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Thomas Wolfe: Von Zeit und Fluss (1935)
“Was ist dieser Traum der Zeit, dieses seltsame und herbe Wunder des Lebens? Ist es der Wind, der die Blätter fliehend die kahlen Wege hinantreibt? Ist es das stürmische Jagen jähzorniger Tage, das sturmesschnelle Vorüberziehen einer Million Gesichter, allesamt verloren, vergessen, entschwunden wie im Traum? Ist es der Wind, der über die Erde hinwegfegt, ist es der Wind, der alle Dinge vor seiner Geißel hertreibt, ist es der Wind, der alle Menschen vor sich hertreibt wie tote fliehende Gespenster? Ist es das eine rote Blatt, das dort am Ast zerrt und bald für immer davonstieben wird?“
Amerika. Home of the free. Land der Giganten. Thomas Wolfe (1900-1938) war so einer. Allein schon ein Riese von Gestalt – 1,99 Meter. Und einer, der sich nicht zähmen konnte, nicht zähmen wollte. Alles, aber auch alles aus der kurzen Lebenszeit herauspressen, was an Wörtern in ihm war. Bereits sein Debütroman „Look Homeward, Angel“ ein Gigant. Daneben arbeitete er an Erzählungen, an dem leichteren, kleinen Roman „The Party at Jack`s“, der zu Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde, vor allem aber an der Fortsetzung seiner Künstlerbiographie „Of Time and the River“ – ein Mammutroman von rund 1200 Seiten.
„Wir wissen aus der Biografie des Autors, das Manuskript wäre noch weiter gewachsen, vielleicht dem Autor bis an den Hals, hätte es ihm nicht einer entrissen“, schreibt Schriftsteller Michael Köhlmeier in seinem klugen Nachwort zur deutschen Neuübersetzung „Von Zeit und Fluss“, im Manesse Verlag erschienen. Wie bereits „Schau Heimwärts, Engel!“ für Manesse hervorragend übersetzt von Irma Wehrli – Wehrli muss sich offenbar nun Jahre in Thomas Wolfe und sein Alter Ego, Eugene Gant, förmlich hineingelebt haben.
Meilensteine der amerikanischen Literatur
Die beiden großen Romane des 1938 an Tuberkulose verstorbenen Schriftstellers sind zum einem verkappte Autobiographien oder besser noch: Das eigene Leben wird als Folie benutzt, ausgepresst, ausgequetscht, um den amerikanischen Roman zu schreiben. Vielmehr als ein Abbild des eigenen Erlebens (und vor allem des Fühlens, der Entwicklung, der eigenen Gedanken) sind diese beiden Giganten der modernen amerikanischen Literatur eines: Sie sind die Erzählungen vom modernen Amerika, sie sind beinahe Amerika selbst, um es dem teilweise pathetischen Ton Wolfes nachzutun.
