin, beide leiden am Werther-Syndrom der einseitigen Liebe, beide wollen sich als Künstler ausdrücken, der eine als Poet, der andere als Maler.

Würde man einfache Vergleiche ziehen und zur Küchenpsychologie neigen, könnte man einen ebenso einfachen Schluss ziehen: Der eine meistert schließlich sein Leben und ringt sich, trotz aller Selbstzweifel, hervorragende Gedichte ab, weil die erste prägende Ebene in einem Menschenleben, die Beziehung zu den Eltern stimmig ist. Der andere jedoch, der kurz als Maler reüssiert, sich dann allerdings in einer Gedankenspirale über das eigene Ungenügen verfängt, der an seinen eigenen Ansprüchen scheitert, kommt aus unglücklichen Verhältnissen, unehelich geboren, einem emotional kalten Stiefvater ausgeliefert. Der junge W. wählt den Freitod.

„Ich habe Einzelheiten verdrängt und in einer selektiven Erinnerung gelebt, weil das komplettierte Bild mein Leben zeigt, als das, was es ist: von Beginn an eine Lüge. Und ein Selbstbetrug in vielem, was ich tat.“

Dennoch wäre dieser Rückschluss auf die Auswirkungen familiärer Geborgenheit beziehungsweise dysfuntkionaler Familien auf die Entwicklung eines Menschenlebens zu eindimensional. In beiden Romanen ist ein entscheidendes Moment tatsächlich die Wende, die die beiden jungen Männer in eine ganz neue Lebenssituation hineinwirft: Plötzlich frei. Und plötzlich von allen guten Geistern verlassen – der junge W. ohne Freunde, Familie, Bezugspunkte, der junge Carl plötzlich aus dem Nest geworfen, damit konfrontiert, dass seine scheinbar so angepassten Eltern unter den ersten Republikflüchtlingen sind mit Fernziel USA.

Wie umgehen mit dieser scheinbar grenzenlosen Freiheit, mit einem anderen Wertesystem, mit völlig anderen Koordinaten? Nach mehr als 30 Jahren deutscher Einheit machen die jüngsten politischen Entwicklungen deutlich, wie viele Illusionen geplatzt sind, wie viel Arbeit noch notwendig ist, um wirklich „zusammenzufügen, was zusammengehört“. In beiden Büchern, sowohl in „Stern 111“ und in „Die Wende im Leben des jungen W.“, geht es auch um das Scheitern von Utopien und Träumen. Die Wende, sie hätte ein Neuanfang für beide Teile des Landes sein können, doch siegt die Macht der Märkte, was Seiler am Beispiel der sofort einsetzenden Gentrifizierung in Berlin durchspielt, Wianka am Kunstmarkt.

Beide Romane haben deutlichen autobiografischen Hintergrund, beide Autoren sind in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen: So sind diese Bücher auch Dokumente einer deutschen Geschichte, die im „Westen“ nicht wirklich so wahrgenommen wird. Und sie stehen trotz der Fiktionalisierung für Authenzität.

Zum Stilistischen:

Schon mit „Kruso“ tat ich mir streckenweise schwer. Seiler schreibt schön. Das ist nicht spöttisch gemeint: Er bietet Absätze, die funkeln, die von einer makellosen Sprache sind. Aber dann wiederum erscheint mir der Stil manches Mal auch etwas behäbig, zu verklausuliert-rätselhaft zudem – die surrealen Anklänge samt schwebender Ziege in „Stern 111“ nahmen mich nicht mit.

Der junge W. entwickelt einen eigenartigen Sog, Wianka schreibt eigenwillig und poetisch- bildhaft, auch wenn er sich manchmal in seinem Stil etwas vergaloppiert. Solche Satzkonstruktionen wirken zu gewollt, zu getragen: „Glaubenfrei und wissend sah ich Dich, als ich um die Abtei bog, gefestigt wir mir schien.“
Darüber kommt man jedoch, hat man sich in den Stil eingelesen, schnell hinweg, lässt sich hineinziehen in diese Lebensgeschichte.

Der Titel von Wiankas Roman drängt diesen Hinweis nun noch förmlich auf: Wer diese beiden Romane liest, der sollte, könnte auch wieder zu „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Penzdorf greifen. Der zeigt: Man scheitert nicht nur an der Liebe, sondern auch und vor allem an den Verhältnissen.

Informationen zu den Büchern:

Frederic Wianka
„Die Wende im Leben des jungen W.“
PalmArtPress 2020
Hardcover, 350 Seiten, 25,00 €
ISBN: 978-3-96258-050-6

Lutz Seiler
„Stern 111“
Suhrkamp Verlag 2020
Hardcover, 528 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-518-42925-9


 

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Sibylle Knauss: Eine unsterbliche Frau

„Ich wüsste gerne, wie es sich anfühlt zu lieben, dachte sie. Einmal in all den Leben, die immer wieder durch mich hindurchziehen, möchte ich das erfahren. Sie wusste viel über die Liebe und was sie den Menschen antut, die von ihr befallen sind. Ein Orakel erfährt alles, aber nicht dasjenige, was nur erfahren, indem es erlitten wird. Sie hatte Menschen gesehen, die krank an Liebe waren, und solche, die in einem Maße davon beseligt schienen, dass es ihr ein Rätsel blieb. Die Liebe machte sie ratlos. Das war peinlich in ihrem Beruf. Die Liebenden bestürmten sie mit ihren Fragen, die Liebende haben: Liebt er mich? Werde ich glücklich sein? Ist die Geliebte mir treu? Wie kann ich den Geliebten zurückgewinnen, der mir untreu ist? Und sie erteilte ihren Rat, blieb gewohnheitsmäßig im Vagen und Zweideutigen, und wusste um das Verfehlte und Angemaßte daran. Denn die Liebenden ließen sich nicht raten. Sie blieben unbeirrbar in ihrem Verlorensein an einen anderen Menschen. Sie begehrten nicht Rat, sie begehrten Erlösung.“

Sibylle Knauss, „Eine unsterbliche Frau“.

Erlösung, das ist das, worauf die unsterbliche Frau selbst nicht hoffen kann. Verdammt zu einem Leben, dessen Jahre so unzählig und unzählbar sind wie der Sand am Meer. Eine Begegnung am Strand zur falschen Zeit, ein unbedacht geäußerter Wunsch und schon ist man zur Unsterblichkeit verdammt. Ovid erzählte die Geschichte der Sibylle von Cumae in seinen Metamorphosen, die Schriftstellerin Sibylle Knauss spinnt die Erzählung um ihre Namensvetterin weiter. In ihrem Roman erliegt die Sibylle der „verdammten gottlosen Göttlichkeit“ des Schönlings Apollo, sein Geschenk für eine Nacht: Er macht sie unsterblich.

Und so durchwandern wir mit der Seherin die Jahrhunderte und Jahrtausende. Sie erkämpft sich einen Platz als Orakel, ihr Ruhm dringt bis Rom. Dort feilscht sie mit Lucius Tarquinius Superbus um die „Sibyllinischen Bücher“ und lernt einen Mann kennen, der dem apollonischen Liebeskünsten fast nahekommt. Das Glück ist von kurzer Dauer, zu gewalttätig sind die Zeiten, die die Seherin im Laufe ihres allzulangen Lebens durchschreitet. Einer ist immer dabei, einen, den kann, auch wenn sie das möchte, sie nicht vergessen, buchstäblich „in tausend Jahren nicht“. Bis in unsere Gegenwart und etwas darüber hinaus in eine düstere Zukunft, in der alle zivilisatorischen Strukturen zusammengebrochen sind, rückt ihr Apollo immer wieder auf den Pelz: Zwar altert die Sibylle regelmäßig, doch dann, wenn sie greis und zerbrechlich ist und den Tod herbeisehnt, verpasst ihr der grausame Gott eine Frischzellenkur.

Wir Leser profitieren von dieser Unsterblichkeit: Gelingt es doch der anderen Sibylle, der Schriftstellerin, dadurch uns einen Spiegel vorzuhalten. Wie wenig die Menschen sich bessern, wie wenig wir uns im Grunde von den alten Griechen und den kriegslüsternen Römern unterscheiden, wie viele Generationen sterben müssen, ohne dass der Mensch im humanitären Sinn Fortschritte macht, dies könnte ein Fazit der Sibylle von Cumae an ihrem Lebensende sein, träfe es denn endlich ein.

„Und als der Krieg nach dreißig Jahren vorbei war, ganze Landstriche verwüstet, Dörfer menschenleer, Städte niedergebrannt, blieb ihr nach all dem Entsetzlichen: zu begreifen, dass niemand klug aus der Geschichte wird, der nicht weiß, dass man selbst ein Teil davon ist, mithandelnd, mitleidend, mitverwoben ins Ganze.“

Das alles ist jedoch nicht von einem melancholisch-bitteren Unterton geprägt, sondern von einer sehr feinen Ironie in einer wunderbaren und unterhaltsamen Sprache. Immer wieder streut Sibylle Knauss in den Erzählfluss amüsante Bemerkungen ein, blitzen ihr trockener Humor und eine gewisse Scharfzüngigkeit durch.

