
Oskar Maria Graf wurde 1894 in Berg am Starnberger See geboren. Als neuntes von elf Kindern in einer Bäckersfamilie erlebte Graf früh Armut und Gewalt. Aus dem engen Milieu des Dorfes flüchtete Graf 1911 nach München, wo er mit den Erich Mühsam und Gustav Landauer in Kontakt kam. Dies sollte ihn für den Rest seines Lebens prägen: Oskar Maria Graf blieb bis zum seinem Tod ein überzeugter Antifaschist. 1933 ging er ins Exil, er starb 1967 in New York City.
Diese Haltung ebenso wie seine Fähigkeit, „dem Volk aufs Maul zu schauen“, prägten auch seine literarischen Werke. 1927 gelang Graf ihm mit seinem autobiografischen Buch „Wir sind Gefangene“ der Durchbruch. „Anton Sittinger“ erschien 1937, zehn Jahre später sein Roman „Unruhe um einen Friedfertigen“.
Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen (1947)
Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben … nein, fromm im eigentlichen Sinne ist der Julius Kraus zwar nicht, aber einer, der sich zurückhält, ein Ruhiger, freundlich, aber doch unverbindlich zu den Nachbarn, einer der das „A-bopa“ scheut. Mit diesem wohl selbsterfundenen Wort bezeichnet der alte Schuster das Gift, das entsteht, wenn die Zeiten unruhig sind, wenn am Stammtisch im Wirtshaus politisiert und hernach geschlägert wird. Wenn die Leute im Dorf sich verfeinden, wenn polemisiert, gehasst und gespitzelt wird, wenn der Zwiespalt selbst Familien auseinanderbringt.
„Und dieses Etwas, schwer schleimig und blutbesudelt, das hatte er – so ist die in panische Angst und in Jammer gestoßene Kreatur! – mit letzter Kraft und Hast weggedrückt, vom Fleck geschoben, weil darunter die kleine Bodenlucke mit dem ängstlich versteckten Schmuck und dem wichtigen Schriftschaften lag. Besinnungslos hatte er den Schatz an sich gerissen, unter dem Mantel verborgen, und war davongelaufen, aus dem Haus, weg aus dem Viertel, aus der Stadt; nach Monaten kam er in Winniki bei der Tante Sarah an, blieb eine Zeitlang und ging wieder weiter, weiter, immer weiter, landete schließlich nach vielen Elends- und Irrfahrten in Wien, kam ins Bayerische und war inzwischen verloschen als Juljewitsch Krasnitzki, heiratete seine Kathi in Fürth, holte seinen Buben von der Tante Sarah, hieß schließlich Julius Kraus, und nichts verriet mehr, was er einst gewesen war…“
Ende des Exodus in Oberbayern?
Was das „A-bopa“ mit Minderheiten anstellt, das hat der Kraus bereits als junger Mann miterleben müssen: Die Familie wird bei einem Pogrom in Odessa hingemetzelt, nur ihm gelingt – nachdem er den Familienschmuck unter dem toten Leib der Mutter hervorzieht – die Flucht. Im oberbayerischen Dorf Auffing scheint der Exodus endlich zu einem Ende zu kommen: Julius, seine Frau und der Sohn aus erster Ehe finden hier ein neues Zuhause, finden sich in die Dorfgemeinschaft ein.
Bis das „A-bopa“ wieder sein übles Gift verbreitet: Der von Oskar Maria Graf bereits in seinem amerikanischen Exil geschriebene Roman umfasst die Zeitspanne vom Ersten Weltkrieg bis zu Hitlers Machtergreifung. Auch der dörfliche Kosmos bleibt – obwohl die Bauern andere Sorgen drücken als die hungernde Arbeiterschaft in den Städten – von den politischen Unruhen nicht verschont.
Dem Vergessen entrissen: Autor*innen der Weimarer Republik
Nach 1945 wurden viele der zuvor verfolgten Autor*innen fast vergessen. Es ist ein Verdienst unabhängiger Verlage, diese Werke wieder aufzulegen.
Das Leben von Erich Mühsam: Sich fügen heißt lügen
„Sich fügen heißt lügen.“ Nach diesem Motto lebte der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam, der von den Nationalsozialisten ermordet wurde.
