Sylvia Plath – Schreiben unter der Glasglocke

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Zur Tragik des Lebens von Sylvia Plath (1932 – 1963) gehört auch, dass ihr schmales hinterlassenes Werk – darunter der Lyrikband «Ariel» sowie ihr einziger Roman, «Die Glasglocke» – vor allem in Bezug auf ihre Biographie gelesen wird. Die komplizierte Beziehung zu ihrem Ehemann Ted Hughes, mit dem sie zwei Kinder hatte und ihr Suizid haben lange Zeit den Zugang zu ihren Büchern geprägt, eine gewisse Art literarischer «Voyeurismus» den Blick auf ihr sprachliches Können verstellt. Sowohl ihre Gedichte als auch ihr Roman weisen jedoch weit über das Schicksal ihrer Verfasserin hinaus.


Es ist der Sommer 1953, als Ethel und Julius Rosenberg wegen Spionage in Sing-Sing hingerichtet werden. Es ist die düstere Zeit der McCarthy-Ära: Eine Zeit, in der die Wirtschaft florierte, die Erfüllung des «American Dream» greifbar nah, zugleich aber auch geprägt war von einer paranoiden Angst vor der «roten Gefahr», von Rassismus und absoluter Prüderie.

Esther Greenwood jedoch scheint es geschafft zu haben: Raus aus dem Milieu der Vorstadt, raus aus der Enge (das Schlafzimmer im Bostoner Eigenheim muss sie sich mit der Mutter teilen), weg von der Kontrolle durch Nachbarinnen und dem Tratsch der Freundinnen. Den allseitigen Erwartungen, mit «Kinder, Küche, Kirche» das Stereotyp der amerikanischen Frau zu erfüllen, scheint sie durch ein Praktikum bei einem New Yorker Modemagazin erst einmal entronnen. Doch was sich im lockeren Plauderton anlässt wie ein College- oder Coming-of-Age-Roman, birgt schon im ersten Satz eine doppelbödige Schwere, die die Leser*innen in das Buch ziehen und die Erzählerin in den Abgrund führen wird:

«Es war ein verrückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wußte, was ich in New York eigentlich wollte.»

Inmitten des Trubels von Fototerminen, Dinners, Partys und Männerbekanntschaften wird die bis dahin erfolgsverwöhnte Studentin mit der Möglichkeit des Scheiterns konfrontiert. Wobei die allwissende, aber etwas unzuverlässige Ich-Erzählerin in späteren Rückblenden offenbart, wie sehr die fleißige, angestrengt paukende Einser-Studentin schon zuvor an ihren Leistungen zweifelte – heute würde man vom «Imposter-Syndrom» sprechen. Selbstzweifel, die sie auch in New York einholen, eine innere Lähmung, die mehr und mehr zunimmt:

«Nachdem Doreen gegangen war, fragte ich mich, warum ich es nicht mehr schaffte, das zu tun, was ich eigentlich tun sollte. Darüber wurde ich traurig und müde. Dann fragte ich mich, warum ich es nicht mehr schaffte, das zu tun, was ich eigentlich nicht tun sollte, so wie Doreen, und darüber wurde ich noch trauriger und noch müder.»

Die innere Zerrissenheit, die Suche nach ihrer eigenen Identität und ihrem eigenen Willen tritt mit der berühmten Feigenbaum-Metapher am deutlichsten hervor – jede Feige steht für eine andere Option, als winke «von jeder Zweigspitze eine herrliche Zukunft», sei es das Leben als Dichterin, Professorin oder Redakteurin, sei es ein freies Leben auf Reisen oder auch das Leben mit Mann und Kindern:

«Ich sah mich in der Gabel dieses Feigenbaumes sitzen und verhungern, bloß weil ich mich nicht entscheiden konnte, welche Feige ich nehmen sollte. Ich wollte sie alle, aber eine von ihnen nehmen bedeutete, alle anderen verlieren.»

Zum feministischen Kultbuch wurde «Die Glasglocke» auch deshalb, weil Esther dann doch deutlich formuliert, was sie nicht will – auch wenn sie die Entscheidung, das bereits von den Müttern fest vorausgesetzte Verlöbnis mit Jugendschwarm Buddy Willard abzusagen, erst einmal erleichtert auf die lange Bank schiebt, als dieser an Tuberkulose erkrankt. Aber eins ist ihr klar: «Ich werde niemals heiraten».

Heiraten und Kinderkriegen erscheinen ihr «wie eine Gehirnwäsche», die dazu führt, «daß man nachher nur noch benebelt herumlief, wie ein Sklave in einem totalitären Privatstaat». Dies und die unverstellten Darstellungen der weiblichen Körperfunktionen – an einer Stelle ist sie bei einer Geburt mit anwesend, dann beschreibt sie die massiven Blutungen nach dem ersten Geschlechtsverkehr – waren auch für die Zeit, in dem das Buch erschien – 1963 in Großbritannien, erst 1971 auf Betreiben ihres Ehemanns Ted Hughes und ihrer Mutter in den USA – noch außergewöhnlich offen und radikal.

