
In einem Land, in dem mit dem Rechtsrutsch zunehmend auch die Rechte von Minderheiten eingeschränkt werden, ist es gut, dass die Literatur dem etwas entgegensetzt – weibliche Stimmen in Journalismus und Literatur, die für Frauenrechte eintreten, Geschlechterrollen hinterfragen und soziale Ungerechtigkeiten benennen. Es gibt eine Vielzahl zeitgenössischer US-amerikanischer Schriftstellerinnen, deren Werke literarisch bemerkenswert und zugleich gesellschaftskritisch relevant sind.
Die postmoderne Literatur der USA brachte neue Formen in Sprache und Stil, vor allem aber wurde sie diverser. Ein Meilenstein war der Literaturnobelpreis für Toni Morrison – nach Pearl S. Buck (1938) die zweite Frau und die erste Afroamerikanerin, die diese Auszeichnung erhielt. Mit der Bürgerrechtsbewegegung bekamen afroamerikanische Stimmen, aber auch die anderer Bevölkerungsgruppen, vor allem aber auch die Literatur von Frauen und von nicht-bineären Personen überhaupt mehr Raum. Um den jedoch nach wie vor gekämpft werden muss.
Auf dem Blog befinden sich bislang die folgenden Rezensionen zu Werken von US-Schriftstellerinnen ab 1945:
Inhaltsverzeichnis:
- Jami Attenberg: Nicht mein Ding (OA 2017)
- Gwendolyn Brooks: Maud Martha (OA 1953)
- Akwaeke Emezi: Süßwasser (OA 2018)
- Vivian Gornick: Ich und meine Mutter (OA 1987)
- Rachel Kushner: Telex aus Kuba (OA 2008)
- Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter (OA 2015)
- Attica Locke: Heaven, My Home (OA 2019)
- Katherine Anne Porter: Das Narrenschiff (OA 1962)
- Lionel Shriver: Eine amerikanische Familie (OA 2016)
- Meg Wolitzer: Die Interessanten (OA 2013)
- Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn (OA 2016)
Jami Attenberg: Nicht mein Ding
„Die Beständigkeit meiner Unbeständigkeit. Sie gehört zu mir, so stehe ich da. Ich stehe vor ihm am Eingang einer U-Bahn-Station und besitze nichts als mich selbst. Ich selbst bin alles, will ich ihm sagen. Doch für ihn heißt das: nichts, denn so nimmt er sich im Augenblick wahr. Er ist allein, also ist er nichts. Wie erkläre ich ihm, dass das, was für ihn gilt, für mich nicht gilt?“
Die größten Feinde einer klugen Frau sind nach Marie von Eber-Eschenbach alle „dummgeborenen“ Männer. Den „Feind“ vor Augen, die Mutter im Rücken: Man könnte ein ganzes Literaturlexikon nur mit Büchern füllen, in denen sich Frauen an beiden Seiten abarbeiten. Einen witzigen, sarkastischen und lebensklugen Beitrag dazu liefert Jami Attenberg mit ihrem Roman „Nicht mein Ding“.
Es ist das vierte ins Deutsche übersetzte Buch der US-Amerikanerin, die sich die Familie zum literarischen Topos erkoren hat. Und so ist auch die Familie der 39-jährigen Singlefrau Andrea auf ihre ganz eigene Weise unglücklich: In Rückblenden erzählt die gescheiterte Kunststudentin von ihrem vergötterten, aber drogensüchtigen und früh verstorbenen Vater, einem Jazzmusiker, von der Mutter, die als Witwe versucht, ihre beiden Kinder durchzubringen, von seltsamen Hausfreunden, die den Teenager sexuell belästigen, vom nicht ganz normalen Chaos einer unorthodoxen jüdischen Familie in New York.
Ein entschiedenes „Ja!“ zum Singleleben
Andrea, die ihr Singledasein gegen alle Anfechtungen – von allen Seiten, die Mutter voran, wird sie mit einschlägigen Ratgeberbüchern und Beziehungstipps versorgt – verteidigt, hat einen sarkastisch-abgeklärten Blick auf die Welt:
„Eins weiß ich, jetzt, als Erwachsene: Niemand ist cooler als ein Teenager. Noch in schlimmster Verfassung sind unsere Augen ganz klar, und unser Wissen reicht gerade eben aus, um der Welt mit einer gewissen Gewandtheit zu begegnen (…) Nach unseren Teenagerjahren ist Schluss mit lustig und wir halten alle einfach nur durch bis zum Tod.“
Nun ja, dazwischen passiert denn doch noch eine ganze Menge: Mehr oder weniger verunglückte Dates, scheiternde Beziehungen im Freundeskreis, Zoff im Beruf und mit der Therapeutin. Insbesondere der verbale Schlagabtausch zwischen Andrea und ihrer Mutter bietet intelligente Unterhaltung. Das alles kennt man zwar irgendwie aus der einschlägigen New York-Literatur und von etlichen Filmen. Und doch liest es sich bei Jami Attemberg (in der Übersetzung von Barbara Christ) wieder frisch und originell.
Bibliographische Angaben:
Jami Attenberg
Nicht mein Ding
Übersetzt von Barbara Christ
Schöffling & Co., 2020
ISBN: 978-3-89561-357-9
Gwendolyn Brooks: Maud Martha
„Sie war sich sicher, jetzt, wo sie wach war. Denn wach war sie. Das war Wachsein. Sich räkeln, mit den Finger wackeln – sie fühlte sich von dem zusammengeknüllten, dünnen rauchgrauen Bettzeug noch einigermaßen geschützt vor dem plötzlichen Angriff der roten Vorhänge mit den weißen und grünen Blumen, dem Bild mit der Mutter und dem Hund, die mit einem Baby schmusten, und der Kommode mit den blauen Papierblumen darauf. Aber auf keinen Fall gab es einen Zweifel daran, dass sie jetzt ernsthaft erwacht war.“
Ein langsames Erwachen in eine Welt, die ebenso mütterliche Sanftmut, Spieltrieb und Freude wie aggressives Rot, Streit und Hass zu bieten hat – das kleine Zitat aus „Liebe und Gorillas“, einer der Vignetten aus dem Leben der Maud Martha Brown, zeigt die virtuose Meisterhaftigkeit der Schriftstellerin Gwendolyn Brooks. In ihrem einzigen Roman, 1953 in den USA erschienen und nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegend, schildert sie ein Frauenleben, den Alltag einer Frau, mit vielen kleinen Spotlights auf Alltägliches – ohne je in ihrer Sprache alltäglich zu werden. Die Poesie der Worte und Bilder durchdringt dank der gelungenen Übersetzung von Andrea Ott die rauchgraue Umwelt, in der Maud Martha leben muss. Gwendolyn Brooks, die Lyrikerin, die 1950 als erste Schwarze Autorin den Pulitzerpreis für ihren Gedichtband „Annie Allen“ erhielt, überrascht und begeistert in diesem Prosatext, den die Genrebezeichnung Roman nur von ungefähr trifft, mit der Poesie ihrer Sprache und einem besonderen Blick auf die Welt, wie ihn Lyrikerinnen innehaben, die aus kleinen Szenen große Geschichten erschaffen.
Autofiktionaler Text der Pulitzer-Preisträgerin
„Maud Martha“, ein autofiktional geprägter Text, führt durch das Leben einer Frau, die in den 1940er-Jahren in der South Side von Chicago inmitten der Schwarzen Community aufwächst. Wie Schlaglichter setzt Gwendolyn Brooks die einzelnen Geschichten auf verschiedene Phasen eines Frauenlebens vom kindlichen Erleben der Erwachsenenwelt bis hin zum eigenen Dasein als Mutter. Diese Vignetten könnten wie poetische Kurzgeschichten jede auch für sich alleine stehen, lose verbunden durch die Protagonistin ergeben sie im Zusammenhang den Roman eines Lebens.
