Erst gefeiert, dann verboten, später vergessen und sehr spät in ihrem Leben wiederentdeckt. Der Name von Irmgard Keun steht heute wie kein zweiter für einen neuen Ton in der Literatur, wie er in der Weimarer Republik erklang: Frech, unbekümmert und unbeschreiblich weiblich. Ein Portrait in Büchern.
| Werk (Roman / Erzählung) | Erscheinungsjahr | Literarischer Schwerpunkt / Thema |
|---|---|---|
| Das kunstseidene Mädchen | 1932 | Großstadtroman, Neue Sachlichkeit, Frauenbild der 1920er |
| Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften | 1936 | Lausmädchengeschichten, Satire, frühkindliche Skepsis gegen Scheinmoral |
| Nach Mitternacht | 1937 | Anti-Nazi-Roman, Alltag im Nationalsozialismus, Flucht & Exil |
| Kind aller Länder | 1938 | Exilroman aus Kinderspektive, Kampf ums Überleben, Joseph Roth |
| D-Zug dritter Klasse | 1938 | Romanerzählung im Zug, Emigrationsparodie, private Krisen im Exil |

Das kunstseidene Mädchen (1932): Glamour und Götterdämmerung
Sie vertrat die falschen Ansichten. Sie hatte eine Meinung. Und sie war selbstbewusst und frei. Alles, was eine Frau in Nazi-Deutschland nicht sein durfte. So musste auch Irmgard Keun (1905 – 1982) den Unrechtsstaat verlassen, kurz, nachdem sie mit ihrem zweiten Roman, „Das kunstseidenen Mädchen“ einen Sensationserfolg erzielt hatte. Aber die darin geschilderte Frauenfigur passte eben so gar nicht zum Frauenideal des Dritten Reiches. Zu kess, zu flatterhaft, zu eigenständig – das ist die 18jährige Doris, die Kunst- und Halbseidene, die in der Metropole Berlin unbedingt „ein Glanz“ werden möchte.
„Tilli sagt: Männer sind nichts als sinnlich und wollen nur das. Aber ich sage: Tilli, Frauen sind auch manchmal sinnlich und wollen auch manchmal nur das. Und das kommt dann auf eins raus.“
Glamour und Götterdämmerung
Das gelingt am Ende nicht. Zum einem, weil Doris mit ihrem weichen Herzen und dem Hang zu falschen Männern halt doch nicht ganz zum Glanz taugt. Und zum anderen, weil die Umstände nicht so sind in der Weimarer Republik. Denn Doris schildert nicht nur das schillernde und glitzernde Berlin der 1920er Jahre in ihrem unablässigen Gedankenfluss, sondern auch die Schattenseiten. Keun, als Vertreterin der „Neuen Sachlichkeit“ zeigt in diesem Roman, dass auch sie den „stream of consciousness“ perfekt beherrscht.
Götterdämmerung ist angesagt: Armut, Arbeitslosigkeit, Nationalismus, Antisemitismus, Rassenhass. All das sind die Unter- und Hintergründe, die durch die (nur scheinbar) belanglose Plauderei der kleingroßen Naiven durchschimmern. Und nicht zuletzt ist „Das kunstseidene Mädchen“ auch einer der herausragenden Großstadtromane dieser Zeit. Die pulsierende Metropole, betrachtet aus den großen Augen einer staunenden Frau:
„Und ich kam an auf dem Bahnhof Friedrichstraße, wo sich ungeheures Leben tummelte. Und ich erfuhr, daß große politische Franzosen angekommen sind vor mir, und Berlin hatte seine Massen aufgeboten. Sie heißen Laval und Briand – und als Frau, die öfters wartend in Lokalen sitzt, kennt man ihr Bild aus Zeitschriften. Ich trieb in einem Strom auf der Friedrichstraße, die voll Leben war und bunt und was Kariertes hat. Es herrschte eine Aufregung! Also ich dachte gleich, daß sie eine Ausnahme ist, denn so furchtbare Aufregung halten auch die Nerven von einer so enormen Stadt wie Berlin nicht jeden Tag aus.“
Zeitgemäßes Frauenbild statt NS-Ideal
Doris, die einerseits ein kunstseidenes Mädchen und andererseits doch eine ganz starke Frau ist, scheitert und bleibt allein. Als hätte Irmgard Keun ihren eigenen Lebensweg vorgezeichnet. Man mag an dem Frauenbild und Frauentyp zweifeln – trotz ihres Ehrgeizes, aufzusteigen und aus den kleinen Verhältnissen ihrer Familie auszubrechen, verkörpert Doris eben nicht die neue, emanzipierte Frau, sondern das Mädchen, das sich verkauft.
