„Ich habe vor Jahren schon gesagt, dass Truman in unserer Generation derjenige mit dem besten Stilgefühl war. Er hatte ein wunderbares Ohr für Poesie. Aber er hatte nicht sonderlich viel Verstand. Ich weiß nicht, ob er sich jemals auch nur eine Minute lang mit einer größeren Idee beschäftigt hat. Er schrieb zwar sehr poetisch, aber er dachte nicht so.“
Norman Mailer über Truman Capote
in: „Truman Capotes turbulentes Leben“ von George Plimpton
Die Zeit wird es zeigen, wessen Werke vor der Nachwelt Bestand haben werden – von Norman Mailer, der 2007 starb, vielleicht „Die Nackten und die Toten“? Harsch urteilte Mailer über „Frühstück bei Tiffany“:
„Frühstück bei Tiffany ist eigentlich ein ziemlich unbedeutendes Buch, aus marxistischer Sicht ist es reine Schaumschlägerei.“
Zumindest, so gestand er ein, habe es eine bestimmte New Yorker Epoche eingefangen und dahingehend sei Capote mit F. Scott Fitzgerald verleichbar.
Doch während man von Mailer heute kaum mehr spricht, ist Capote immer noch präsent, nicht nur als schillernde Figur der New Yorker Literaturszene, sondern vor allem wegen seiner Werke: Das leichtfüßige, tänzerische, bittersüße „Frühstück bei Tiffany“. Das nüchtern, kalte, halbdokumentarische „Kaltblütig“. Und dann auch die Erzählungen…

Wer Capotes Werke schätzt, der wird vor allem seine frühen Bücher immer wieder gerne zur Hand nehmen – nicht nur die Geschichte von Holly Golightly, die das Lebensgefühl des „Swinging New York“ festhält. Sondern auch die posthum veröffentlichten „Sommerdiebe“, sowie die beiden Romane um eine Südstaaten-Kindheit und Jugend, „Die Grasharfe“ sowie „Andere Stimmen, andere Räume“.
Traumvolle Sätze voller trauriger Poesie:
„In jener Nacht war der Schlaf wie ein Feind; Träume, ein geflügelter Rachefisch, schwammen herauf und herunter, bis das Licht des anbrechenden Tages seine Augen öffnete.“
Aus: „Andere Stimmen, andere Räume“, 1948
Immer schwingen in der flirrenden Südstaatenhitze dieser ersten Romane auch die Schatten mit. Ganz licht ist es nie in der Welt des Truman Capote. Auch nicht in seinem Hafen, dem quirligen, lebendigen New York. Auch Holly hat ihre dunkle Seite, das „rote Elend“:
„Nein“, sagte sie langsam. „Nein, das graue Elend ist, weil man zu dick wird oder es zu lange regnet. Man ist traurig, das ist alles. Aber das fiese rote ist schrecklich. Man fürchtet sich, und man schwitzt wie ein Schwein, aber man weiß nicht, wovor man sich fürchtet. Bloß, dass etwas Schlimmes passieren wird, aber man weiß nicht was. Hast du das Gefühl schon mal gehabt?“
„Ziemlich oft. Manche nennen es Angst.“
Aus: „Frühstück bei Tiffany“, 1958
Leichte Erzählungen (hinter denen dennoch harte Arbeit steckte), frühe Kurzromane, Biographisches, journalistische Arbeiten – sie erscheinen Capote selbst wie Übungen auf der Suche nach dem Roman, dem Format. Bei der Zeitungslektüre glaubt er, seinen Stoff gefunden zu haben: Zwei Kleingangster, Herumtreiber, Haltlose, überfallen im ländlichen Kansas eine Farmerfamilie, die sie scheinbar kaltblütig ermorden. Capote fährt mit seiner Jugendfreundin Harper Lee („Wer die Nachtigall stört“) in das Städtchen Holcomb und beginnt mit einer Recherche, die sechs Jahre währen wird. Die den Autoren selbst mitten ins Herz der Finsternis führt, die Capote an Grenzen bringt, an denen er letztlich zerbrechen wird. Aber 1965 wird es veröffentlicht: Das Buch, sein großes Buch, das Höhe- und Wendepunkt seines Lebens ist.
Mit „Kaltblütig“ schuf Capote das Format des Dokumentarromans, der ein reales Geschehen in eine packende Erzählung einbettet, wiedergegeben in einem sachlichen, spannenden und präzisen Ton. „In Cold Blood“ gilt gemeinhin als Ausgangspunkt eines „New Journalism“, dem auch Norman Mailer, Hunter S. Thompson, ebenso aber auch George Plimpton, dessen Capote-Buch auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, zugerechnet werden. Polizeireportage, Psychogramm zweier Mörder, Abbild einer Gemeinschaft, die durch eine sinnlose Gewalttat in ihren Grundfesten erschüttert wird – all dies ist „Kaltblütig“.
Ein Film über die Entstehung eines Buches – mit Philip Seymour Hoffman
Sehenswert ist dazu nicht nur die Verfilmung des Romans durch Richard Brooks, die bereits 1967 in die Kinos kam, sondern vor allem der 2005 erschienene Film „Capote“ mit dem- ähnlich wie Capote – an Drogen und Alkohol zerbrochenen Philip Seymour Hoffman. Der Fokus des Films liegt auf der engen Verbindung, die sich zwischen Capote und den beiden Tätern, insbesondere zu Perry Smith, entwickelt. Eine Verbindung, die zum psychischen Absturz Capotes beitragen sollte. Denn die Tragik seines Buches liegt nicht nur in dem unbegreiflichen Geschehen, das es so nüchtern-sachlich schildert. Sondern auch in der Tatsache begründet, dass die beiden Mörder selbst sterben mussten, damit das Buch erscheinen konnte: Erst nach Vollstreckung des Todesurteils kam „Kaltblütig“ heraus.
