
Sein Stil glänzt zugegebenermaßen nicht durch Eleganz und streckenweise erfordern seine umfangreichen Wälzer Durchhaltevermögen. Und dennoch lohnt es sich, Theodore Dreiser (1871 – 1945) immer mal wieder zur Hand zu nehmen: Der Wegbereiter des „amerikanischen Naturalismus“ zeigte ebenso nüchtern wie schonungslos die Schattenseiten des Kapitalismus und der modernen Leistungsgesellschaft auf. So sehr, dass sein Debütroman „Carrie“ die Öffentlichkeit dermaßen erregte, dass sein Verleger sich gezwungen sah, das Buch nicht weiter aufzulegen. Weltruhm erlangte Dreiser erst ein Vierteljahrhundert später mit seinem Buch „Amerikanische Tragödie“, den H. G. Wells als „einer der größten Romane unseres Jahrhunderts“ bezeichnete.
Inhaltsverzeichnis:
Sister Carrie (1900)
„Welche menschlichen Tragödien ein derartiges Umfeld auslöst, wird oft übersehen. Die Schönen und Mächtigen schaffen eine Atmosphäre, die sich ungut auf die Kleinen und Unbedeutenden auswirkt, eine unmittelbar spürbare Atmosphäre. Schlendere an den prachtvollen Villen, den herrlichen Equipagen, den goldglitzernden Geschäften, den Restaurants und Nachtclubs vorbei, atme den Duft der Blumen, Seidenstoffe, Weine ein, trinke vom Lachen, das aus in Luxus gebetteter Kehle klingt, von Blicken, die wie kühne Speere funkeln, spüre das Lächeln, das wie ein glänzendes Schwert schneidet, und betrachte den von Macht und Einfluss beschwingten Gang und du begreifst, aus welchem Stoff die Welt der Reichen und Mächtigen gemacht ist. Der Einwand, dass das nicht das Reich der Verheißung ist, nutzt wenig, solange der Großteil der Menschen davon fasziniert ist und es für das einzig Erstrebenswerte hält.“
Auch auf Carrie, die junge naive Schöne vom Land, übt diese Welt des Luxus ihre Faszination aus. Die junge Frau, die versucht, in Chicago Arbeit zu finden und Fuß zu fassen, erstickt förmlich in der ärmlichen Enge der Wohnung ihrer Schwester und des Schwagers, bei denen sie zunächst unterkommt. Sie ist ein Mädel vom Lande, weder berechnend noch raffiniert, aber mit der insgeheimen Sehnsucht nach einem „besseren Leben“. Fast schon etwas herablassend führt der amerikanische Romancier die Hauptfigur seines Debüts ein, an der sich in der Literatur und in damaligen Leserkreisen die Geister schieden – die Andeutung von Sexualität, eine Heldin, die ohne Trauschein mit Männer zusammenlebte, all dies erschreckte das prüde Amerika.
„Caroline oder Sister Carrie, wie die Familie sie beinahe zärtlich nannte, verfügte weder über große Beobachtungsgabe noch über analytischen Verstand. Ihre hervorstechende Eigenschaft war ein ausgeprägter, wenn auch nicht besonders aggressiver Egoismus (…). Eine schlecht gerüstete Glücksritterin, die voll vager, wilder Eroberungsphantasien in die Begegnung mit der geheimnisvollen Stadt zog, um sich diese untertan zu machen, bis sie wie ein reuiger Sünder vor dem eleganten Damenschuh zu Kreuze kriechen würde.“
Einige hundert Seiten später ist es dann so weit: Carrie ist ein gefeierter Theaterstar, die Reichen, Neureichen und die „demi monde“ New Yorks liegen ihr tatsächlich zu Füßen. Und ihr Schöpfer, der Autor, geht etwas freundlicher mit ihr um, schildert, wie die im Grunde gutmütige und lebenskluge Frau trotz ihres „moralisch verwerflichen“ Lebensweges eine suchende Seele bleibt – eine, die sich nach anderen Werten sehnt, die sich auch, im Gegensatz zu den beiden Männern, mit denen sie zusammenlebte, geistig weiterentwickeln will.
Nachwort von Ilija Trojanow
Die Zitate geben schon einen dezenten Hinweis: Ein begnadeter Autor war Theodore Dreiser nicht. Ilija Trojanow spart dies in seinem Nachwort zur ersten deutschen Übersetzung der vollständigen Carrie-Fassung nicht aus:
„Man könnte Theodore Dreiser unterschätzen, denn seine Schwächen sind evidenter als seine Stärken. Gelegentlich sind seine Plots konstruiert, seine Figuren einfach gestrickt. Er liebt die Wiederholung und es wäre unfair, jedes Wort – oder jeden Satz – auf die Goldwaage zu legen: Sein Stil ist stellenweise schwerfällig und weitschweifig.“
Und dennoch wurde und wird Theodore Dreiser, der als einer der wichtigsten Vertreter des amerikanischen Naturalismus gilt, von Schriftstellern verehrt, werden einzelne seiner Bücher in den einschlägigen „Bestenlisten“ geführt („Sister Carrie“ beispielsweise hier in „The hundred best novels“ im „Guardian“). Warum also „Schwester Carrie“ lesen – am besten im Galopp, wie Saul Bellow riet?
Ein Objekt der Begierde
Es ist weniger die Figur der Carrie, die mich an diesem Roman faszinierte, ja, im Grunde blieb sie mir fremd, ein wenig blass. Viel eindrücklicher, beinahe auch herzergreifend, beschreibt Dreiser den Fall ihres zweiten Liebhabers, eines einigermaßen gut situierten Geschäftsmanns aus Chicago. Er, der ein sinnentleertes Leben als Barmanager führt, in einer kalten Ehe lebt, für seine Kinder vor allem als Geldgeber fungiert und keine tiefergehenden menschlichen Beziehungen pflegt, meint, Carrie „besitzen“ zu müssen: Die junge Frau erscheint ihm wie die Verheißung auf ein besseres Leben, sie wird – wie später auch am Theater – zu einem „Objekt“, einem Objekt der Begierde.