Die Sibylle von Cumae: Eine unsterbliche Frau. Und nach diesem Roman auch eine unvergessliche Frau, eine ungewöhnliche Gestalt der Literatur.

Mehr Informationen zum Buch:
Sibylle Knauss
„Eine unsterbliche Frau“
Klöpfer.Narr 2019
Gebunden, 268 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-7496-1003-7

Mehr zum Buch auf der Homepage der Autorin: https://www.sibylle-knauss.de


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Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt

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Bild von Martin Ludlam auf Pixabay

„Es liegt eine merkwürdige Kraft in Dingen: Sie können, einmal hergestellt, unser Leben verändern.“

Neil MacGregor, „Shakespeares ruhelose Welt“

Seltsam ist`s, im Nebel zu wandeln…seit Tagen hängt eine Nebelwand über der Fuggerstadt. Von der Straße dringen die Geräusche nur wie in Watte gepackt in mein Arbeitszimmer. Selbst das Augsburger Rathaus, sonst vom Bürofenster fast handgreiflich nah, bleibt in ein diffuses Licht gehüllt. Das Wahrzeichen der Stadt im Nebelkleid. Ich überlege, ob vor 400 Jahren, als der Grundstein für diesen Bau, der, so ein neuzeitlicher Slogan, „Bürgersinn und Bürgerstolz“ repräsentieren soll – und – so ist doch anzunehmen – auch in der freien Reichsstadt zum Repräsentationszweck der wenigen Privilegierten, der wenigen wirklich „Freien“, vor allem auf dem Rücken des städtischen „Unterbaus“ erhoben wurde, ein Bau, der wahrscheinlich Leben&Kraft der Handwerker, Arbeiter, Arbeitssklaven kostete – gut, ich überlege, ob dieser Bau auch schon vor vierhundert Jahren wochenlang im Nebel versank. Und warum sich die Augsburger Patrizier darin überschlugen, Florenz, die mächtige Konkurrentin im Handel, durch Kopieren des Renaissancestils zu übertrumpfen, statt Eigenes zu gestalten, und ob auch an der Themse heute Nebel herrscht…

Vom nebeligen Augsburg 2014 zur Grundsteinlegung 1615 in der freien Reichsstadt sind es nur wenige Schritte zurück in das London der 1590er Jahre. Ein Denkmal wie das Augsburger Rathaus vermag immer noch Geschichten zu erzählen vom Ehrgeiz und den Ambitionen reicher Kaufleute, von Machtbewusstsein und Machtdemonstrationen, von Konkurrenz und Wettbewerb in einer bereits globalisierten Welt.

Einer, der solche Geschichten ebenfalls trefflich wiedergibt, ist Neil MacGregor. Der Kunsthistoriker war Leiter der National Gallery in London, seit etlichen Jahren ist er der oberste Hüter des Sammelsuriums im British Museum. Bereits mit seiner „Geschichte der Welt mit 100 Objekten“ landete er einen Bestseller. Zum Shakespeare-Jubiläumsjahr kam nun ein „Sequel“ – bewusste Wortwahl, denn dieses Buch lebt mit und vom Medium Bild und der multimedialen Weiterverwertung als Radioreihe und Hörbuch. „Shakespeares ruhelose Welt“, ein schön aufgemachter Bildband, der am Beispiel von 20 Objekten mitten hineinstößt in das turbulente, von der Pest gebeutelte, von den Iren und Schotten in die Zange genommene, den Spaniern und Katholiken unterwanderte, Magie-gläubige, nach Italien schielende und von aufständischen Lehrlingen gerüttelte London unter Elisabeth I.

Neil MacGregor erhebt nicht den Anspruch, Shakespeares Dramen zu analysieren oder Neues aus dem Dichterleben zu enthüllen.

„Vom Charisma der Dinge bewegt, unternimmt dieses Buch zwanzig Reisen in eine vergangene Welt – dies aber nicht in der Absicht, uns irgendeinem bestimmten Heiligen oder Helden näher zu bringen, schon gar nicht der Gestalt im Zentrum des Geschehens selbst, William Shakespeare. Wir wissen über das, was er tat, recht wenig, können nicht hoffen, mit auch nur annähernden Sicherheit aufzudecken, was er dachte, woran er glaubte. Shakespeares innere Welt bleibt, so bitter das ist, im Dunkeln. Stattdessen aber erlauben uns die Objekte in diesem Buch, an den Erfahrungen seines Publikums teilzuhaben (…).“

Wahren Shakespearianern bietet dieser opulente Bildband also keine neuen Erkenntnisse zu Leben und Werk. Es ist aber auch weitaus mehr als nur ein „coffee table book“, das sich im Jubiläumsjahr hübsch auf dem Wohnzimmertisch ausmacht. Kein „biopic“ auf Papier to go ohne inhaltlichen Anspruch – sondern ein fundiert und lebendig geschriebener Führer durch die englische Geisteswelt und Geschichte dieser dramatischen Zeit. Das Buch eröffnet einen Blick auf die Welt, in der der Dichter und seine Anhänger lebten. Unterstützt von den Shakespeare-Kennern des British Museums, das im vergangenen Jahr die Ausstellung „Shakespeare: Staging the world“ zeigte, verknüpft Neil MacGregor historisches Geschehen, Zeitkolorit, Dokumentiertes mit den Dramen und der Gedankenwelt Shakespeares. Und zeigt damit auch auf, wie modern der Dichter zu seiner Zeit war…

Ein Beispiel: Noch die Eltern des Dramatikers, mutmaßt Neil MacGregor, hatten wohl nie das Ticken einer Uhr gehört. Zimmeruhren waren um 1590 etwas Neues, ein Statussymbol. „Zeit des Wandels, Wandel der Zeit“ ist dieses Kapitel überschrieben. Mit den Uhren wird das Diktat der Zeit ein anderes, wird sich der Alltag der Menschen verändern. Reflektionen über die Zeit – sie sind auch ein fester Bestandteil Shakespearscher Werke. MacGregor verknüpft dieses geschickt, zeigt, was die Stunde geschlagen hat – sowohl im Alltag der Leute, als auch auf der Bühne des „Globe“.

Weil man vom Schöpfer von „Romeo und Julia“, „Othello“, „Hamlet“ und „Macbeth“ so wenig wissen kann, bringt der MacGregor die Welt, in der Shakespeare lebte, auf andere Weise nahe – mit Gabeln, Mützen, Kelchen, Spiegeln. In einem, dem letzten Kapitel macht der Kunsthistoriker das Shakespear`sche Werk zum Objekt: Denn nicht nur die Dinge haben die Macht (siehe Eingangszitat), das Leben der Menschen  zu verändern.

Auch die Worte, die Sprache können es auf den Kopf stellen, uns zu Taten bewegen, eine Welt zum Einsturz bringen. So mancher ist in ein Shakespeare-Stück gegangen und kam, wie nach einem Sommernachtstraum, als ein anderer heraus. Und auch  450 Jahre nach seiner Geburt ist der große Dramatiker und Lyriker William Shakespeare immer noch ein großer Weltveränderer – der Zauber und die Macht seiner Worte ungebrochen. Sein Werk hat die Jahrhunderte überlebt, und viel mehr als das: Es ist immer noch in uns lebendig. Dies verdeutlicht Neil MacGregor eben vor allem im letzten Kapitel „Shakespeare erobert die Welt“. Lauten könnte es auch: „Shakespeare hilft, in der Welt zu bestehen“. Denn selbst in den dunkelsten Winkeln hilft und trägt das Dichterwort weiter – sei es bei der Trauung von Marcel Reich-Ranicki im Warschauer Ghetto, sei es im Gefängnisalltag auf Robben Island. Für ein einziges Buch durften sich die Gefangenen rund um Nelson Mandela für die lange Dauer der Haft entscheiden – die Wahl fiel auf Shakespeares gesammelte Werke.

Neil MacGregor, „Shakespeares ruhelose Welt“, C. H. Beck, 2013, 347 Seiten mit 125 farbigen Abbildungen, 29,95 Euro.

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Ruth Klüger: Zerreißproben

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Bild von Barak Broitman auf Pixabay

Jom Kippur (Auszug)

Und jedes Jahr wie jedes Jahr
zehrt und zerrt der Hunger der Toten
an dem Fleisch der Lebendigen. Löset die Knoten!
Seid wie ein Kamm im verfilzten Haar.

„Auch hinter einem älteren Bruder, der die Naziherrschaft nicht überlebt hat, bin ich hergelaufen. Yom Kippur heißt der jüdische Fasten- und Versöhnungstag. In meiner Vorstellung sind die Toten aber nicht versöhnlich, weil sie uns nicht verzeihen, dass wir sie überlebt haben.“

Ruth Klüger, „Zerreißproben“, kommentierte Gedichte, erschienen beim Paul Zsolnay Verlag 2013

Das als Schuld empfundene Überleben – Ruth Klüger trägt diese Last ihr Leben lang mit sich mit. Wie andere Brandmale, Verletzungen und Ab-Stempelungen, seelisch und körperlich. Nicht nur durch die Nummer am Handgelenk bleiben die Opfer auch Jahrzehnte nach dem Holocaust gebrandmarkt und gepeinigt: „Denn die Folter verläßt den Gefolterten nicht, niemals, das ganze Leben lang nicht“, schreibt Ruth Klüger im ersten Teil ihrer Autobiographie, „weiter leben“ (deutsche Erstausgabe: 1992, Wallstein Verlag Göttingen). Erst in ihren 60igern entschließt sich Ruth Klüger dazu, „dieses Stück Mahnmal“ entfernen zu lassen.

