Spitzzüngig und ironisch nahm sie immer wieder die „Upper Class“ aufs Korn, obwohl sie selbst aus diesen Kreisen stammte: Edith Wharton (1862 – 1937) schonte in ihren Romanen die sogenannte Elite nicht. Für „Preis der Unschuld“ (1921) erhielt sie als erste Frau den Pulitzer-Preis, zudem war sie mehrmals für den Literaturnobelpreis im Gespräch.
Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie auf Reisen und lebte in Europa, so wie ihr enger Freund Henry James. Ihr Werk war nach ihrem Tod lange Jahre kaum mehr im Gespräch bis 1993 Martin Scorcese eine Verfilmung von „Zeit der Unschuld“ auf die Leinwand brachte. Ihre Romane, die die engen Normen der Reichen und Neureichen, deren Geltungs- und Verschwendungssucht thematisierten, erscheinen heute wieder geradezu modern. Nicht verschwiegen darf aber auch der latente Antisemitismus, der an manchen Stellen durchklingt.
Inhaltsverzeichnis:

„Dexter war in die Kanzlei aufgebrochen, ohne noch einmal nach ihr zu sehen; so wie am Abend zuvor die Fahrt hin zu den Toys und zurück verlaufen war, hatte sie fast damit gerechnet. Wenn er einen seiner Anfälle verkniffenen Schweigens hatte – und die wurden immer häufiger, wie sie bemerken musste -, war es zwecklos, sich einzumischen. Nachklänge aus Freuds Lehren, vielleicht etwas verworren ausgelegt, hatten ihren Glauben an die Heilsamkeit eines klärenden Gesprächs gefestigt, und sie hätte Dexter diese Medizin gerne aufs Dringendste empfohlen, aber beim letzten Mal hatte er sie mit der verletzenden Antwort abgefertigt, ein Abführmittel sei ihm lieber.“
Dämmerschlaf (1927)
Nun, Pauline Manford hat Mittel (auch in finanzieller Hinsicht) und Wege genug, um dieses Problem der fehlenden kommunikativen Achtsamkeit zu lösen. Die Erzählung einer Familie der New Yorker „Oberen Zehntausend“ liest sich so frisch, als spielte er in der Jetztzeit. Schon in den „Goldenen Zwanzigern“ gab es offenbar das Fieber der Selbstoptimierung. Die Suche nach dem mentalen Führer. Pauline, die Matriarchin, befindet sich im Grunde in einem stressigen Hamsterrad – um den gesellschaftlichen Platz zu erhalten, müssen innerfamiliäre Probleme genaus übertüncht werden wie die ersten Sorgenfalten.
Satire auf die Upper Class
„Dämmerschlaf ist eine Satire auf die besseren Kreise New Yorks. Schmerzfrei durchs Leben zu kommen, dabei stetig nach vorn zu schauen und an der Optimierung der eigenen Person, vor allem des eigenen Körpers zu arbeiten, damit weder große Gefühle noch Krankheit und Tod einem die Laune verderben – das sind die Themen dieses Romans“, schreibt Verena Lueken in ihrem Nachwort zu diesem Roman, der 1927 erschien und vom Manesse Verlag in neuer Übersetzung (hervorragend: Verena Ott) herausgegeben wurde.
Das Buch war für die durchaus erfolgsverwöhnte Schriftstellerin Edith Wharton kein verkaufsträchtiger Meilenstein . Dass sie in „Dämmerschlaf“ ein Milieu der Gegenwart erheiternd und bitterböse beschrieb, nahm dieses Milieu ihr übel.
Pseudo-Psychologie und Positives Denken
Letztendlich nützt das scheinbar beste Korsett aus Psychogeschwafel, Positivem Denken und einem wohlgefüllten Terminkalender, der zum Nachdenken keine Pause lässt, jedoch nichts, wenn das Leben zuschlägt – dies in Form der kleinen, amoralischen Lita, der „femme fatale“ des Romans, die das Lügengebäude mit zarter Hand zertrümmert.
Das Leben gescheitert, die Liebe gescheitert: Emotional und moralisch sind am Ende alle bankrott so wie zuvor. Und es bleiben nur die letzten, alten Ängste.
