Spätestens seit dem riesigen Erfolg von Florian Illies‘ „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ hat sich auch in der Literaturgeschichte ein Genre durchgesetzt, das man kurz unter dem Stichwort „literaturwissenschaftliches Histotainement“ zusammenfassen könnte. Populäre geschriebene Bücher, die eine kurze Epoche, einen bestimmten Zeitraum, komprimiert zusammenfassen. Sie erfreuen sich beim Publikum großer Beliebtheit. Zu hoffen ist, dass das dann auch Lust macht, die Schriftsteller*innen, die meist anekdotenhaft erwähnt, werden, auch im Original zu lesen. Eine kleine Auswahl hier.
Inhaltsverzeichnis:
- Florian Illies: 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts (2012)
- Oliver Hilmes: Berlin 1936. 16 Tage im August (2016)
- Jürgen Serke: Die verbrannten Dichter (Wiederauflage 2023)
- Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft (2014)
- Uwe Wittstock: Feburar 33. Der Winter der Literatur (2021)

Florian Illies: 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts (2012)
Einen „gewaltigen Teaser“ nannte Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung dieses Buch, das im Grunde die Welle an „Histotainment“ auslöste. Der Kunsthistoriker und Journalist Florian Illies lässt dieses eine, dieses besondere Jahr Revue passieren – ein Jahr schwankend zwischen Hypernervosität und Lethargie. Ein wenig erinnert dies an die Jahresrückblicke, mit denen die Nation jeweils in den ersten Januartagen von sämtlichen Fernsehsendern beglück wird. ALLERDINGS: Weitaus klüger und amüsanter verfasst.
November
„Adolf Loos sagt, dass das Ornament ein Verbrechen sei, und baut Häuser und Schneidersalons voll Klarheit. Alles ist aus zwischen Else Lasker-Schüler und Dr. Gottfried Benn – sie ist verzweifelt, woraufhin ihr Dr. Alfred Döblin, der gerade Ernst Ludwig Kirchner Modell sitzt, Morphium spritzt. Prousts „In Swanns Welt“, der erste Band von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, erscheint, den Rilke sofort liest. Kafka geht ins Kino und weint. Prada eröffnet in Mailand seine erste Boutique. Ernst Jünger, 18 Jahre alt, packt seine Sachen und geht zur Fremdenlegion nach Afrika. Das Wetter in Deutschland ist ungemütlich, aber Bertolt Brecht findet: Schnupfen kann jeder haben.“
Voyeuristischer Reiz
Monat für Monat rollt Illies das auf, was vor 100 Jahren vor allem die Intellektuellen, die Künstler und die Bohème umtrieb: Ein Reigen (ja, Schnitzler kommt auch vor), gegen den das öffentliche Beziehungstreiben unserer Stars und Sternchen heute geradezu verblasst. Das Buch spricht durchaus auch etwas Voyeuristisches im Leser an – wer mit wem und warum nicht mehr, das liest sich unterhaltsam und streckenweise auch verwirrend, weil, vor allem wenn Rilke ins Spiel kommt, eigentlich alle mit allen…
Es griffe natürlich zu kurz, würde man die knapp 320 Seiten nun als eine Art feuilletonistischen Tratsches interpretieren – andererseits ist „1913“ aber auch keine geschichtswissenschaftliche Analyse. Kluge Unterhaltung bietet es – und das gut gemacht.
Ein Siedepunkt in der Kultur
Warum 1913? Alles scheint da auf dem Siedepunk in der Kultur: Brücke, Blauer Reiter, Secession, Expressionismus, Kubismus – das Neue löst das Alte ab, die Richtungen konkurrieren. Marcel Duchamp hat die Nase voll vom Malen und erfindet nebenbei das erste Ready Made. Auch in der Literatur werden die Väter abgemurkst, die Romantik begraben. Freud wird von Jung geschnitten, nicht das einzige Trauma und Beziehungsdrama, das in diesem Jahr über die Bühne geht. Die „Alten“ (Schnitzler, Hofmannsthal) und Mittelalten (Kraus, T. Mann) hadern mit privaten Angelegenheiten oder sind irgendwie beleidigt und geplagt von Zipperlein und Allüren, die Jungen (Brecht, Jünger, Tucholsky) scharren mit den Füßen.