Aber auch das ist immer noch zeitgemäß, meint Sonja Hilzinger in einem Portrait bei der Deutschen Welle:
„Aktuell sind gerade heute Stoff wie Schreibweise. Junge Mädchen, die als Germanys next Topmodel oder als Schlagersternchen „ein Glanz werden“ wollen, sehen, wie Keuns Doris, in einer Krisenzeit keine anderen Möglichkeiten für sozialen Aufstieg.“
Volker Weidermann: Ein Glanz, der von innen kommt
„Und so war auch das Buch, so wie das Leben, so wie im Film, schnell und oberflächlich und genau, weltmitschreibend, sich selbst verschenkend an die Welt, spielend mit der Welt, Schritt für Schritt Berlin erobern, die Männer erobern, das Leben erobern. Nicht mit Arbeit. Mit einem Glanz, der von innen kommt, mit einem Magnetismus, der die Welt tanzen lässt, um das kunstseidene Mädchen herum.“
Volker Weidermann in „Das Buch der verbrannten Bücher“:
Doch der Tanz wird – die Zeitumstände sind schuld daran, zugleich aber auch eine charakterliche Disponierung zum Alles-Verschlingen, zur Sucht, zur Selbstzerstörung – der Tanz also wird zum traurigen Walzer. Denn Irmgard Keun war sicher nicht das, was man eine in sich ruhende Persönlichkeit nennen könnte – zu temperamentvoll, zu sprunghaft, zu lebenslustig und lebenshungrig.
Irmgard Keun klagte gegen die Nationalsozialisten
Und manches Mal war sie auch zu mutig – bis hin zum Übermut. Ihr erster Roman „Gilgi – eine von uns“ (1931) machte sie über Nacht berühmt. 1932 folgt der Bestseller „Das kunstseidene Mädchen“. 1933 werden ihre Bücher von den Nazis beschlagnahmt und verboten. Bevor Keun jedoch ins Exil flüchtet (und dort Joseph Roth, ihrem Schicksalsmann begegnet), legt sie sich mit der Zensur an. Sie erhebt Schadensersatzklage wegen des Verdienstausfalls, den sie durch die Beschlagnahmung ihrer Bücher erlitten habe.
Zugleich beantragt sie aber auch die Aufnahme in die Reichschrifttumskammer. Auch das ist ein wenig kunstseidene Doris – die Hin- und Hergerissenheit zwischen den Möglichkeiten und dem Notwendigen. Manches wird später zurechtgebogen von ihr selbst und überhöht. Eine Gestapo-Haft erlebte sie nie, auch nicht Folter und Verhöre, wie sie in späteren Lebensjahren manches Mal behauptete.
Die Keun-Biografin Hiltrud Häntzschel schreibt in ihrer Monographie (Rowohlt Taschenbuch) über Irmgard Keun:
„Irmgard Keun hatte zur Wahrheit ihrer Lebensumstände ein ganz spezielles Verhältnis: mal aufrichtig, mal leichtsinnig, mal erfinderisch aus Sehnsucht nach Erfolg, mal phantasievoll aus Lust, unehrlich aus Not, mal verschwiegen aus Schonung.“
Ganz so, wie auch das kunstseidene Mädchen war.
1936 flieht Irmgard Keun in das Exil
In ihrer Heimat kann sie nicht mehr arbeiten, verlassen will sie sie jedoch ebenfalls nicht. 1936 ist es jedoch unumgänglich, Irmgard Keun flieht in das Exil. Es folgen Wanderjahre, Existenzsorgen, zudem ein zunehmender Alkohol- und Tablettenmissbrauch. Vor allem aber treibt Irmgard Keun die Sorge um die im Deutschen Reich zurückgebliebene Mutter und das Heimweh um. 1940 kehrt sie heimlich – aber von den Nazis wohl durchaus wahrgenommen – nach Deutschland zurück, überlebt in der Illegalität. Nach Kriegsende fällt es ihr schwer, im Literaturbetrieb wieder Fuß zu fassen.
