Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte

das solltest du wissen
lieber leser
dass ich im geist tausend mal tausend
bittersüße gedichte geschrieben habe

um ein für alle
mal zu beweisen
dass ich eine gute dichterin bin

Fast schon wie eine Entschuldigung wirken diese Worte. Vorangestellt einem Zyklus, der zeigt, was für eine gute Dichterin Linda Vilhjálmsdóttir gerade deshalb ist, weil sie auf den bitterbösen Kram verzichtet, weil sie dichtet ohne Zuckerguß. Nach ihrem bemerkenswerten Band „Freiheit“ ist „das kleingedruckte“ der zweite Gedichtband der isländischen Autorin, der im Elif Verlag erscheint. Waren in „Freiheit“ die Themen der durch und durch politischen und geselschaftskritischen Lyrikerin weiter gespannt, so fokussiert sie sich hier auf die Geschlechter. Und mit welcher Wucht!

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selten
so abseits im eigenen leben

als wenn ich in frauenzeitschriften blätterte
im frisiersalon und beim zahnarzt im wartezimmer

Linda Vilhjálmsdóttir erzählt in ihren Gedichten von Rollenbildern, die auf Frauen lasten, von der Überhöhung des Männergeschlechts an sich, von den männlichen Helden, die in Walhall ausgestellt werden und von den Frauen, die trotz oder mit ihrem „zerbrechlichen selbstbildnis“ die eigentlichen Kämpferinnen sind, die „unbekannten größen“ im Kleingedruckten. Linda Vilhjálmsdóttir wählt in ihren Gedichten oftmals das Stilmittel der Ironie, manchmal ist sie bitterböse, manchmal sehr direkt, immer glasklar, aber eines ist sie nie: Bittersüß-kitschig.

Anrührend dagegen schon, so in einem Langgedicht, das den Frauen ihrer Familie gewidmet ist, das von den Lebensverhältnissen der Urgroßmütter, Großmütter und Mütter erzählt, davon, wie diese sich ein Stück Würde und Freiheit den Verhältnissen abtrotzten. Die Mutter, schön und schick im mühsam zusammengesparten Wollmantel, auch eine der Generation, die mit „fünfzehn die hauptschule abgeschlossen hatte und von der schule gehen musste.“

So gibt Linda Vilhjálmsdóttir auch ein Stück isländische Lebenswirklichkeit in ihren Gedichten wieder, die zeigen: Frauenleben ähneln sich, Frauenträume auch, sei es in Island, Oberschwaben oder an der Nordseeküste. Und die Dichterin fordert auf, die Verhältnisse zu ändern, sie stimmt ein in die „revolutionskantate der haremsfrauen.“

Es wundert nicht, dass dieser Gedichtband, der 2018 in Island erschien, dort über Monate hinweg zu den meistverkauften Lyrikbüchern gehörte: In ihrer Direktheit und in dieser klaren Sprache sind die Gedichte auch Leserinnen und Lesern zugänglich, die nicht unbedingt lyrikaffin sind. Ihre Ironie und Geradlinigkeit machen sie zudem auch überaus unterhaltsam.

Neben Björg Björnsdottirs sechstem Wintermonat ist dies das zweite Projekt, das Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer in diesem Frühjahr gemeinsam als Übersetzer veröffentlicht haben. Das ist großartig – zeigt doch der direkte Vergleich der beiden Bände, wie vielfältig und von welchem formalen und inhaltlichen Reichtum die Lyrik dieses kleinen sagenhaften Landes ist!

Informationen zum Buch:
Linda Vilhjálmsdóttir
das kleingedruckte
Elif Verlag, 2021
110 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 €

https://elifverlag.de/produkt/das-kleingedruckte-%c2%b7-linda-vilhjalmsdottir/

Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit

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wir haben die freiheit vervielfacht
uns selbst lebendig zu begraben

auf der hauswiese
daheim

Linda Vilhjálmsdóttir, „Freiheit“, aus dem Isländischen übertragen von Jón Thor Gíslason und  Wolfgang Schiffer, Elif Verlag, 2018

Was mich am meisten erstaunt und erschüttert an der derzeitigen politischen Lage ist, wie wenig vielen Menschen doch Freiheit als ein Wert zählt, den es zu erhalten und zu verteidigen gilt. Die Bilder aus Chemnitz brachten mich nicht nur wegen des blanken Hasses, der aus vielen Gesichtern, Gesten und Worten sprach, aus der Fassung. Sondern auch, weil so viele offenbar bereit sind, Rattenfängern hinterherzulaufen, die, gäbe man ihnen die Möglichkeit, alle unseren Freiheiten beschränken oder sogar vernichten würden: Die Pressefreiheit, die Freiheit der Gedanken, der Meinungen und Haltungen, die persönliche Freiheit.