Maud Martha träumt von der ersten und der großen Liebe, von einem Job in New York, von einer eigenen Wohnung, die sie in Gedanken nach ihrem Geschmack einrichtet. Träume sind keine Angelegenheit der Hautfarbe, die Realität dagegen schon: Immer wieder werden ihr Grenzen aufgezeigt, wird sie in von einer Gesellschaft, in der Machtverhältnisse durch Hautfarbe und soziale Zugehörigkeit definiert sind, an ihren Platz verwiesen, sei es direkt, indem sie beim Einkaufen nicht bedient wird, seien es die indirekten Verletzungen durch unbewusste Worte, Gesten, Blicke. Durch den beinahe schon nebensächlichen Ton, in dem Gwendolyn Brooks solche Vorkommnisse in ihren Roman einfließen lässt, werden sie umso gewichtiger: Es wird spürbar, wie „alltäglich“ diese Art von Diskriminierung war (und bis heute noch ist). Und wie sie dennoch immer wieder bis ins Mark trifft.
Nachwort von Daniel Schreiber
„Wie geht man mit der machtvollen inneren Stille unterdrückter Wut um?“ – diese Frage stellt Daniel Schreiber in seinem Nachwort zu „Maud Martha“. Und gibt eine treffende Antwort: „Maud Martha gibt keine radikalen Antworten auf diese Fragen. Stattdessen hört Brooks den emotionalen Echos dieses Erlebens nach, macht sie poetisch erfahrbar und setzt ihnen ein fast schon spirituell zu nennendes Vertrauen in die eigene menschliche Würde entgegen.“
Im viel zu frühen Erwachen aus der Kindheit in eine feindlich gesinnte Umwelt hinein schließt sich bei dieser „Ballade gelebten Lebens“ (Daniel Schreiber) der erzählerische Kreis: Ist es zunächst Maud Martha selbst, die aus dem Schlummer in eine wenig freundliche Umgebung erwacht, so muss sie später als junge Mutter hilflos zusehen, wie ihrer Tochter Paulette die Kindheitsträume genommen werden. In einer der letzten Kürzestgeschichten dieses anrührenden Werkes werden Martha und Paulette wegen ihrer Hautfarbe vom Weihnachtsmann im Einkaufsladen ignoriert. Wie Gwendolyn Brooks die Geschichte beendet, zeigt jedoch nicht nur die Würde, die sowohl ihr als auch ihrer Hauptfigur innewohnen, sondern ebenfalls ihren Mutterwitz:
„Paulette spürte den Blick ihrer Mutter und schaute zu ihr hoch. Maud Martha hätte am liebsten geheult.
Lass ihr noch dieses himmlische Land!
Lass ihr noch die Märchen, wo die Hexen am Ende immer getötet werden und Santa der Herr des Winters ist, freundlich, ein reines Wesen, das niemals schwitzt, niemals etwas Dummes oder Erfolgloses tut oder sagt, niemals komisch aussieht und niemals gezwungen ist, an der Kette zu ziehen, um die Toilette zu spülen.“
„Maud Martha“: Eine wundervolle Wiederentdeckung, die auch dazu einlädt, die Lyrikerin Gwendolyn Brooks kennenzulernen – leider sind mir momentan jedoch keine Übertragungen ihrer Lyrik in die deutsche Sprache geläufig.
Informationen zum Buch:
Gwendolyn Brooks
Maud Martha
Übersetzt von Andrea Ott
Manesse Verlag, 2023
ISBN: 978-3-7175-2564-6
Akwaeke Emezi: Süßwasser
„Vorhin, als wir sagten, sie sei wahnsinnig geworden, haben wir gelogen. Sie war immer bei Verstand. Es ist nur so, dass sie mit uns kontaminiert war, mit einem göttlichen Parasiten, der viele Köpfe hatte, der brüllte im Marmorzimmer ihres Kopfes. Jeder kennt die Geschichten von hungrigen Göttern, von ignorierten Göttern, von verbitterten, betrogenen und rachsüchtigen Göttern. Darin besteht die oberste Pflicht: Füttere deine Götter. Wenn sie (wie wir) in deinem Körper leben, finde einen Weg, werde kreativ, zeig ihnen das Rot deines Glaubens, deines Fleisches; beruhige die Stimmen mit dem Wiegenlied eines Altars. Es ist nicht so, als könntest du vor uns fliehen – wo solltest du schon hinrennen?“
Jeder von uns trägt Dämonen in sich. Meist schrecken wir vor ihnen zurück, verscheuchen sie. Wer will schon gerne mit seinen dunklen Seiten konfrontiert werden?
Manchmal nehmen diese Stimmen, die uns etwas einflüstern, die uns belagern, jedoch auch überhand, ergreifen das Regiment. Und einige wenige Male tragen sie vielleicht dazu bei, dass wir gewisse Dinge unbeschadet überstehen. So haben Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung häufig traumatische Kindheitserfahrungen gemacht, die eine junge Seele zerbrechen könnten: Die Krankheit, die uns scheinbar Gesunden wie eine Belastung erscheint, kann unter Umständen auch der Schutz sein vor einer Realität, die anders nicht zu ertragen wäre.
Ein kraftvoller Debütroman
Ada jedenfalls, die Protagonistin in diesem kraftvollen Debütroman, ist mit ihren inneren Stimmen immer im Dialog, ringt mit ihnen, braucht sie aber auch, um Phasen der Haltlosigkeit und Entwurzelung zu überstehen. Wenn die Welt außerhalb zu ungeheuerlich wird, dann stehen ihr ihre „Brüderschwestern“, die „Ungeheuer“ in ihrem Innern, bei. Ebenso aber treiben sie sie auch dazu, über ihre Grenzen zu gehen, Menschen von sich zu stoßen, sich selbst und andere zu verletzen.
Ada zeigt die klassischen Symptome einer jungen Frau mit Borderline-Störung: Sie ritzt sich, hat Phasen, in denen sie sich zum Skelett herunterhungert, trinkt, nimmt Drogen, stürzt sich wahllos in sexuelle Abenteuer. Das Buch entwickelt sich langsam, beginnt mit der Kindheit Adas in Nigeria: Schon hier sind die inneren Stimmen da, lauern förmlich auf das traumatische Ereignis, das ihnen Raum gibt. Die Autorin und Videokünstlerin Akwaeke Emezi, selbst wie ihre Hauptfigur von nigerianisch-tamilischen Wurzeln (der Roman trägt wohl auch autobiographische Züge) erzählt dies aus verschiedenen Perspektiven. Mal übernimmt Ashughara, der laute, energische Dämon die Regie in Adas Innerem, mal der ruhigere Saint Vincent.
Eine Vergewaltigung als Beginn des Traumas
Zum Ausbruch kommen die Geister, als Ada, getrennt von ihrer Familie, in einem amerikanischen College von einem Freund über Wochen hinweg vergewaltigt wird – das Ereignis, das alles auslöst, das sie ins Schleudern bringt. Wie sie allmählich und Jahre später zu einem annäherndem Gleichgewicht und einer Selbstwahrnehmung, die nicht von Dämonen bestimmt ist, gelangt, das erzählt dieses Buch.
Dennoch: „Süßwasser“ ist mehr als eine sprachlich gelungene, halbfiktive „Krankheitsgeschichte“. Es ist ein literarischer Befreiungsschlag auf mehreren Ebenen. Ein Manifest der Selbstbestimmung trotz einer psychischen Störung – die, auch dies wird deutlich, eben nicht nur aus den selbstzerstörerischen Phasen besteht, sondern auch Kreativität, Tiefe, Gestaltungskraft auslöst.
Die ver-rückte Frau als Monster
Anne Haeming hob diesen Aspekt in ihrer Besprechung bei „Spiegel online“ hervor:
„Das Schema, mit dem Emezi hantiert, ist seit Charlotte Brontës „Jane Eyre“ fest in der Literatur verankert: „die Verrückte auf dem Dachboden“, die Frau als Monster. Lange die gängige Lesart von weiblichen Figuren, die nicht der wie auch immer definierten Norm entsprechen. Ganz zu schweigen vom Hysterie-Gaga, mit dem Generationen von Frauen stigmatisiert wurden.