Hektische Hypernervosität
Alles spitzt sich in der Kunst in hektischer Hypernervosität zusammen, als ob in komprimiertester Zeit das Rad neu erfunden werden müsste. Wie es Duchamp dann ja auch tut. Demgegenüber erstarren Machthaber und Politiker in seltsamer Lethargie, selbst angesichts der Unruhen auf dem Balkan. Kaiser Wilhelm schießt zunächst lieber täglich auf Tausende von Fasanen, kann aber nur einen abends speisen. Eines dieser kleinen, feinen Beispiele für die Dekadenz einer untergehenden Klasse, die Illies bringt. Er muss nicht mit dickem Pinsel streichen – feine Striche genügen ihm, um das Bild dieses Jahres zu zeichnen.
„Ein Meisterstück, forderte die Mahler, und sie würde ganz die Seine. Oskar Kokoschka malte die Windsbraut und bekam die Alma trotzdem nicht. Das war 1913.„
Das ist die Stärke dieses Buches: Die ungeheure Menge an Daten & Fakten ist so fein ausgesucht, gesponnen und verknüpft, dass sich allein aus dem geschickten Mosaik das Bild einer untergehenden Gesellschaft herausschält. Und doch ist alles so lebendig erzählt, dass man beim Lesen das eigene Wissen davon, dass es ja ein böses Ende nehmen wird, zunächst hintanstellt. Man begibt sich mitten hinein in diesen Tanz auf den Vulkan – man weiß zwar inzwischen, dass der Kokoschka seine Windsbraut für die Mahler vergeblich malte, aber währenddessen hat der vor Eifersucht Wahnsinnige unser ganzes Mitgefühl. Zwei ausgesprochene „Lieblinge“ begleitet Illies mit feiner Ironie über das ganze Jahr hinweg: Den ewig zaudernden Kafka beim Versuch eines Heiratsantrages sowie den ewig kränkelnden Rilke, der dennoch Briefe schreibend eine Anzahl von Frauen, mit denen er locker eine Fußballnationalmannschaft stellen könnte, vorzugsweise platonisch, aber auch leibhaftig lenkt.
Die Katastrophe des Weltkriegs vor der Tür
Die heran dräuende Katastrophe wird in diesem Treiben bewusst kaum wahrgenommen. Wie geisterhafte Schatten huschen jedoch schon die Vorboten der zweiten, noch grausameren Katastrophen durch die Seiten – der Postkartenmaler Hitler und Stalin auf der Flucht in Frauenkleidern. Doch noch herrscht auf der Achse Wien-Berlin-Paris das Leben.
In manchen Feuilletons wurden Bezüge dieses Panoramas zum Jahr 2013 gestellt, Parallelen gezogen, Botschaften und Ermahnungen destilliert. Ich meine, damit wäre dieses Buch überfrachtet und überinterpretiert. Es zeigt das Bild eines besonderen Jahres – klug geschrieben, unterhaltsam zu lesen, fein gemacht. Das allein ist auch einmal ausreichend.
Oliver Hilmes: Berlin 1936. 16 Tage im August (2016)
„Und Adolf Hitler? Der Reichskanzler nimmt an dem Empfang seiner Regierung nicht teil. Wie alles in diesen Olympiatagen, so ist auch Hitlers Fernbleiben Teil einer Inszenierung. Er kultiviert das Bild des unermüdlich arbeitenden „Führers“ und treusorgenden Übervaters, dem Amüsement und Geselligkeiten nichts bedeuten. Hitlers Popularität erreicht im Sommer 1936 einen Höhepunkt und wirkt nun auch tief in die Arbeiterschaft hinein.“
Geschichtsvermittlung, die zum Pageturner wird? Barbara Tuchmann kann es, Bill Bryson kann es und Florian Illies gelang mit seinem „1913- Der Sommer des Jahrhunderts“ ein Bestseller. An dem aktuellen Olympia-Buch des Historikers und Publizisten Hilmes erinnert nicht nur der Titel an den Illies-Coup – auch das Rezept ist ein ähnliches: Man nehme ein Ereignis, einen Zeitraum, eine Epoche, gruppiere um eine These eine Fülle von dokumentierten Anekdoten rund um mehr oder wenige berühmte Zeitgenossen und runde diese populäre Art der Geschichtsvermittlung durch einen gut lesbaren Erzählstil ab.