Jetzt, da in Europa im Grunde eine gesellschaftliche Blütezeit herrschen könnte, da die Wirtschaft boomt und die letzten „eisernen“ politischen Systeme gekippt sind, scheint sich das Rad rückwärts zu drehen. Der Faschismus hebt überall sein schmutziges Haupt – weil er Menschen anspricht, die sich ausgeschlossen fühlen, denen täglich suggeriert wird, „Sicherheit und Ordnung“ seien gefährdet, die offenbar vor allem mit einem nicht zurechtkommen: Mit der Freiheit, die wir ergreifen könnten, wenn wir es nur wollten.

Und da bricht nach Jahren eine Isländerin die Zeit ihres literarischen Schweigens und legt einen schmalen Band vor, der auf mehreren Ebenen voller Wucht ist: Der Gedichtband „Freiheit“ von  Linda Vilhjálmsdóttir erhielt bereits nach seinem Erscheinen 2015 mehrere Literaturpreise. Wenig verwunderlich: Treffen diese auf den ersten Blick beinahe nüchternen Zeilen, die bar sind von jeder blumigen Metaphorik, mitten ins Mark. Wer jedoch meint, Lyrik könne nicht politisch sein, ohne in den Ton von Alltagsrhetorik oder plumper Agitation abzugleiten, der wird mit diesem schmalen Buch eines Besseren belehrt. Die sachliche, ruhige, ja fast karge Wortwahl ist jedoch eingebettet in ineinander verwobene Assoziationsketten, in bewusst gesetzte Wiederholungen, die zeigen, wie bewusst gewählt jedes Wort für sich ist, wie gut gedacht und kunstvoll gesetzt die einzelnen Sentenzen sind.

Einem einführenden Teil, der sich dem Elementaren widmet –

zwischen
himmel und erde
ist alles

wie es geschrieben steht

– folgen drei thematisch ins sich geschlossene Zyklen, die sich dem Alltagsleben, den Eindrücken einer Reise nach Israel und Palästina und der isländischen Situation nach der Finanzkrise, die das Land erschütterte, widmen. Im Grunde jedoch kreist alles um die eine Metaebene, um den Begriff der Freiheit. Die Lyrikerin setzt sich mit der selbstgewählten Konformität unserer Leben auseinander, sie geht den Zwängen religiöser und politischer Regeln auf die Spur, sie zeigt auf, wie sehr wir unsere Freiheit in der Freiheit des Konsums erschöpfen.

Manches muss man sich erschließen, manches ist gerade heraus formuliert:

ihm gefiel das thema meiner freundin
über den krieg der ständig in unseren köpfen wütet

hielt aber nicht viel von meinem freiheitsstoff
meinte freiheit an sich sei uninteressant

es spiele keine rolle ob die menschen frei seien
solange sie mit der freiheit nicht umgehen können

Man könnte meinen, um unsere Befähigung zur Freiheit sei es schlecht bestellt. Doch solange es Dichterinnen wie Linda Vilhjálmsdóttir gibt, die mit dem literarischen Finger sozusagen auf die Wunden zeigen, ist es mir wiederum nicht allzu bange. Schreiben, dichten, lesen: Das sind Akte der Freiheit. Nur dort werden sie unterdrückt, wo die politische Freiheit schon beendet ist.

Die Übertragung von „Freiheit“ ist einmal mehr eine Gemeinschaftsarbeit von Jón Thor Gíslason und  Wolfgang Schiffer, die bereits diesen beeindruckenden Gedichtband aus dem Isländischen übersetzt haben: „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht wiederfinden können“.
Bei Wolfgang Schiffer kann man zudem mehr über Linda Vilhjálmsdóttir erfahren:
https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2018/03/28/europaeischer-dichter-der-freiheit/
Beide Gedichtbände erschienen im Elif Verlag, Verleger, Autor und Lyriker Dinçer Güçyeter hat einmal mehr eine passende Gestaltung für das Buch gefunden – ein Fenster zur Freiheit.

überglücklich
für einen augenblick
mit der korrigierten schuldenlage
der stabilität der wiedergeburt der hochhäuser
der ausgeglichenheit des staatshaushalts mit all den weltrekorden
und der erlösung der überlegenen

überglücklich und geschmeichelt
und nicht gewillt auch nur einen tag mit heiliger ruhe zu vergeuden

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