Dieses Stigma begannen Autorinnen des 20. Jahrhunderts aufzubrechen, allen voran Toni Morrison in „Menschenkind“, Margaret Atwood mit „Alias Grace“, Leslie Marmon Silko in „Ceremony“, aber auch schon Virginia Woolf in ihrem metamorphotischen „Orlando“: Sie zeigen Frauen mit fragmentierten Identitäten, die entweder vielstimmig auf ihr erlebtes Trauma antworten, sich so ins Überleben retten oder ihre innere Vielfalt nicht als Abweichung begreifen. Sondern als bereichernd.“
Man kann den Roman jedoch auch lesen als Dokument einer Auseinandersetzung mit einem Leben, das geprägt ist von verschiedenen kulturellen Identitäten: Auf der Suche nach einem wirtschaftlichem Auskommen verschlägt es Adas Eltern um die halbe Welt. Die Wurzel- und Heimatlosigkeit von Wirtschaftsemigranten schlägt sich in den Seelen ihrer Kinder nieder – auch am amerikanischen College erlebt Ada, wie es ist, trotz maximaler Anpassung nie ganz dazuzugehören, schon durch Geburt und Hautfarbe irgendwie „anders“ zu sein.
Dies alles kleidet Emezi in eine Sprache und einen Stil, den man – in Anlehnung an die südamerikanische Tradition – einem magischen Realismus afrikanischer Herkunft zuordnen könnte.
Informationen zum Buch:
Akwaeke Emezi
Süßwasser
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Anabelle Assaf und Senthuran Varatharajah
Eichborn Verlag, 2018
ISBN: 978-3-8479-0646-9
Vivian Gornick: Ich und meine Mutter
„Sie war überall, immer hinter mir her, innerlich wie äußerlich. Ihr Einfluss klebte wie eine Membran in meinen Nasenlöchern, auf meinen Lidern, in meinem offenen Mund. Ich nahm sie mit jedem Atemzug in mich auf. Ich dämmerte in ihrer betäubenden Atmosphäre vor mich hin, konnte dem schweren, klaustrophobischen Wesen ihrer Gegenwart, ihrem Sein, ihrer erstickenden, leidenden Weiblichkeit nicht entkommen.
Ich hatte keine Ahnung.“
Mütter und Töchter: Selten ein unkompliziertes Verhältnis. Meist ein lebenslanges Ringen zwischen Zuneigung und dem Wunsch nach Autonomie. Das Gefühl, sich am Vorbild Mutter messen zu müssen und sich zugleich davon befreien zu wollen, es endet im Grunde nie. Selbst wenn man beruflich erfolgreich ist, wie die Schriftstellerin Vivian Gornick, die ein unabhängiges, selbständiges Leben führt:
„Das waren die Jahre, in denen Frauen wie ich als »neu«, »emanzipiert« oder »exzentrisch« bezeichnet wurden, und tatsächlich war ich tagsüber neu, emanzipiert und exzentrisch (ich selbst habe bis heute exzentrisch bevorzugt), solange ich am Schreibtisch saß, doch wenn ich abends auf der Couch lag und ins Leere starrte, materialisierte sich dort meine Mutter, als wollte sie sagen: »Nicht so schnell, mein Kind. Wir sind noch nicht fertig miteinander.«
Die 1935 in der Bronx geborene Essayistin und Journalistin Vivian Gornick ist in den USA in Intellektuellenkreisen seit Jahrzehnten eine Größe. Von 1969 bis 1977 war sie Reporterin bei der „The Village Voice“, ihre Arbeiten erschienen aber auch in zahlreichen weiteren namhaften amerikanischen Magazinen und Zeitungen. Darüber veröffentlichte sie eine stattliche Anzahl von Büchern zu Sachthemen und autobiographischer Natur. Im deutschsprachigen Raum ist sie dagegen nahezu unbekannt: „Ich und meine Mutter“, seit seinem Erscheinen 1987 ein moderner Klassiker der amerikanischen Frauenbewegung, ist ihr erstes Werk, das in deutscher Sprache herausgegeben wurde.
Bodenständig und intellektuell
Zeit dafür wurde es: Nicht nur, weil Vivian Gornicks brillanter Stil bodenständig und intellektuell zugleich ist, nicht nur, weil ihr Roman ein intelligentes Lesevergnügen bietet, sondern auch deshalb, weil er etwas anspricht, was für eine Feministin wie Vivian Gornick ein kompliziertes Thema ist – das Verhältnis zur eigenen Mutter und die Prägung durch sie.
Gornick erzählt von ihrer Kindheit in einer jüdisch geprägten Ecke der Bronx, bildhaft, malerisch, lebendig: Das Mietshaus ist ein Haus der Frauen, die sich gegenseitig helfen, belauern, beneiden, bewundern, über einander tratschen und in einem Kreis von Sympathie und Antipathie miteinander verbunden sind. Ihre eigene Mutter, schlagfertig, tatkräftig und selbstbewusst, zimmert sich ihre eigene Fama – die im Kern verborgene Lebensenttäuschung darüber, dass sie als Mutter zweier Kinder und liebende Gattin ihre eigene Berufstätigkeit aufgab, mündet sie in den Satz um: »Wäre da nicht die Liebe eures Vaters gewesen«. Als dieser jedoch viel zu früh stirbt und die Frau mit zwei Teenagerkindern zurücklässt, fällt sie in eine langandauernde Depression. Dass ihre Tochter einen anderen Weg wählt – den einer beruflich erfolgreichen Frau, unabhängig, unverheiratet – wird zwischen den beiden Frauen zum andauernden Konfliktpotential.
Auf die Frage, was denn das ist, das „normale Leben einer Frau“, finden Mutter und Tochter auch nach Jahrzehnten keine Antwort. Doch sie ringen darum, beinahe täglich auf ihren langen Spaziergängen durch New York. Und so ist „Ich und meine Mutter“ nicht nur ein lesenswerter Roman über Frauenbilder und Rollenverständnisse, sondern auch ein wunderbarer Spaziergang durch die Stadt.
Bibliographische Angaben:
Vivian Gornick
„Ich und meine Mutter“
Penguin Verlag, 2019
Aus dem Englischen von pociao
ISBN 978-3-328-60030-5
Rachel Kushner: Telex aus Kuba
„Auch wenn eine Liebe, die sich auf Besitzergreifung gründete, eine Form von tiefer Ignoranz war – es berührte ihn dennoch. Die Amerikaner hatten die Vegetation, die Daiquiris, die kubanische Musik eindeutig geliebt. Er spürte es in ihrer leeren Stadt, das Gespenst ihrer naiven und imperialistischen Liebe.“
Revolution, Baby! Diese Frau brennt. Zumindest brennt sie eine Menge nieder: „Flammenwerfer“ hieß der 2013 in den USA erschienene Roman, mit dem Rachel Kushner Furore machte. Nach dessen Erfolg im deutschsprachigen Raum wurde auch ihr Debüt übersetzt. Und „Telex aus Kuba“ beginnt sogleich mit einem veritablen Flächenbrand. Man schreibt 1958. Eine Handvoll Revolutionäre fackelt die Zuckerrohrfelder der United Fruit Company in Preston ab. Der örtliche Company-Manager rotiert, den amerikanischen Botschafter in Havanna interessiert es dagegen einen Scheiß: Man nimmt die paar bärtigen Jungs in Khakianzügen, die gegen Batista, den Handlanger der Vereinigten Staaten zu Felde ziehen, nicht allzu ernst. Schwerer Denkfehler: Gegen Ende des Romans verbreitet Fidel Castro revolutionäres Pathos:
Revolution als literarisches Thema
„So oft ist unsere Revolution schon verraten worden“, sagte er. „1898, als die Amerikaner sich hier einluden, um unser Kuba wie eine Hafenhure zu vergewaltigen. Frei verfügbar, syphilitisch und nur der Verachtung wert. 1952, als Batista das Volk verriet. Wieder und wieder entpuppten sich jene, die reinen Herzens zu sein behaupteten, als Diebe und Gesindel. Zum ersten Mal seit vier Jahrhunderten wird diese Republik frei sein. Zum ersten Mal überhaupt wird sie ihrer Revolution treu bleiben. Vaterland oder Tod: Es liegt an uns.“
In „Flammenwerfer“ verknüpfte Rachel Kushner die amerikanische Avantgarde- und Underground-Szene der 1970er-Jahre mit der radikalen Linken in Italien. Aber auch in ihrem Debüt war Aufstand und Revolution bereits Gegenstand. Dass die Amerikanerin (auch) eine politische Schriftstellerin ist, lässt sich anhand ihrer Sujets schon vermuten, ihre Interviews und öffentlichen Aussagen untermauern dies. Und machen deutlich, wo ihre Sympathien liegen.