Kunstseidene wird Trümmerfrau
Eigentlich wäre „Das kunstseidene Mädchen“ auch eine Frau der zweiten Nachkriegszeit in Deutschland. Eine, die sich durchschlagen muss, die aus der Not heraus versucht, das Beste aus ihren Lebensumständen zu machen. Aber es scheint, als habe die neue Zeit keinen Raum für diese schnodderige Sprache mehr, keinen Sinn mehr für diesen Stil, der so eng mit den „Roaring Twenties“ verknüpft ist. Das Frauenbild der Weimarer Republik hat ausgedient, die Kunstseidene wird zur Trümmerfrau.
Bei Irmgard Keun im wahrsten Sinne des Wortes. Sie verarmt immer mehr, lebt kurzfristig in einem zerbombten Haus, immer weiter geplagt von ihren Abhängigkeiten. Kurze Phasen von Produktivität wechseln sich mit Krankenhausaufenthalten ab. 1966 wird sie dann für Jahre in die Psychiatrie eingewiesen. Nach ihrer Entlassung 1972 erlebt sie wenigstens in ihren letzten Lebensjahren als Schriftstellerin neue Beachtung. Sie wird als Stimme der Weimarer Republik von Jürgen Serke im Rahmen seiner Recherchen über die „Die verbrannten Dichter“ wiederentdeckt. Ihre Bücher werden wieder aufgelegt und erfahren erneut größeres Interesse. 1982 stirbt Irmgard Keun in Köln.
Was von ihr bleibt?
Ihre Romane, nicht nur „Das kunstseidene Mädchen“, auch die „Gilgi“ oder das bedrückende Buch „Nach Mitternacht“. Eine Frauenstimme, die schwingt zwischen Lebenshunger und Verzweiflung. Die Sehnsucht nach der dunkelblauen Glocke wie im kunstseidenen Mädchen:
„Ich wünsche mir sehr mal die Stimme von einem Mann, die wie eine dunkelblaue Glocke ist und in mir sagt: hör auf mich; was ich sage, ist richtig; und wünsche mir dann ein Blut in mein Herz, was ihm glaubt…“

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Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften (1936)
Eine Autorin, ein Sprachstil, eine Erzählperspektive – und doch zwei so unterschiedliche Bücher. In ihrem 1938 erschienenen Roman „Kind aller Länder“ wirkt der Stil zum Teil aufgesetzt, das kindliche Geplauder auf den Leser auch ermüdend. Ganz anders dagegen ist dies bei den Erzählungen, die Irmgard Keun zwei Jahre zuvor verfasste. Auch hier schildert die Autorin die Welt durch die Augen eines Kindes. Zu den überwiegend vergnüglichen, eher leichtgewichtigen Geschichten passt die kindliche erzählerische Stimme gut.
„Wenn sie meinen, ein Kind hätte keine Sorgen, dann ist das dumm von ihnen. Immer sagen sie: Ach, so eine sorglose Kindheit, nie kommt sie wieder. Aber ein Kind hat bestimmt viel mehr Sorgen als ein Erwachsener.“
Lausmädchengeschichten von Irmgard Keun
Es sind „Lausmädchengeschichten“: Die junge Protagonistin, eine Drittklässlerin, ist eine Renitente, die gegen die falsche Moral Erwachsener aufbegehrt. Man könnte die Erzählungen – die aufeinander aufbauen und somit eine Art Fortsetzungsroman ergeben – in der Tradition der Geschichten Ludwig Thomas verorten. Ein Kind decouffriert die Scheinmoral der Erwachsenen, rebelliert gegen altjüngferliche Tanten, bissige Nachbarinnen, scheinheilige Lehrerinnen.
Satirische Kritik aus Kinderperspektive
Keun gibt ihrer kleinen Heldin frühkindliche Skepsis mit: Wenn in der Schule Hurra-Patriotismus gepredigt wird, wenn vom „perfiden Albion“ die Rede ist, so stellt die Protagonistin dem die Erfahrungen ihrer Lebenswelt gegenüber – die Lebensmittelknappheit, die in allen Haushalten herrscht, die Hamsterei und das Betteln bei den Bauern, die existentiellen Sorgen, die den Alltag prägen, die Männer mit den „abgeschossenen Armen“, die aus dem Krieg zurückkehren. Und dominiert wird der Ton vor allem durch das kindliche Mitgefühl, das Kategorien wie „Freund und Feind“, die dem Nationalismus entspringen, einfach noch nicht kennt.