Oliver Hilmes greift zu beliebten Kniffen
Das perfekte Rezept für ein lesbares Geschichtsbuch light. Die Frage ist also nicht, ob man es lesen kann – ja, man kann, Hilmes ist ein geschickter Erzähler. Auch wenn der etwas redundante Hinweis darauf, dass sich „in wenigen Tagen“ das Schicksal von XY „ändern“ wird, die fröhlichen Tage überhaupt gezählt sind und bald ein Ende haben werden, mich als Leserin eher ärgert – Hilmes hätte es nicht nötig gehabt, durch solche Kniffe seine Leser bei der Stange zu halten.
Die Frage jedoch ist: Muss man es lesen? Während Illies, um das „Sommer-1913-Buch“ als Vergleichsmaßstab anzulegen, seine Anekdoten-Sammlung geschickt um eine These knüpft – nämlich jene, dass sich am Vorabend des Ersten Weltkrieges an unterschiedlichen Orten und Plätzen der Welt Künstler aller Genres zu kreativen Höhenflügen aufmachten, bevor die Götterdämmerung eintraf – so fehlt es dem Buch von Hilmes im Grunde an einem Überbau, einer neuen Idee, einer neuen Erkenntnis, die es zu den Olympischen Spielen im Nazi-Regime geben könnte. Und dadurch ist es, wenngleich auch gut erzählt, am Ende doch nicht viel mehr als eine Anekdotensammlung – in der vieles angerissen, für meinen Geschmack aber zu wenig vertieft wird.
Thomas Wolfe taumelt durch das Berlin von 1936
80 Jahre nach den sportlichen Wettkämpfen in Berlin ist dies flott erzählte Werk der Marke „Histotainment“ für den Verlag mit Sicherheit ein gelungener Marketingzug. Hilmes verknüpft mehrere Erzählstränge, die aus verschiedenen Perspektiven die Olympiade 1936, die nach Willen der Nazis eine Leistungs-Demonstration von Hitler-Deutschland und ein Festspiel der Propaganda werden sollte, beleuchten.
Während im Berliner Stadion die Athleten um Spitzenleistungen und Weltrekorde wetteifern, brüten in der Reichskanzlei Hitler und Konsorten bereits über Kriegsplänen und dem Bau von Konzentrationslagern (Joseph Goebbel in seinem Tagebuch: „Nach der Olympiade werden wir rabiat“). Der Schriftsteller Thomas Wolfe taumelt etwas orientierungs- und ahnungslos durch sein geliebtes Berlin, bis ihm, der selbst vom Antisemitismus amerikanischer Bauart angekränkelt ist, die Augen geöffnet werden über die wahren Absichten der menschenverachtenden Diktatur.
Mascha Kaléko leidet derweil an Liebeskummer, Leni Riefenstahl überwallen erotische Gefühle im Stadion angesichts diverser Muskelpakete, während Martha Dodd, die Tochter des US-Botschafters um Penisse flattert „wie ein Schmetterling.“ Und in den Lokalen rund um den Kudamm noch einmal die „Roaring Twenties“ nachgeholt werden.
Erwähnungen von Gretel Bergmann bis Ernst von Salomon
Weniger aus der Abteilung „Klatsch und Tratsch“ wäre in meinen Augen mehr gewesen – ich muss nicht unbedingt mit dem Schicksal jedes Gigolos, der mit dem Geld einer reichen Berlinerin einen Club eröffnet hatte, vertraut gemacht werden. Dagegen wären einige erläuternde Worte zum Schriftsteller Ernst von Salomon, der immerhin mehrfach zitiert wird, wünschenswert gewesen: So erweckt das wenige an Zitaten einen irreführenden Eindruck dieses Autoren, der immerhin in seiner Jugend am Rathenau-Mord beteiligt gewesen war. Und Gretel Bergmann, die jüdische Leistungssportlerin, die als „Alibi“ eigens für die Olympischen Spiele von den Nazis zurück nach Deutschland geholt wurde und dann doch nicht antreten durfte – sie wird nur in einem kurzen Absatz erwähnt.
Es mag nun kleinkariert erscheinen, solche Auslassungen aufzuzählen. Aber etwas mehr an mancher Stelle an vertiefendem Hintergrund, dafür an anderer Stelle Verzicht auf nur Angerissenes – und das Buch hätte an Substanz gewonnen.