Kuba, das Trauma der USA
In den Vereinigten Staaten, zu dessen großen kollektiven Traumata die gescheiterte Schweinebucht-Invasion anno 1961 zählt, macht man sich mit einem Roman über Kuba – zumal mit deutlichen Sympathien für die Befreiungsbewegung – wahrscheinlich nicht nur Freunde. Doch das Buch wurde vom Feuilleton begeistert aufgenommen, eine Verfilmung ist geplant. Das verwundert nicht: „Telex aus Kuba“ gibt mit seiner überwiegend rasanten Erzählweise, mit seinen verschiedenen Perspektiven, seinen Nebensträngen und dem ganzen Konglomerat aus gebrochenen, sinistren und halbseidenen Figuren großartigen cineastischen Stoff her.
Rachel Kushner kann schreiben, richtig gut schreiben, wenn auch der „Erstling“ noch hier und da etwas vermissen lässt. Zunächst bedient sie sich eines ziemlich cleveren Kunstgriffes: Der Roman wird überwiegend aus der Sicht zweier amerikanischer Teenager erzählt, die mit ihren Familien in der amerikanischen „Kolonie“ leben. Das ist schlau – denn so simuliert sie einen jugendlichen, unvoreingenommenen, ja auch naiven Blick auf die Zustände. K.T., der Sohn eines United Fruit-Managers, erzählt eher im Plauderton von Partys, Badeausflügen, Sommerhäusern und Yachten, vom Umgang mit den einheimischen Dienstboten und den feinen Klassenunterschieden, die auch die Amerikaner unter sich pflegen. Sein weiblicher Gegenpart Everly hat einen feineren, schärfen Blick für die Ungereimtheiten ihrer Welt: Die Dominanz der weißen Männer, gesellschaftlich, politisch, familiär. Die Frustration der Ehefrauen, die Langeweile und Lieblosigkeit in Geschwätz und Alkohol ertränken. Die Ausbeutung der Arbeiter, die Ausbeutung der Natur.
Wirtschaftliche Kolonialisierung
Kushner fährt eine Vielzahl von Figuren auf – Manager, Geschäftsleute, dubiose Gestalten, Waffenhändler, vernachlässigte Ehefrauen, Prostituierte, moderne Sklavenhändler, weiße Kriminelle, die in den Staaten mit Haftbefehl gesucht werden, auf Kuba jedoch gut leben können. Sie zeigt die Strukturen auf, die zwangsläufig zu einem Aufstand führen mussten: Obwohl Amerika nie offiziell Kolonien hatte, hatte es Kuba zu seiner Kolonie gemacht. Die Statthalter sind die großen amerikanischen Unternehmen – sie pflanzen im Grunde mit ihrem rücksichtslosen Vorgehen die Saat, aus der die Revolution wächst. Das Leben und gesellschaftliche Treiben der Amerikaner während ihrer letzten Tage auf Kuba, das Rachel Kushner aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: Dies allein hätte im Grunde genügt, um ein gutes Mosaik zusammenzusetzen, um die Botschaft des Romans zu transportieren.
Doch mit einem französischen Waffenhändler mit SS-Erfahrung und dem Hang zu einer Nachtclub-Tänzerin, die wiederum jedoch mit den Revolutionären paktiert, führt Kushner eine weitere Ebene ein, macht Ausflüge in das Spionage-Thriller-Genre. Und hier liegt die große Schwäche des Romans: Er driftet auseinander, wird dabei auch streckenweise langatmig und diffus. Selbst kleinere Slapstickszenen mit einem betrunkenen Hemingway und der Auftritt weiterer prominent-dekadenter Figuren retten diese Seite des Romans nicht. Und wo der Franzose erotisch wird, geht auch die ansonsten vielgepriesene Sinnlichkeit von Kushners Erzählstil flöten. Solcherart spricht er zu seiner Geliebten:
„Eine verfeinerte Essenz ihrer selbst, deren Gesellschaft er nach der groben Materialität der Zwiesprache ihrer Körper bewusst wähle und in Ehren halte. Einer schönen Zwiesprache, wie er hinzufügte. Er genieße die Zwiesprache mit ihrem Körper sogar ungeheuer. Doch sie beide als ineinander verschlungenes Fleisch seien nur ein Aspekt der Sache, und die ätherische Verbindung, die sich in ihrer Abwesenheit ereigne, ein anderer.“
Während der Waffenhändler darüber sinniert, ihren Körper in seiner Phantasie „marinieren“ zu lassen, wünscht man sich als Leserin, was sich auch das Mädchen wünscht: Er möge sich doch ausnahmsweise klar ausdrücken. Kurzum: Ohne diesen Nebenplot wäre „Telex aus Kuba“ ein richtig guter Roman, so ist er ein anständiges Debüt. Und lässt auf weitere revolutionäre Geschichten von Rachel Kushner hoffen.
Bibliographische Angaben:
Rachel Kushner
Telex aus Kuba
Übersetzt von Bettina Arbarbanell
Rowohlt Verlag, 2017
ISBN: 978-3-498-03446-7
Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter
Als 2015 „Gehe hin, stelle einen Wächter“ veröffentlicht wurde, brandete die Frage nach der Moral des Ganzen auf: Die damals fast 90-jährige Schriftstellerin konnte sich selbst nicht mehr dazu äußern, zu angegriffen war ihre Gesundheit. War es in Ordnung, ihren Debütroman, der vor Jahrzehnten von einer Lektorin abgelehnt worden war, doch noch zu veröffentlichen?
1960 kam „Wer die Nachtigall stört“ heraus, jener Südstaaten-und Anti-Rassismus-Roman, der ein Jahr später mit dem Pulitzer ausgezeichnet wurde, sich mehr als 40 Millionen Mal verkaufte, dessen Verfilmung mit Gregory Peck als integrem Anwalt Atticus mit drei Oscars gekrönt wurde und in dessen Folge Jahr für Jahr zahlreiche Amerikaner ihren Nachwuchs „Atticus“ taufen liessen. Und dann kam: Nichts mehr. Es schien, als sei Harper Lee mit Mitte 30 angesichts des eigenen Erfolgs verstummt.
„Ich hatte gehofft, dass die Kritiker mich einen schnellen, barmherzigen Tod sterben lassen würden, aber gleichzeitig hoffte ich auch, dass jemand „Wer die Nachtigall stört“ ausreichend lieben würde, um mir Mut zu machen. Als dieser Fall dann tatsächlich eintrat, war es auf eine Art nicht weniger anstrengend, als das Szenario, das ich mir zuvor ausgemalt hatte.“
Zwar gab es in der Folge noch die Ankündigung eines Romans und eines Sachbuches, doch die Veröffentlichungen blieben aus. Harper Lee, die bis zu ihrem Erfolg in New York gelebt hatte, zog schließlich wieder in ihre Heimatstadt zurück, nach Monroeville, jenem Südstaatenstädtchen, das die Schriftstellerin und ihr Freund aus Kindertagen, Truman Capote, zu einem literarischen Pilgerort verwandelt hatten.
Veröffentlichung nach fünf Jahrzehnten
Monroeville – das ist auch Maycomb, dieser fiktionale Ort, der mit dem spät veröffentlichten „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ebenfalls eine literarische Wiederauferstehung feierte. Der Text entstand bereits Mitte der 50er-Jahre, spielt aber Jahre nach der „Nachtigall“. Die Lektorin hatte das Manuskript als unausgereift empfunden und Harper Lee vorgeschlagen, aus den Kindheitspassagen ein eigenes Buch zu machen – so entstand die „Nachtigall“.