„Da habe ich sie dann endlich auswendig gewußt, denn vorher hatte ich immer Mühe gehabt, sie mir zu merken: A-3537. Sie war immer nur eine Hundemarke in dem Sinne, daß die eigentliche Zahlenfolge bedeutungslos war und ich sie nie als eine Einheit empfunden habe, nicht einmal wie eine Haus- und Telefonnummer, warum sollte ich sie mir dann merken? Die Ziffern waren nur auf der Haut, nicht im Kopf. Nur als Tatsache, als Phänomen, als Zeichen waren sie wichtig, aber dann so sehr, daß man sie für die Toten anbehielt. Anbehielt? Wie ein Kleidungsstück?
Für die Buchhaltung in Auschwitz, wenn man diese makabren Genauigkeiten so nennen kann, war sie unnötig, denn ob markiert oder nicht, die Juden wurden vernichtet.“
(„unterwegs verloren“, Paul Zsolnay Verlag, 2008).

Ruth Klüger verfügt über einen klaren, analytischen Verstand, der vor keiner „Zerreißprobe“ zurückschreckt, der Innerstes offen legt, auch dieses in den familiären und freundschaftlichen Bindungen. Und ihr Verstand ist nicht korrumpierbar, nicht durch Sentiment manipulierbar: Davon zeigt auch das Ende ihrer jahrzehntelangen Freundschaft zu Martin Walser, dem sie in „Tod eines Kritikers“, Walsers Marcel Reich-Ranicki Aufarbeitungsroman, „geradezu klassische Muster der Diskriminierung“ vorwirft.

„Lieber Martin, seit wir uns vor 55 Jahren kennenlernten, ist viel Wasser in den Bodensee geflossen, und nicht nur heilig-nüchternes, für Hölderlins Schwäne zum Tunken geeignetes. Damals war die große Mordwelle gerade vorbei, und Deutschland stand am Anfang der großen Gleichgültigkeitswelle. Darauf folgte die Welle des triefenden Philosemitismus. Jetzt sieht es hierzulande nach einem Rückfall aus in das, was wir Juden in der Nazizeit ironisch-wehmütig >den guten, alten Riches von 1910< nannten, nämlich die gemäßigte Judenverachtung weiter Bevölkerungsschichten aller Klassen, mit der sich (scheinbar) leben ließ. In Deiner Friedenspreisrede hast Du über eine Moralkeule gejammert, mit der Ungenannte Dich und andere Deutsche bedrohen. Jetzt spielst Du >Sieger und Besiegte<, und dabei ist Dir selber unversehens die von Dir heraufbeschworene Keule in die Hände gerutscht, aber wo, bitte, steckt denn hier die Moral?“ („unterwegs verloren“ – auch für diese Freundschaft gilt der Buchtitel, auch dies ein weiterer Verlust, denn: „Denn das Judesein ist kein Klub, aus dem man austreten kann.“).

Zeit wird es an dieser Stelle, die biographischen Fakten aufzureihen: Ruth Klüger wird 1931 in Wien geboren, die Eltern, „junge Menschen aus Arthur Schnitzlers Welt“, die Kindheit beinahe behütet – denn an viel kann sich Ruth Klüger später nicht erinnern aus dieser Stadt, in der sie die ersten elf Jahre verbrachte: Mit dem Judenstern an der Kleidung macht man keine Spaziergänge, schreibt sie trocken. Wien ist kalt, kinderfeindlich, „bis ins Mark judenfeindlich“. 1997 kehrt sie für einige Zeit nach Wien zurück, vor der Statue des heiligen Nepomuk kommen ihr einige Zeilen:

Am Bauernmarkt (Auszug)

Lieber Scheinheiler, mach was Fein`s:
nimm dich der jüdischen Kundschaft an,
damit ich nicht ertrinken tu am Bauernmarkt eins.

(In „Zerreißproben“).

Denn die Rückkehr nach Österreich und Deutschland – Jahrzehnte später – bleibt, trotz mancher freundschaftlicher Verbindungen immer auch von „unsichtbaren Gefahren“ geprägt.

Im Alter von elf Jahren wird Ruth Klüger mit ihrer Mutter zunächst nach Theresienstadt, dann Auschwitz und Christianstadt deportiert. Der bewunderte Vater, der ältere Halbbruder – sie überleben nicht.

Mit einem Jahreszeitlicht für den Vater (Auszug)

Meine Kerze will dein Augenlid berühren,
wenn dein Aug´ sie auch nicht sehen kann.
Blinde Väter barfuß durch die Welt zu führen
steht sich leider nur für Königstöchter an.
Wind weht vom Stillen Ozean.

„Ich habe dieses Gedicht jahrelang mit mir herumgetragen und daran herumgebastelt. Ich habe es mir im Stehen und Gehen aufgesagt und es verändert. Jede Änderung war wie ein neues Hinterherlaufen (>mit kurzen Kinderschritten<). Es ist die Suche nach einem Vater – wenn man ein solches Hinterherlaufen eine Suche nennen kann -, den ich nicht gefunden habe. Wie sollte ich auch? Ich habe ihn als Achtjährige zuletzt gesehen und weiß nichts Wissenswertes über ihn. Eines habe ich allerdings im Laufe dieser Bemühungen wiederentdeckt und wiedergewonnen, nämlich die Muttersprache, mein österreichisch gefärbtes Deutsch.“ (Zerreißproben“)

Mit ihrer Mutter gelangt Ruth Klüger 1947 in die USA. Sie erkämpft sich, gegen mancherlei Widerstände, auch gegen materielle Not, gegen eine beklemmende Ehe ein Studium und macht ihren Weg als Germanistin, unter anderem lehrt sie an den Universitäten von Virginia, Princeton und in Irvine/Kalifornien. 1988 nimmt sie eine Gastprofessur in Göttingen wahr. Eine Annährung mit dem Land der Täter wird schrittweise wieder möglich. Mit ihren beiden autobiographischen Büchern „weiter leben“, das von der Kindheit in Wien und der Wirklichkeit in den Konzentrationslagern erzählt, sowie „unterwegs verloren“, das die amerikanischen Jahre und die deutsche Annährung schildert, wird Ruth Klüger auch im deutschsprachigen Raum als Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin bekannt. In den beiden Büchern finden sich auch bereits Hinweise auf die Gedichte – erste schrieb sie bereits 1944 im KZ – die sie ihr Leben lang verfasste.

2013 erschienen einige Gedichte eines Lebens beim Paul Zsolnay Verlag, von der Autorin selbst kommentiert – unter dem programmatischen Titel „Zerreißproben“.

„Ich möchte Gedichte vorstellen, die etwas mit meinem Leben zu tun hatten, und sagen, was es war. Oft war es etwas, was ich verdrängen wollte und das sich nicht verdrängen ließ.“

So handelt diese Lyrik von Verlusten und Ängsten, von den Erinnerungen an das Geschehen am Heldenplatz, die Kindheit in Wien, das Geschehen in den Lagern, aber auch von den späteren Jahren, dem „Scheidungsblues“, den Gefühlen für die eigenen Kinder – Ruth Klüger hat zwei Söhne – und natürlich auch von ihrem Beruf, der ungebrochenen Liebe zur deutschen Dichtung.

Deutsche Sprache (Auszug)

In diesen Lauten, die ich zu verlernen
versuchte, weil die spitzen Konsonanten
das wunde Fleisch der Kinderjahre kannten (…)

In diesen Lauten löst sich nun die schmale,
die Kinderstimme (…)

und zeigt mir (…) den Trost der klaren, offenen Vokale.

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Harald Roth: Was hat der Holocaust mit mir zu tun?

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Bild: (c) Michael Flötotto

November 2015:
Als ich im Januar 2014 erstmals auf dieses Buch aufmerksam machte, sah die Welt noch anders aus. Ja, man wußte zwar, der Schoß war fruchtbar noch. Man wusste, dass dieses Gedankengut weiter schwelte. Inzwischen aber wird ein Tabu nach dem anderen gebrochen. Was stillschweigend vor sich hin gärte, darf nun laut rausgeschrien und gepöbelt werden – und findet immer mehr Zuspruch. Das macht manchmal sprachlos. Aber es darf nicht mutlos machen.

Heime brennen. Täglich gibt es Übergriffe auf Menschen – Flüchtlinge, Helfer, Politiker, Andersdenkende. Es gibt Einschüchterungsversuche überall. Ein Beispiel im Netz: Eine rechtsradikale Seite listet im Netz die Namen „linker, verdächtiger“ Personen auf. Das sind üble Zeiten: Menschen werden namentlich der Häme und Hetze freigegeben. Ich fand darauf auch den Namen einer Bekannten, einer Pressefotografin, die sich sozial engagiert. So wird das Gefühl, dass das radikal Schlechte auch in das eigene Leben eingreift, konkret.