Memoiren eines Moralisten – Hans Sahl und das Exil
Die Erinnerungsbände von Hans Sahl sind mit das Beste, was man an autobiografischer Exilliteratur über das 20. Jahrhundert lesen kann.
Falsche Versprechen und viel Propaganda
Wie unter einem Brennglas wird am überschaubaren dörflichen Kosmos deutlich, wohin existentielle Not, finanzielle Sorgen sowie die Perspektivlosigkeit und Traumatisierung der von den Schlachtfeldern zurückgekehrten jungen Männer führen. Und wozu falsche Versprechungen und Propaganda verführen, wenn die Saat – die Gier oder auch nur der schlichte Wunsch nach einem besseren Leben – gelegt ist.
„In der deutschen Literatur der letzten fünfzig Jahre gibt es viele Zeugnisse über die spezifisch deutsche Variante des heute weltweit anzutreffenden Phänomens eines blinden Nationalismus und tödlichen Faschismus. In der Regel berichten alle diese Zeugnisse aber über die Anfänge der braunen Marodeure in den Städten, wo ihre Marschkolonnen mit viel propagandistischem Getöse zuerst die Machtübernahme probten. Nur in wenigen Zeugnissen werden die Erscheinungsformen dieser verhängnisvollen Entwicklung draußen in der Provinz dargestellt. Oskar Maria Graf hat dies in seinen Büchern mehrmals aus dem Raum der Dörfer im Hinterland der späteren „Hauptstadt der Bewegung“ getan, in der der „Bluthund“ zuerst auftauchte“, so der Schriftsteller Hans Dollinger, der den 1967 verstorbenen Graf noch persönlich kannte, im Nachwort meiner Taschenbuch-Ausgabe.
Dieses Verorten im ländlichen Raum macht insbesondere die „Unruhe um einen Friedfertigen“ zu einem ganz besonderen Zeugnis dieser unsäglichen Zeit. In den Beschreibungen der Bauersfamilien, der Dorfgemeinschaft, in der der altersmilde Pfarrer und die benachbarten Jesuiten zu den moralischen Instanzen gehören, der Krämerladen zum Umschlagplatz für die Neuigkeiten aus „der Stadt“ wird und man trotz der „Schande“ das Kind einer Bauerntochter und des russischen Kriegsgefangenen integriert, wird ein Stück altes Bayern lebendig – Landleben, das Graf, selbst in New York stets in der Lederhose auftretend, im Exil im Herzen mit sich trug.
Graf blieb auch im Exil ein Ur-Bayer
Sozialist, ohne in einer sozialistischen Partei zu sein, gläubig, ohne dem Katholizismus zu huldigen, heimatverbunden, aber ohne patriotisches Hurra-Geschrei, gepaart mit einem nüchternen Blick auf das Leben und die Menschen: Dies prägte das Schaffen und Schreiben dieses Ur-Bayern. In „Unruhe um einen Friedfertigen“ zeichnet er ein Bild dieser Landbevölkerung, die, als das Geheimnis von Julius Frank, seine Herkunft, sein Judentum, zu Tage tritt, ihn zwar weiterhin als einen der ihren betrachtet – den Unruhestiftern und dem Hass, den der Nationalsozialismus verstreut, jedoch nichts weiter entgegenzusetzen hat denn Gottergebenheit.