Scout (Jean Louise), die burschikose Kleine, ist eine nicht weniger burschikose 26jährige, die für einige Sommerwochen in ihren Heimatort zurückkehrt. Ihr Bruder Jem ist bereits verstorben, Kindheitsfreund Dill – hinter dem eindeutig Truman Capote steckt – ist nach dem Krieg irgendwo in Europa geblieben und Atticus, der Übervater, scheint zwar körperlich angeschlagen, aber geistig immer noch ungebrochen. Bis Scout hinter die Fassade blickt.
Fritz Göttler schrieb dazu in unter dem Titel „Heldenverkehrung“ in der Süddeutschen Zeitung: „Es ist ein unerbittliches Coming-of-Age für Jean Louise, für den Leser, von dem der „Wächter“ erzählt.“
Bekannt mit Rassisten und dem Ku Klux Klan
„Genauso plötzlich, wie ein grausamer Junge die Larve eines Ameisenlöwen aus ihrem Sandloch zerrt, um sie zappelnd in der Sonne liegen zu lassen, wurde Jean Louise an einem schwülen Sommernachmittag um genau 14.18 Uhr aus ihrem friedlichen Dasein gerissen und musste fortan zusehen, wie sie ihre empfindliche Epidermis so gut wie möglich schützen konnte.“
Jean Louise findet im Wohnzimmer ihres Vaterhauses eine Broschüre mit dem Titel „Die schwarze Pest“, erlebt in jenem Gerichtssaal, in dem einst Atticus einen Schwarzen gegen den Mob verteidigte, wie eben dieser Vater an einem Tisch mit Rassisten und Ku-Klux-Klan-Anhängern sitzt und sich als Vertreter der Rassentrennung entpuppt. Eine, so meint Göttler, durchaus weit verbreitete Haltung unter den Liberalen der 50er-Jahre in den Südstaaten. Der Kritiker stellt das Buch in Bezug zum Zeitgeschehen:
„Der Roman spielt in einem prekären Moment der amerikanischen Geschichte. Nach Jahrzehnten der strikten Rassentrennung und – diskriminierung beginnt die Regierung in Washington, Gesetze für die Gleichstellung der Afroamerikaner durchzusetzen, was den Wahlzensus angeht oder den Anspruch auf Bildung – und es gibt im Süden Widerstand dagegen.“
Demontage eines Helden
Das Buch, das durchaus ein Plädoyer gegen den Rassismus sein soll, wirkt allerdings unausgereift, zu viel Abschweifiges lenkt ab, die Charaktere wirken unrund, mit manchmal zu groben Pinsel gezeichnet, die Dialoge streckenweise hölzern. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Da ist etwas unfertig, bis hin zum offenen Schluss. Als habe sich da eine junge Frau impulshaft ihre Empörung von der Seele geschrieben – die Empörung über ihre Herkunft aus einer von Rassismus geprägten Region und über ein kleingeistiges und engstirniges Milieu. Am Ende des Buches kommen Atticus und seine Tochter zu einer Art Waffenstillstand.
Wie ihre literarische Figur Scout wagte sich Harper Lee nach New York, zog vom schwül-schwülstigen Südstaatenmilieu in die intellektuelle und liberale Welt. Aber anders als Capote konnte sie sich offenbar nie ganz von ihrer Herkunft abkapseln, arrangierte sich irgendwie, kehrte zurück. Mag der „Wächter“ als Akt der Rebellion interpretiert werden, so ist die „Nachtigall“ trotz ihrer antirassistischen Haltung ein Akt der Verklärung, wenn man die beiden Bücher gegeneinander stellt. Und auch autobiographisch grundiert: So war Harper Lees eigener Vater Vorbild für Atticus in der „Nachtigall“, ein Zeitungsverleger und Anwalt, der gegen den Rassismus ankämpfte.
Das Buch lässt viele Fragen offen
Wieviel von Amasa Coleman Lee ist auch im Atticus des „Wächter“ zu finden?
Verstummte Harper Lee nicht nur angesichts des Erfolgs der „Nachtigall“, der schwer zu überbieten gewesen wäre, sondern auch, weil sie über die tatsächlichen Verhältnisse nicht schreiben konnte, weil Blut dicker ist als Wasser? Dass der „Wächter“, unabhängig von seiner Qualität, zu einem Verkaufserfolg werden würde, das war klar. Die Fragen, die das fast 50-jährige Schweigen von Harper Lee aufwerfen, kann das Buch freilich nicht beantworten. Das könnte eben nur eine: Harper Lee starb 2016, ohne dass sie sich noch einmal zu ihrem spät entdeckten Debüt hätte äußern können.
Bibliographischen Angaben:
Harper Lee
Gehe hin, stelle einen Wächter
Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
DVA, 2015
ISBN: 978-3-421-04719-9
Attica Locke: Heaven, My Home
„Darren dachte an den blonden Jungen auf dem Foto, versuchte sich die Moral eines Kindes vorzustellen, das die Erwachsenen um sich herum lediglich imitierte. Das war es doch, oder? Er verabscheute die Vorstellung, in einem Land zu leben, das Rassisten heranzüchtete, voller Bosheit und Hass und, noch bevor sie erwachsen waren, hart wie die Erde ihrer Heimat.“
Wer dieser Tage auf die USA blickt, der sieht auf eine Demokratie im Niedergang und auf ein gespaltenes Land. Erschreckend, wie gewaltbereit Trumps Anhänger ihren fragwürdigen Begriff von individueller Freiheit verteidigen, eine Freiheit, die andere ausschließt: White Supremace. Wie das Land sich wendete, welche uralten Ressentiments und Vorurteile vor allem jetzt, zur Zeit der zweiten Präsidentschaft Trumps ganz offen ausgelebt werden, auch das ist Thema von „Heaven, my home“, dem zweiten Kriminalfall der Schriftstellerin Attica Locke um ihren afroamerikanischen Ermittler Darren Mathews.
Der Titel ist nicht bar der Ironie: Denn sowohl Darrens eigene, urinnerste Heimat ist bedroht als auch die der Nachfahren entflohener Sklaven und indianischer Ureinwohner in Hopetown, eine Enklave im Osten von Texas. Weder dort, in den ärmlichen Häusern Hopetowns, noch in den White-Trash-Trailern der Anhänger der Arischen Bruderschaft, die sich illegal auf dem Gelände breitgemacht haben, herrscht der Himmel auf Erden. Beide Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber, verteidigen ihr Anrecht auf das Land, eine Situation, die sich zuspitzt, als ein Kind der Arischen Bruderschaft über Nacht verschwindet.
In Marion County soll ein Mord von einem Afroamerikaner an einem weißen Kind begangen worden sein. Texas Ranger Darren Mathews ist auf der Suche nach dem 9-jährigen Levi King, der allein in der Dunkelheit des riesigen Caddo-Sees in einem Boot verschwunden ist. Zuletzt hat ihn Leroy Page gesehen, der hilflos mitansehen musste, wie sich auf seinem verpachteten Land ein Trailer Park mitsamt Anhänger der rassistischen Bruderschaft ABT ansiedelte. Sie haben ihn nicht nur bedroht, sein Haus mit rassistischen Sprüchen verunstaltet, sie unterstellen ihm auch, den Jungen getötet zu haben. Mathews wird von seinem Vorgesetzten an den See beordert, um letzte Beweise gegen die arische Bruderschaft zu sammeln, bevor Trump Präsident wird.
Arische Bruderschaft und indianischer Ureinwohner
Der Titel ist nicht bar der Ironie: Denn sowohl Darrens eigene, urinnerste Heimat ist bedroht als auch die der Nachfahren entflohener Sklaven und indianischer Ureinwohner in Hopetown, eine Enklave im Osten von Texas. Weder dort, in den ärmlichen Häusern Hopetowns, noch in den White-Trash-Trailern der Anhänger der Arischen Bruderschaft, die sich illegal auf dem Gelände breitgemacht haben, herrscht der Himmel auf Erden. Beide Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber, verteidigen ihr Anrecht auf das Land, eine Situation, die sich zuspitzt, als ein Kind der Arischen Bruderschaft über Nacht verschwindet.