„Man wird doch noch einmal sagen dürfen“: Diese Einführung jagt mir Kälteschauer über den Rücken. Denn meist ist es der Prolog zu Äußerungen voller Ressentiments und Vorurteilen. Mit den meisten Menschen kann man Dinge im Dialog noch klären. Ein Bürgermeister erzählte mir von einer Bürgerversammlung in Sachen „Asyl im Dorf“ – tagelang hat ihn das Thema zuvor umgetrieben und nervös gemacht. Ihm gelang die „Ent-Ängstigung“. Ein neues Wort in meinem Vokabular.

Aber es sind finstere Zeiten. Ich habe nicht die Hoffnung, dass die ganz Verblendeten, Radikalisierten mit Worten noch erreichbar sind. Und dennoch: Ich wünschte mir, jeder von denen, die jetzt gegen Flüchtlinge und Andersdenkende pöbeln, würden gezwungen, die Holocaust-Literatur zu lesen: Tadeusz Borowski, Imre Kertész, Bruno Apitz, Jorge Semprun, Aharon Appelfeld, Jurek Becker.

Ob es etwas an deren Denken ändern würde? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte wenigstens, dass die, die jetzt zündeln, nochmals daran erinnert werden, wie es ist, wenn die ganze Welt brennt.

Januar 2014

„Nach meiner Auffassung stoße ich, wenn ich mich mit der traumatischen Wirkung von Auschwitz auseinandersetze, auf die Grundfragen der Lebensfähigkeit und kreativen Kraft des heutigen Menschen: das heißt, über Auschwitz nachdenkend, denke ich paradoxerweise vielleicht eher über die Zukunft nach als über die Vergangenheit.“

Imre Kertész, Rede zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur, 2002
Vorangestellt dem Buch „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“, Herausgeber Harald Roth

1998:
Friedenspreisrede von Martin Walser in der Frankfurter Paulskirche. Ein Zitat:
„Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen die Dauerpräsentation unserer Schande wehrt.“

Weiter sträubt es sich in mir, aus dieser Rede zu zitieren – Walser verdreht gar die Formulierung von Hannah Arendt um in eine „Banalität des Guten“, diskreditiert damit sowohl den Ansatz Hannah Arendts als auch die Anstrengungen vieler, einen Teil zur  Erinnerungsarbeit beitragen zu wollen, die eine Wiederholung verhütet. Vor allem aber predigt er einer „politikfreien“ (moralfreien?) Literatur das Wort.

Ein kluger Beitrag zur Walser-Rede findet sich hier: Erinnern oder Vergessen?

Doch der Dichter sprach dem Volk wohl aus der Seele:
„Ferner stimmen 61 Prozent (1998: 63 Prozent) der Auffassung zu, dass 58 Jahre nach Kriegsende nicht mehr so viel über die Judenverfolgung geredet, sondern endlich ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen worden sollte.“
(Forsa-Studie)

2003:
„Jeder fünfte Deutsche ist latent antisemitisch. Dies war das erschreckende Ergebnis einer Forsa-Studie im Auftrag des stern im November 2003. Befragt wurden 1.301 Bundesbürger. Bereits 1998 wurde die Studie mit den gleichen Fragestellungen schon einmal durchgeführt, so dass sich Veränderungen über die Einstellung der Deutschen zu den Juden ablesen lassen. Demnach ist der Anteil der Deutschen mit „latent antisemitischen“ Einstellungen von 20 auf 23 Prozent gestiegen. Die Befragten konnten bei ihren Antworten aus einer siebenstufigen Skala auswählen von „trifft überhaupt nicht zu“ (Skalenwert 1) bis „trifft voll zu“ (Skalenwert 7). Wer Skalenwerte von 5 bis 7 angekreuzt hat, wird als „latent antisemitisch“ eingestuft. Auf die bewusst provokant gestellte Frage, ob viele Juden versuchten, aus der Vergangenheit des Nationalsozialismus ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu lassen, antworteten sogar 36 Prozent der Befragten insgesamt mit ja (1998: 41 Prozent), 89 Prozent der Befragten mit antisemitischen Einstellungen waren dieser Meinung. Und 28 Prozent insgesamt glauben, dass Juden auf der Welt zu viel Einfluss haben (1998: 21 Prozent), 81 Prozent der Gruppe mit einer ausgeprägten antisemitischen Haltung stimmten dem zu. 1998 war der Anteil derer, die eine positive Entwicklung bei den Einstellungen gegenüber den Juden zu sehen glaubten, mit 49 Prozent deutlich größer als 2003 (36 Prozent). Heute glauben 30 Prozent, die Einstellung zu den Juden sei negativer geworden (1998: 15 Prozent) Wie aus der Studie weiter hervorgeht, meinen 16 Prozent aller Bundesbürger, die Juden hätten in der Vergangenheit nicht mehr durchgemacht als andere auch.
Quelle: http://www.lpb-bw.de/auschwitz-befreiung.html

2013:
In der ARD läuft – natürlich zu später Stunde – zum 75. Gedenktag anlässlich der „Reichspogromnacht“ ein Beitrag, der die Frage stellt: „Antisemitismus heute – wie judenfeindlich ist Deutschland?“.

Zwei Seiten – Verdrängung und Wiederholung. Die Haltung, >man könne es nicht mehr hören<, und steigender Antisemitismus gehen Hand in Hand.

Es ist also nach wie vor notwendig, vielleicht sogar notwendiger denn je, die Frage zu stellen: „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“. Herausgeber Harald Roth hat dies seinem Sammelband als Titel vorangestellt und 37 Antworten (oder besser: Versuche von Antworten und Annäherungen an diese Frage) zusammengefasst.  Es schreiben Holocaust-Überlebende, Schriftsteller, Politiker, Historiker, Journalisten.

Auch Roth geht in seinem Vorwort auf die Walser-Rede ein. Und stellt sie dorthin, wo sie hingehört, weist sie zurück. „Empirisch wäre zu überprüfen, ob man überhaupt von einer >Dauerpräsentation unserer Schande< sprechen kann. Walser kann man zudem entgegenhalten, dass es in einer freien Gesellschaft eine mediale Selbstbestimmung gibt: Keiner muss sich das Buch kaufen, keiner muss sich die Sendung anschauen.“

Aber: „Die Kritiker, die über ein mediales Überangebot räsonieren, übersehen meist einen simplen Sachverhalt: Für die junge Generation ist es immer eine Erstbegegnung. Zum ersten Mal erfahren sie etwas über Auschwitz, zum ersten Mal sehen sie einen Film über die >Weiße Rose<, zum ersten Mal besuchen sie eine KZ-Gedenkstätte.“

Am 27. Januar ist, in Erinnerung an die Befreiung von Ausschwitz durch die Rote Armee, der Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust: In der Bundesrepublik erst (!) 1996 eingeführt, seit 2005 ebenfalls von den Vereinten Nationen. Roth weißt zurecht darauf hin, dass die Geste des Erinnerns emotional und moralisch gefüttert sein muss. Allerdings: „Die authentischen Stimmen der Zeitzeugen“ werden in absehbarer Zeit verstummen – sie jedoch „bilden für die Nachgeborenen eine emotionale Brücke zwischen dem Gestern und Heute.“

Und so sind die Stimmen der Zeitzeugen auch mit die eindrucksvollsten Berichte in diesem Buch:

Otto Dov Kulka, der von seiner späten Wiederkehr an den Ort berichtet, den er in seinem eigenen Buch „Landschaften der Metropole des Todes“ nennt.

Inge Deutschkron, die von der „Schuld der Überlebenden“ spricht und der „Pflicht, die mir meine Schuld auferlegte: Ich musste es niederschreiben Die Wahrheit, die lückenlose Wahrheit, präzise und emotionslos, so wie ich es mit eigenen Augen gesehen hatte. (…) Ich aber war wie besessen von der Idee, dass Vergleichbares nie wieder geschehen dürfe.“

Max Mannheimer, der die Lager überlebt hat, der sich niederließ im Land der Täter und auch im hohen Alter noch über das Studienzentrum in Dachau den Kontakt zu jungen Menschen sucht, um aufzuklären. Er schreibt: „Trotz der bitteren Erkenntnis, wozu Menschen fähig sind, wollte ich nicht, dass der Holocaust mich davon abhielt, an das Gute zu glauben, an die Hoffnung, an das Leben.“  Er appelliert an die Jugend: „Vergesst nicht, was geschehen ist, und entwickelt daraus Maßstäbe für euer eigenes Handeln.“

Edward Kossoy, der als Anwalt das unwürdige Feilschen um die Wiedergutmachungsleistungen erlebte: „Immer blieb es bei 150 Mark.“

Aber auch die Stimmen aus anderen Generationen (das merkwürdige Kanzlerwort von der „Gnade der späten Geburt“) kommen zu Wort – Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die eindringlich nahebringt, was es heißt, auf der Flucht und im Exil zu sein. Lena Gorelik, deren Fragen darum kreisen, warum das Jüdischsein in Deutschland keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer und stets mit Klärungsbedarf (Erklärungsnot?) verbunden ist. Martina Salzmann erzählt von ihrer „Muttersprache Mameloschn“.

