Neben einer zunehmenden Diversifizierung und Multikulturalität ist die zeitgenössische nordamerikanische Literatur auch geprägt vom politisch engagierten Roman – einige Beispiele dafür finden sich im Beitrag „It’s a woman’s world: Postmoderne Autorinnen der USA“.
Zugleich entlassen die Universitäten zahlreiche Absolventen, geschult am „Creative Writing“, die den einen oder anderen maßgeschneiderten Bestseller hervorbringen – oftmals bleibt es jedoch beim „One Hit Wonder“.
Inhaltsverzeichnis:
- Steven Bloom: Das positivste Wort der englischen Sprache (2015)
- Joshua Cohen: Auftrag für Moving Kings (2017)
- Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen (2014)
- Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do (2012)
- Philipp Meyer: Der erste Sohn (2014)
- Robert Reuland: Brooklyn Supreme (2021)
- James Salter: Alles, was ist (2013)
- J. Ryan Stradal: Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens (2015)
- Bibliographische Angaben

Steven Bloom: Das positivste Wort der englischen Sprache (2015)
„Als Maggie ging, wußte Norman nicht, was er fühlte. Er arbeitete weiter an seinem Roman über das Postamt, und obwohl es während der nächsten Jahre Frauen gab, fühlte er sich keiner so nahe wie seinen Figuren. Das Dunkel der Nacht kam sehr gut an, und Norman bewarb sich mit Erfolg an einem kleinen, aber renommierten College zwei Zugstunden von New York entfernt. Als er eines Tages eine Mitteilung des Fachbereichs las, merkte er beim Blick auf das Datum, dass er, wie auch immer, zweiundvierzig geworden war.“
Vor allem Männer, die über die Mitte des Lebens hinaus sind, sollten dieses Buch lesen. Man steht auf, macht seinen Job, versucht, irgendwie durchzukommen, kleinere und größere Ereignisse und Katastrophen verschwimmen irgendwann im Fluss der Zeit – und ehe man sich versieht, ist man Vierzig plus, ein Sonderling und ziemlich einsam. Norman Goldstein ist so ein Typ, beinahe ein „Stoner“, etwas tapsig, unbeholfen, aber auch stoisch bis hin zum zeitweiligen Gefühlsautismus, dabei aber auch überaus sympathisch. Dieser Goldstein scheint durch sein Leben zu gehen und sich meistens zu wundern, was ihm geschieht (oder vielmehr: nicht geschieht):
„In der Mensa der Fakultät wurde er eines Tages Ohrenzeuge einer Diskussion über die „Neue Enthaltsamkeit“ und war überrascht, dass es noch andere gab, die wie er waren. Seine Enthaltsamkeit war jedoch schon über zehn Jahre alt. Sie war das Geschenk, das er sich zu seinem fünfzigsten Geburtstag gemacht hatte.“
Vor allem die Frauen, die ihm geschehen:
„Du brauchst mir nicht zu sagen, dass ich dich herumkommandiere, sagte Maggie, als sie in einem Restaurant in Chinatown saßen, denn das ist nicht zu übersehen. Ich tue es aber aus dem besten aller möglichen Gründe: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Das stammt von Gott persönlich, Norman.„
Dass das mit Maggie – wie mit den Frauen zuvor – nicht gut ausgeht, liegt auf der Hand…
Eine späte Liebe lockt den Eremiten aus der Höhle
Erst als ihn eine späte Liebe ereilt, entdeckt Goldstein „das positivste Wort der englischen Sprache“: „YES“. Die temperamentvolle, wesentlich jüngere Kollegin Vashti holt den Bildungs-Eremiten aus seiner Höhle, überrollt ihn mit ihrer Lebensfreude, nimmt ihm förmlich an der Hand, rüttelt und schüttelt ihn aus seiner Lethargie.
„Mit „yes“, sagte Norman, endet der Ulysses. Er wollte, sagte Joyce, sein Buch mit dem positivsten Wort der englischen Sprache enden lassen.
Es ist ein gutes Wort, Norman, sagte Vashti.„
Endlich angekommen beim positivsten Wort der englischen Sprache, erfährt Norman tragischerweise ein großes, finales „No“: Vashti stirbt.
Melancholie und Heiterkeit
Es ist dem Talent des Steven Bloom zu verdanken, dass man diesen schmalen Roman zuklappt, und neben der Melancholie über ein Unhappy End (das Bloom leise, wehmütig ausgleiten lässt), auch ein Gefühl der Heiterkeit mitnimmt. Wie Vashti ihren Norman, so kann auch dieses Buch schütteln und rütteln. Es fordert die Frage heraus: Was stellst Du mit deinem Leben an?
Dabei ist „Das positivste Wort der englischen Sprache“ kein melancholisches Buch an sich. Bloom hat ein außerordentliches Talent für witzige Dialoge, stellt seinem Stadtneurotiker Norman zynische und lakonische Gesprächspartner an die Seite, lässt in dem schmalen Werk eine ganze Reihe bunter, schillernder Typen auftreten: Die linksliberalen jüdischen Eltern, den gewitzten Hausmeister, rassistische Vermieter, abgetackelte Spieler, versoffene irische Dozenten. Seitenweise prallvolles Leben, kapitelweise amerikanische Geschichte im Vorbeigehen – von der latent und offen rassistischen New Yorker Gesellschaft der Nachkriegsjahre, über die Aufbruchsstimmung unter Kennedy, die Emanzipation unter Martin Luther King, bis zur revisionistischen Reagan-Ära spannt sich der Bogen.