Einen zentralen Platz nimmt dabei die Erzählung „Wir schreiben an den Kaiser“ ein:
„Und ich schreibe dem Kaiser, dass ich mit sehr viel klugen erwachsenen Leuten gesprochen habe, und die meinten nun, Frieden wär viel schöner als Krieg, und überhaupt dauerte der Krieg jetzt lang genug und wäre eine Schweinerei, als Kaiser würde er so was sicher gern wissen, und er müsste doch immer in seinem Schloß sein und regieren, aber ich könnte ja herumlaufen und hören, was die Leute reden. Und das Beste wäre, er würde abdanken.“
Literatur der Weimarer Republik:
Dem Vergessen entrissen: Autor*innen der Weimarer Republik
Nach 1945 wurden viele der zuvor verfolgten Autor*innen fast vergessen. Es ist ein Verdienst unabhängiger Verlage, diese Werke wieder aufzulegen.
Das Leben von Erich Mühsam: Sich fügen heißt lügen
„Sich fügen heißt lügen.“ Nach diesem Motto lebte der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam, der von den Nationalsozialisten ermordet wurde.
Memoiren eines Moralisten – Hans Sahl und das Exil
Die Erinnerungsbände von Hans Sahl sind mit das Beste, was man an autobiografischer Exilliteratur über das 20. Jahrhundert lesen kann.
Kindermund tut Wahrheit kund
Wie bei „Kind aller Länder“ ist es also auch in diesen Erzählungen der Kindermund, der frech und vergnüglich Wahrheit kundtut. Bedenkt man, dass einige dieser Erzählungen vor 1936 zum Teil noch in deutschen Zeitungen veröffentlicht wurden, so könnte man diese „kindliche Weltanschauung“ auch als mutiges, satirisches Mittel von Irmgard Keun werten. Eintreten für Pazifismus war im Nationalsozialismus ein gefährliches Unterfangen.
Das erste Buch im Exil
Verwegen genug dazu war die Keun, die diese Erzählungen zwar noch im sogenannten „Deutschen Reich“ schrieb. In Buchform konnte sie sie jedoch erst im Exil veröffentlichen. Die Lausmädchengeschichten erschienen als ihr erstes Exil-Buch und fanden zunächst, auch bedingt durch die politischen Umstände, wenig Resonanz.
Das änderte sich später: Wie Hiltrud Häntzschel in ihrer rororo-Monographie über Irmgard Keun berichtet, werden die „unverfänglichen Episoden“ zu ihrem auflagenstärksten Buch nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Insbesondere in „schicken neuen Illustrierten, in der „Ford-Revue“ zum Beispiel, werden ihre kleinen Geschichten gern gedruckt und sicherlich nicht schlecht honoriert.“
Nach Mitternacht (1937): Der Alltag im Nationalsozialismus
Irmgard Keun, die mit „Gilgi“ und ihrer Doris beachtliche Publikumserfolge erzielt hatte, hatte auch nach der nationalsozialistischen Machtergreifung nicht „ausgepiepst“. Sie schrieb weiter, versuchte sich gegen das Verbot ihrer Bücher zu wehren, beobachtete und kommentierte spitzzüngig und satirisch die Vorgänge daheim „im tausendjährigen Reich“. Aber „das kunstseidene Mädchen“ ist in ihrem Schreiben auch reifer, erwachsener geworden: In die leichten, satirischen Töne mischt sich immer mehr ein dunkler Glanz ein, kommen Melancholie und Traurigkeit als Farben hinzu.
„Ich stehe auf der Straße, die Nacht ist meine Wohnung. Bin ich betrunken? Bin ich verrückt? Die Stimmen und Geräusche um mich herum fielen von mir ab wie ein Mantel, ich friere. Die Lichter sterben. Ich bin allein.“
Schon 1935 beginnt Irmgard Keun an ihrem Roman „Nach Mitternacht“ zu arbeiten. „Es ist ein richtiger Anti-Nazi-Roman – aus dem bürgerlichen Nazi-Deutschland, was noch keiner geschrieben hat“, berichtet Irmgard Keun im Juni 1936 – inzwischen lebt auch sie im Exil – an ihren ehemaligen Geliebten Arnold Strauss. Die „Pariser Tageszeitung“ druckt das Buch vorab. 1937 wird es dann im Exilverlag „Querido“ veröffentlicht. Ihr erster Exilroman, ihr erster auch ausgesprochen politischer Roman.