„Dunkel hob sich seitwärts die immergrüne Fichtenwand der Waldung ab. Träg und farblos hing der Himmel darüber. Fast wie dieses Land waren all die Leute. Nichts rührte sie als die Jahreszeiten. (…) Der Staat, die Regierung, kurz „das A-bopa“, lag gewissermaßen weit weg von ihnen. Sie trauten ihm nichts Gutes zu, sie liebten und sie haßten es nicht. Es ging sie nichts an, aber sie fügten sich ihm stumpf und murrend. Nicht einmal jetzt, da sie alle schon einige ganze lange Zeit das Treiben der Nazis aus nächster Nähe erlebt hatten und begreifen mußten, was die über sie und ihre Heimat brachten, stellten sie sich dagegen. Offenbar war ihnen sogar daran nichts gelegen, wenigstens diese ihre Heimat frei zu halten. Jeder von ihnen dachte nur an sich und das, was unmittelbar damit zusammenhing. Darum blieben sie Millionen einzelne, mit denen jeder, der sie zielbewußt beherrschte, leichtes Spiel hatte.“
Die Sprache ist für Oskar Maria Graf die eigentliche Heimat
Man wünschte sich in Zeiten wiedererstarkenden Nationalismus, die Menschen erinnerten sich an die Geschichte, an vergangenes Übel und wären befähigt, gemeinsam gegen das „A-bopa“ einzustehen. Doch täglich sprechen die Nachrichten eine andere Sprache. Die Macht der Literatur ist begrenzt – und dennoch: Wenn ich Oskar Maria Graf lese, dann hoffe ich, dass auch andere ihn lesen und dass seine leib- und lebhaftigen Schilderungen dazu beitragen, die Unruhen um Friedfertige einzudämmen…
Dem Schriftsteller war eine Ausstellung im Literaturhaus München gewidmet: „Rebell, Weltbürger, Erzähler“. Sie beschäftigte sich vor allem mit den langen Jahren des Exils – er verließ Deutschland 1933 und kehrte nur noch zu Besuchen zurück – und gab eindrucksvoll Einblicke in Denken und Werk Oskar Maria Grafs. Heimat, so wurde dabei deutlich, hing für ihn nicht am Konstrukt einer Nation, sondern war „in der Erinnerung an die Landschaft, in der Sprache und unter Freunden zu finden.“
„Ich glaube immer, daß die wahre Heimat die Sprache ist.“

Anton Sittinger (1937)
„Menschen wie Sittinger gibt es in allen Ländern. Abertausende. Ihre Zahl ist Legion. Alle Gescheitheit und List, aller Unglaube und alle Erbärmlichkeit einer untergehenden Schicht ist in ihnen vereinigt. In manchen Zeiten heißen sie „du“ und „ich“. Dennoch wird niemand daran glauben, daß er auch zu ihnen gehört. Er würde sich schämen und belächelt sie verächtlich. Er weiß nicht, daß diese Verachtung ihn selber trifft. Sie erscheinen harmlos, und ihr giftiger Egoismus gibt sich stets bieder. Sie sind die plumpsten und verheerendsten Nihilisten unter der Sonne.„
Nein – dies ist kein Portrait einer dieser Menschen, die derzeit durch deutsche Straßen ziehen und skandieren „Wir sind das Volk“. Aber es könnte einer von ihnen sein, der hier beschrieben ist – so genau, so haarscharf hat Oskar Maria Graf (1894 geboren am Starnberger See, 1967 verstorben in New York) den verbitterten Kleinbürger, den opportunistischen Mitläufer gezeichnet. Ein Typ, den es heute gibt, den es morgen immer noch geben wird, den es zu Zeiten von Oskar Maria Graf en masse gab und der letztendlich in all seiner Banalität das Böse zuließ.
„Anton Sittinger. Ein satirischer Roman“ erschien erstmals 1937, fünf Jahre nach dem „Bolwieser“. Beide Romane können oder sollten in Zusammenhang gelesen werden – es sind seine „Spießer-Romane“, in denen er scheinbar banale Lebensläufe, durchschnittliche Einzelschicksale nimmt, um an ihnen die Mechanismen der Kleinbürgerseele zu zeigen. Und auch, um deutlich zu machen, wie die Politik sich auf den Einzelnen auswirkt und, wie – vive versa- der Einzelne mit seinen Entscheidungen die Politik mitprägt. Und auch „Unruhe um einen Friedfertigen“ handelt von diesem Stoff.
Charakterisierung des Spießertums
Beide Romane sind treffende Charakterisierungen der „kleinen Leute“, die mit ihrer Unterwürfigkeit nach „oben“ und dem Treten nach „unten“ letztlich das gemeinschaftliche Zusammenleben prägen. Eine Variation und spätere Fortsetzung der von Heinrich Mann im „Professor Unrat“ und dem „Untertan“ beschriebenen Typen.