„Tiefer als all ihre eklektische Religiosität, tiefer als ihr Stolz auf den Empfang des Kardinals, tiefer als die vielen vordergründigen Widersprüche und Verrenkungen eines schon ganz ausgeleierten Gewissens, saß die nackte, altbekannte puritanische Angst vor dahingleitenden Priestern und Weihrauch und Götzendienerei, und Nona sah mit leichtem Lächeln, wie sie sich an die Oberfläche des Gesichts ihrer Mutter stahl. Vielleicht war diese nackte Angst der einzige ursprüngliche Charakterzug, der ihr noch geblieben war.“
Informationen zum Buch:
Edith Wharton
Dämmerschlaf
Übersetzt von Andrea Ott
Manesse Verlag, 2013
ISBN: 978-3-641-11374-2
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In Marokko (1920)
„Aus diesem friedlichen Eckchen geht man weiter in die barbarische Pracht eines Souks, in dem zahllose fiedrige Bündel unverzwirnter Seide hängen, Stränge in Zitronengelb, Karmesinrot, Grashüpfergrün und reinem Purpur. Dies ist das Viertel der Seidenspinner, das sich direkt an das der Färber anschließt, mit großen, brodelnden Kesseln, in die die Rohseide getaucht wird, mit gespannten Seilen, über denen die Regenbogenpracht zum Trocknen hängt.“
1917 erhält die amerikanische Schriftstellerin Edith Wharton, die zu dieser Zeit schon überwiegend in Paris lebt, die Einladung zu einer außergewöhnlichen Reise: Louis-Hubert Lyautey, der französische Generalresident in Marokko, ermöglicht es ihr, das Land der Berber zu erkunden. Unter Schutz des französischen Militärs reist Wharton sechs Wochen lang „Vom Hohen Atlas nach Fès – durch Wüsten, Harems und Paläste“ (so der Untertitel des Buches). Marokko, das Tor zu Afrika, war bis dahin kaum von Privatreisenden besucht worden, Wharton gelangte an Orte, die Fremden – geschweige denn Frauen – bis dahin verschlossen geblieben waren. Ebba D. Drolshagen, die den Reisebericht ins Deutsche übersetzt hat, schreibt in ihrem informativen Vorwort:
„Unter dem privilegierten Schutz und in Begleitung der französischen Machthaber schlenderte Wharton nicht nur unbehelligt durch Basare und besichtigte Ausgrabungsstätten, sondern erlebte in dieser kurzen Zeit eine erstaunliche Vielfalt spektakulärer, exotischer, im Westen kaum erahnter Dinge: Sie wohnte dem Hammelopfer des Sultans und den religiösen Zeremonien in der heiligen Stadt Moulay Idris bei, schauten den tanzenden Knaben der Chleuhs zu, besuchte ein jüdisches Ghetto, sah als einer der ersten Menschen überhaupt die 1917 wiederentdeckten Saadier-Gräber, und war – last but not least – Gast in den Privaträumen großer Paläste und den Harems der Mächtigen.“
Wharton betritt unberührtes Terrain
Im straffen Reiseplan sind unter anderem Rabat, Salé, Fès und Marrakesch enthalten. Wharton, die sich schon zuvor als Reiseschriftstellerin betätigt hatte, hatte sich mit den spärlichen und überwiegend französischen Quellen – unter anderem mit Bulletins französischer Archäologen – auf ihr Abenteuer vorbereitet. Präpariert mit fachlichen Kenntnissen und ausgestattet mit der Neugier einer Schriftstellerin verfasst Wharton (die drei Jahre später für „Zeit der Unschuld“ als erste Frau mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet werden sollte) zugleich kenntnisreiche und genaue, ebenso aber sehr sinnliche Texte über diese „terra incognita“, die Marokko für sie und ihre Leser 1917 immer noch ist. Sie schreibt zudem in dem Bewusstsein, dass sie unberührtes Terrain betritt, das, wenn erst „die Springflut der Touristen“ folgt, einen Teil seines Zaubers verlieren wird.
„Die Kadis in vielschichtigen Baumwollgewändern, die uns an geheimen Pforten erwarteten und durch Bögen und Gänge zu den unvorhersehbaren Wundern von Gärten und Brunnen führten; die schwarzen Frauen mit bunten Ohrringen, die von bemalten Balkonen hinab spähten, die Pilger und Kreaturen, die an heißen Mauern in der Sonne dösten, die menschenleeren Hallen mit Stuckarbeiten und goldenen Pendentifs in gekachelten Nischen; die venezianischen Kronleuchter und protzigen Rokokobetten, die Terrassen, von denen Tauben in weißen Wolken aufstieben, während wir über einen Teppich aus ihren Federn gingen – waren das Geister vergangener Zeiten oder war das wirklich der Ort, an dem ein reicher Kaufmann mit Geschäftsbeziehungen in Liverpool und Lyon lebte, ein Regierungsbeamter, der in diesem Moment in seinem Auto mit sechzig Sachen nach Meknes oder Casablanca raste?“
A propos unberührtes Terrain: Das Maghrebland war schon seit Jahrzehnten zum Zankapfel europäischer Mächte mit ihren kolonialistischen Begierden geworden, 1912 wurde Marokko in ein französisches und ein spanisches Protektorat aufgeteilt, die Deutschen – Wilhelm II. hatte mit einem Besuch beim Sultan 1905 eine Marokko-Krise ausgelöst – hatten das Nachsehen. Wharton reist 1917, im vorletzten Kriegsjahr, also in ein fremdbesetztes Land.