Irmgard Keun schildert den Alltag im Nationalsozialismus
Wieder wählt Irmgard Keun die Erzählperspektive einer jungen Frau, die – wie auch das kunstseidene Mädchen Doris – im naiven, jugendlichen Plauderton aus ihrem Alltag berichtet. Aber eben aus einem Alltag, der von Judenverfolgung, Diskriminierung, Denunziation und ständiger polizeistaatlicher Bedrohung gekennzeichnet ist. Die Handlung spannt sich über zwei Tage im Frühjahr 1936. Die 19jährige Sanna lebt in Frankfurt bei ihrem Halbbruder „Algin“, einem ehemaligen Erfolgsautor, der in Ungnade fiel und sich durch Volkstümliches zu rehabilitieren versucht, obwohl er das Landleben hasst:
„Trotzdem er in seinen Geschichten jetzt tut, als müsse man jedes Häufchen Kuhmist an sein Herz drücken, um ein anständiger Mensch zu sein.“
Subversiver Kunstgriff
Irmgard Keun wendet einen subversiven erzählerischen Kunstgriff an. Indem ihre Hauptfigur zunächst scheinbar unreflektiert das Vokabular der Nazis nachplappert, entlarvt sie die Hohlheit und den Irrsinn dieses Jargons. Doch der Eindruck täuscht. Sanna ist durchaus nicht so naiv, wie sie zunächst wirkt.
„Irmgard Keun stattet sie mit pragmatischen Verstand, mit wacher Beobachtungsfähigkeit, mit dem Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe und einer gesunden Portion Ehrgeiz aus (…)“, so die Keun-Biografin Hiltrud Häntzschel. Und mit Mutterwitz: So vergleicht sie anfangs des Buchs eine Parade während eines Hitler-Besuchs in Frankfurt mit dem Kölner Karneval. Ein großer Aufmarsch, viel Volk, aber ohne Freude.
„Die Welt war groß und dunkelblau, die tanzenden Männer waren schwarz und gleichmäßig – ohne Gesichter und stumm, in schwarzer Bewegung. Ich habe in einem Kulturfilm mal Kriegstänze von Negern gesehen, die waren etwas lebhafter, aber der Tanz der Reichswehr hat mir auch sehr gut gefallen.“
In den zwei Tagen, die das Geschehen umspannt, fällt die kleine Welt der Sanna zusammen: Ihr Halbbruder und dessen Frau Liska haben sich auseinandergelebt. Liska wiederum liebt den Schriftsteller und Journalisten Heini, der die Züge von Kurt Tucholsky trägt. Sannas Geliebter Franz wird zum Mörder an einem Nazi-Denunzianten. Das junge Pärchen muss das Land fluchtartig verlassen. Ebenso wie der gutmütige jüdische Arzt Breslauer, der nicht verstehen kann, warum er trotz Assimilation und Patriotismus in Deutschland, seiner Heimat, nicht mehr sicher ist …
So schmal der Roman, so konzentriert gelingt es Irmgard Keun doch Archetypen, Schicksale dieser Zeit, typische Personen – vom machtgierigen Blockwart über korrupte Parteigenossen bis hin zu den Vertretern der anpassungsfähigen, opportunistischen Halbbohème – unterzubringen.