Die Unmöglichkeit der Versöhnung ist ein Kernthema dieses Romans, in dem auch die Hauptfigur Darren Mathews vor die Herausforderung gestellt wird, seine Koordinaten neu auszurichten: Es ist nicht alles schwarz oder weiß, „Black And White, Unite! Unite!“ eine Illusion in der Trump-Ärä.
„Vergebung als kollektives Bedürfnis verlangt, den Zorn über die Abwertung und Verletzung zu unterdrücken: Morde, Gewalt und Ungerechtigkeiten hinzunehmen, Loyalität gegenüber den Unterdrückern zu bekunden. Deshalb kann sie helfen, sich der Kriminalität und Grausamkeit systemischer Unterdrückung und Gewalt zu stellen, mit der Vergangenheit abzuschließen. Aber sie kann auch zu einem rituellen Vergessen führen; sie beseitigt die Unterdrückung nicht, fordert keine Reue oder Wiedergutmachung, bringt keine radikalen sozialen Veränderungen“, schreibt Sonja Hartl im Nachwort zu dem Roman.
Grauzonen des Rechts
Dass das Recht nicht Gerechtigkeit schafft, dass es Grauzonen gibt, dass Versöhnung die Bereitschaft beider Seiten anbelangt: Dies alles lernt Mathews sowohl in privaten als auch in beruflichen Belangen schmerzhaft.
„Das war der Teil, der wehtat, der Schmerz, der bis ins Mark ging. Nachdem er jahrelang von dem Glauben an eine universelle Neigung zur Gerechtigkeit eingelullt worden war, sah er, wie wenig Freunde und Nachbar an sein Leben dachten, an sein Anrecht auf dieses Land.
Nach Obama war es Verrat an der Versöhnung.“
Die Gemengelage ist schwierig: Mathews selbst ist privat in einem Mord an einem Mitglieder der arischen Bruderschaft verstrickt, will einen alten Freund der Familie, in dem er den Täter vermutet, beschützen. Seine Mutter, bestes Beispiel für das, was in dysfunktionalen Familien geschieht, nutzt ihr Wissen, um Geld und Zuneigung zu erpressen. Sein Vorgesetzter macht Druck, um den Nazis noch vor der Einsetzung von Trump-Beamten einen Schlag zu versetzen. Das FBI wiederum, verkörpert durch Darrens engen Freund Greg, der vermutlich eine Beziehung zu Darrens Frau hat, will im Fall der Kindesentführung unbedingt ein Mitglied der schwarzen Gemeinde dingfest machen – im vorauseilenden Gehorsam und als Nachweis an die Trump-Beamten, dass man bei den Ermittlungen auf keinem Auge blind ist.
Das alles ist klug konstruiert und spannend aufgebaut bis zum überraschenden Ende. Ein erstklassig geschriebener Pageturner, der tief blicken lässt in den rassistischen Morast, in dem sich die Menschen in Trumps Amerika bewegen. Das Ende zumindest ist für den aus dem Gleichgewicht gebrachten Texas Ranger in einer Hinsicht versöhnlich. Wenn auch auf einer fragilen Ebene. Der Himmel, er muss warten.
Informationen zum Buch:
Attica Locke
Heaven, My Home
Aus dem Amerikanischen von Susanne Mende
Polar Verlag, 2020
ISBN 978-3-945133-91-0
Katherine Anne Porter: Das Narrenschiff
„Wenn nicht ein Wunder geschah, würden sie Deutschland nie wiedersehen. Mary und er mussten füreinander die Heimat sein, sie mussten, wohin sie auch gingen, ihr eigenes Klima mit sich tragen, mussten es Heimat nennen und versuchen, nicht an seinen wirklichen Namen – Verbannung – zu denken. In Gedanken sah er Mary am Klavier sitzen und spielen und singen, und er pfiff ihr Lied mit: „Kein Haus, keine Heimat …“
„Das Narrenschiff“: Durchaus ein großer Roman, dessen Schwächen jedoch in der Überzeichnung der Figuren und Gegensätze deutlich werden, dessen Stärke dagegen die präzise psychologische Wiedergabe komplizierter Liebes- und zwischenmenschlicher Beziehungen ist. Ein Schmöker mit Abstrichen.
1931 legt in Veracruz der Dampfer „Vera“ ab, Zielhafen ist Bremerhaven, wo die Passagiere wenige Wochen später von einer Blaskapelle, die „O Tannenbaum“ intoniert, empfangen werden. Eine Handvoll Menschen, miteinander konfrontiert auf engstem Raum, sich selbst und ihren Leidenschaften überlassen: das ist der Stoff, aus dem die großen Geschichten entstehen können.
Porter schrieb Jahrzehnte an dem Buch
Die amerikanische Autorin Katherine Anne Porter (1890 – 1980), die für ihr literarisches Debüt 1930 mit „Flowering Judas“, einem Band mit Erzählungen, gefeiert wurde, schrieb fast ein Drittel ihres Lebens an diesem Stoff: „Das Narrenschiff“ wurde auch für sie zur Lebensreise. Die als äußerst selbstkritisch bekannte Autorin, die sich mit journalistischen Arbeiten, Vorträgen und Lesereisen finanziell über Wasser hielt, feilte Wort für Wort an der Geschichte. Aber vor allem kam ihr beim Schreiben immer wieder eines in den Weg: Das Leben, die Liebe, beides turbulent und nicht allzu glückhaft.
Als der Roman 1962 endlich erschien, wurde er, vor allem in den USA, als Sensation gefeiert. Von der deutschen Literaturkritik jedoch hagelte es negative Urteile, das Buch wurde gar als „Dokument des Hasses“ bezeichnet – die Autorin hatte damit offenbar bei der Kriegs- und Nachkriegsgeneration eine offene Wunde getroffen.
50 Jahre später wirft Wolfgang Schneider in der „FAZ“ dazu ein:
„Aus heutiger Sicht gibt es eher ein ästhetisches Problem: Man ist allzu schnell fertig mit den sich selbst entlarvenden Nazi-Spießern. In Literatur und Film kommen nur noch kultivierte Nationalsozialisten in Frage: kalte, machtgestützte Charmeure, hochreflektierte Unmenschen, unbanale Böse – siehe Littell oder Tarantino.“
Als „politisches Mahnmal gegen Zivilisationsbrüche“, wie es auf dem Klappentext der Neuauflage zu lesen ist, taugt dieser Roman nur bedingt: Dafür bietet er zu viel Schwarz-Weiß-Zeichnung auf, zu viel Holzschnitt. Aber er vermag Empathie zu wecken: Für den „Underdog“ aus der Arbeiterklasse, der beim Versuch, einen Hund zu retten ertrinkt. Für den sanftmütigen Schiffsarzt, der all die Blessuren, physische wie psychische, seiner Passagiere zu lindern versucht, obwohl er selbst am Leben zweifelt und am Körper leidet. Und für jungen Wilhelm Freytag: Mit einer Jüdin verheiratet weiß er, dass er in Deutschland keine Heimat mehr haben wird. Zwischen anerzogenem Nationalstolz und Patriotismus und der Liebe zu seiner Frau zerrissen, schwankt er wie ein Schiffbrüchiger durch diese Geschichte. Doch auch an ihm zeichnet die Autorin mit ihrem realistischen, präzisen Blick für den Wankelmut der Menschen die Schattenseiten heraus, auch er ist kein ungebrochener Sympathieträger.