Viele Beiträge kreisen um die Fragen, wie es möglich war, einen Massenmord in Gang zu setzen, wie es möglich war, mitzumachen und wegzusehen, warum die Ausgrenzung und systematische Ermordung einiger Bevölkerungsgruppen in einer scheinbar zivilisierten Gesellschaft stattfinden konnte. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel: „Was Hannah Arendt am Beispiel Adolf Eichmanns deutlich zu machen versuchte, war dies: Gerade dadurch, dass man kein Monster sein musste, um an der Judenverfolgung mitzuwirken, konnte sich, was als Stigmatisierung und Diskriminierung begann, in ein monströses Massenverbrechen steigern. (…) Wenn man sich an den Gedanken gewöhnt, dass sich Massenverbrechen nicht als solche ankündigen, sondern erst durch die Mitwirkung normaler Menschen mit banalen Motiven zu Massenverbrechen werden, versteht man besser, wie sie entfesselt werden und was ihre Vernichtungsdynamik tatsächlich ausmacht.“

Mit diesem Rückgriff auf die „Banalität des Bösen“ beantwortet sich auch die Frage: „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“. Harald Roth will mit seinem Buch junge Menschen erreichen – die Beiträge, die von Augenzeugenberichten über Portraits bis hin zu Fachbeiträgen über einzelne Aspekte (Euthanasie, Wiedergutmachung, Umgang mit Erinnerungsorten, Friedensarbeit) reichen, eignen sich gut als Einstieg und Diskussionsgrundlage. Zu hoffen ist, dass es auch jene erreicht, die die Haltung übernommen haben, „es sei jetzt genug“.

Denn:
„Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen, was sich daraus – für heute – ergibt.“
Hannah Arendt

Zum Herausgeber: Harald Roth, geboren 1950 in Böblingen, unterrichtete bis 2012 an einer Realschule Deutsch, Geschichte und Politische Bildung. Er veröffentlichte Anthologien und didaktische Materialien zur NS-Zeit u.a. eine Auswahl für junge Leser aus Victor Klemperers Tagebuch 1933-45. Roth ist Mitinitiator der KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen und lebt in Herrenberg.

Zum  Buch: Verlagsseite

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Inger-Maria Mahlke: Wie ihr wollt

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Bild: (c) Michael Flötotto

Alles ist faul im Staate Heinrich Blaubarts und seiner Nachkommen. Da wird am Hofe Elisabeths I. antichambriert, hofiert, intrigiert, um Leib, Leben und Status gekämpft und dennoch ist aufgrund verwickelter Verwandtschaftsverhältnisse, unüberschaubarer Machtspiele und unüberbrückbarer Religionsfragen kein Kopf vor dem Rollen sicher. Und über alledem thront die Queen – die die Fäden in harter Hand hält, die die Puppen tanzen lässt.

Inger-Maria Mahlke hat sich eine der turbulentesten Epochen der englischen Geschichte für ihren Roman „Wie ihr wollt“ herausgepickt. Und legt damit ein Buch vor, das kräftig gegen die allgemeinen Klischees und gegen den Strich in Sachen Historienroman gebürstet ist: Die Heldin, das ist keine strahlende, liebreizende, holde Jungfer, ein positiver Held fällt komplett aus, und überhaupt mangelt es an echten Sympathieträgern in diesem Roman, in dem alles Verwicklung ist bis hin zur überaus verschachtelten Erzählstruktur und seiner düsteren, ausweglosen Kammerspiel-Atmosphäre. Zudem wird der historische Stoff, der eine interessante Figur des elisabethanischen Zeitalters in den Mittelpunkt rückt, durch eine moderne, frische Sprache konterkariert.

Also die Warnung gleich vorneweg: Das ist kein Roman fürs „easy reading“. Wer sich die englische Geschichte und Shakespeare-Dramen nicht bereits schon verinnerlicht hat, wird sich zunächst bei der Lektüre dieser „literarischen Aneignung eines historischen Stoffes“ (so die Autorin über ihren Roman) schwer tun. Und auch der vorangestellte Stammbaum sowie Kurzcharakteristika der Figuren am Ende des Buches erleichtern den Lesefluss nicht – das Buch ist beinahe aufgebaut wie ein Puzzlespiel, mit Sprüngen vor- und rückwärts durch die Chronologie und Familiengeschichte, so sprunghaft wie der Gedankenfluss der Anti-Heldin.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Mary Grey, einer kleinwüchsigen Adeligen mit entfernten Thronansprüchen und einer unstatthaften Heirat. Wer Elisabeths ehernen Willen zuwider handelte, wurde kurzerhand verbannt (die gesündere Variante), in den Tower verfrachtet oder geköpft. Nicht wenige aus Mary Greys Verwandtschaft ereilte dieses Schicksal – getowert und geköpft. Für letzteres schien jedoch auch die echte Mary Grey nicht wichtig oder gefährlich genug – jahrelang wurde sie bei königlichen Gewährsleuten gefangen und vom Hofe fern gehalten. Der Roman setzt dort an, als die frisch verwitwete Mary sich um eine Rehabilitierung bemüht – erlebtes Erzählen, Tagebuchnotizen der Protagonistin, Erinnerungsfetzen und kleine dramatische Szenen mit ihrer Dienstmagd fügen sich nur allmählich zu einem Gesamtbild zusammen.

Im Grunde ist der Roman ein düsteres Kammerspiel mit zwei Personen – ein Beziehungsdrama zwischen einer eingesperrten Kleinwüchsigen, die trotz innerer Opposition und Rebellion auch die Träume von Anerkennung und Aufstieg nicht unterdrücken kann und ihrer sperrigen, wortkargen Dienerin, die Reibungsfigur, Gefangenenwärterin und Verbindungsperson zur Außenwelt zugleich ist.

Wer die Lesekonzentration für die sprunghafte Erzählweise aufbringt, der kommt in den Genuss eines durchaus unterhaltsamen Psychogramms: An den bissigen Ergüssen des „Giftzwergs“ Mary Grey, die in inneren Monologen zunehmend deutlicher ihre Verbitterung und Bosheit über Intriganten, Karrieristen und Wendehälse ausschüttet, kann man sich ergötzen.

Ans Herz wächst einem die arme Gefangene dennoch nicht. Mary Grey ist letzten Endes keine Identifikationsfigur – ist sie doch nicht nur in den Ketten ihrer körperlichen Behinderung gefangen, sondern auch in den Ketten ihrer eigenen (Macht-)Ansprüche. Ihr Käfig ist – trotz allem Willen zur Selbstbehauptung – auch ein Selbstgewählter. Sie bleibt eine Getriebene, eine, die nach öffentlicher Anerkennung als Mitglied des Hofes hungert. Zwar könnte man Mary Grey trotz ihrer Widersprüchlichkeit und äußerlichen Machtlosigkeit auch als moderne Frauenfigur interpretieren – in ihren Tagebucheinträgen wird der kritische, distanzierte Blick auf Ränkespiele und Neurosen deutlich, analysiert sie das Geschehen klar und begehrt dagegen zumindest in ihren Notizen auf, auch wenn sie selbst Gefangene ihrer eigenen Herkunft bleibt. Dennoch bleibt sie als Figur ambivalent, zweideutig.

Das trotzige „Wie ihr wollt“ des Titels bezeichnet ein Anti-Programm zum shakespearianischen Illyrien in „Was ihr wollt“: Wer mich (Mary Grey) nicht will, der hat halt schon gehabt…eine Trotzreaktion, weil die Hauptfigur nur zu deutlich erfährt, wie es ist, wenn man in mehrfacher Hinsicht nicht dazugehört, wenn man ausgeschlossen bleibt.

Der Roman ist konzeptionell eine Herausforderung – man könnte auch sagen: streckenweise etwas mühsam in seiner Verklitterung. Doch Inger-Maria Mahlke punktet (bei mir zumindest) mit einer lakonischen, teils bissigen, teils knochentrockenen Sprache. Dennoch war ich über die Platzierung auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis überrascht – aber so ist es eben mit Jury-Entscheidungen: Wie es Euch gefällt.

Inger-Maria Mahlke, „Wie ihr wollt“, Berlin Verlag, 2015, 272 Seiten.
Bestellmöglichkeit bei Buchhandel.de.

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Julian Barnes: Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln

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Bild von Ben Kerckx auf Pixabay

„Aber letztendlich, was können wir dafür, wir sind halt Holzwürmer.“

Julian Barnes, „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“

Und manches Mal sind Holzwürmer vielleicht sogar die besseren Menschen – auf diesen nihilistischen Gedanken könnte man durchaus kommen bei der Lektüre dieses wundersam-eigenartigen Buches. In zehn Kapiteln schreibt Julian Barnes über die Arche Noah, Wale und im Wal Gefangene, Schiffbrüchige, Piraten, Untergehende, solche, die sich gerade noch über Wasser halten und solche, die sich in diesem treiben lassen. Und er schreibt über Holzwürmer, die halt dann doch den längeren Atem haben als diese seltsame Spezies Mensch, die es fertigbringt, den Ast, auf dem sie sitzt, selber abzusägen. So dumm wäre ein Holzwurm denn doch nicht.