Klaus Mann und Ludwig Marcus lobten den Roman
Wegen der Präzision der Beobachtungen aus dem Innern der deutschen Wirklichkeit wurde „Nach Mitternacht“ nicht nur von den Kollegen im Exil wie Klaus Mann und Ludwig Marcuse, hochgelobt, sondern auch in zahlreichen Zeitschriften des Auslands vorgestellt und besprochen. Klaus Mann schrieb über das Buch:
„Da kommt nun eine begabte Frau und erzählt uns, wie es heute aussieht in diesem für uns unbetretbaren Land. Irmgard Keun hat es lange ausgehalten im Dritten Reich, sie kennt es, und der Roman, den sie uns nun vorlegt ist bis zum Rande voll von gescheiten Beobachtungen, oft sehr witzigen und sehr schaurigen Details, von kleinen, frappierend lebendigen Dingen (…).“
„Nach Mitternacht“ eines der besten Bücher von Irmgard Keun
Die witzigen Details, sie sollen nicht unterschlagen werden. Denn „Nach Mitternacht“ ist auch heute nicht nur deswegen lesbar und empfehlenswert, weil der Roman das literarische Dokument einer finsteren Zeit ist. Sondern auch, weil die Keun-Texte mit ihrem eigenständigen satirischen Sprachduktus immer noch so lebendig und frisch wirken. Insbesondere dort, wo die Autorin ganz unnachahmlich frech bestimmte Typen zeichnet:
„Diese Betty Raff kam mir von Anfang an noch gefährlicher vor als die Tant Adelheid, obwohl man ihr nur Gutes statt Böses nachsagen kann. Sie ist lang und dünn mit einem ganz kleinen Kopf. Sie hat eine grünlichbraune Hautfarbe, unerhört neugierige braune Quellaugen in einem spitzmäusigen Gesicht, aalglatt zurückgekämmtes braunes Haar und glibbrig kalte magere kleine Froschhände. Sie ist dreißig Jahre alt, reicht säuerlich und sieht auch so aus.“
„Nach Mitternacht“: Als Irmgard Keun mit diesem Roman begann, war es für sie in Deutschland schon fünf vor Zwölf. Wie ihrer Sanna bleibt ihr nur die Flucht, das Exil:
„Armer Emigrant. Glatt und hart wie eine Kastanie wird jedes Land für dich sein. Dir selbst wirst du zur Qual werden und anderen Menschen zur Last. Die Dächer, die du siehst, sind nicht für dich gebaut. Das Brot, das du riechst, ist nicht für dich gebacken. Und die Sprache, die du hörst, wird nicht für dich gesprochen.“

Kind aller Länder (1938): Der ständige Kampf im Exil
„Wir haben so viele Gefahren, das alles ist so schwer zu verstehen. Vor allem muss ich lernen, was ein Visum ist. Wir haben einen deutschen Pass, den hat uns die Polizei gegeben. Ein Pass ist ein kleines Heft mit Stempeln und der Beweis, dass man lebt. Wenn man den Pass verliert, ist man für die Welt gestorben. Man darf dann in kein Land mehr. Aus einem Land muss man `raus, aber in das andere darf man nicht `rein. Doch der liebe Gott hat gemacht, dass Menschen nur auf dem Land leben können. Jetzt bete ich jeden Abend heimlich, dass er macht, dass Menschen jahrelang im Wasser schwimmen können oder in die Luft fliegen.“
Der Pass, nach Brecht edelster Teil des Menschen, ein immer wiederkehrender Gegenstand in der Exilliteratur. Verzweifelt warten beispielsweise die Protagonisten in „Transit“ (Anna Seghers) oder „Die Nacht von Lissabon“ (Erich Maria Remarque) auf Papiere: Einen Pass, ein Visum, eine Bordkarte. Sie ermöglichen die Flucht. Eine Flucht ohne eine Wiederkehr auf absehbare Zeit – am Ende egal wohin, nur weg vom brennenden Kontinent, in dem es für Juden, politisch Widerständige, Intellektuelle und andere Verfolgte kein Versteck mehr gibt. Papiere sind lebensrettend.
Ein Exilroman aus der Perspektive eines Kindes
In dem 1938 von Irmgard Keun geschriebenen Roman „Kind aller Länder“ schlagen sich diese Themen nieder. Das Herumirren durch ganz Europa, die Not der Exilanten, ständig auf der Jagd nach Papieren, Geld, einem neuen Unterschlupf. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied. Irmgard Keun, damals 33 Jahre alt, beschreibt dies aus der Sicht eines Kindes, der zehnjährigen Kully.
In deren Eltern – dem haltlosen, leichtsinnigen Schriftsteller Peter und der Mutter, die im Exil zwischen Heimweh, Wunsch nach Bodenständigkeit (der Versuch, ein Heim in der Fremde zu imitieren, scheitert nicht nur an der politischen Situation, sondern auch an der Rastlosigkeit des Mannes), Pragmatismus und Tagträumerei schwankt – hat Keun, nicht unschwer zu erkennen, auch ihrem Geliebten Joseph Roth und sich ein literarisches Denkmal gesetzt, ihre Erfahrungen dieser Zeit verarbeitet.