„Wir fuhren nach Eugene, Oregon, und hielten an, um uns die Redwood-Bäume anzusehen. Truman blieb im Auto, und ich wollte durch den Wald hindurch zum Meer gehen. Es war ein Jahr, nachdem Perry und Dick hingerichtet worden waren. Da hörte ich einen schrillen Schrei: „Komm zurück! Komm zurück! Perry und Dick sind hier!“ Das war kein Witz. Sein Schrei hatte eine schreckliche, durchdringende Intensität. Er hatte einfach Angst bekommen.“
Piedy Lumet über Truman Capote
Von den Ereignissen erschüttert, lässt sich der Schriftsteller dennoch auf der Höhe seines Ruhms feiern. Legendär noch Jahrzehnte danach der „Black and White Ball“ im New Yorker Plaza Hotel, bei dem sich auf seine Einladung hin die „Oberen Zehntausend“ einfanden. Capote wird zum Schoßhündchen der Schickeria. Die Schattenseite: Sein Alkoholismus, die zunehmende Abhängigkeit von Drogen und Medikamenten. Und vor allem auch: Die Angst vor dem nächsten Buch, die Angst vor dem Scheitern.
Unerhörte Gebete
Nach „Kaltblütig“ erscheinen nur noch einzelne Erzählungen und journalistische Arbeiten. Zwar hatte Capote bereits 1966 einen Vertrag bei Random House über einen neuen Roman abgeschlossen, doch der Abgabetermin, zunächst 1968, wurde immer wieder geändert. Capote kündigte dennoch immer wieder – etwas großsprecherisch – an, er schriebe an nichts weniger als einem zeitgenössischen Pendant zu Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Es entstehe ein Abbild der Gesellschaft der Schönen und Reichen, erneut ein literarisch aufgearbeiteter Tatsachenroman – doch was noch zu Capotes Lebzeiten als Vorabdruck im „Esquire“ erschien, war weit von Proust entfernt. Und löste einen Tumult aus: Ausgerechnet jene, von denen Capote sich jahrelang verhätscheln ließ, mit denen er vermeintlich freundschaftlich verkehrte, lieferte er, mit schlecht verschleierten Pseudonymen, dem Klatsch aus, plauderte aus dem Nähkästchen.
Der Titel des Projektes, das dann posthum als Buch erschien, lässt tief blicken. Truman Capote in seinem Vorwort zu Musik für Chamäleons:
„Das Buch sollte Erhörte Gebete heißen, der Titel ging auf Teresa von Ávila zurück, die einmal geschrieben hatte: Es werden mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen als über nicht erhörte.“
Capotes Gebete waren erhört worden: Der homosexuelle Südstaaten-Junge hatte es geschafft, als Schriftsteller den Zenit erklommen, zur Ikone der Schwulenszene geworden, der seine Homosexualität offen leben konnte, er war eine Person des öffentlichen Lebens, die Ruhm und relativen Wohlstand genoss, er verkehrte mit den Schönen und den Reichen – und blieb dennoch zutiefst unglücklich. Es scheint, als habe er mit diesem, dem unvollendeten Roman seine Gebete zurücknehmen wollen.
Nach den zahlreichen Indiskretionen im „Esquire“ kehrte ihm jahrelange Weggefährten den Rücken, vereinsamte Capote mehr und mehr. T.C. könnte heuer am 30. September seinen 90. Geburtstag feiern – gestorben ist er vor 30 Jahren, am 25. August 1984 im Haus einer der wenigen ihm verbliebenen Freundinnen in Los Angeles.
Joseph M. Fox, sein amerikanischer Herausgeber, im Nachwort zu Erhörte Gebete (Kein & Aber Verlag):
„Der letzte Grund für den Verfall unserer Beziehung war Trumans zunehmende Abhängigkeit von Alkohol und Drogen ab 1977. Ich habe inzwischen eingesehen, dass ich für sein Elend längst nicht genug Mitgefühl aufbrachte, vielmehr wurmte es mich, wie er sein Talent vergeudete, wie er sich selbst betrog, mich nervten seine endlosen Faseleien, sein Lallen am Telefon nachts um eins – und vor allem grämte mich der Verlust eines langjährigen wunderbaren, geistreichen und herrlich boshaften Freundes, was mich in meiner Selbstsucht mehr dauerte als seine wachsende Not.“
Truman Capotes turbulentes Leben von George Plimpton
Wie ein „Who`s who“ der amerikanischen High Society liest sich der Überblick der Zeitzeugen und Wegbegleiter die der Journalist George Plimpton in seinem Buch zu Wort kommen lässt. „Truman Capotes turbulentes Leben“ erschien im Original bereits 1997, in deutscher Übersetzung bei Rogner & Bernhard (inzwischen bei Kein & Aber). Plimpton, Gründer und Herausgeber der Literatur- und Politikzeitschrift Partisan Review, zeichnet das Leben Capotes mit „anderen Stimmen“ nach: Statt einer Beschreibung und Interpretation der Biographie besteht das Buch aus einer Montage zahlreicher Interviews und Aussagen von „Freunden, Feinden, Bewunderern und Konkurrenten“ (Untertitel). Mosaikstein für Mosaikstein zeigen sich die vielen Facetten dieser vielschichtigen Persönlichkeit. Das Buch: Für Capote-Kenner eine willkommene Ergänzung, für interessierte Leser ein Einstieg in das Werk, der neugierig macht und dabei auch jede Menge unterhaltsamen Klatsch und Tratsch beinhaltet.
George Plimpton
Truman Capotes turbulentes Leben
Übersetzt von Yasmin von Rauch
Kein & Aber, 2014
ISBN: 978-3-95403-066-8