Man kann über dieses Buch vieles schreiben. Auch so:

„Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln beantwortet die Frage nach Fortgang und „Ziel“ der Menschheit sowie nach der Möglichkeit, sie wahrhaft und eindeutig zu erzählen. Im Sinne der postmodernen Theorie negativ: Geschichte zerfällt in Geschichten, die sich negativ widersprechen, relativieren oder auch kommentieren und ergänzen können. Charakteristisch für Barnes ist jedoch die Einbettung dieses theoretischen Gehalts in überraschende Handlungen und einen ironischen Erzählton.“ (Quelle: „Harenberg. Das Buch der 1000 Bücher).

Man könnte aber auch sagen: Charakteristisch ist für Julian Barnes, dass er sich bei allem Weltzweifel und Skeptizismus, den er gegenüber der Fortschritts- und Entwicklungsfähigkeit seiner Mitmenschen hegt, einen Glauben bewahrte – den, das die Liebe manches heilt. Und die dem ganzen Treiben auf Archen und Schiffen letzten Endes einen Sinn gibt.

„Und so ist es auch mit der Liebe. Wir müssen daran glauben, sonst sind wir verloren. Vielleicht erreichen wir die Liebe nicht, oder wir erreichen sie und stellen dann fest, daß sie uns unglücklich macht; trotzdem müssen wir daran glauben. Tun wir das nicht, dann kapitulieren wir einfach vor der Geschichte der Welt und vor anderer Leute Wahrheit.“

Ein großes Wort, ein naiver Gedanke, mag man meinen. Aber diesem Glauben hat der Leser schließlich das zehneinhalbste Kapitel zu verdanken. Jenes Kapitel, übertitelt „In Klammern“, das insbesondere jetzt beim Wiederlesen zu einem der berührendsten und schönsten Texte von Julian Barnes wird. Denn: 2008 verlor der englische Schriftsteller seine Frau Pat, mit der er über 30 Jahre lang zusammen war, nach einer Tumordiagnose innerhalb weniger Wochen. 2014 erschien sein Buch „Levels of life“ (eine ausführliche Besprechung findet sich bei den Zürcher Miszellen).

Ein Verlust, ein Einschnitt im Leben dieses Mannes, dessen Bedeutung für Barnes bei der Lektüre von „In Klammern“ deutlich wird. Denn dieses Kapitel ist eine der schönsten Liebeserklärungen, die ich bei einem männlichen Schriftsteller an seine Frau gelesen habe. Nur der Beginn davon:

„Ich erzähle Ihnen jetzt mal was von ihr. Es ist dieser mittlere Abschnitt der Nacht, wenn kein Licht durch die Vorhänge dringt, das einzige Straßengeräusch das Gequengel eines heimkehrenden Romeos ist, und die Vögel noch nicht mit ihrem routinemäßigen und doch aufmunternden Geschäft begonnen haben. Sie liegt auf der Seite, von mir weggedreht. Ich kann sie in der Dunkelheit nicht sehen, doch nach dem gedämpften Auf und Ab ihres Atems könnte ich Ihnen einen Plan von ihrem Körper zeichnen. Wenn sie glücklich ist, kann sie stundenlang in der gleichen Stellung schlafen. Ich habe in den kloakigen Teilen der Nacht immer schön auf sie aufgepasst, und ich kann bezeugen, daß sie sich nicht bewegt. Natürlich mag das einfach an guter Verdauung und ruhigen Träumen liegen; aber für mich ist es ein Zeichen von Glücklichsein.“

Dieses Behüten und Beobachten in der Nacht bringt Barnes auf Reflexionen über die Liebe und die Unmöglichkeit, darüber in Prosa zu schreiben:

„Aber es gibt kein Genre, das auf den Namen Liebesprosa hört. Das klingt unbeholfen, fast wie ein Widerspruch in sich. LIEBESPROSA – EIN HANDBUCH FÜR TRANTÜTEN. Zu finden in der Abteilung Laubsägearbeiten.“

Barnes ist ein Schriftsteller, der Worte abwägt, seziert, ihren Einsatz durchdenkt. Und so philosophiert er über das Wesen der Liebe, fordert auf „bei der Liebe, ihrer Sprache und ihren Gesten“ präzise zu sein.

„Wenn sie unsere Rettung sein soll, müssen wir sie so klar betrachten, wie wir lernen sollten, den Tod zu betrachten.“

Um dennoch feststellen zu müssen: Das Geheimnis der Liebe, das Geheimnis von Paaren, es ist nicht zu ergründen. Gelänge es, bräuchte man nicht mehr darüber zu schreiben. Gelänge es, wäre es das Ende der Welt – was gäbe es dann noch zu tun? Gelingt die Liebe jedoch nicht, so hat Barnes einen guten Rat:

„Trotzdem müssen wir an Liebe glauben, genau wie wir an Willensfreiheit und objektive Wahrheit glauben müssen. Und wenn die Liebe eine Enttäuschung ist, sollten wir der Geschichte der Welt die Schuld geben.“

Barnes musste in diesen Nächten – in denen er dies dachte und den Schlaf seiner Frau bewachte – der Welt keine Schuld geben. Er konnte schreiben: „Für mich ist SIE der Mittelpunkt der Welt.“

Sein Mittelpunkt ist von ihm gegangen – und dies macht dieses wunderschöne Kapitel in der Geschichte der Welt jetzt zu etwas ganz Neuem, nun beim Wiederlesen. Und das Wort von Philip Larkin, das Barnes zitiert, – „Die Liebe ist, was von uns überlebt“ – bekommt nochmals eine andere, eine besondere Bedeutung.

Angaben des Verlages zum Buch: Hier.

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Bill Bryson: Sommer 1927

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Bild von cocoparisienne auf Pixabay

„Als in Amerika der Juli anbrach – in der Woche, in der Richard Byrd und sein Team vor der französischen Luftfahrt notwasserten, in der New York unter seiner ersten Hitzewelle litt, in der Calvin Coolidge seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag feierte, indem er in seine Cowboy-Montur schlüpfte, in der Charles Lindbergh nach Ottawa startete, in der Henry Fords Lakaien seine Entschuldigung an die jüdische Bevölkerung vorbereiteten und in der sich die führenden Zentralbanker der Welt zu einer geheimen Beratung auf Long Island versammelten -, beschäftigte die Nation am meisten, wie fit und motiviert Jack Dempsey war. Unzählige Reporter berichteten täglich aus seinem Trainingslager am Saratoga Lake im Bundesstaat New York und behaupteten, er wirke bedrohlich und entschlossen und seine Boxhiebe hätten eine Härte, wie man sie seit Jahren nicht mehr gesehen habe.“

Bill Bryson, „Sommer 1927“, Goldmann Verlag, 2014, Originaltitel: „One Summer. America 1927“, 2013.

In einer Sache kann man sich sicher sein: Wenn sich Bill Bryson ein Thema vornimmt, sei es eine kurze Geschichte von fast allem, seien es Reiseberichte oder Shakespeare-Dramen, dann wird es hochvergnüglich. Manchem distinguierten Historiker zuckt zwar die Augenbraue bei Nennung dieses Autorennamens hoch, aber die Leserschaft goutiert den Stil des gebürtigen US-Amerikaners, der seinen Lebensschwerpunkt jedoch nach England verlegt hat. Und so ist auch „Sommer 1927“ ein höchst unterhaltsames Sachbuch, das einige wenige Monate der amerikanischen Geschichte in den Fokus nimmt.

Zwar ist es nicht ganz schlüssig, warum ausgerechnet der Sommer 1927 (das war der, in dem laut Bryson „die Regierung ihre Bürger vergiftete“) für die USA von so wegweisender Bedeutung gewesen sein sollte. Dies ist jedenfalls der Ausgangspunkt, um den Bryson kreist. Ebenso würden zwar sich in den Jahren davor und danach Anhaltspunkte finden, um sie zu den Wendepunkten zu machen, an denen „Amerika erwachsen wurde“. Aber egal: Auch wenn der Amerikaner über 1743 oder 1984 schriebe, ich würde es mit Vergnügen verschlingen.

1927 jedenfalls ist das Jahr, in dem Charles Lindbergh, quasi als Unbekannter aus dem Nichts, den Flug nach Europa wagt und eine Nation in ungeahnten Freudentaumel versetzt. An dieser roten Linie – Lindberghs Alleinflug über den Atlantik und seine anschließende triumphale Tour durch die USA – reiht Bryson zahlreiche meist amüsante Anekdoten aus einem Sommer, der vom Fliegen, vom Baseball und vom Boxen geprägt zu sein schien. Neben Lindbergh sind weitere Hauptdarsteller unter anderem der legendäre Baseballer Babe Ruth, der Boxer Jack Dempsey, Wayne B. Wheeler, Motor der Prohibition, Al Capone und der verschrobene sowie höchst antisemitische Henry Ford.