„Mein Vater schreibt für unseren Lebensunterhalt. In Ostende hat er ein neues Buch geschrieben, das aber nicht fertig geworden ist, weil wir so viele Sorgen hatten. Wenn meine Mutter und ich meinen Vater mittags abholten, sahen seine Augen manchmal aus, als seien sie weit ins Meer geschwommen und noch nicht wieder zurück. Meine Mutter und ich können sehr gut schwimmen, aber die Augen von meinem Vater schwimmen noch viel weiter. Er hat uns auch oft fortgeschickt, weil er nicht essen wollte. Ein regelmäßiges Leben stört seine Arbeit und ekelt ihn an.“
Irmgard Keun beschreibt den ständigen Kampf ums Überleben
Dieses ständige Gehetztsein und der Druck, der auf dem Schreiben lastet: Das Thema des Romansmacht sich auch in der Sprache Keuns bemerkbar. Die Leichtigkeit des Erzählens, der schnodderige Ton, wie wir sie aus „Gilgi, eine von uns“ und „Das kunstseidene Mädchen“ kennen, sie wirken in diesem Buch nicht schlüssig. Manches Mal klingt das Kind eine Spur zu altklug, manches Mal zu wenig kindlich-ängstlich angesichts der Lage. Ähnlich wie die erwachsenen Protagonistinnen der Keun-Bücher plaudert das Mädchen Kully über die Alltagsnöte und ihre kindlichen Ängste hinweg.
„Mein Vater treibt ja immer wieder Geld auf. Er kommt auch immer wieder zurück. Ich glaube nicht, dass er uns vollkommen vergisst. Damals in Ostende hat er mich ja auch nicht vollkommen vergessen, nur beinahe.“
Die Last des Exils erdrückt das Schreibtalent von Irmgard Keun
Verlustängste und Angst vor dem Krieg sind zwar an solchen Stellen spürbar. Sie werden unter diesem Erzählstrom, der Begegnungen, Anekdoten und nicht zuletzt zahllose Orte – Amsterdam, Brüssel, Prag und die USA – aneinander reiht, begraben. Die Keun-Biografin Hiltrud Häntzschel wertete das Buch zwar als „vergnügliche Lektüre“, aber ebenso auch als „unfertig“ und „zerfleddert“ am Ende. Das „Nichtmehrbewältigen der erzählerischen Struktur“ sei symptomatisch für Keuns Situation im Herbst 1938: Die Hetzerei von einem Ort zum anderen – sie findet nicht nur im Roman, sondern auch im Leben der Autorin statt. Und so wirkt auch der Erzählton: Gehetzt.
Dennoch gibt es von mir eine Leseempfehlung. An vielen Stellen blitzen „Gilgi“ und „Doris“ auf und damit das erzählerische Temperament der Irmgard Keun.
„Und weiter hat sie gesagt: Ein guter Mann hat immer eine schlechte Frau – und ein schlechter Mann hat immer eine gute Frau. Das muss so sein. Ich finde es besser, eine gute Frau zu sein und einen schlechten Mann zu haben, denn mit einem guten Mann ist man auch nicht glücklich, aber mit einem schlechten Mann langweilt man sich wenigstens nicht.„
Die Erzählperspektive ist im Grunde ein gelungener Kunstgriff
Trotz der erzählerischen Schwächen: Das Experiment, das Exil und seine Konsequenzen aus der Sicht eines Kindes zu zeigen, hat Wirkung. Keun bringt bittere Wahrheiten, kindlich-süß verpackt, auf den Tisch – ganz nach dem Motto „Kindermund tut Wahrheit kund“.
„Es gibt auch Emigranten, die keine Dichter sind. Die Emigranten haben auch Vereine, wo sie sich ungestört zanken können. Viele Emigranten wollen sterben, und mein Vater sagt oft, es sei das beste und einzig Wahre, aber sie sind alle etwas unschlüssig und wissen nicht recht, wie sie es anfangen sollen, denn es genügt nicht, dass man einfach betet: Lieber Gott, lass mich bitte morgen tot sein.“
Und nicht zuletzt ist dieses wohl das engste an ihrer eigenen Biographie entlanggeschriebene Werk, das Einblick gibt in diese fatale Beziehung zu Joseph Roth. Von daher für Anhänger der beiden Schriftsteller, die dieser „amour fou“ nachspüren wollen, eine Pflichtlektüre.