Nochmals muss ich auf das Nachwort von Michael Köhlmeier zurückgreifen, besser ließe es sich nicht ausdrücken:
„Es heißt, Thomas Wolfe habe nur ein Thema gehabt: Ich. Erstaunlich bei einem so wenig eitlen Mann. Aber dieser Dichter war kein pathologischer Egomane. In seinem Werk waltet nicht Dostojewski`sche Psychologie, sondern Seelenmythologie, wie sie in der Literatur bis dahin nicht zu beobachten war. (…) „Wir sind die Summe aller Augenblicke unseres Lebens.“ Schrieb Thomas Wolfe. Seine Adepten erhoben diesen Satz zu seiner Lebensphilosophie. Seelenmythologie (für diesen Begriff halte ich meinen Kopf hin) meint Resorption all dessen, was der Fall ist. Und das ist die Familie.“
Geschichte einer Großfamilie
„Schau Heimwärts, Engel!“, 1929 erschienen, erzählt die Geschichte der Großfamilie Gant – auch Wolfe selbst hatte sieben Geschwister, stammte aus sogenannten „einfachen“ Verhältnissen, die sich jedoch gerade auf eine sensible Künstlerseele wie die seine kompliziert auswirken mussten. Die Familie – Nest und Gefängnis zu gleich. Eugene Gant alias Thomas Wolfe gelingt die Flucht. Die letzten Sätze des Debütromans:
„Doch als er nun zum letzten Mal neben den Engeln auf seines Vaters Veranda stand, schien es, als wäre der Platz schon weit entfernt und verloren; oder vielleicht sollte ich sagen, er glich einem Mann, der auf einem Hügel steht über der Stadt, die er verlassen hat, jedoch nicht sagt: „Die Stadt ist nah“, sondern seine Augen emporhebt zu den in weiter Ferne aufragenden Gebirgszügen.“
„Von Zeit und Fluss“ erschien 1935. Und setzt nahtlos am Ende des Engel-Romans an: Eugene wird von Mutter und Schwester am Bahnhof verabschiedet, macht sich auf zum Studium an der Harvard University. Und damit beginnt eine lange Reise – weit weniger äußerlich, auch wenn es Eugene, den angehenden Schriftsteller in neue Kreise, ebenso zu den Underdogs wie zu den Neureichen verschlägt, auch wenn er Monate in England und Frankreich verbringt.
Ein grüner Heinrich aus den Vereinigten Staaten
Wichtiger ist die innere Suche, eine Suche, angetrieben von der Sehn-sucht. „Legende vom Hunger des Menschen in seiner Jugend“ lautet der Untertitel des Romans. Eugene, ein „grüner Heinrich“ der amerikanischen Moderne, hungert nach Wissen, Bildung, Liebe, Freundschaft, Nähe. Auf 1200 Seiten schildert Wolfe diese Sinnsuche, geprägt von Enttäuschungen, Desillusionierung, Entfremdung, seelischen Blessuren. Und dennoch feiert dieses Buch die Jugend, die Suche, das Werden. Weil Wolfe selbst einer war, der in sich den Zweifel ebenso trug wie die Lebenslust und die Liebe zum Leben, wird der Irrweg zunächst belohnt, ganz am Ende des Romans, durch die Begegnung mit einer Frau. Fortan, so weiß Eugene, wird er „am Dorn der Liebe zappeln“ – auch das wird ein Weg mit Umwegen, der Leser kann es erahnen. Und dann nur noch nach diesem Lesemarathon das Buch mit leiser Trauer schließen. Trauer darum, dass die Legende nicht fortgeschrieben werden konnte.
Upton Sinclair – der Schriftsteller mit Mission
Upton Sinclair war einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit, seine Romane immer zugleich auch politische Manifeste.
Sinclair Lewis, der Staubaufwirbler
Er sezierte das nordamerikanische Spießbürgertum: Sinclair Lewis, der unter anderem mit „Babbitt“ einen zeitlosen Charakter geschaffen hat.
Sister Carrie – eine amerikanische Tragödie von Theodore Dreiser
Theodore Dreiser war ein Autor der langen Strecke, wie seine Romane „Sister Carrie“ und „Eine amerikanische Tragödie“ beweisen.