Ulrich Rüdenauer schrieb in der Zeit über das Buch:
„Das positivste Wort der englischen Sprache ist ein schmaler Entwicklungsroman, der wie nebenbei die Geschichte Amerikas des letzten halben Jahrhunderts miterzählt.„
Unterschlagen hat Rüdenauer dabei, dass der schmale Roman auch witzig und überaus unterhaltsam ist, vor allem dann, wenn Norman, der Schüchterne, von seinen Gesprächspartnern förmlich überrollt wird.
Joshua Cohen: Auftrag für Moving Kings (2017)
„Es war unerklärlich, dass er zustimmte – und was er bei der Ankündigung von Yoavs Kommen empfand. Seine gierige Bereitschaft zwischen den erholsamen Dämmerphasen, dem Morphiumschlaf, der faden Diät, kein Nikotin, kein Alkohol. Es war eine Schwäche des Herzens. Während der Behandlung hatte er sich mit Sentiment angesteckt, mit Nostalgie, ein schlimmer Fall von Krankenhausinfektion. Aus dem Nichts hatte David plötzlich ein Sehnen verspürt, aber nicht nach Naheliegendem, sondern nach fernen Dingen.“
David King, ein älterer Transportunternehmer in New York, ein Selfmademan, einer, der den amerikanischen Traum lebte, vom Tellerwäscher zum Großunternehmer. Trinkt zu viel, raucht zu viel, isst die falschen Sachen, ist aber zu eingefahren, seinen Lebensstil zu ändern, selbst zu bequem, sein emotionales Leben in Ordnung zu bringen. Seine Exfrau hat ihn vor die Tür gesetzt, seine Geliebte, zugleich auch seine wichtigste Mitarbeiterin, die den Laden zusammenhält, hofft endlich auf etwas Verbindliches und seine Tochter ist nach Drogenabstürzen und Entzug ein emotionales Wrack. Da erscheint zum rechten Augenblick Yoav, der Neffe aus Israel, der sich nach seinem Militärdienst auf Orientierungssuche begibt. Er könnte für King, dessen Pumpe aufgrund seines Lebensstils in Streik geht, der Anlass für einen Neubeginn sein – doch hier nimmt das Buch eine neuerliche Wendung und rückt weitere Personen in den Vordergrund. Erzähltechnisch bedingt bricht die Geschichte Kings ab, baut sich zwischen den zwei Männern keine eigene Beziehung auf. Schade eigentlich.
In der Erzähltradition der großen amerikanischen Romanciers
Joshua Cohen steht einerseits in der Erzähltradition großer amerikanischer Romanciers wie Saul Bellow, Philip Roth, John Updike. Darüber hinaus jedoch gilt er auch als das Pendant zu David Forster Wallace, schreibt moderner, avantgardistischer als die Granden des amerikanischen Romans. Doch mit ihnen gemein hat er, dass er das Urbane in den Fokus nimmt, Männer mit Brüchen in den Lebensläufen und den Seelen in diese Welt stellt, meist jüngere beziehungsweise modernere Rabbitts. Cohen kombiniert einen messerscharfen Blick für das Alltägliche mit den gesellschaftlichen Megathemen – so eignet sich sein jüngster Roman, der in der deutschen Übersetzung von Ingo Herzke beim Schöffling Verlag erschien, natürlich dafür, um insbesondere den Folgen der amerikanischen Immobilienkrise, der Gentrifizierung und zunehmenden Obdachlosigkeit ihren Raum zu geben.
Louis Begley und Jerzy Kosinski: Lügen, um zu überleben
Zwei Überlebende, zwei ganz unterschiedliche Bücher über den Holocaust: Louis Begley und Jerzy Kosinski verarbeiteten das Grauen auf sehr verschiedene Weise.
Lauter toxische Verhältnisse: Das Lebensdrama des Richard Yates
Es gibt Schriftsteller, die umkreisen immer wieder dieselben Themen. Und dennoch wird man ihrer nicht überdrüssig. Einer davon ist Richard Yates.
It’s a woman’s world: Postmoderne Autorinnen der USA
Der politischen Realität in den USA setzen zeitgenössische Schriftstellerinnen immer wieder starke Romane entgegen. Eine Auswahl.
Eine sprunghafte Komposition
Doch daran kränkelt dieses Buch auch ein wenig: Es sind so viele Bücher in einem, zu viel wird angerissen, zu wenig auserzählt. Ähnliches bemerkte Ulrich Rüdenauer im WDR, den die Erzählkunst Cohens begeisterte, der aber an der Komposition des Buches als „einerseits zu ambitioniert, andererseits als zu sprunghaft“ seine Kritik hatte:
„Die Beschreibung der Wohnungsräumungen korrespondiert mit Yoavs Erinnerungen an die Militäreinsätze in den besetzten Gebieten, das äußerst robuste Vorgehen gegen die Palästinenser. Die eine Arbeit unterscheide sich kaum von der anderen, denkt Yoav. Man würde diesem inneren Konflikt gerne weiter folgen. Die Ängste, die Tragik, die Traumata Yoavs werden angerissen, aber nicht auserzählt. Am blassesten bleibt Avery Luter, die zuletzt eingeführte Hauptfigur. Cohen scheint zu sehr darum bemüht, verschiedenste gesellschaftliche Themenfelder in seinem Buch unterzubringen – Israel, Juden in der Diaspora, Gentrifizierung, Rassismus, das Auseinanderbrechen gesellschaftlicher Zusammenhänge. Jedes für sich genommen kommt dabei zu kurz.“
Vielleicht hätte Cohen, sonst auch eher ein Mann voluminöser Romane, schaut man auf das „Buch der Zahlen“ oder „Solo für Schneidermann“, einfach mehr Raum gebraucht. Gefolgt wäre ich ihm gerne: Denn Cohen ist ein starker und intelligenter Erzähler, hat eine Hand für Figuren, zeichnet plastisch, humorvoll, ironisch, zuweilen auch sarkastisch und ist bei allem Anspruch, den er an seine Leser stellt, immer auch wahnsinnig unterhaltsam.
Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen (2014)
Ich nenne es eine Pulitzer-Preis-Verschwörung: Es muss in der Jury in den vergangenen Jahren insgeheim die Entscheidung gefallen sein, im Bereich Belletristik vor allem Bücher auszuzeichnen, die durch ihr Volumen bestechen. Seitenmasse vor literarischer Klasse. Darunter fällt auch Anthony Doerrs Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“.
Ähnlich wie die zuvor preisgekrönten Werke – Donna Tartts „Distelfink“ und Adam Johnsons „geraubter Waise“ – hat dieser Roman in meinen Augen ein großes Defizit: Die Geschichte zerfleddert, hat ihre Längen, nimmt einen über die lange Strecke hinweg gesehen nicht bis zum Ende hin mit. Zwar seht eine außergewöhnliche, anrührende Geschichte im Mittelpunkt … aber sie zerläuft im Sande an der Küste bei Saint Malo.
Zudem äußerst konventionell erzählt. In einigen Rezensionen wird die poetische Sprache des Buches gewürdigt – ich fand das Buch stellenweise nahe am Kitsch. Ein Eindruck, den auch Hans-Peter Kunisch in seiner Rezension in der Süddeutsche Zeitung äußerte:
„Kurze, aber emotionsgeladen lyrische Sätze mit Human Touch setzen den Grundton. Doch je dicker ein Autor aufträgt, desto näher liegt die Grenze zum Kitsch. Doerr, der gern Flugblätter und Landschaften poetisch verzaubert („ein Morgen Ende Februar, die Luft duftet nach Regen und Ruhe“), setzt auf einfühlsames Pathos.“
Zudem lässt sich an den drei genannten Büchern eines festmachen: Sie treffen vor allem den Zeitgeist. Spielt der Distelfink durch sein Ausgangsszenario mit den Terrorängsten der US-Amerikaner, nimmt Adam Johnson das „Reich des Bösen“, Nordkorea, ins Visier. Doerrs Roman über eine Geschichte zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges kommt zum richtigen Zeitpunkt, da die Welt dieser Katastrophe mit symbolträchtigen Jubiläumsereignissen gedenkt.
Literarische Konfektionsware. Die Fähigkeit, eine Geschichte stringent voranzutreiben, einfach und knallhart zu erzählen, die Kunst der Beschränkung auf das Wesentliche – sie sind verloren gegangen. Wurden geopfert auf dem Altar der ausufernden Erzählweise. Pulitzer-Preisträger früherer Jahre wie Steinbeck, Faulkner, Sinclair – sie besuchten die Schule des Lebens. Die Pulitzer-Preisträger unserer Tage studieren kreatives Schreiben. Vielleicht macht das den Unterschied.
Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do (2012)
„Der Kapitän mit der Tätowierung seiner Frau auf der uralten Brust tauchte vor seinem inneren Auge auf – wie bläulich verwaschen die ursprünglich schwarze Tinte geworden war. Sie war unter der Haut des alten Mannes verlaufen, und das gestochen scharfe Bild war zum Aquarell verschwommen – zu einem bloßen Schatten der geliebten Frau.“
Abenteuerroman, Liebesgeschichte, Politbuch: Ein dicker Brocken, den Adam Johnson hier mit rund 700 Seiten dem geneigten Leser vorlegt. Dick ja, gewichtig nein: „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“, der zweite Roman des US-Schriftstellers, ist gut geschrieben, wartet mit einem aktuellen Thema auf und arbeitet sich daran burleskisch ab. Aber dennoch fragt man sich am Ende des Buches: ???
Aus der Schule des kreativen Schreibens
Dass das Buch auf der Bestsellerliste der New York Times gelandet ist, ist nachvollziehbar. Johnsons` Stil ist geschult am amerikanischen System des universitären „Creative Writing“. Immer wieder kommen aus diesen Kaderschmieden hervorragende Unterhaltungsromane. Und dies ist auch „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ letzten Endes – nicht mehr, und nicht weniger. Eine gut lesbare, unterhaltsame Geschichte, die alle Kriterien des Genres „Abenteuerroman“ erfüllt: Ein moralisch aufrechter Held, eine große Liebe, ein exotischer Schauplatz, unwahrscheinliche, gefährliche Ereignisse. In den Kanon der großen Weltliteratur gehört das Buch aber nicht.
„Adam Johnsons Buch ist politische Science-Fiction, keine Propaganda, aus genuin amerikanischer Perspektive erzählt. Literarisch ist es eigentlich nicht bemerkenswert. Es verbleibt im Romanschema, wie es an amerikanischen Universitäten gelehrt wird, übrigens auch von Adam Johnson„, urteilte auch Thomas E. Schmidt 2013 in der Zeit. Und setzt noch eins nach:
„Ganz unerträglich wird der Roman allerdings, wenn er akribisch Foltermethoden und Demütigungspraktiken schildert. Der Hunger, die Aussichtslosigkeit, die hygienischen Verhältnisse, die grauenerregende Ausbeutung der Körper und Seelen – all das beeindruckt. Doch erhöht die Frequenz solcher Beschreibungen nicht die literarische Qualität. Am Ende sinkt der erschöpfte Leser ins Kissen zurück: „Toll, dass der Waise Jun Do eine unsterbliche Seele hatte. Noch besser, dass das Buch nun aus ist.“
Dass der Schmöker 2013 sogar mit dem Pulitzer-Preis für Belletristik ausgezeichnet wurde, verwundert. Aber es mag auch eine von der Politik dominierte Entscheidung gewesen sein.