D-Zug dritter Klasse (1938): Ein fahriger Abschied?
Wenn eine Schriftstellerin von Beginn an einen eigenen Stil, eine eigene Sprache gefunden hat, dann fällt es mitunter schwer, ihr bei wesentlichen Veränderungen zu folgen. Doch allein daran lag es wohl nicht, dass dieser Roman mich wenig ansprechen konnte. Irmgard Keun, die sonst so Rasante, bummelt im „D-Zug dritter Klasse“ vor sich hin, die Erzählung quält sich voran. Mag sein, dass ihre private Situation Einfluss auf ihre Schreiben hatte. Irmgard Keun litt noch unter der Trennung von Joseph Roth. Das Leben in der Emigration war äußerst belastend, von Zukunftsängsten und Geldsorgen bestimmt.

Bild: Marcus Lehmann, Pexels
Vielleicht mussten gerade deswegen schnell „Nach Mitternacht“ neue Bücher erscheinen. Wie diese kurze Romanerzählung, die jedoch unfertig, beinahe fahrig wirkt. Warum auch immer, aber der „D-Zug dritter Klasse“ lässt vieles vermissen, insbesondere die gewohnte freche und naive und dabei doch so hellsichtige Erzählerinnenstimme.
Der schmale Roman ist konventionell angelegt. Eine auktoriale Erzählstimme und ein nicht ganz neuer Plotkennzeichnen das Buch. Eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe deutscher „Reichsbürger“ findet sich im Zug nach Paris. Nach und nach treten die Reise- und Fluchtgeschichten, die privaten Irrungen und Wirrungen zutage. Doch die Figuren bleiben unglaubwürdig, unausgegoren. Ihre Motive erscheinen wenig glaubhaft, fast schon parodistisch übertrieben.
Politische Lage in Deutschland wird nur gestreift
Auch nutzte Irmgard Keun die politische Lage – 1938 gab es genügend existentielle Gründe, um aus Deutschland zu fliehen – für die Erzählung kaum. Die Reisenden sitzen im Zug, weil sie ihr privates Leben in Sand gesetzt haben, sie flüchten vor ihren Lebensumständen. Dass in ihrer Heimat eine Diktatur wütet, dass ein Krieg heranzieht, dass Menschen verfolgt werden, ist dem Roman kaum zu entnehmen. Zwar werden die Ängste thematisiert, die mit einer Flucht in ein neues, fremdes Land, mit einem Neubeginn und mit dem Leben im Ungewissen verbunden sind. Aber auch das wirkt seltsam unausgereift, wie flüchtig dahingepinselt. Die Keun-Biographin Hiltrud Häntzschel schreibt: „Fast mutet D-Zug dritter Klasse wie Spott auf die Emigration an; vielleicht lässt sich das Buch auch als – dann allerdings misslungene – „Emigrationsparodie“ lesen.“
Was von Irmgard Keun bleibt: Biografie und späte Wiederentdeckung
• Geburtsdaten: Geboren am 6. Februar 1905 in Charlottenburg (heute Berlin); gestorben am 5. Mai 1982 in Köln.
• Epoche & Stil: Herausragende Vertreterin der Neuen Sachlichkeit. Bekannt für ihren revolutionären Einsatz des inneren Monologs (stream of consciousness) aus weiblicher Perspektive.
• Wichtigste Werke: Gilgi – eine von uns (1931), Das kunstseidene Mädchen (1932) und Nach Mitternacht (1937).
Warum Irmgard Keun bis heute eine Ausnahmerolle einnimmt
Irmgard Keun prägte die Literatur der Weimarer Republik wie kaum eine andere Schriftstellerin. Mit ihren frechen, unbeschwerten und emanzipierten Frauenfiguren brach sie radikal mit dem traditionellen, bürgerlichen Rollenverständnis.
Ihre Romane wurden von den Nationalsozialisten verboten, doch im Exil bewies sie als eine der wenigen mutigen, satirischen Stimmen außergewöhnlichen Widerstandsgeist. Sie entlarvte den Irrsinn des Nazi-Regimes aus dem Alltag heraus – mit unnachahmlichem Mutterwitz und sprachlicher Brillanz.
Nach Jahrzehnten des Vergessens gilt sie heute zurecht als Pionierin einer modernen, weiblichen Großstadtliteratur und als eine der prägendsten literarischen Stimmen des 20. Jahrhunderts.