Anhand dieses Personals bietet damit Bryson damit auch einen Blick auf eine Nation, der nicht schmeichelhaft ausfällt: Die USA als damals reichstes Land der Welt bieten ihren Bürgern Wohlstand und Komfort, nirgendwo sonst gibt es so viele Haushalte im Besitz mechanischer und elektronischer Küchengeräte, nirgendwo sonst so viele Automobilbesitzer, nirgendwo sonst so viele Kinos, nirgendwo sonst … gemessen natürlich an der etablierten weißen Bevölkerung. Und nirgendwo sonst haben die Medien bereits solche Macht: Sie unterhalten das Volk jedoch vor allem mit Brot und Spielen.

„In erster Linie aber waren die zwanziger Jahre die Blütezeit der Zeitungen. Die Zeitungsverkäufe stiegen um ein Fünftel, auf sechsunddreißig Millionen Exemplare täglich – oder 1,4 Zeitungen für jeden Haushalt. (…) Darüber hinaus konnten Leser in vielen Städten ihre Nachrichten jetzt einer neuen, revolutionären Form der Publikation entnehmen, die die Erwartungen der Menschen, wie tagesaktuelle Nachrichten aussehen sollten, völlig veränderten: dem Boulevardblatt. Boulevardblätter richteten ihren Schwerpunkt auf Verbrechen, Sport und Klatsch über Prominente und maßen allen drei Sparten dabei eine Bedeutung zu, die sie bislang nicht annähernd genossen hatten. Eine 1927 durchgeführte Studie zeigte, dass Boulevardblätter zwischen einem Viertel und einem Drittel ihres Umfangs der Verbrechensberichterstattung widmeten – bis zu zehnmal so viel wie seriöse Zeitungen. Ihrem Einfluss war es zu verdanken, dass ein unspektakulärer, aber blutiger Mord wie der an Albert Snyder landesweit Schlagzeilen machte.“

Müsig zu fragen, was zuerst da war: Die Henne oder das Ei. Ob der Boulevard nur eine Sensationslust befriedigte, die befriedigt werden wollte, oder ob Schlagzeilen diese Gier nach Mord&Totschlag erst weckten. Philosophische Gedankengänge dieser Art sind Brysons Sache nicht. Dafür treibt er seine Geschichte – oder vielmehr die Geschichten dieses Sommers – so voran, dass man einfach bei der Stange bleibt. Immerhin, so etliche Kapitel später, führte diese Sensationsberichterstattung auch zur traurigen Berühmtheit von Sacco&Vanzetti, jenen zu Tode verurteilten italienischen Einwanderern, die in einer engstirnigen, verunsicherten und xenophoben Gesellschaft keine Chance auf einen gerechten Prozess hatten. Und hier zeigt sich eine weitere Qualität des Buches: Manches Ereignis und mancher Zustandsbericht aus dem Jahr 1927 lässt sich unter veränderten Vorzeichen auch auf 2015 übertragen. Ein Land in leichter Hysterie – als läge die Ahnung der Weltwirtschaftskrise, deren Ursprung in einem Bankertreffen 1927 gelegt wird, schon in der Luft.

„Die damalige Zeit war keine gute, wenn man in Amerika lebte und ein Radikaler oder ein Ausländer war – und eine ausgesprochen gefährliche, wenn man beides war. Die Angst vor den Roten, den Sozialisten und Kommunisten, hatte das Land fest im Griff. 1917 und 1918 hatte der Kongress zwei erschreckend restriktive Gesetze erlassen: die Spionage- und die Volksverhetzungsverordnung. Beide Erlasse sahen schwere Strafen für diejenigen vor, die für schuldig befunden wurden, jegliche Art von Respektlosigkeit gegenüber der Regierung oder ihrer Symbole – der Flagge, militärischen Uniformen, historischen Dokumenten und allem anderen, auf dem die Ehre und Würde der Vereinigten Staaten von Amerika beruhte – zur Schau gestellt zu haben. Sie wurden dann auch mit großer Härte und Erbarmungslosigkeit angewandt. „Bürger kamen ins Gefängnis, weil sie an ihrem eigenen Esstisch das Rote Kreuz kritisiert hatten“, merkte ein Kommentator an. In Vermont wurde ein Geistlicher zu einer fünfzehnjährigen Haftstrafe verurteilt, nachdem er ein halbes Dutzend pazifistische Flugblätter verteilt hatte. In Indiana brauchten Geschworene gerade einmal zwei Minuten, um einen Mann für unschuldig zu erklären, nachdem dieser einen Einwanderer erschossen hatte, der schlecht über Amerika geredet hatte.“

Ein wenig untermauert Bryson mit diesem Buch auch die Klischees, die man von den Vereinigten Staaten und ihren Bürgern hat: Home oft he free and brave, Heimat der Automobilisten, Gewehrträger, Baseballfans, Land der Größe und Engstirnigkeit zugleich. Vor allem aber, dies sei nochmals gesagt, bietet Bryson Geschichte auf äußerst unterhaltsame Weise dar, schildert Zeit und Menschen fast schon greifbar lebendig und mit großem, augenzwinkerndem Humor:

„Als Lindbergh endlich die Rednerplattform erreichte, nickte er den Anwesenden zu und nahm den Jubel der Menge entgegen. Präsident Coolidge hielt eine kurze Willkommensrede, steckte im ein Distinguished Flying Cross aufgrund der heldenhaften Leistung ans Revers und lud ihn mit einer Geste ein, etwas zu sagen. Lindbergh beugte sich zum Mikrofon hinunter, das für ihn etwas zu tief eingestellt war, sagte, er freue sich, hier zu sein, bedankte sich mit knappen Worten und trat wieder zurück. Es folgte ein Augenblick unheimlicher Stille, in dem den unzähligen Zuschauern, von denen die meisten seit Stunden in der heißen Sonne gestanden hatten, bewusst wurde, dass sie es mit den zweien der schweigsamsten Männer Amerikas zu tun hatten und dass die Feierlichkeiten beendet waren.“

Ich danke dem Verlag für das Besprechungsexemplar.

Ein Beitrag von Claudio Miller

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Franz Kafka: Kleine Fabel

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.


Bild zum Download: Graffiti Neuburg a.d. Donau


 

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Joachim Sartorius: Niemals eine Atempause

Und die Geschichte ist auch nicht
der zerstörerische Bulldozer wie behauptet wird.
Sie hinterlässt Unterführungen, Grüfte, Löcher
und Verstecke. Manche überleben.

Aus: „Die Geschichte, II.“ von Eugenio Montale

Das Gedicht des italienischen Nobelpreisträgers für Literatur ist in voller Länge und in der deutschen Übertragung durch Michael von Killisch-Horn dieser Anthologie vorangestellt:

„Niemals eine Atempause“, Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert, herausgegeben von Joachim Sartorius, 1. Auflage 2014, Verlag Kiepenheuer & Witsch.

60 Jahre Grundgesetz, 50 Jahre Vertrag von Rom, 25 Jahre Mauerfall – die Jubiläen der vergangenen Jahre waren stets begleitet vom Hinweis, dass Europa die langanhaltendste friedliche Periode seit Menschengedenken erlebt. Wie fragil das Ganze jedoch ist, das zeigen die Ereignisse an der Peripherie, der Bosnienkrieg, die Auseinandersetzungen in der Ukraine. Und außerhalb des europäischen Kontinents bleibt Frieden immer noch eine ferne Utopie. Es gibt in diesen Tagen auf der Welt so viele Kriege und regionale Konflikte wie lange nicht. Wer jedoch beispielsweise die Auseinandersetzungen in Afrika rein als innerkontinentales Konfliktthema verortet, sollte sich daran erinnern: Viele dieser Auseinandersetzungen, die uns hier wenig (be-)kümmern, sind (auch) späte Früchte europäischer Kolonial- und Eroberungspolitik, Früchte des Zorns, ein Erbe vor allem des 20. Jahrhunderts.

Auf der Insel der europäisch Friedlich-Seligen schadet der Blick zurück freilich niemals: Die Hoffnung, dass aus dem Vergangenen gelernt wird, stirbt zuletzt. Und da ist das 20. Jahrhundert eines, das zweifelsohne und über die beiden Katastrophen der zwei Weltkriege hinaus, Konflikt- und Verarbeitungsstoff ohne Ende bietet. Zumal die Jubelfeiern übertünchen, dass längst nicht alles schwarz-rot-gold ist, was da glänzt. Aus der Geschichte lernen – was wurde gelernt?

Friedensnobelpreisträger Gorbatschow äußerte sich dieser Tage enttäuscht, spricht von einem Zusammenbruch des Vertrauens, einem Neubeginn des Kalten Krieges. Welche Verantwortung übernimmt dabei das Land der Dichter&Denker in der Welt – das Land, das trotz Aufklärung und Sturm&Drang im 20. Jahrhundert zweimal zurück in die tiefste Barbarei steuerte?

Kunst als Tochter der Freiheit?

Und welche Rolle übernehmen die Dichter&Denker? Ist die Kunst, frei nach Schiller, eine Tochter der Freiheit? Sind Kunst und Politik verwandt, verbunden oder getrennte Wesen? Kann man dann, wo die Worte unzureichend erscheinen, Gedichte machen? Oder muss man gerade darum ringen, das Unfassbare in Worte zu fassen?