Pulitzerreifes Thema
Denn Johnson hat sich einen Schauplatz gewählt, der insbesondere in den USA Aufmerksamkeit garantiert: Nordkorea. Das Buch ist nach wie vor aktuell, was den Grundkonflikt angeht: Die wenigen nach außen dringenden Nachrichten aus Nordkorea machen die im Roman beinahe fiktiv anmutenden Lebensverhältnisse, den Führerkult, die Unterdrückung der Menschen, die Brutalität und Verfolgung Andersdenkender nur zu glaubhaft.
Der exotische Schauplatz, den Johnson gewählt hat, ist also das Nordkorea der frühen 2000er-Jahre. Der Leser profitiert hier von der journalistischen Ausbildung des Schriftstellers: Johnson hat umfangreich über Nordkorea, das Politsystem, die Ausbeutung der Menschen dort und deren Alltag recherchiert, bis hin zu einer Reise in das abgeschottete Land – hier allerdings war es Johnson, wie allen anderen Gästen auch, nicht möglich, hinter die Kulissen zu sehen. Vor allem dies macht eben auch die Faszination des Romans aus: Wenig weiß man über diese kommunistische Diktatur, wenig dringt nach außen. Die kurze Hoffnung, dass nach Kim Jong II durch dessen Sohn Kim Jong Un (der im Roman nicht auftritt) eine Öffnung und Besserung geschehen könnte, wurde schnell zunichte gemacht.
Erzählt wird von Johnson die Geschichte eines Waisenjungen, der in einem Staat, der seine Bürger normieren möchte, um seine Individualität kämpft – auch wenn er selbst keine Geschichte, keine Familie, nichts eigenes mitbringt. Jun Do ist auch ein John Doe – der sich jedoch im Laufe des Romans häutet, in eine neue Identität schlüpft, der versucht, das System in der Maske des Funktionärs auszutricksen. So weit, so gut – doch das Buch wankt zwischen realistischer Alltagsbeschreibung im unbekanntesten Land der Welt und wandelt sich dann, im zweiten Teil, zu einer Burleske mit tragischem Ausgang. Ein Bruch im Buch, der das Ganze seltsam unentschlossen wirken lässt.
Von Verlusten und dem Erwachsenwerden
Teil 1 – der Waisenjunge Pak Jun Do lernt eine Lektion fürs Leben: Je mehr der „geliebte Führer“ Kim Jong II einem seiner Bürger gibt, desto mehr kann er ihm nehmen: Zwischenmenschliche Beziehungen sind nur Beziehungen auf Zeit. Wer einen Menschen bei sich haben will, tätowiert sich sein Gesicht auf die Brust. Aber selbst diese hautnahen Beziehungen verblassen. Denn zwischenmenschliche Beziehungen sind gefährlich: Wer liebt, wird verletzbar. So opfert Pak Jun Do seiner großen Liebe, seiner Sonne, seinem Mond, der Staatsschauspielerin Sun Moon, auch sein Leben. Teil 1 erzählt von Pak Jun Do, seinem Erwachsenwerden, seinen Verlusten, seiner Instrumentalisierung für das System.
Teil 2 – Pak Jun Do häutet sich. Er schlüpft in die Haut des Kommandanten Ga. Wird Ehemann der Staatsschauspielerin Sun Moon, wird persönliche Marionette des geliebten Führer, wird Folteropfer und Lebensretter. Um die Geschichte schlüssig zu Ende zu bringen, braucht es wohl diesen Rollenwechsel – trotzdem bleibt am Ende der Eindruck zurück, dass dem Autoren diese seltsame Konstruktion als einziger Ausweg verblieb, um seinen Roman irgendwie zu Ende zu bringen.
Erzählerisch in eine Sackgasse geraten, wird die Geschichte durch einen Kunstgriff befreit – nicht der einzige Haken, den Johnson schlägt. Oder wie es Hubert Spiegel im Deutschlandfunk ausdrückte:
„Seine Handlung schlägt Haken, die jeden jungen Hasen wie eine alte Schildkröte aussehen lassen.“
Der Roman fiel beim deutschsprachigen Feuilleton durch alle Blätter hinweg durch. In den USA war er dagegen wirklich erfolgreich. Und auch für sein nächstes Buch, „Fortune Smiles“ (2015), einem Sammelband mit Kurzgeschichten, wurde Adam Johnson hochdekoriert – es wurde mit dem National Book Award ausgezeichnet. Seither jedoch folgte keine weitere Buchveröffentlichung, soweit ich das überblicken kann.