„Instinktiv hassen sie den sozial Benachteiligten, den Arbeiter und Armen, und ihr tückischer Haß wird sofort zur unversöhnlichsten Feindschaft, sobald sie merken, daß sie bei einer unsozialen Umwälzung etwas einzubüßen hätten. Deswegen ist ihnen die wirkliche Demokratie ein Greuel. Darum sind sie so schrullig konservativ, so stockreaktionär und meist monarchistisch.“
Fokussiert sich der Bolwieser noch vor allem auf die Szenen einer Ehe, ist „Anton Sittinger“ ein durch und durch politischer Roman: Graf, ab freiwillig 1933 im Exil, nachdem er zuvor von den Nationalsozialisten verlangt hatte, auch seine Bücher zu verbrennen, zeichnet am Werdegang des Sittinger die Entwicklung eines Postinspektors von der Münchner Räterepublik bis zur Wahl Hitlers und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nach.
Hitler spaltet auch die Dorfgemeinde
Sittinger verabscheut sie eigentlich alle – die „roten Revoluzzer“ und den braunen Abschaum. Was er vor allem will, ist seine königlich-bayerische Ruhe – auch vor der gut deutsch-hysterischen Ehegattin, die für schmucke blonde Männer in Uniform entbrennt – und das Zusammenhalten seines Geldsäckels. Den Unruhen in München glaubt er entkommen, als er nach der lang ersehnten Pensionierung ein Haus auf dem Lande erwirbt. Doch auch dort holt ihn „die Politik“ wieder ein: Im Wirtshaus werden die Nachrichten debattiert, das Dorf spaltet sich bald in Anhänger und Gegner Hitlers.
Sittinger spürt, er muss sich entscheiden und positionieren, will er an der neuen Zeit teilhaben beziehungsweise nicht der Rachlust des örtlichen Nazis ausgeliefert sein. Da hilft auch sein pseudophilosophisches Spinnisieren nicht, nicht die – freilich meist falsch und für eigene Zwecke mißbrauchte – Inanspruchnahme philosophischer Leitsätze von Seneca über Schopenhauer bis Macchiavelli. Der kleinmütige, eigensüchtige Zögerer, ein Wendehals, springt unter äußerstem Druck letztendlich auf den nationalsozialistischen Zug auf – getrieben vor allem von einem Motiv: Seine Ruhe zu erhalten.
Oskar Maria Graf, der kraftvolle Volksschriftsteller
In beiden Romanen zeigt sich Oskar Maria Graf als der kraftvolle Volksschriftsteller, der wie wenig andere das dörfliche und kleinstädtische Leben auf dem bayerischen Lande mit Bildern zu füllen vermochte: Da geht es mitunter durchaus krachledern bis hin zu saukomisch zu, die Figuren sind einerseits satirisch leicht überzeichnet, andererseits lebendig und lebensecht.
„Hernach, in der Postwirtsstube, schimpften die Reitlmooser verdrossen über diese „braune Sauwirtschaft“. Immer wieder hieß es, der Hitler sei nichts für einen Reichskanzler.
„Und überhaupt – Bayern bleibt Bayern! Was wir machen, geht keinen Preußen was an!“ schloß der Pflögl.
Eine mißgünstige Bedrückung machte sich breit.
„Unsere Minister sind auch Hosenscheißer! Wenn`s Männer wären, täten`s einfach vom Reich weggehn und die ganze Hakenkreuzlerschippschaft `nausjagen…Meinetwegen alle zu den Preußen! Alsdann wär` gleich eine Ordnung!“ murrte der Kergler. „Aber mein Gott, wenn nirgends Männer sind!“
Alle nickten und schauten trüb geradeaus.“
Graf nutzt den Raum, um den beschriebenen Typ zu analysieren, auch um seine eigene Haltung diesem Menschenschlag gegenüber, der sich durch Nichthandeln schuldig macht, zu verdeutlichen. Graf beschreibt die „kleinen Leute“ zwar einerseits voller Empathie – jeder habe einen inneren Kleinbürger und Schweinehund in sich: „In manchen Zeiten heißen sie „du“ und „ich“…“. Andererseits zeigt er sich auch resigniert, glaubt nicht an einen Wandel der Menschheit: „Ich glaube, daß man die Sittingers im besten Falle neutralisieren kann, aber nichts weiter.“
Wie recht er doch hatte, schaut man heute auf Deutschland.
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