Zwar gelingt Hilmes durch seine Verknüpfung von Sport& Politik, Kultur& Halbwelt und einigen Hinweisen auf die anhaltende Verfolgung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, politisch Andersdenkenden und Intellektuellen es durchaus, den widersprüchlichen Charakter dieser Berliner Tage vom 1. bis zum 16. August 1936 aufzuzeigen. Doch außer Atmosphäre lässt dieses Buch wenig zurück – ein Lesehäppchen, das vor allem anregt, Originaltexte über diese Olymiade 1936 und diese Zeit zu lesen.
Jürgen Serke: Die verbrannten Dichter (2023)
„Der Blumenhändler, drei Häuser weiter, kennt sie ebenfalls. An ihm vorbei geht Irmgard Keun in den Tag hinaus und in die Kneipen hinein. Sie hat eine große Tochter, eine kleine Rente und keinen Halt mehr. Die Freunde von einst sind tot. Es ist schwer, etwas Totes mit sich herumzutragen.“
Als der Journalist Jürgen Serke die Autorin Irmgard Keun, die in der Weimarer Republik als junge Frau mit nur zwei Romanen für Aufsehen sorgte, Jahrzehnte später in Bonn besucht, hat sie „panische Angst, in ihrem Elend erkannt zu werden.“ Serke lernt eine 66-jährige Frau kennen, deren einzige Rettung es scheint, „die Gefühle niederschlagen, um nicht von ihnen niedergeschlagen zu werden.“
„Nur kein Gejammere!“: Das ist die Devise einer Frau, die bei den Gesprächen mit Serke lebensüberdrüssig wirkt, im Alkohol das Vergessen sucht. Wohl auch das Vergessen der Tatsache, dass sie selbst als Autorin zu den Vergessenen gehört. Zumindest letzteres wird sich ändern. Bereits 1980 kann Jürgen Serke an sein Portrait, das im „stern“ veröffentlicht wurde, einen Nachtrag anfügen. Es hat sich ein Verlag wurde gefunden, der ihr Gesamtwerk herausgibt. Die Reportage sorgte für eine Wiederentdeckung der Autorin, ein wenig Nachruhm, den sie noch bis ihrem Tod 1982 genießen konnte. Ihre Bücher – „Das kunstseidene Mädchen“, „Nach Mitternacht“, „Kind aller Länder“, um nur die wichtigsten zu nennen – erfahren seither regelmäßig Neuauflagen.

Bild: Rafael Juárez from Pixabay
Vom Widerstand der Dichter
Es ist dieser unvergleichliche Verdienst, den Jürgen Serke und Fotograf Wilfried Bauer für die deutsche Literatur leisteten. Mit ihren Artikeln über Dichterinnen und Dichter, deren Bücher im Nationalsozialismus verbrannt wurden, holten sie nicht nur deren Werke, sondern auch deren Schöpfer in das Bewusstsein zurück. Jürgen Serke hatte für die Artikelserie, die unter dem Titel „Die verbrannten Dichter“ 1976 im „stern“ erschien – damals noch ein Magazin mit einer Auflage von fast zwei Millionen Exemplaren – zuvor jahrelang privat recherchiert. Eine Initialzündung war für ihn, so schreibt der heute 85-jährige im Nachwort zur Neuauflage im Wallstein Verlag, seine Zeit als Korrespondent in Prag. Das Miterleben des „Aufstands der Dichter gegen den Machtmissbrauch des kommunistischen Regimes“:
„In Prag wurde ich, was ich heute bin: als Journalist ein Bewahrer des literarischen Widerstands gegen die beiden Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts in Mitteleuropa.“
Im Deutschen Reich war die nationalsozialistische Diktatur besonders gründlich, mit typisch deutscher bürokratischer Effektivität, gegen die Intellektuellen vorgegangen. „Im Mai 1933 strich Adolf Hitler eine ganze Generation von Schriftstellern aus dem Bewusstsein des deutschen Volkes“, heißt es in „Die verbrannten Dichter“. Gemeint sind damit die Bücherverbrennungen, die im Mai 1933 begannen. Ein symbolhafter Akt, um alles, was nicht der nationalsozialistischen Ideologie entsprach, zu vernichten. Berufsverbote, Inhaftierungen, Folter und Konzentrationslager trafen die Schöpfer dieser Werke. Manche überlebten den Terror nicht. Andere, wie Ernst Toller begingen Suizid oder starben einsam und verarmt im Exil wie Else Lasker-Schüler.