Philipp Meyer: Der erste Sohn (2014)
Manchmal beginnt man ein Buch zu lesen und hat von Beginn an dazu Bilder im Kopf. So erging es mir beim Lesen der Familiensaga „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer. Eintauchend in die Geschichte der Familie McCullough, die sich im Lauf von zwei Jahrhunderten und über mehrere Generationen hinweg ein sattes Stück Texas unter den Nagel reißt, begann ich mehr und mehr in Cinemascope-Format zu lesen. Endlose Weiten, gewaltige Natur, Indianer- und Texas Rangers-Gefechte, Öltürme, riesige Ranchgebäude, übergewichtige whiskeyschlürfende Farmer und abgerissenes mexikanisches Landvolk nahmen Breitbildformat an. Vor allem aber: Die göttliche Liz, der wilde James Dean, der souveräne Rock Hudson. „Giganten“ (der letzte Dean-Film) war das Leinwandepos der 1950er-Jahre, der das zähe Festhalten der texanischen Großgrundbesitzer an ihrem Lebensstil in ebenso gigantische Bilder verwandelte. Ich war eigentlich kaum mehr überrascht, dass Meyer im Laufe des Buches Bezug auf den Streifen nimmt:
„Das Buch der Frau war erschienen und wurde später verfilmt, mit James Dean in der Hauptrolle. Es war eine einzige lange Übertreibung. Alle wirkten wie Witzfiguren, als wären sie zufällig zu Wohlstand gestolpert, als gäbe es im Staat Texas nur hinterwäldlerische Tycoons, die keine zwei funktionierenden Gehirnzellen hatten.“
Überflutung von Fakten und Recherchematerial
Für die „einzige lange Übertreibung“ sorgte die amerikanische Schriftstellerin Edna Ferber (1885-1968) in ihrem Texas-Roman „Giant“ – nicht die einzige Stelle des Romans, in der sich Meyer auf literarische Vorgänger bezieht. Was abzuwarten bleibt: Was die Texas-Roman-Autoren der nächsten Generation über „Der erste Sohn“ zu sagen haben – denn nach Erscheinen des Buches wurde es zunächst ausnahmslos gefeiert. Aber es hat einige erzählerische Schwachpunkte, wie ich meine, vor allem eine gewisse Faktenüberflutung und Redundanz.
Allerdings – Oliver Jungen schwärmte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:
„Landschaften werden unterschätzt. (…) Geben sie nicht sogar vor, wie sie besungen werden wollen? So wie der verspielte Zickzackkurs des Rheins den lyrischen Ton und schwülstige Nixenromantik fordert, so lassen die weiten amerikanischen Prärien und gigantischen Plateaus, will man ihnen gerecht werden, nur die Form des schwartendicken Epos zu.“
Gut – „Der erste Sohn“ ist ein schwartendickes Epos, Literatur im Breitbandformat. Ganz gutes Kino, aber ist es auch großes? Zumindest ist das Buch kaum, so wie in der Zeit vollmundig angekündigt, ein Roman, der Literaturgeschichte schreiben wird. Meyer gelang mit diesem 600-Seiten-Wälzer, der beim Knaus Verlag passenderweise in Überformat (Breitbild in Buchform) erschien, solide Unterhaltung. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Mit seiner Erzählkonstruktion – drei Erzählerstimmen aus verschiedenen zeitlichen Ebenen – legt der Schriftsteller, der über fünf Jahre an dem Buch arbeitete, die Fessel an, führt den Leser am Lasso der Neugierde durch das Geschehen.
Ein Gemetzel nach dem anderen
Aber an etlichen Stellen kommen Längen auf, bedrängt einen das Gefühl, da reihen sich Gemetzel der Weißen an Indianer, der Indianer an den weißen Siedler, und das Ganze nochmal von vor, aneinander. Und dazu: Jede Menge Informationen, die einen Nicht-Amerikaner – und vielleicht auch bereits einem Nicht-Texaner – wenig sagen, aus dem Nichts daherkommen und im Nichts wieder verschwinden. Es scheint, als habe Meyer jede recherchierte Schlagzeile unterbringen wollen. In Bezug auf das obige Zitat: Name dropping – wer sind die Klebergs, die Reynolds, was für`n Hotel? Das ist manches Mal ein Info-Overflow, eine Prise zuviel.
Wenn über knapp anderthalb Seien detailliert beschrieben wird, was der Comanche und seine Frau aus einem erlegten Bison alles so machte – dann wird es ein wenig zähledern wie ein abgetragener Mokassin. Man merkt das Bemühen des Schriftstellers, aber auch wirklich alle recherchierten Fakten unterzubringen – mehr Erzählfluss wäre schön gewesen und das Buch wäre ein satter, fesselnder Western.
Wieland Freund schrieb in seiner amüsanten Kritik „Das sind die Rezepte der Comanchen“ in der Welt:
„Vielleicht kann man es deshalb so sagen: Philipp Meyer hat den ersten Western der Wissensgesellschaft geschrieben, ein lehrreiches und also unterhaltsames Buch, das als Gewaltritt durch die Geschichte von Texas durchaus beeindruckt. Dergleichen ist gemeint, wenn Zeitungen werbewirksam von einem „gewaltigen Panorama“ sprechen. Einen gewaltigen Roman allerdings hat Philipp Meyer nicht geschrieben. “
Einen Gutteil der Zeit am Buch dürfte Meyer mit dem Studium der texanischen und amerikanischen Geschichte verbracht haben – die Familiengeschichte ist natürlich eng verflochten mit dem Zeitgeschehen dieses US-Bundesstaates an der mexikanischen Grenze. Texas, einst zu Mexiko gehörend, wird am 2. März 1836 unabhängige Republik – und das ist auch das Geburtsdatum von Eli McCullough, der 100 Jahre später vom Aufstieg der Familie erzählt. Meyer bringt im Wechsel drei Erzählerstimmen zu Gehör: Den Patriarchen Eli, seinen Sohn Peter, der an den Gewalttaten der Familie, die archetypisch für die rücksichtlose Eroberung des Landes durch die Weißen steht, verzweifelt, und die Urenkelin Jeanne Anne, die versucht, sich als Ölmagnatin, in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen (hier kippt der Schalter im Kopf von „Giganten“ über zu „Dallas“).