Als Esther nach ihrem New Yorker Praktikum die Nachricht erhält, dass sie zu einem universitären Schreibkurs nicht angenommen wird, nimmt die Lähmung überhand, bekommt die Erkrankung sie mehr und mehr in den Griff – sie kann nichts mehr essen, sie kann nicht mehr schlafen, sie kann nicht mehr denken. Die einzige Entscheidung, die noch machbar erscheint, ist die zur Selbstauslöschung – nach einem Suizidversuch landet sie in einer psychiatrischen Klinik. Nach einer langen Behandlung inklusive «Schocktherapie» wird sie als scheinbar geheilt wieder ins Leben entlassen. Doch auch im letzten Satz blitzt die unzuverlässige Erzählerin wieder auf:

«Alle diese Augen und Gesichter wendeten sich mir zu, und indem ich mich von ihnen wie von einem Zauberfaden lenken ließ, betrat ich den Raum.»

Vier Wochen nach dem Erscheinen des Romans – übrigens unter einem Pseudonym – nahm sich Sylvia Plath, deren eigene Lebens- und Krankheitsgeschichte unverkennbar in diesem Buch festgehalten ist, das Leben.

Auch wenn die «Glasglocke» – eine eindrückliche Metapher für den Zustand, in dem die Erzählerin sich befindet, sichtbar und doch getrennt von anderen Menschen – die Geschichte einer psychischen Erkrankung, einer massiven Depression erzählt, so ist es die Kunst der Erzählerin Sylvia Plath, dies fast schon leichtfüßig, leichtgängig zu schildern. Der Roman ist sowohl durchsetzt mit poetischen Schilderungen, tollen Metaphern als auch schwarzem Humor – so beispielsweise, als Esther das Ende einer durchgefeierten Nacht lapidar kommentiert mit «Nichts stiftet so tiefe Freundschaften wie gemeinsames Kotzen» oder beim ersten Anblick eines männlichen Penis an einen «Truthahnhals» denken muss.

Das Schwere leicht zu machen, aus einer individuellen Geschichte etwas zu gestalten, das auf einer Ebene viele andere Menschen anspricht und betrifft – das ist eine Kunst, die Sylvia Plath mit ihrem einzigen Roman gelang. Der Roman wurde lange eher vom Publikum gewürdigt und von der Literaturkritik jahrelang noch sehr unterschiedlich beurteilt, auch hart verurteilt. «Die Glasglocke» hat das überstanden: Ein Buch über die Zerrissenheit einer Frau, die letztlich nicht nur an ihrer eigenen psychischen Disposition, sondern auch an den gesellschaftlichen Erwartungen leidet, hat auch heute noch seine Aktualität. Von der grandiosen Stilsicherheit seiner Autorin ganz zu schweigen.



Es gibt auch eine weitere Seite jener talentierten Autorin, die vielleicht manche überraschen wird: Sylvia Plath verfasste ebenfalls zauberhafte Kinderbücher und Gedichte für Leser jeden Alters, oft ergänzt durch eigene Zeichnungen, die richtig reizend und witzig sind. Zu entdecken sind sie beispielsweise über das «Das Bett-Buch», das Sylvia Plath 1959 erstmals veröffentlicht hatte: Die geeignete Bettlektüre für kleine und große Leser, die mit viel Phantasie ausgestattet sind.

Da geht es nicht um das

«…white little Tucked-in-tight little
Nighty-night little
Turn-out-the-light little
Bed –«

sondern da wird die Schlafstätte, eben «die richtige Art Bett» wahlweise zum U-Boot, zum Düsenjet, gerne auch zum Freßbett, wenn der mitternächtliche Hunger kommt, oder aber, wenn die Zeiten stürmischer und gefährlicher sind zum Panzerbett, mit dem man durch die Stadt rumpeln kann.

Zwar nicht gerade pädagogisch korrekt, aber liebevoll und unterhaltsam fordert Sylvia Plath Kinder dazu auf, im Bett gerne zu schreiben, zu malen oder Marmelade zu futtern: Wer eine bunte Bettwäsche hat, muss sich keine Sorgen machen, meint sie.

Und ein wertvoller Tipp für den Winter ist das Nordpol-Bett:

«Im Nordpol-Bett kannst Du
Auf Pelzen liegen
Das ist für Er-o-be-rer
Ein Riesenvergnügen, 

Und wenn Dir die Nase
so kalt wird wie Eis
Hält ein Einbau-Ofen
Die Zehen dir heiß.»

Wenn man dieses Gedicht liest, dann kuschelt man sich am besten selbst ein bisschen ein – aber nicht in so ein profanes «Turn-out-the-light»-Bett, sondern, wie Sylvia Plath empfiehlt, man lege sich für die Nachtruhe (und andere Dinge) ein «Spaßwunderbett» zu.

«Das Bett-Buch» wurde von Eva Demski in das Deutsche übertragen. Schön ist, dass neben der deutschen Übersetzung auch das englische Original zu lesen ist. Zudem macht der kleine Band so richtig viel Freunde auch durch die zauberhaften Illustrationen von Rotraut Susanne Berner.


Die Glasglocke
Übersetzt von Reinhard Kaiser
Suhrkamp Verlag, 2022
ISBN: 978-3-518-42365-3


Das Bett-Buch
Übersetzt von Eva Demski
Insel Bücherei, 2020
ISBN: 978-3-458-17863-7