Bücherverbrennung und Menschenvernichtung
„Die Bücherverbrennung wirkte über den Zusammenbruch des «Dritten Reiches» hinaus. Was in den zwanziger Jahren gedichtet wurde, blieb weitgehend vergessen bis zum heutigen Tag.“
Wäre da nicht Jürgen Serke gewesen, der die Popularität des „stern“ nutzen konnte, um einige Namen dem Vergessen zu entreißen. Der darüber hinaus aber auch bei vielen Leserinnen und Lesern das Bewusstsein schärfte für diesen literarischen Reichtum der Weimarer Republik. Dies schreibt auch Verleger Thedel v. Wallmoden zur Neuausgabe, die zum 90. Jahrestag der Bücherverbrennung im Wallstein Verlag erschienen ist. Für die Wiederentdeckung der verfemten Literatur habe wohl kaum eine andere Initiative „eine derart breite Wirkung wie Jürgen Serkes Artikelserie“ erzielt.
Die von Jürgen Serke portraitierten Autorinnen und Autoren, darunter Ernst Toller, Irmgard Keun, Claire Goll, Klabund, Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler und andere waren nach dem Ende des Nationalsozialismus „präsent und zugleich vergessen“, so der Verleger in seinem Vorwort zum Buch.
„Es war ein Paradox: Jeder hätte diese Autorinnen und Autoren treffen können und vor allem hätte jeder ihre Bücher lesen können. Aber „die verbrannten Dichter“ spielten im literarischen Leben, in den Feuilletons und wohl auch im Deutschunterricht jener Jahre keine Rolle.“
Literarische Portraits einer Generation verfolgter Menschen
Bis Jürgen Serke kam. Es ist sicher diese Mischung aus journalistischem Bericht und literarischem Portrait, die Verbindung von Werk, Person und den sensiblen Kommentaren des Berichterstatters, die diese Reportagen bis heute zu einer faszinierenden Lektüre machen. Und zu einer profunden Quelle für jeden, der sich für die Literatur der Weimarer Republik interessiert. Nicht alle, die Serke vorstellte, sind jedoch auch heute noch so präsent wie beispielsweise Irmgard Keun oder Alfred Döblin. Auch darin mag eine Chance der aufwendig gestalteten Neuauflage (die Artikelserie erschien in den 1970ern bald auch als Buch, später folgte eine Taschenbuch-Ausgabe) liegen. Noch einmal beispielsweise Jakob Haringer, das „Schandmaul“, das zu Gott betet, entdecken. Oder Franz Jung, der Poet, der „Lenin die Leviten“ las, ins Gedächtnis zu holen.
Die ausführlichen Portraits sind ergänzt durch zwei weitere Kapitel mit Kurzportraits von Dichtern und ihren Büchern. In „Ein Blick zurück nach vorn“ werden unter anderem Oskar Maria Graf, Theodor Kramer, Franz Hessel und andere erwähnt. Bei „Büchern, über die einst jeder sprach“ sind Werke von Gertrud Kolmar, Ernst Weiß, Johannes R. Becher und anderen zu finden. Dies sowie die zahlreichen Abbildungen – neben den eindrucksvollen, berührenden Portraits von Wilhelm Bauer auch Original-Cover, Archivfotos und Illustrationen – sowie ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis machen diesen Band zum Dokument einer literarischen Epoche, die beinahe aus unser aller Gedächtnis gelöscht worden wäre.
Keinen Sinn für die Sinnlichkeit des Landes: Gustav Regler in Mexiko
1940 kommen der Schriftsteller Gustav Regler und seine Frau auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach Mexiko. Dort trafen sie zwar weitere Exilanten, wurden aber niemals richtig heimisch. Ein Gastbeitrag von Jürgen Neubauer.
Curt Moreck führt durch das lasterhafte Berlin
Arm, aber sexy: Unter diesem Motto wurde Berlin bereits 1931 an Heerscharen von Touristen verkauft. Curt Moreck nutzte dies für seinen „lasterhaften“ Führer.
Leider immer noch aktuell: «Unruhe um einen Friedfertigen» von Oskar Maria Graf
Die Unruhen der Weimarer Republik – sie erfassten auch das bayerische Hinterland. Seinen Roman „Unruhe um einen Friedfertigen“ schrieb Oskar Maria Graf im amerikanischen Exil. Bereits zehn Jahre zuvor war „Anton Sittinger“ erschienen.