Wen das Volumen des Romans abschreckt: „Von Zeit und Fluss“ zieht einen mit seiner Sprache, nicht zuletzt dank der kongenialen Übersetzung Wehrlis, in seinen Strom, entreißt einem beim Lesen der Zeit. Wolfe`s Sprache umfasst alle Tonarten, ohne dabei störende Brüche zu hinterlassen – sie ist nüchtern, lyrisch, pathetisch zugleich. Meike Fessmann schreibt in einer Besprechung in der Süddeutschen Zeitung:
„Was für eine Fülle, was für eine Kraft, was für ein Überschwang! Wie ein breiter Fluss zieht dieser Roman seine Bahn. Er sammelt Episoden und Ereignisse ein, lässt die Zeit fließen, ruhig, gelassen, stark, um sie dann ganz plötzlich zu stauen. Man gleitet dahin, surft wie auf riesigen Wellen, wird von einem irren Schwung mitgenommen, obwohl dieser Roman alles andere als gefällig ist. Spürbar bleibt der Kampf mit dem in vielerlei Hinsicht autobiografischen Stoff, Thomas Wolfes Neigung zum Ausufern, die schwierige Arbeit des Eindämmens. Doch eben diese Gegenläufigkeit der beiden Bewegungen versteht er auszunutzen und formt daraus seinen eigenen Stil. Dabei bildet der Erzählfluss immer wieder furiose Strudel, die Themen schillern in allen Facetten – beinahe magisch, als stünde die Zeit für einen Augenblick einfach still.“
Ja, so ist es!
Eine Deutschlandreise (1926 – 1936)
„Aber Deutschland ist die Heimat des Fremden. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Seit jenen Tagen, da ich es zum ersten Mal betrat, vor acht Jahren, habe ich mich niemals fremd gefühlt. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich habe keine Möglichkeit, dies zu beweisen, aber ich glaube, es muss in dem alten übervölkerten Gehirn der Menschen so etwas wie eine Rassenerinnerung geben.“ (…) So werde ich, ohne dass ich es begründen kann, in diesen beiden Ländern immer vom Geist der Erinnerung gejagt. Es ist eine merkwürdige Tatsache, aber von dem Augenblick an, da ich dieses Land betrat, vor acht Jahren, habe ich sofort ein Wiedererkennen gespürt.“
Thomas Wolfe , der beinahe 2 Meter große Schriftsteller, wurde von Zeitgenossen oft als riesenhafter Junge (beziehungsweise jungenhafter Riese) beschrieben. Er neigte zum Schwärmen, Ausschweifen, Tagträumen. Dies ist auch an seinen gigantomanischen Romanen, so seinem 1929 erschienenen Debüt „Schau heimwärts, Engel!“ und „Von Zeit und Fluss“ spürbar.
Thomas Wolfe besuchte Deutschland mehrere Male
Und so fühlte sich dieser amerikanische Mystiker der literarischen Moderne auch von dem Land, mit dem er väterlicherseits verbunden war, eigenartig angezogen: Von der Freundlichkeit der Menschen, der Ordnung, der Schönheit der Weinberge, von den märchenhaften Wäldern. Sechs Mal besucht Wolfe zwischen 1926 und 1936 Deutschland: Hier fand er mit Ernst Rowohlt einen geeigneten Verleger und erfuhr insbesondere bei seinem letzten Besuch zur Zeit der Olympischen Spiele in Berlin auch, wie es sich anfühlt, eine literarische Berühmtheit zu sein – seine Romane fanden zweitweise in Deutschland mehr Anerkennung als in seiner amerikanischen Heimat.
Die Texte, die während dieser Reise entstanden, versammelt ein Band im Manesse Verlag: Das Buch „Eine Deutschlandreise“ umfasst Tagebuchnotizen, die Listen über die bei den Reisen gekauften Bücher und besuchten Museen, Briefe an seine Geliebte Aline, Postkarten an die Mutter und auch die Novellen – darunter die berühmte vom „Oktoberfest“ – die von Wolfe in und über Deutschland geschrieben wurden.
Prügelei beim Oktoberfest
Gerade die Erzählung vom Oktoberfest zeigt, wie eng biographisches Leben und literarisches Verarbeiten bei diesem Schriftsteller verknüpft waren: Tatsächlich besuchte Wolfe mit dem Sohn seiner Münchner Gastwirtin das seinerzeit schon berühmteste Volksfest der Welt. Dort geriert der starke Trinker nach etlichen Maß Bier in eine heftige Prügelei. In einem Brief an seine damalige Geliebte Aline schildert er das Geschehen unverblümt und mit allen schlimmen Konsequenzen – Wolfe erlitt schwere Kopfverletzungen und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Das blutige Ende seines Volksfestbesuches klammerte er in seiner Erzählung aus, aber andere Erlebnisse seines Oktoberfest-Bummels finden sich im Brief bereits skizziert und fast deckungsgleich in der Erzählung wieder.