Eine Geschichte von Blut und Boden
Jeanne Anne ist letztendlich auch jene, an der sich als fast 90jährige das Schicksal – Aufstieg und Fall einer Familie – vollzieht, die die „Erbschuld“ bezahlen muss: Sie fällt gewissermaßen den Geistern der Vergangenheit zum Opfer. Eli, als Kind von Comanchen entführt und bei den Indianern aufgewachsen, ist bei der Landeroberung wenig zimperlich: Ein angeblicher Rinderdiebstahl genügt ihm als Rechtfertigung, um ein Massaker an der spanischstämmigen Nachbarsfamilie Garcia durchzuführen. Nur eine Tochter der Spanier überlebt – und wird später die Geliebte Peters und Mutter von dessen Kindern. Ein Nachfahre dieser unheiligen Verbindung, ein junger Mexikaner, wird der alten Frau zum Verhängnis. So schließt sich der Kreis.
Der Roman ist eine Geschichte der Landeroberung, von Blut und Boden – Meyer spart die Grausamkeiten, die in solchen Epochen geschehen, nicht aus, recherchierte gründlich und erfasst die Mentalität zwischen Pioniergeist und Besitzgier, die dazu führte, dass die Weißen die indianischen Ureinwohner ausrotten und die mexikanischen Nachbarn niederknebeln konnte. Er zeigt aber auch auf, welcher Preis dafür gezahlt werden musste – moralische Verrohung, Vereinsamung, Verelendung der unterdrückten Bevölkerungsteile. Und er verdeutlicht, wozu das sture Festhalten an einem längst überkommenen Lebensstil führt. So zeigt der Roman die Entwicklung einer Mentalität auf, die bis heute dazu führt, dass in Texas nach wie vor das „Auge um Auge“-Prinzip zählt, dass an der Todesstrafe festgehalten und der US-Bundesstaat der konservativste von allen ist: Wo es Öl, Land und Geld gibt, gibt es etwas zu verlieren…
Lassen wir zum Schluss noch einmal Patriarch Eli zu Wort kommen:
„Mir wurde vorhergesagt, dass ich hundert Jahre alt werden würde, und da ich dieses Alter erreicht habe, sehe ich keinen Grund, an dieser Prophezeiung zu zweifeln. Ich sterbe nicht als Christenmensch, auch wenn mein Skalp unversehrt ist, und falls es die ewigen Jagdgründe gibt, bin ich dorthin unterwegs.“
Mit Stipendium und Studium auf die Bestsellerliste
Philipp Meyer, geb. 1974, hat einen wechselvollen Werdegang hinter sich. Nach seinem Studium an der Aufnahmeprüfung an der Cornell University arbeitete er zunächst als Broker an der Wall Street. In dieser Zeit begann er zu schreiben. Ein Stipendium ermöglichte ihm einen Aufenthalt an der University of Texas, wo er seinen ersten Roman „American Rust“ (dt. „Rost“) begann. Das Buch gewann den Los Angeles Times Book Prize, war das Washington Post Book of the Year, schaffte es auf diverse Bestsellerlisten und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.
2014 erschien „Der erste Sohn“, an dem er über fünf Jahre gearbeitet hatte. Das Buch wurde überwiegend positiv besprochen und stand längere Zeit auf der Bestsellerliste der New York Times. Seither veröffentlichte der Schriftsteller jedoch keinen neuen Roman mehr.
Robert Reuland: Brooklyn Supreme (2021)
„Wir New Yorker sind gut im Vergessen. Wir haben keine Zeit, uns um irgendjemand zu kümmern, also vergessen wir ihn. Unser kollektives Gedächtnis reicht zwanzig Minuten zurück, deshalb machen wir immer wieder dieselben Fehler. Deshalb unsere blind herumschießende Energie, deshalb ist New York anders als jede andere große Metropole dieser Welt. In London oder Rom lebt man mit seinen Vorfahren, die einen aus jedem alten Gebäude heraus anblicken. In New York reißen wir alles ohne Sinn und Verstand ab und bauen was Neues.“
Und was mitunter auch vergessen wird, wenn einer vor dem Brooklyn Supreme Courthouse landet, das ist die Wahrheit: Etwas, das Gewerkschaftsvertreter Willy Way, ein ehemaliger Cop, eigentlich zur Genüge weiß. Doch als Way, der für die „Patrolmen’s Benevolent Association“ arbeitet, der jungen Polizistin Georgina Reed zur Seite stehen soll, ahnt er noch nicht, dass von da an sein ganzes Leben komplett auf den Kopf gestellt wird. Und er sich selbst einigen Wahrheiten stellen muss, denen er lange ausgewichen ist.
Georgina Reed, ein „Rookie“, hat im Dienst einen jungen Schwarzen erschossen, der einen Raubüberfall begangen haben soll. Sie behauptet, es sei Notwehr gewesen, ein Komplize des Opfers streitet dies ab. Ein Fall, der viel Zündstoff in sich birgt: Bald steht Willy Way, der für die junge Polizistin eine gute Lösung finden will und soll, zwischen allen Fronten. Die Medien stürzen sich ebenso auf diesen Fall von Polizeigewalt wie prominente Anwälte, auf den Straßen formiert sich der Protest von Bürgerrechtlern, Polizei- und Gewerkschaftsfunktionäre haben einiges zu vertuschen, und nicht zuletzt droht dem amtierenden obersten Staatsanwalt bei den nächsten Wahlen Konkurrenz durch einen berühmten Richter, einen typischen W.A.S.P.-Vertreter.