Das kritische geschriebene Wort bleibt gefährdet
Und zu einem Buch, das zeigt, wie gefährdet das geschriebene Wort und seine Schöpfer immer wieder sind. Jürgen Serke im Nachwort:
„Die Nacht war lang im 20. Jahrhundert der Totalitarismen. Seit 1989 ist die europäische Welt wieder vereint. Mit dem Überfall der Ukraine durch Russland senkt sich wieder Dunkelheit auf Europa und zeigt, wie aktuell die Aufgaben des Zentrums für verfolgte Künste geblieben sind. Wieder spielt der Widerstand eine überragende Rolle.“
Die Literatursammlung von Jürgen Serke mit ihren über 2.500 Objekten (Büchern, Dokumenten, handschriftlichen Briefen, Typoskripten und Fotos) ist als Dauerausstellung mit dem Titel „Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989. Die verbrannten Dichter“ im Zentrum für verfolgte Künste im Kunstmuseum Solingen zu sehen.
Bibliographische Angaben:
Jürgen Serke
„Die verbrannten Dichter“
Lebensgeschichten und Dokumente
Wallstein Verlag, 2023
ISBN: 978-3-8353-5388-6
Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft (2014)
„In Zeiten, die Zeit hatten, hatte man an der Kunst etwas aufzulösen. In einer Zeit, die Zeitungen hat, sind Stoff und Form zu rascherem Verständnis getrennt. Weil wir keine Zeit haben, müssen uns die Autoren umständlich sagen, was sich knapp gestalten ließe.“
Karl Kraus, „Heinrich Heine und die Folgen“
Volker Weidermanns biographischer Roman „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ das wäre wohl so ein Büchlein, an dem Karl Kraus seine spitze Zunge geschärft hätte. Ein Ergebnis „impressionistischen Feuilletonismus“ hätte er es wohl genannt.
Volker Weidermann zeichnet ein Stimmungsbild
Sagen wir mal: Es ist ein Stimmungsbild, mit viel literaturwissenschaftlichem Know-how routiniert gepinselt. Solche Bücher sind geradezu en vogue – man denke nur an den Erfolg des anderen Sommer-Buches eines anderen Journalisten, „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. Jüngere Geschichte, in anmutige Form verpackt, wohldosiert.
Ja, Ostende – man muss es nicht lesen, es schadet aber auch keinem. Gesetzt den Fall, man greift denn doch noch (einmal) zu den Originalen, liest Stefan Zweig, Joseph Roth, neben deren Romanen und Essays auch ihren Briefwechsel, begegnet dem kunstseidenen Mädchen nach Mitternacht und dem rasenden Reporter in deren echten Büchern. Ostende erfüllt seinen Zweck allenfalls als Appetithäppchen. Dafür jedoch ist es mit viel feuilletonistischer Routine zusammengesetzt.
Ostende wird zum Treffpunkt im Exil
Weidermann beschreibt die Begegnung einiger Schriftsteller 1936 im Badeort Ostende. Vor allem das Zusammentreffen der beiden so unterschiedlichen Freunde aus Österreich steht im Mittelpunkt: Stefan Zweig, die Welt von gestern noch frisch betrauernd, aber im zweiten Frühling mit einer neuen Liebe, Joseph Roth, haltlos, orientierungslos, bodenlos dem Alkohol verfallen. Mit Irmgard Keun, die die Sommer- und Exilgemeinde aufmischt, kommt noch einmal ein Silberstreif an den Roth`schen Horizont. Dennoch: Alle wissen, es ist Götterdämmerung, das Heil besteht nur noch in der Flucht. Ostende, `36, das ist ein letzter „magischer“ Sommer, in dem persönliche und politische Hoffnungen wie kurze Leuchtfeuer aufflackern und ebenso schnell erlöschen.
Informativ und routiniert geschrieben
Ein kurzes Feuer ist auch das wenig mehr als 150 Seiten umfassende Buch. Zwar durchaus: Informativ, sich auf die Quellen stützend, wörtliche Zitate aus Briefen und Aufsätzen einflechtend, faktenreich, dort, wo die Situation der Schriftsteller und Journalisten abgebildet wird, die vor den Nazis flüchten mussten. Dort, wo Weidermann jedoch vom Biographischen verstärkt in das Romanhafte gleitet, erreicht das Buch seine Grenzen.