Von Spießern und Brandstiftern
Das ist das Interessante an diesem Werk: „Das Böse“, der deutsche Spießer und Brandstifter, er kommt oftmals allzu plakativ daher – den vielen weiteren Reisenden jedoch kriecht die Autorin förmlich ins Gehirn, seziert ihre Seele. Bei fast 30 Protagonisten, die alle episodenhaft auftreten und portraitiert werden, entfaltet sich hier die Fülle des Lebens. Und Lebenserfahrung, dies zeigt die Biographie von Katherine Anne Porter, hatte die Autorin genug. Selbst das „Narrenschiff“ – der Titel ist wie das Konzept der Seereise angelehnt an die 1494 erstmals gedruckte Satire von Sebastian Brant – findet bei Porter eine Entsprechung im „echten Leben“: Sie selbst reiste mit dem Schiff nach Deutschland, mit an Bord Hermann Göring, der ihr offenbar Avancen machte. Wer das „Narrenschiff“ aufmerksam liest, wird auch eine Figur finden, die an den Nationalsozialisten erinnert. Viel interessanter sind jedoch die Reisenden, deren Charakterisierung sich weniger an „Typen“, sondern mehr an Individuen orientiert. Individuen, die Porter, die zeitlebens das Leben einer Bohemienne führte, immer reisend, immer in die falschen Männer verliebt, durchaus gekannt haben mag: All ihre Menschenerfahrung ist in diesem Roman gebündelt.
Elke Schmitter, die auch für die aktuelle Manesse-Ausgabe das Nachwort beisteuerte, schrieb in einem Essay:
„Doch die Nöte der plumpen jungen Elsa Baumgarten, die triebhaften Verwirrungen des einsamen Wilhelm Freytag, die Kämpfe der stolzen Mrs. Treadwell, die Beziehungsdramen von Jenny und David, die selbstzufriedenen Phrasen des Professor Hutten und die Seekrankheit seiner Bulldoge – all diese Realitäten haben in Anne Katherine Porter eine faire Protokollantin gefunden. Mit gleichbleibenden Abstand, in unbestechlicher Ruhe zeichnet sie auf, woraus die Menschen gemacht sind. Das ganze krumme Holz. Mit jeder einzelnen Maserung.“
Informationen zum Buch:
Katherine Anne Porter
Das Narrenschiff
Übersetzt von Susanna Rademacher
Manesse Verlag, 2010
ISBN: 978-3-7175-2220-1
Lionel Shriver: Eine amerikanische Familie
Ihre Dystopie hat Lionel Shriver im Jahr 2029 angesiedelt – man darf gespannt sein. Denn ihr 2016 veröffentlichter Roman erzählt von einer Familie, die aus gutbürgerlichen Verhältnissen in die Armut abstürzt und ums Überleben kämpft. Eine verfehlte Finanzpolitik, ein bankrotter Staatshaushalt, der Dollar in der Krise – das alles wirkt sich auf die Mandibles wie auf den Rest der US-Bevölkerung dramatisch aus. Wie hochaktuell und politisch dieser düster-ironische Roman ist, zeigt sich in vielen Passagen – Shriver scheint die Politik von Donald Trump bei jeder Zeile schon vorausgeahnt zu haben.
Die Einführung einer neuen Weltwährung namens „Bancor“ treibt die USA beim Kampf um die globale Wirtschaftsvorherrschaft in die Isolation – um die eigene Währung zu stützen, darf kein Bürger das Land mit baren US-Dollar verlassen, Bancor darf nicht gehandelt werden und alle Goldreserven werden eingefroren. Man hofft, durch eine Blockade-Politik das Ausland in die Knie und den Bancor ins finanzpolitische Nirwana zu zwingen – eine Fehleinschätzung, wie Shriver in ihrer Dystopie nachvollzieht.
Vom Wohlstand in die Armut
Am Beispiel der vier Generationen umspannenden Familie Mandible zeigt Shriver, wie der Weg vom Wohlstand bei den Urgroßeltern, die zur intellektuellen Elite New Yorks gehörten, bis zur Sozialarbeiterin Florence und ihrer Familie, Vertreter der jüngsten Mandible-Generation, Schritt für Schritt in den Abgrund führt. Am Ende überleben sie nur, weil sie auf der Farm eines Bruders von Florence unterkommen, der zuvor wegen seiner Lebensweise und Ideen als das schwarze Schaf der Familie verspottet wurde und sich nun als Visionär erweist – wenn die globalen Systeme versagen, dann bleibt nur noch die Selbstversorgung übrig. Am besten gelingt es Willing, dem 13-jährigen Sohn von Florence, sich – auch gegen Moralkodex und gute Erziehung – an die Härten des Überlebenskampfes anzupassen. Die düstere Vision, die Shriver zeichnet, sie wird hier aufgelockert durch den ironischen Ton, durch die schlagfertigen Dialoge und die Alltagskomik, die das Familienleben der Mandibles auch im Niedergang prägen:
Als Florence den Einkauf aufs Kassenband legte, kam auch eine Packung Haferflocken zum Vorschein. „Willing! Du hast den Mann fälschlicherweise beschuldigt, die Haferflocken sind noch da!“
„Doch, er hatte sie geklaut. Ich hab ihn mit seiner Frau vor dem Müsliregal gefunden, und als sie sich nach den letzten Cocoa-Puffs ausstreckten, habe ich sie mir zurückgeholt.“
Florence schüttelte den Kopf. „Schatz, du magst doch Haferflocken nicht mal. Du musst lernen, loszulassen.“
„Hmm“, sagte Willing, „und du musst lernen, Sachen nicht loszulassen.“
„Ich weigere mich, wegen der äußeren Umstände zu einer kleinlichen, gierigen, kopflosen Kreatur zu werden.“
„Kleinliche, gierige, kopflose Kreaturen“, sagte Willing, „haben was auf dem Frühstückstisch.“
Bibliographische Angaben:
Lionel Shriver
Eine amerikanische Familie
Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
Piper Verlag, 2019
ISBN: 978-3-492-31400-8
Meg Wolitzer: Die Interessanten
Obwohl Meg Wolitzer bereits 1982 ihren ersten Roman veröffentlicht hatte, dauerte es, bis der Erfolg kam. Der Roman „Die Interessanten“ brachte 2013 den Durchbruch – ein seitenstarkes Epos, ganz in der Tradition der „Great American Novel“. Über 600 Seiten, drei Jahrzehnte reingepackt, sechs Einzelschicksale und nebenbei auch noch eine tour de force durch amerikanische Geschichte und Traumata: Nixon, Vietnam, Reagan, Aids, World Trade Center.
Mitte der 70erJahre treffen sich sechs Teenager in einem Sommercamp. Sie sind vielleicht eine Spur kreativer als die anderen, sie sind vielleicht ein wenig außergewöhnlicher, sie fühlen sich (was für Teenager nun allerdings eben durchaus gewöhnlich ist) anders als die anderen. Und taufen sich demnach „Die Interessanten“.
Der Kern der Clique bleibt ein Leben lang intensiv verbunden: Das kreative Powerpärchen Ash und Ethan. Jules, die Ethans` erste Liebe Dennis, der später depressiv erkrankt, heiratet. Die weiteren drei Interessanten sorgen zwar am Rande für Spannungen, vorübergehende Spaltungen und Dramatik, bleiben jedoch Randfiguren und allensfalls Auslöser für gruppendynamische Prozesse.
Meg Wolitzer ist, wie viele ihrer Generation, durch die Schule des „creative writing“ gegangen. „Die Interessanten“: das ist gut, das ist routiniert geschrieben. Und dennoch – durch die Fülle dessen, was in den Roman gepackt ist, besteht auch die Gefahr latenter Überforderung. Der depressiv erkrankte Ehemann, das autistische Kind, der aidserkrankte Geliebte – alles, was an neuzeitlichen „Geiseln“ die Menschen bedroht, wird in die Leben der drei Hauptprotagonisten hineingepackt. Dazu noch Drogensucht, Alkoholkrankheit, Flucht in die Arbeitswut und in wohltätige Aktivitäten, außerdem das Erbe, das die „Woodstock“-Generation mit ihren „Beatnik“-Eltern aufzuarbeiten hat, der Schock des 11. September. All dies, was diese Generation, die nach den 60ern kam, in den USA prägte, packt Wolitzer in das Schicksal ihrer Interessanten.