Mit dem Blick des Ethnologen
Thomas Wolfe nimmt dabei zeitweise den Blick des Ethnologen ein, der, geprägt von eigenen Vorurteilen (von Beginn an tritt auch der hässliche Deutsche auf, der „Hunne“ mit Stiernacken, der unmäßig isst und trinkt), der fasziniert das Treiben der anderen betrachtet, der versucht, das Fremde zu erforschen:
„Die Wirkung dieser Menschenhorden überall in der riesigen und vernebelten Halle hatte etwas beinahe Übernatürliches und Rituelles: Etwas, das zum Wesen eines Volkes gehörte, war in diesen Horden beschlossen, etwas, so dunkel und seltsam wie Asien, etwas, das älter war als die alten barbarischen Wälder, etwas, das einen Altar umwogt und ein Menschenopfer dargebracht und verbranntes Fleisch verzehrt hatte.“
Trotz diesem Anblick der Massen beim Oktoberfest, bei dem „mir das Herz gefror“ und die in Wolfe Assoziationen zu „blondbezopften“ Kriegshorden hervorrufen, bleibt der Amerikaner, was das „Wesen dieses Tiers“ anbelangt, lange blind: Auch bei seinem letzten Besuch 1936 zeigt er sich unpolitisch und eher fasziniert von der Ordnung und Effizienz der Deutschen. Ganz unverblümt lässt er in seinen Notizen seine eigenen antisemitischen Vorurteilen freien Lauf, schreibt gar darüber, wie wenig Meinungsfreiheit man in seiner Heimat habe, wenn es um dieses Thema ginge. Doch einige Erlebnisse erschüttern ihn, führen zu einem Umdenken.
Reisen durch Nazi-Deutschland
In der 1937 in einer amerikanischen Zeitung veröffentlichten Erzählung („Nun will ich Ihnen was sagen“) schildert er eine Bahnfahrt, bei der kurz vor der Grenze ein Jude verhaftet wird. Herausgeber Oliver Lubrich, der diese Erzählung auch in den Band der „Anderen Bibliothek“, „Reisen ins Reich“, aufnahm, analysiert detailreich in seinem Nachwort, wie sehr diese Erzählung die emotionale Abkehr Wolfes von seiner lang imaginierten Seelenheimat markiert.
„Es war die andere Hälfte meiner Herzensheimat. Es war die dunkle, verlorene Helena, die ich gefunden, es war die dunkle, gefundene Helena, die ich verloren hatte – und jetzt erkannte ich wie nie zuvor das ganze Ausmaß meines Verlusts – das ganze Ausmaß meines Gewinns – den Weg, der mir nun wohl auf immer versperrt sein würde – den Weg des Exils ohne Wiederkehr – und einen neuen Weg, den ich gefunden hatte.“
So ist „Eine Deutschlandreise“ nicht nur für Thomas Wolfe-Leser ein Kompendium, das verdeutlicht, welche Faszination, ja fast schon Hass-Liebe dieser Schriftsteller für Deutschland empfand, sondern auch ein Buch, das einen besonderen Blick auf ein Land kurz vor dessen größter Katastrophe aufzeigt.
Bibliographische Angaben:
Thomas Wolfe
Von Zeit und Fluss
Übersetzt von Irma Wehrli
Manesse Verlag, 2014
ISBN: 978-3-7175-2326-0
Oliver Lubrich (Hrsg.)
Eine Deutschlandreise
Übersetzt von Renate Haen, Irma Wehrli und Barbara von Treskow
Manesse Verlag 2020
ISBN: 978-3-7175-2424-3