„Ein paar Tage später sitzen sie noch einmal alle zusammen. Alle braun gebrannt, außer Roth, dem alten Sonnenfeind. Sie sitzen wieder im Flore, mit Blick aufs Meer und die Badehäuschen. Christiane Toller strickt trotzig vor sich hin, Gisela Kisch lacht, wann immer es etwas zu lachen gibt und auch wenn es nichts gibt, Lotte Altmann ist still, und nur wenn sie leise hustet, bemerkt die große Runde, dass sie noch da ist, Schachfuchs schaut aufs Meer, Stefan Zweig sitzt zwischen Lotte und Fuchs, raucht und hört zu, wenn Egon Erwin Kisch von Spanien spricht, vom Krieg der Kommunisten, neuesten Berichten von der Front, und Arthur Koestler von seinen Reiseplänen, die ihn in Francos Hauptquartier führen sollen.“
Es scheint, als habe Weidermann der Ehrgeiz gepackt, das „Who-is-who“ der Ostender Exilgemeinde 1936 in einen Satz zu pressen. Stimmungsvolle Stillleben – die Charaktere werden skizziert und angepinselt, mehr jedoch nicht. Von seinem (vermutlich) insgeheimen Vorbild Stefan Zweig, dem Meister des psychologisierenden biographischen Romans („Maria Stuart“, „Marie Antoinette“), bleibt Weidermann weit entfernt.
Was bleibt von der Lektüre? Hunger nach Zweig und Roth im Original. Die Zeit sollte man sich, gerade in einer Zeit, die keine Zeit hat, etwas aufzulösen, dringend nehmen.
Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur (2021)
Wenn man sich dieser Tage darüber echauffiert, wie mühsam und zäh sich in einer vielfältiger gewordenen Parteienlandschaft der Regierungsbildungsprozess gestaltet, ja, dem sei nicht nur Geduld angeraten, sondern vielleicht auch die Lektüre dieses Buches. Prozesse in der Demokratie brauchen ihre Zeit. Notstandsgesetze sind dagegen schnell erlassen, der Terror regiert ohne Rücksicht auf langatmige Meinungsbildung.

Dass der Wandel einer zwar maroden Weimarer Republik hin zum nationalsozialistischem Terrorregime rasend schnell ging, ist jedem mit etwas historischem Interesse zwar bewusst. Aber wie sehr dies die Intellektuellen – die es ja vielleicht besser hätten wissen können – überraschte und überrollte, das macht der Literaturkritiker und Schriftsteller Uwe Wittstock mit seinem Band „Februar 33“ eindrucksvoll deutlich.
Zwischen der Machtergreifung Hitlers und den ersten brennenden Büchern lagen nur wenige Wochen. Und obwohl der „Stürmer“ und andere nationalsozialistischen Presseorgane schon in den Jahren zuvor keine Zweifel daran ließen, dass Autorinnen und Autoren und Journalisten wie Carl von Ossietzky, Erich Mühsam oder Gabriele Tergit auf ihren schwarzen Listen standen, dass selbst der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, der mit den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ noch zu den Befürwortern des Ersten Weltkriegs gezählt hatte, argwöhnisch beäugt wurde – ja trotz dieser offenen Feindschaft zu allem, was als intellektuell, meinungsstark und links galt – ja trotzdem wurde diese Zielgruppe quasi über Nacht nicht nur zum Staatsfeind Nummer eins, sondern zu Gefangenen, Verfolgten, Ermordeten. Erich Mühsam, bereits 1934 von KZ-Wächtern erschlagen, war eines der ersten Todesopfer, die in Wittstocks Buch ihren Platz finden.
Die „Säuberungen“ gingen rasend schnell
Er bezeichnet es im Untertitel als den „Winter der Literatur“: In den wenigen kalten Wochen ab dem 30. Januar 1933 wurden die Straßen tatsächlich buchstäblich leergefegt von allem, was zuvor die lebendige, laute und intellektuell herausragende Weimarer Zeit ausgemacht hatte. Wittstock schreibt in seinem Vorwort: „(…) über Schriftsteller und Künstler im Februar 1933 wissen wir unvergleichlich mehr Persönliches als über jede andere Gruppe. Ihre Tagebücher und Briefe wurden gesammelt, ihre Notizen archiviert, ihre Erinnerungen gedruckt und von Biografen mit detektivischem Ehrgeiz durchleuchtet.“
Der Autor, davon zeugt auch die umfangreiche Liste an „benutzter“ Literatur, die Wittstock benennt, hält sich eng an diese Fakten, gibt im Nachwort auch einen Werkstatteinblick, in dem er erläutert, wie er mit diesen Quellen umging. Das ist wohltuend: Gab es in den vergangenen Jahren doch auch eine gehäufte Anzahl an Büchern aus dem Bereich literarischer Dokumentation und fiktionalisierter Biographien, die diese Einblicke nicht erlaubten – und die Lesenden ratlos im Bereich zwischen Dichtung und Wahrheit zurückließen.