Der westliche Blick auf „das Fremde“
Doch die Amerikanerin, die 1916 zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen worden war, macht aus ihrem Standpunkt kein Geheimnis: Das Buch, das General Lyautey und dessen Frau gewidmet ist, eröffnet einen Blick auf das Land durch die Augen einer Frau, die mit der scheinbaren Überlegenheit europäischer Zivilisation auf „das Fremde“ blickt: Mal wird die Kultur und Gesellschaft Marokkos als „überreif“ charakterisiert, mal als „unreif“ bezeichnet, durchweg wird der Umgang der Marokkaner mit den Zeugnissen ihrer Kultur und Geschichte kritisiert, wird der wohltuende Einfluss der Franzosen hervorgehoben. So waren die Reiseberichte, die zunächst in einer amerikanischen Zeitschrift und dann 1920 als Buch erschienen, wohl auch eine gelungene Propaganda für die französische Regierung.
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Mark Twain und seine „Arglosen im Ausland“ waren der Start für eine besondere Art amerikanischer Reiseliteratur. Oft ein Mix aus Neugierde & Sarkasmus.
Eine geeignete kunsthistorische Quelle
Trotz dieses Vorbehalts lohnt die Lektüre von „In Marokko“ auch heute noch. Als kunsthistorische Reisebegleitung wäre das Buch Whartons auch heute noch eine gute Empfehlung, zumal sie den Reisebeschreibungen auch Abrisse über die marokkanische Geschichte und Architektur beigefügt hat. Wer einmal die Koutoubia-Moschee in Marrakesch, die Qarawīyīn-Moschee in Fès oder den Bahia-Palast gesehen hat, der wird seine Freude daran haben, mit den Augen Whartons auf diese Denkmale der Architektur zu blicken, unbehelligt von Touristenmassen und einheimischen Händlern. In Marrakesch ist Edith Wharton im Bahia-Palast untergebracht:
„Aus weiter Ferne, durch gewundene Korridore, wehte der Duft von Zitronenblüte und Jasmin, vor Tagesanbruch manchmal begleitet vom Zwitschern eines Vogels, bei Sonnenuntergang von der Klage einer Flöte, des Abends immer mit dem Ruf des Muezzins (…). Manchmal, wenn ich auf meinem Diwan lag und durch die zinnoberroten Türen hinausblickte, überraschte ich ein Schwalbenpaar, das aus seinem Nest in den Zedernholzbalken herabkam, um sich am Brunnenrand oder in den Wasserrinnen im Fußboden zu putzen (…).“
Wem dies zu sehr nach romantisierter „TausendundeinerNacht“ klingt – dass sie sich als Frau in einer privilegierten Situation befindet, dessen ist sich Edith Wharton während ihrer Reise durchaus bewusst, kritisch blickt sie – obwohl sonst selbst keinen Hehl aus ihrem Antisemitismus machend – auf die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung, auf den Umgang mit Sklaven und die Situation der Frauen, die sie in den Harems und Haushalten der Marokkaner kennenlernt. Bei einem Besuch fällt ihr ein Kind auf, ein Sklavenmädchen, gekleidet in Fetzen, das stillschweigend jeden Befehl seines Herrn ausführt. Ebba D. Drolshagen schreibt:

Dieses Kind wurde zum Anlass für ihr schärfstes Urteil über Marokko: „Hinter dem traurigen Mädchen, das an dem Torbogen lehnte, stand das ganze düstere Elend eines Gesellschaftssystems, das dem Islam wie ein Mühlstein am Halse hängt.“
Informationen zum Buch und zur Reihe:
Reiselustigen Lesenden sei die „Edition Erdmann“ im Verlagshaus Römerweg ans Herz gelegt – neben bekannten Klassikern der Reiseliteratur von Humboldt, Darwin und Forster erschienen in dieser Reihe bislang auch etliche Reisebücher von wagemutigen Frauen, die oftmals, ähnlich wie Edith Wharton als Pionierinnen in bis dahin verschlossenen oder gar unbekannten Weltgegenden unterwegs waren.
Edith Wharton
In Marokko
Übersetzt von Ebba D. Drolshagen
Edition Erdmann, 2019