Im Zentrum eines Sturms aus Intrigen und Ehrgeiz
Zusätzlich zu all diesen politischen Verwicklungen verbindet Willy Way mit eben jenem Richter auch ein privates Geheimnis: Er war einst befreundet mit der Tochter des Richters, die nach einem (mutmaßlichen) Schwangerschaftsabbruch Suizid beging. Kurzum: Willy Way steckt plötzlich mitten im Zentrum eines Sturms, aus dem er – so viel sei an dieser Stelle verraten – nicht unbeschadet entkommen wird, wie ihn eine Staatsanwältin warnt:
„Sie sind von lauter gefährlichen Menschen umgeben, und keinen von denen interessiert es die Bohne, dass Sie der Antiheld Ihres eigenen kleinen Bildungsromans sind. Wenn Sie denen im Weg stehen, räumen sie Sie einfach weg. Wenn die Sie benutzen können, tun sie es. Und wenn die Sie zerquetschen müssen, werden Sie zerquetscht. So einfach ist das.“
Am Ende geht er, ganz in der Art amerikanischer Helden, für die Wahrheit, seine Wahrheit, einige Monate in den Knast, aufrecht, aber nicht gebrochen. Gut ist es, wenn man dann auf die Familie bauen kann: Zumindest bringt der Fall um Georgina Reed Willy Way seinem Vater, einen hartgesottenen Kriegsveteranen mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, wieder näher und der Einstieg ins väterliche Gemüse-Lieferanten-Geschäft nach der unfreiwilligen Auszeit ist garantiert:
„Butler war gar nicht mal so übel. Das Essen erinnerte mich an das in der Schulmensa und der Ausblick meiner Zelle führte ins Nichts. Die Zelle selbst hatte etwas von einem schäbigen Motel an irgendeinem Highway. Nach siebzehn Monaten checkte ich aus, und heute erscheint mir das Ganze wie ein vor Ewigkeiten gesehener Film. Ich habe keine Alpträume davon, und laut meiner Visitenkarte bin ich derzeit Gen’l M’ger Wm. Way & Son NY’s Largest et cetera.“
Ein düsterer New York-Roman, wie gemacht fürs Kino
Film ist hier ein gutes Stichwort: Denn die heimliche Hauptrolle in diesem raffiniert konstruierten politischen Roman spielt die Stadt, ihre heruntergekommenen Ecken, die Gehwege der gutbürgerlichen Viertel, die Keller und Zellen der Polizeiwachen, die kühlen Gerichtssäle, die pompös eingerichteten Anwaltskanzleien. „Brooklyn Supreme“ verströmt eine gewisse, dunkle New Yorker Atmosphäre, die beim Lesen zum Umsetzen in Kinobilder animiert. Und so meint auch William Boyle in seinem Nachwort: „Schade, dass Sidney Lumet keinen Film mehr daraus machen kann.“ Aber vielleicht hat Martin Scorsese Lust. Und Robert de Niro würde ich als Dad von Willy Way gut machen…
Robert Reuland der in Park Slope, Brooklyn, lebt, kennt jedenfalls seine Stadt und als ehemaliger Staatsanwalt deren Rechtssystem gut. Das wird in jeder Zeile deutlich:
„Damals war Bushwick schwarz und arm. Jetzt war es schwarz und arm und arm und neuweiß, ein Viertel der Pitbulls und Pudel, Schrotgewehre und Kinderwagen. Die Neuordnung hatte nicht einmal fünf Jahre gedauert.“
Atmosphärisch dicht in seinen Beschreibungen und intelligent durch die verschlungenen Pfade politischer Verwicklungen führend, ist „Brooklyn Supreme“ ein durchaus mitreißendes Buch, wenn auch Willy Way als Figur zu sehr so an der einen oder anderen Stelle manches Klischee eines Hard-Boiled-Helden erfüllt.
James Salter: Alles, was ist (2013)
„Irgendwann wird einem klar, dass alles ein Traum ist und nur geschriebene Dinge die Möglichkeit haben, wirklich zu sein.“
Bezeichnend, was James Salter (Jahrgang 1925) seinem Alterswerk „Alles, was ist“ als Motto voranstellt. Die ersten zehn Seiten des Buches branden an wie eine Bugwelle: Der Leser wird wie der junge Philip Bowman hineingerissen in eine Schlacht im Zweiten Weltkrieg im Pazifik. Alles, was folgt – die erste Liebe, das Werben, die Heirat, die Scheidung, der Aufstieg in einem Verlag, Reisen, weitere Geliebte, weitere Trennungen, Freundschaften, Todesfälle, Verluste – nimmt weit weniger Raum ein.
Jede Begegnung mit einer Frau zunächst voller Emotion, Bowman spricht schnell von Liebe – aber mehr und mehr perlen Emotionen von ihm ab, werden Trennungen beiläufiger, scheinen Enttäuschungen und Verluste keine Risse zu hinterlassen. Das Leben läuft so vor sich hin – oder ihm davon, je nach Perspektive. Und am Ende war es das. Und man bedauert diesen Mann, der doch mit allen Möglichkeiten ausgestattet war: Tja, wenn das nun alles war.