Interessant ist der Roman vor allem wegen seiner weiblichen Perspektive: Der große amerikanische Gesellschaftsroman, der Politik und Zeitgeschichte aus den Augen einer Frau beschreibt und in dem die Frauen sich zunehmend mehr und mehr aus überkommenen Rollen befreien.
Bibliographische Angaben:
Meg Wolitzer
Die Interessanten
Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
DuMont Verlag, 2014
ISBN 978-3-8321-9745-2
Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn
„Das war im Sommer, als die Lichter in New York ausgingen und Leute die Geschäfte am Broadway plünderten, dann in Cabrios mit offenem Verdeck durchs Viertel fuhren und Schuhschachteln, Fernsehapparate und verpfändete Pelzmäntel über ihre Köpfe hielten. Mein Bruder und ich beobachteten alles vom Fenster aus. Die Straßen, sagte mein Vater immer wieder, seien für jeden vernünftigen Menschen zu gefährlich. Wir zündeten Kerzen an und erhitzten auf dem Herd Spaghetti in Dosen. Die Sachen in unserem Kühlschrank wurden schlecht, während mein Vater die Läden im Viertel nach Eisbeuteln abklapperte. Biafra und Vietnam waren vielleicht schlimmer, als mein Bruder und ich es uns vorstellten, aber der Blackout kam uns vor wie der Weltuntergang.“
Eine Kindheit in den 1970er- und 80er-Jahren in New York: Während in Manhattan das Diskofieber grassiert und das „Studio 54“ zum legendären Ort wird, versinkt eine halbe Zugstunde entfernt ein anderer Stadtteil im Sumpf aus Armut, Drogen und Alkohol. Mit großen, kindlichen Augen beobachtet August das Geschehen auf der Straße. Kann zunächst nicht einordnen, was sie dort beobachtet:
„Von diesem Fenster aus sahen wir von Juli bis zum Ende des Sommers, wie Brooklyn sich jeden Morgen zu einem herzzerreißenden Rosa verfärbte und gegen Abend in einem fantastischen Graublau versank. Am Vormittag sahen wir die Umzugswagen parken. Weiße Leute, die wir nicht kannten, füllten die Wagen mit ihren Habseligkeiten, und am Abend schauten sie lange auf die Häuser, die sie verließen, dann stiegen sie in ihre Kombis und fuhren weg. Eine blasse Frau mit dunklem Haar legte die Hände vor ihr Gesicht, als sie mit zitternden Schultern auf den Beifahrersitz stieg.“
Während die einen feiern, kämpfen die anderen um ihre Existenz: Bushwick, das ehemalige Industrieviertel (das übrigens in unseren Tagen wieder ein Trendviertel ist, in dem die schwarze Bevölkerung allmählich wegen steigender Mietpreise verdrängt wird), wird zum Sammelbecken der Verlierer des amerikanischen Traums. Die Italiener, die Iren, die Osteuropäer ziehen weg, zurück bleiben die Schwarzen und Latinos.
Vom ländlichen Tennessee ins New Yorker Ghetto
Das Antlitz der Armut, die Fratze des Ausgegrenztseins, die ihnen hämisch entgegengrinsen, das ist August längst vertraut – auch im ländlichen Tennessee lebte ihre kleine Familie unter ärmlichen Umständen. Doch da waren die Liebkosungen der Mutter, der bewunderte Onkel – der sein Leben in Vietnam lassen muss -, das kleine Haus, die Natur, die Freiheit, der Fluss. Jener Fluss, in dem die Mutter schließlich ihr Ende sucht, ein Ende, das August lange nicht wahrnehmen will, nicht akzeptieren kann. Der Vater, ursprünglich aus Brooklyn stammend, bringt seine beiden Kinder dorthin zurück. Und versucht sie zunächst in der kleinen, ärmlichen Wohnung vor den Gefahren der Straße zu beschützen.
„Als wir ihn in diesem Sommer baten, uns tagsüber nach draußen zu lassen, schüttelte er den Kopf. Die Welt ist nicht so sicher, wie alle immer gern glauben, sagte er. Schaut nach Biafra, sagte er. Schaut nach Vietnam.“
Bushwick ist nicht Biafra, nicht Vietnam – doch nicht weit davon entfernt:
„Aber mein Bruder und ich waren nie hungrig, unsere Gesichter nie aschgrau, und wir waren immer den Wetter entsprechend angezogen. Wir hatten richtig arme Kinder gesehen, mit knochigen Knien und Füßen, zerlumpten Kleidern und Augen, die hungrig dem Mister-Softee-Eiswagen folgten, während wir mit unserem Vater hinter der Eingangspforte standen und an unseren Tüten schleckten. Wir hatten es besser. An den meisten Tagen hatten wir genug.“
Schritt für Schritt erobert sich August jedoch dieses unbekannte Terrain. Es ist das innige Band, das das Mädchen zu ihren Freundinnen Angela, Gigi und Sylvia entwickelt, das ihr Kraft und Lebensfreude gibt. Die Träume der anderen – Tänzerin, Schauspielerin, Anwältin zu werden – die sie anspornen. Die Hoffnung, dass eine von ihnen es „schaffen“ wird: Bushwick hinter sich zu lassen, Bushwick zu überstehen. Zu viert sind sie, so scheint es, unangreifbar, nicht antastbar für die Vergewaltiger, die in den Hausfluren lauern, für die Voyeure, die die Kinder begaffen und auch nicht für das Elend, das Drogen, Alkohol, Arbeitslosigkeit in die Familien bringen. Bis zu jenem Sommer, in dem die Träume und damit die Freundschaft zerbrechen…
Unter den Finalisten des National Book Award
Jacqueline Woodson erzählt diese Geschichte in kleinen, oftmals melancholisch-poetischen Sentenzen. Ein schmales, aber wuchtiges Buch: Die Bilder eindringlich, nachgehend. Man merkt dieser Erzählung, die unter den Finalisten zum National Book Award war, auf positive Art und Weise an, dass ihre Schöpferin eine mehrfach preisgekrönte Jugendbuchautorin ist, so eindrücklich weiß sich Jacqueline Woodson in die Psyche eines 15jährigen Mädchens zu versetzen:
„Wenn du fünfzehn bist, überwiegt der Schmerz den Verstand und trifft mitten ins Mark.“
„Wenn du fünfzehn bist, kannst du dir nicht mehr vormachen, dass alles wieder so wird, wie es früher war. Deine älter werdenden Augen erzählen eine andere, wahrere Geschichte.“
Der Brutalität der Straße, der Grausamkeit des Lebens, dem setzt Woodson in diesem Roman beinahe lyrische, zarte Bilder entgegen, die vom Wert der Freundschaft und den Schmerzen des Erwachsenwerdens erzählen. Kurze, knappe Sentenzen, die sich zu einem dunklen Mosaik zusammenfügen – den am Ende zeichnen diese intensiven Sätze auch ein klares, brutales Bild vom Alltag der schwarzen Bevölkerung, von den Folgen des Rassismus in den USA.
Vergleich mit Toni Morrison und Betty Smith
Dieses Zusammentreffen von lyrischer Begabung und einem klaren Blick auf die Welt steht in einer großen literarischen Tradition. Die „Time“ zog in ihrer Besprechung nicht ohne Grund diesen Vergleich:
„Woodsons schonungslose Geschichte, wie aus einem Mädchen eine Frau wird, erinnert an die Meister des Genres: Betty Smiths „Ein Baum wächst in Brooklyn“, Toni Morrisons „Sehr blaue Augen“ und vor allem, mit seiner dunkel-poetischen Sprache, an Sandra Cisneros „Das Haus in der Mango Street.“
Drei Romane, die großartig sind – und nun mit „Ein anderes Brooklyn“ ein empfehlenswertes Quartett bilden.
Bibliographische Angaben:
Jacqueline Woodson
Ein anderes Brooklyn
Übersetzt von Brigitte Jakobeit
Piper Verlag, 2018
ISBN: 978-3-492-23204-3
