EBERHARD HILSCHER: »Rendezvous der Träumer, Narren und Verliebten«

Ein falsch programmierter Rezensionsautomat zeigt die Grenzen künstlicher Intelligenz auf, ein Schauspieler wird im Traum – ähnlich wie Benjamin Button – immer jünger, ein Diktator fürchtet seinen Doppelgänger und ein Schriftsteller lässt sich in einen Gefrierschlaf versetzen: Wer heute die Erzählungen von Eberhard Hilscher (1927 – 2005) liest, ist verblüfft angesichts ihrer Aktualität, aber auch aufgrund ihres subversiven Humors. Freilich blieben sie in der DDR, wo Eberhard Hilscher als Schriftsteller und Literaturwissenschaftler wirkte, größtenteils unveröffentlicht.

Die zwischen 1961 und 1993 entstandenen Erzählungen finden sich unter dem vielsagenden Titel »Rendezvous der Träumer, Narren und Verliebten« in Hilschers Nachlass-Konvolut in der Handschriften-Abteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Die 15 markantesten Texte zu den Themenbereichen Traum, Phantastik und Science-Fiction werden nun erstmals in diesem Band des Flur Verlags (Heidelberg) präsentiert. Herausgeber ist der Eberhard Hilscher-Experte Volker Oesterreich, Kulturjournalist und Literaturwissenschaftler, der seit 2001 das Feuilleton der Rhein-Neckar-Zeitung leitet.

In seinem kenntnisreichen Nachwort macht Oesterreich deutlich, warum Eberhard Hilscher ein literarisches Ausnahmetalent war, dessen Werk von kompositorischen Freiheiten, Sprachwitz und ästhetischem Anspruch geprägt war. Lieber ein Denkersatz als ein Denk-Ersatz: Diese Begriffe aus Eberhard Hilschers Erzählung »Superstar oder Anleitung zum Schreiben eines Reißers« stehen programmatisch für das Werk des Schriftstellers.

Cover des Erzählbandes von Eberhard Hilscher Flur Verlag

Die nun erstmals veröffentlichten Erzählungen schließen eine Lücke in Eberhard Hilschers Gesamtwerk, der zu Lebzeiten hohe Auflagen mit seinen Monografien über Thomas Mann, Arnold Zweig und Gerhart Hauptmann erzielte. Literarische Beachtung fand er mit ersten Novellen und Kurzgeschichten. Sein bekanntestes Werk, der Roman »Die Weltzeituhr«, konnte 1987 zunächst nur in einer zensierten Fassung erscheinen, schildert Hilscher darin doch die Entwicklung der DDR zu einem diktatorischen Staat.

Wie »Die Weltzeituhr« sind auch die Erzählungen Hilschers von einem sowohl schelmischen Widerstand gegen die Verhältnisse als auch von einem philosophischen Blick auf die Welt durchdrungen. Eine humorvolle Mischung aus Realem, Utopischem und Phantastischem, darunter gleichermaßen Satiren auf die DDR und die Bundesrepublik sowie auf den Literaturbetrieb.


Zum Autor

Eberhard Hilscher (1927 – 2005) wurde in Schwiebus (heute polnisch Świebodzin) geboren. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin Literaturwissenschaft und lebte in der DDR als freischaffender Schriftsteller. Neben Monografien über Gerhart Hauptmann oder Thomas Mann verfasste er Novellen, Essays, Lyrik und Romane, darunter sein Hauptwerk »Die Weltzeituhr« (1983, unzensiert 2017).
In der DDR hatte Hilscher eine Außenseiterposition inne. Erst nach der Wende wurde er mit der Schiller-Ehrengabe in Weimar ausgezeichnet.
Bild: Um 1980, Privatarchiv Ute Hilscher

Bibliographische Angaben

Eberhard Hilscher
Rendezvous der Träumer, Narren und Verliebten
herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Volker Oesterreich
Flur Verlag, Heidelberg, 2025
Festband mit Schutzumschlag
Preis: 24,00 (D), 24,70 (A)
ISBN: 978-3-98965-102-9

Rezensionen

„Es lohnt, sich auf den imposanten Bildungshintergrund einzulassen, mit dem der Autor nie selbstgefällig hausieren geht. Ironie, auch die eigene Person betreffend, und jede Menge Sprachwitz sorgen für geistige Durchlüftung. Und die wortwörtlich traumwandlerische Mischung aus Realem, Utopischem und Fantastischem.“ – Uwe Sauerwein, Berliner Morgenpost

„Hilscher zündet in den vorliegenden rund 250 Seiten ein literarisches Feuerwerk vom Feinsten. Jede Geschichte weist je eigene Schönheiten auf; jede Geschichte kennt ihre eigenen Quirks, hat ihre eigenen Pointen. Hilscher verdiente es, (wieder) bekannt zu werden. Vorliegende Auswahl ist sicherlich ein guter Einstieg in seinen Kosmos.“ – Paul Hübscher, litteratur.ch

„Das Verdienst kann nicht hoch genug gelobt werden, einen Schriftsteller vor dem Vergessen zu bewahren, der nicht zur ersten Reihe der DDR-Autoren zählt. Und wenn das durch einen jungen westdeutschen Verlag geschieht, ist das umso schöner und zugleich der Beweis dafür, dass 35 Jahre nach der Wiedervereinigung das oft vermisste Interesse aneinander doch existiert.“ – Welf Grombacher, Märkische Allgemeine Zeitung/Rhein-Neckar-Zeitung, u.a.

„Hilschers Geschichten sind zeitlos. Auch all jene, die vor 1990 entstanden. Weil auch sie die Enge im Denken und Handeln der Menschen zum Thema machen. Das Kleinliche im gepriesenen Land der Dichter und Denker, die sich immer mehr dünkten, als sie wirklich waren.“ – Ralf Juhlke, Leipziger Zeitung

„Die vorliegende Ausgabe ist angetan, ihm die Anerkennung zukommen zu lassen, die er als ein Schriftsteller verdient, der seine Zeit scharfsinnig-surreal beschrieben hat.“ – Michael Braun, Borromäusverein

„Der geschmackvoll gestaltete Band ist hervorragend geeignet, Eberhard Hilscher wiederzuentdecken – oder auch, was wahrscheinlicher ist, erst noch kennen- und schätzen zu lernen. Denn auch thematisch und formal lässt sich an diesen Erzählungen ein repräsentativer Überblick zu Hilschers Gesamtwerk gewinnen.“ – Thomas Groß, Mannheimer Morgen

„(…) Die meisten Texte strahlen eine Heiterkeit oder zumindest eine gutgelaunte Gelassenheit aus.“ – Martin Lowsky, literaturkritik.de

„Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen, wie utopisch, verspielt und hellsichtig Prosa aus der DDR sein konnte, wenn sie sich weder den Dogmen des Ostens noch den Marktgesetzen des Westens beugte.“ – Lesen mit Carola

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