Salter erzählt von einem Leben, das von außen glamourös erscheint, voller Ereignisse, in einem lakonischen, beiläufigen, manchmal dezent zynischen Stil, der an John Cheever erinnert. Doch trotz des angefüllten Lebens – es ist am Ende leer. Weil: „Alles, was ist“ ist wenig, wenn man auf Distanz zum Leben bleibt – zum Leben, zu den Lieben, zu den Freunden. Bowman, der eigentlich abwesende Antiheld.
Es war der sechste und letzte Roman eines Schriftstellers, der als „Writer’s Writer“ galt: Von Kollegen hochgeschätzt, aber beim Publikum ohne wirklichen Durchbruch. „Alles, was ist“ erschien über drei Jahrzehnte nach Salters vorhergehendem Roman – vielleicht auch die etwas bittere Bilanz, allerdings ohne Lamento, des Autors selbst.
J. Ryan Stradal: Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens (2015)
„Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens“ ist allerbeste Unterhaltung. Ein erstklassiges Flutschbuch – locker geschrieben, leicht und lässig, aber eben nicht ohne Anspruch, mit einer spannenden Konstruktion, die den Leser an der Leine hält. Ein Pageturner erster Sahne, um nun ganz tief in die kulinarische Rhetorik einzusteigen. Der Red Hot Chilli Pepper unter den Debütromanen, die mir in den vergangenen Monaten in die Leserküche geraten sind.
Ein Talent für außergewöhnliche Geschichten
J. Ryan Stradal hat all das drauf, was man sich von nordamerikanischen Autoren erwartet und erhofft: Ein Talent dafür, von außergewöhnlichen Menschen außergewöhnliche Geschichten zu erzählen und dabei doch allgemeingültige, existentielle Fragen anzusprechen, die auch uns gewöhnliche Leser in unseren alltäglichen Leben beschäftigen – was ist Familie, was ist Freundschaft, was ist Liebe? Und wann gibt es das nächste gute Essen?
Dieses Basisrezept amerikanisch-literarischer Hausmannskost wird verfeinert wie folgt: 3 gut gehäufte Esslöffel sprachliches Talent, 100 Gramm Kreativität und Phantasie, 1 Prise Ironie, 1 Messerspitze Gesellschaftskritik und irgendeine Geheimzutat, die dazu führt, dass das alles bedeutend weniger kopf- und bodenlastig, bedeutungsschwanger und kalorienhaltig daherkommt als manches, was in deutschen Literatenküchen so angerichtet wird.
Ein Flutschbuch à la John Irving
Ja, dies ist auch ein – mein – Bekenntnis zum Flutschbuch. Literatur darf, soll und kann anstrengend sein, muss auch herausfordern, soll erarbeitet werden. Aber manchmal möchte ich auch schlicht und einfach gut unterhalten werden – und das ist diesem Roman gelungen wie wenig anderen Büchern zuvor in den vergangenen Jahren. Ich habe mich an das Lesegefühl erinnert, als ich den ersten John Irving in die Hände bekam – ein ähnliches Gespür für Geschichten, nur ohne Bären und Ringer, zeigt dieser junge Autor auf. Und ähnlich wie Irving beherrscht er die Kunst der menschenfreundlichen Ironie – auch wenn er beispielsweise die Anhängerschaft der glutenfrei-regional-angebauten-genfrei-gezüchteten-biobauer-vegan-und-überhaupt-nur-das-Gesündeste-für-mich-und-mein-Kind-Fraktion aufs Korn nimmt, so geschieht dies mit viel Wärme für seine Figuren.
Tja, und um was geht es nun überhaupt bei diesen Küchengeheimnissen? Erzählt wird die Lebensgeschichte der begnadeten Köchin Eva, von ihrer Geburt an bis zu ihren etwa 30er-Jahren. Doch nicht stringent an einem Lebenslauf entlang, sondern aus den Augen anderer erzählt, in einzelnen Episoden, die im Schlusskapitel bei einem großen Dinner nochmals verknüpft werden.
Zugegeben, ich mache es mir etwas einfach mit meiner Schwärmerei für dieses Buch – aber: Ich möchte noch einmal das Schlusskapitel lesen und ganz dringend einige der Rezepte, die im Buch wiedergegeben sind, ausprobieren. Gruß aus der Küche. Und allen, die sich vom #stradalfieber anstecken lassen: Guten Appetit!
Bibliographische Angaben:
Steven Bloom
Das positivste Wort der englischen Sprache
Übersetzt von Silvia Morawetz
Wallstein Verlag, 2015
ISBN 978-3-8353-1597-6
Joshua Cohen
Auftrag für Moving Kings
Übersetzt von Ingo Herzke
Schöffling Verlag, 2019
ISBN 978-3-895-61628-0
Anthony Doerr
Alles Licht, das wir nicht sehen
Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
C.H.Beck, 2014
ISBN: 978-3-406-81534-8
Adam Johnson
Das geraubte Leben des Waisen Jun Do
Übersetzt von Anke Caroline Burger
Suhrkamp Verlag, 2014
ISBN: 978-3-518-46522-6
Philipp Meyer
Der erste Sohn
Übersetzt von Hans M. Herzog
Knaus Verlag, 2015
ISBN: 978-3-442-71309-7
Robert Reuland
Brooklyn Supreme
Übersetzt von Andrea Stumpf
Polar Verlag, 2023
ISBN: 978-3-948392-73-4
James Salter
Alles, was ist
Übersetzt von Beatrice Howeg
Berlin Verlag, 2013
ISBN 978-3-8270-1162-6
J Ryan Stradal
Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens
Übersetzt von Anna-Nina Kroll
Diogenes Verlag, 2016
ISBN: 978-3257244205