Hierzu Schiller, „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“:

„Aber sollte ich von der Freiheit, die mir von Ihnen verstattet wird, nicht vielleicht einen besseren Gebrauch machen können, als Ihre Aufmerksamkeit auf dem Schauplatz der schönen Kunst zu beschäftigen? Ist es nicht wenigstens außer der Zeit, sich nach einem Gesetzbuch für die ästhetische Welt umzusehen, da die Angelegenheiten der moralischen ein so viel näheres Interesse darbieten und der philosophische Untersuchungsgeist durch die Zeitumstände so nachdrücklich aufgefordert wird, sich mit vollkommensten aller Kunstwerke, mit dem Bau einer wahren politischen Freiheit zu beschäftigen?

Ich möchte nicht gern in einem andern Jahrhundert leben und für ein andres gearbeitet haben. Man ist ebenso gut Zeitbürger, als man Staatsbürger ist; und wenn es unschicklich, ja unerlaubt gefunden wird, sich von den Sitten und Gewohnheiten des Zirkels, in dem man lebt, auszuschließen, warum sollte es weniger Pflicht sein, in der Wahl seines Wirkens dem Bedürfnis und dem Geschmack des Jahrhunderts eine Stimme einzuräumen?“

Was also haben die Dichter zum gewalttätigen zurückliegenden Jahrhundert zu sagen?

Eine lange Vorrede zu einem besonderen Buch: In „Niemals eine Atempause“ stellte Joachim Sartorius als Herausgeber ein „Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert“ zusammen. Dieser lyrische Atlas, in dem sich Gewalttätigkeiten, Katastrophen und Morde ebenso wie der Wille zum Aufbruch, zur Veränderung, der Wunsch nach anderen Verhältnissen niederschlagen, lässt die Stimmen von mehr als 100 Poetinnen und Poeten erklingen: Von Wort- und Schriftführern ihrer Ideologie, Mitläufern und willfährigen Hofdichtern bis hin zur „Schreckenskammer“ der dichtenden Diktatoren und Despoten einerseits, von Widerständlern, Mahnern, Moralisten und Kritikern der Macht andererseits. Erfreulicherweise ist das Buch nicht eurozentrisch, greift ebenso Konflikte auf, die das 20. Jahrhundert auch in anderen Teilen der Welt prägten: Die lateinamerikanische Befreiungsbewegung, der Kampf gegen die Apartheid, die Kriege in Asien, Vietnam und chinesische Kulturrevolution bis hin zum Nahen Osten. Großen Raum nehmen aber selbstverständlich die beiden Weltkriege, Holocaust und Todeslager, Kalter Krieg und Wiedervereinigung (siehe dazu der vorhergehende Beitrag) ein. Jedem Kapitel ist eine Einführung zu Politik und Geschichte vorangestellt, zudem werden etliche Gedichte, vor allem die derjenigen Dichter mit hermetischerer Ausdrucksweise, kurz erläutert und interpretiert.

Das Buch ist chronologisch angeordnet und beginnt mit dem Genozid an den Armeniern (1909-1918) und endet nach einem Kapitel über „Die grüne Utopie“, die das Ende des 20. Jahrhunderts prägte, mit einem Epilog durch Bob Dylan: „Masters of War“. Die „Schreckenskammer“ mit „Gedichten der Despoten“, darunter Stalin, Mussolini, Mao Tse-Tung, ist dem Ganzen abseits als Anhang beigestellt.

Geschichtsschreibung ist nie objektiv

Soviel zum Formalen. Zum Inhaltlichen: Geschichtsschreibung ist niemals objektiv. Lyrik sowieso überhaupt nie. Und jede Auswahl wird von einem Subjekt getroffen. So ist dieses Handbuch der politischen Poesie eben auch eng mit der Person des Herausgebers verknüpft, ein Abbild seiner Entscheidungen. Sartorius („Jurist, Diplomat, Theaterintendant, Lyriker und Übersetzer“ in der bei „Wikipedia“ aufgeführten Reihenfolge), scheint dafür die richtige Wahl: Einer, der sich in der Lyrik auskennt wie in seinem eigenen Zuhause, gebildet, kosmopolitisch geprägt, ein Humanist, ja, durchaus ein Poesie-Diplomat, dem man ausgewogene Entscheidung zutraut, auf dessen Auswahl man sich also auch bei diesem Handbuch stützen mag. In seinem Vorwort umreißt Sartorius kurz das Verhältnis von „Poesie und Macht“:

„Es scheint im Rückblick, gerade dieses Jahrhundert war so beschaffen, dass die Intellektuellen, die Künstler, die Schriftsteller Partei ergreifen mussten. Und die Dichter? Sie bewegen sich in einem besonderen Spannungsfeld. Per definitionem ist der Dichter ein Einsamer, auf dem Rückzug, in Betrachtung versunken. Wenn er die Probleme der Epoche nicht aufgreift, scheint sein Werk ohne Nutzen, wie disqualifiziert.“

Sartorius Anliegen war es, unter dem Meer politischer Gedichte – und letztendlich wäre ja jedes Gedicht als Ausdruck einer menschlichen Befindlichkeit per se politisch – jene beiseite zu lassen, die „dem Zeitgeist verpflichtet, ohne Dauer“ sind. Er begrenzt die Auswahl auf jene, die „politisch“ in dem Sinne sind, dass sie ein politisches (geschichtliches) Thema aufgreifen beziehungsweise eine politische Absicht verfolgen. Schwieriger schon die Entscheidung, was ein „gutes politisches“ Gedicht nun sei:

„Fast immer überschneiden sich Ethik und Ästhetik in einem politischen Gedicht.“

Sartorius weiter:

„Im 20. Jahrhundert wurde aber „angesichts des Schreckens, der sich darin abspielte, bald deutlich“, so Matthias Göritz, „dass diese Haltung so nicht mehr einzunehmen ist. Wörter sind nicht unschuldig, gerade die Dichter wissen das.“ So wurde eine Richtung immer stärker, die sich sowohl vom hermetischen Text wie vom lyrischen Subjektivismus abgrenzte und versuchte, Fakten sprechen zu lassen, also zu erzählen und zu argumentieren, ohne den dem Gedicht spezifischen Empfindungsgeist und seine Erregungskunst hinter sich zu lassen. In diesem Rahmen gibt es Gedichte mit guter Botschaft und von zweifelhafter Machart, und es gibt gute Gedichte mit zweifelhafter Botschaft. Das Urteil, ob es sich um ein Kunstwerk handelt, muss ästhetisch gefällt werden und ist letztlich ganz subjektiv. Ich habe versucht, Gedichte aufzunehmen, die sich politische Themen vornehmen, keine einfache Moral haben und imstande sind, Komplexität des Nachdenkens und der Gefühle zu erzeugen.“

Unter dieser Maßgabe ist diese subjektive Auswahl für das Handbuch – Herausgeber und Verlag weisen darauf hin, dass es die erste Gedicht-Anthologie zur politischen Poesie des 20. Jahrhunderts sei – durchaus gelungen. Doch weit mehr als das Anliegen, sich mittels eines Handbuches einen ersten Überblick zu verschaffen, zählt dieser Gedanke:

„Leiden duldet kein Vergessen“

Denn letztlich rufen diese Gedichte, die auch von persönlichem Leid, Verlusten, aber auch Versagen und Ängsten angesichts menschlicher Gewalt erzählen, vor allem in Erinnerung, wie dünn das zivilisatorische Eis bleibt, auf dem wir in scheinbar friedlichen Zeiten dahingleiten. Dass es nach barbarischen Zeiten auch weiterhin Gedichte geben muss, um der Barbarei, wenn möglich, vorzubeugen. Sartorius endet sein Vorwort damit:

„Dieses Handbuch soll zeigen: Es gibt keine Aneignung der Geschichte durch Gedichte. Aber Gedichte kommentieren die Zeitläufte, sie zeigen Entsetzen, sie klagen an oder sie rufen auf, sie können „eine Schule für Güte, Sühne, Reue und Vergebung sein“ (Zbigniew Herbert in seiner Dankesrede für den Preis der Europäischen Poesie, 1997). Vor allem zeigen sie das Vertrauen ihrer Schöpfer, dass die Worte langfristig auf das Bewusstsein wirken und am Ende Wirklichkeit stärker modellieren als Geschichtsbücher oder politische Entscheidungen.“

Nicht aufgenommen in das Handbuch hat der Herausgeber übrigens eines seiner eigenen Gedichte, dessen Titel lautet: „Im Vernichtungsbuch“. Es beginnt mit diesen Zeilen:

Daß die Bäcker ihre weißen Hände ausziehen.
Daß die Metzger vor den Tieren sterben.
Daß die Dichter einen nutzlosen Mund haben,
den sie rund machen und breit ziehen.
Das steht im Vernichtungsbuch geschrieben.


Einen ersten Blick ins Buch ermöglicht die Verlagsseite (siehe Leseprobe): Verlagsinformation
Auch Wolfgang Schiffer stellt die Anthologie auf seinem Blog „Wortspiele“ vor:
Besprechung Wolfgang Schiffer

Bild zum Download: Ausstellung Prag


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