Gleichschaltung der Akademie der Künste
Doch die große Stärke des Buches ist, dass Wittstock, anstatt anekdotenhaft ein ganzes Kaleidoskop an Schicksalen und Figuren aufzufächern, um diese Zeit zu bebildern, sich auf ein gutes Dutzend (oder etwas mehr) Protagonisten beschränkt und die Fäden der einzelnen Schicksale und ihre Verknüpfungen immer wieder aufgreift. So am Beispiel von Thomas Mann, Bert Brecht und Hanns Johst, der 1935 Präsident der Reichsschrifttumskammer wird und bereits 1933 die Gleichschaltung der Sektion Dichtung an der Preußischen Akademie der Künste betreibt.
„Eine faszinierende Konstellation: drei Schriftsteller, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in München über den Weg laufen und deren Entwicklung unterschiedlicher nicht sein könnte.“
Gerade am Schicksal der Akademie macht Wittstock eindrücklich deutlich, wie vehement und gut organisiert sich die Nationalsozialisten die Meinungshoheit eroberten und Andersdenkende ausschalteten, wie schnell Mitläufer bereit waren, sich anzupassen oder narzisstische Naturen wie Gottfried Benn versuchten, die Zeitenwende für sich zu nutzen.
Die Sprache als Teil der Heimat, die Furcht vor dem Exil
In der Akademie, den Gesprächszirkeln, den Stammkneipen und den Cafés, in die Wittstock die Leser mitnimmt, war eine Frage, ein Zwiespalt der beherrschende: Gehen oder bleiben? Widerstand aus dem Innern oder aus dem Exil? Und wenn Flucht, was konnte einen dort erwarten? Über Oskar Maria Graf meint Wittstock:
„München und Bayern sind für Graf mehr als nur die Heimat. Sie sind für ihn als Schriftsteller das wichtigste Thema, das unentbehrliche Material, von dem er lebt. Worüber wird er schreiben, wenn er jetzt ins Ausland geht?“
Aber Graf weiß auch: „Unter den Nazis würden seine Geschichten niemals gedruckt und verkauft werden dürfen.“
Wie Thomas Mann von seinen Kindern geradezu gedrängt werden muss, nach einer Lesereise nicht in dieses Deutschland zurückzukehren, das über Nacht ein anderes geworden ist, wie Carl von Ossietzky, sein Schicksal erahnend, beschließt, zu bleiben, wie Brecht, Döblin und andere auf gepackten Koffern sitzen, dies alles verbindet Uwe Wittstock sehr gekonnt mit den parallel verlaufenden Entwicklungen auf der politischen Ebene.
Vom Presseball in die Gestapo-Folterkammer
Vom Presseball, wo der letzte Tanz der Republik stattfindet, rüber in die Reichskanzlei, wo in der Wohnung des Franz von Papen die Machtübernahme eingefädelt wird, bis gegen Ende des Buches hinein in die Folterkammern der SA: Das liest sich streckenweise atemlos und – wäre es nicht bittere deutsche Vergangenheit – auch wie ein Krimi.
Seit „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ ist diese Technik der zeitgeschichtlichen Collage geradezu en vogue. Und wie es halt so geht: Da kommen dann auch etliche Schnellschüsse auf den Markt, die nicht allzu sehr überzeugen. Wie gut, dass sich Wittstock für dieses Buch, das einen elementaren Einschnitt in die deutsche Geistesgeschichte beschreibt, offenbar Zeit zum Recherchieren und Schreiben gelassen hat. Ein gelungenes Buch, das nochmals deutlich macht, welchen geistigen Verlust die deutsche Literatur und Kunst in diesen wenigen Wochen erlitten hat.
Bibliographische Angaben:
Uwe Wittstock
Februar 33. Der Winter der Literatur.
C.H.Beck Verlag, 2021
ISBN: 978-3-406-77693-9