Hurstwood begeht einen Diebstahl, entführt Carrie förmlich, versucht, in New York eine neue Existenz aufzubauen – und scheitert kläglich. Dieser langsame Niedergang eines Mannes, der am Ende in die Obdachlosigkeit und zum Suizid führt, die Schilderung seiner Verwahrlosung, der zunehmenden Depression, die mit dem Abstieg eintritt, all dies beschreibt Theodore Dreiser, der sich als Sozialist stets für die Anliegen der Unterprivilegierten einsetzte, mit direkter, ursprünglicher Kraft.
Empathie als literarische Qualität
„Vielleicht“, so schreibt Trojanow, „liegt ja Dreisers Kraft gerade in dieser Empathie begründet. Weder seziert er Hurstwood bis aufs Skelett noch durchleuchtet er ihn mit dem Salonblick eines geübten Psychologen, Er fühlt mit und lässt uns mitfühlen, darin Victor Hugo ähnlich, oder hierzulande Heinrich Böll, zwei weitere höchst einflussreiche Autoren, die den hochgestochenen Anforderungen einer elitären Literaturkritik nicht zu genügen schienen. Empathie als literarische Qualität fällt oft unter den reich gedeckten Tisch des Ästhetischen.“
Wer also bereit ist, auch einige etwas zähe Stellen in Carrie zu überstehen, der wird belohnt – durch einen Roman, der schon sehr früh und spürbar kritisch den „amerikanischen Traum“ durchleuchtete.
Der Südstaaten-Kosmos von William Faulkner – alles endet in Schall und Wahn
Er galt als der herausragendste Stilist seiner Zeit, ein bahnbrechender Autor, der den nordamerikanischen Roman in die Moderne führte: William Cuthbert Faulkner (1897 bis 1962).
Upton Sinclair – der Schriftsteller mit Mission
Upton Sinclair war einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit, seine Romane immer zugleich auch politische Manifeste.
Sinclair Lewis, der Staubaufwirbler
Er sezierte das nordamerikanische Spießbürgertum: Sinclair Lewis, der unter anderem mit „Babbitt“ einen zeitlosen Charakter geschaffen hat.
Eine amerikanische Tragödie (1925)
“The usual criticism of Dreiser is that, line for line, he’s the weakest of the great American novelists. And it’s true that he takes a pipe fitter’s approach to writing, joining workmanlike sentences one to the other. But by the end he will have built them into a powerful network, and something vital will be flowing through them.”
So lautete 2010 das Urteil von Richard Lacayo, der Dreisers “Eine amerikanische Tragödie” im „Time Magazine“ in die Liste der 100 besten englischsprachigen Romane aufnahm.
Stimmt: Ein Lesevergnügen ist dieser Wälzer nicht – vor allem, wer zuvor die Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Montgomery Clift gesehen hat, der wird anhand der Dutzenden von Seiten, die von Erweckungspredigten und religiösem Eifer handeln, kapitulieren. Glamour ist was anderes. Und dennoch: So minutiös, wie Dreiser den Aufstieg und Fall des jungen Clyde Griffiths, der schließlich auf dem elektrischen Stuhl endet, schildert, lässt einen das 800-Seiten-Buch nicht unberührt. Die Stärke des Romans liegt in seiner Gesamtheit: Ihn zu lesen, bedeutet Arbeit, doch das Ergebnis sind Figuren und Schicksale, die man nicht vergisst.
Das Scheitern des amerikanischen Traums
Die Story in der Kurzfassung: Clyde gelingt es, sich aus den Fängen des bigotten Vaters, der sich als Straßenprediger durchschlägt, zu befreien, in dem er zunächst Hoteljunge wird. Ein Leben immer am Rande von Armut und Kleinkriminalität. Durch Zufall trifft er auf einen reichen Verwandten, der ihm einen Job in seiner Fabrik vermittelt. Dort erfährt er zwar erstmals materielle Sicherheit, aber auch Ausgrenzung: Der Zugang zum “Geldadel” seines Onkels bleibt ihm verwehrt, bis sich ein Mädchen aus besseren Hause in ihn verliebt. Sein Aufstieg wäre perfekt, wäre da nicht die Arbeiterin Rosalie, die behauptet, von ihm schwanger zu sein. Clyde plant zwar, Rosalie umzubringen, tut es jedoch nicht – und wird dennoch (wegen anstehender Wahlen und dem Druck auf die Staatsanwaltschaft) zum Tode verurteilt. Ganz im Stil der französischen Naturalisten wie Zola und Balzac zeigt Dreiser an “der amerikanischen Tragödie” das Zusammenspiel des Dreigestirns “Sex, Geld und Macht” auf. Clyde Griffiths, so wird deutlich, hatte niemals eine wirkliche Chance, den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär zu leben.
Theodore Dreiser war, trotz seines schwerfälligen und streckenweise moralinsauren Tons, auch in Europa und natürlich in der Sowjetunion ein vielgelesener Schriftsteller. Er stammte selbst aus einer Familie ähnlich jener seiner Hauptfigur Clyde – er war das zwölfte Kind in einer deutschen Einwandererfamilie, die unter Armut und der Bigotterie des Vaters litt. Das Schreiben bedeutete für ihn auch eine Befreiung aus diesen engen Verhältnissen.
Bibliographische Angaben:
Sister Carrie
Übersetzt von Susann Urban
Die Andere Bibliothek, 2017
ISBN: 978-3-8477-0392-1
