Der Südstaaten-Kosmos von William Faulkner – alles endet in Schall und Wahn

Bild: Dominik Gryzbon, Pexels

Er galt als der herausragendste Stilist seiner Zeit, ein bahnbrechender Autor, der den nordamerikanischen Roman in die Moderne führte: William Cuthbert Faulkner (1897 bis 1962). Er erlangte Weltruhm und erhielt 1950 den Nobelpreis für Literatur – obwohl sein 19 Romane umfassendes Werk einen überschaubaren Kosmos als Gegenstand hatte. Faulkner, der selbst fast sein ganzes Leben in der Kleinstadt Oxford in Mississippi verbrachte, erschuf den fiktiven Bezirk Yoknapatawpha County samt dem dazugehörigen Zentrum Jefferson, in dem fast alle seine Bücher spielten.

Am Beispiel dieser Gegend schrieb er über den Niedergang der Südstaaten, über die wirtschaftlichen und moralischen Auswirkungen der Sklavenhaltung, über Rassenhass, reiche Farmer und Landarbeiter in prekären Verhältnissen. Faulkner sparte kaum ein Thema aus: Homosexualität, Inzest, Sucht, Mord und Totschlag. Und dies in einem Stil, der seinesgleichen sucht – wechselnde Erzählperspektiven und Zeitebenen, mosaikartig zusammengesetzte Geschichten, lange Schlangensätze im Sinne des Bewußtseinsstroms.

Eine Herausforderung, möchte man meinen, doch die meisten seiner Romane üben einen Sog aus, dem man sich kaum entziehen kann.

Zum Biographischen noch am Rande: Obwohl seine Bücher deutlich zeigen, was Sklavenhaltung und Rassentrennung verursachen, war der Privatmensch Faulkner in letzterer Frage nicht eindeutig: „Ich war gegen die erzwungene Rassentrennung. Nun bin ich ebenso stark gegen die erzwungene Rassenintegration“, schreibt Faulkner in einem offenen Brief vom 5. März 1956.


„Als der Schatten des Fensterrahmens auf die Vorhänge kroch, war es zwischen sieben und acht Uhr, und als ich die Taschenuhr ticken hörte, lag ich wieder in der Zeit. Sie hatte Großvater gehört und als Vater sie mir schenkte, sagte er, ich schenke dir das Mausoleum jeglicher Hoffnung und jeglichen Begehrens, wie furchtbar passend, dass du sie benutzen wirst, um die reducto absurdum* aller menschlichen Erfahrung zu erlangen, und sie wird deinen individuellen Bedürfnissen kein bisschen besser entsprechen als seinen eigenen oder denen seines Vaters. Ich schenke sie dir, nicht damit du immer an die Zeit denkst, sondern damit du sie ab und zu für einen Moment vergisst und nicht im Versuch, sie zu erobern, deinen letzten Atem verschwendest. Weil keine Schlacht je gewonnen wird. Schlachten werden nicht einmal geschlagen. Das Schlachtfeld offenbart den Menschen nur seinen eigenen Wahn, seine Verzweiflung, und der Sieg ist eine Illusion der Philosophen und Narren.“

*Falsche Form der lateinischen Wendung „reductio ad absurdum (wörtlich: Zurückführung auf das Widersinnige), der sogenannte Widerspruchsbeweis aus der Logik. Eine Aussage wird dadurch widerlegt, dass aus ihr der Widerspruch zu einer anerkannten These folgt.

Ähnlich wie sein Vater wird auch Quentin nicht versuchen, den Kampf gegen die Zeit aufzunehmen – am Ende dieses Tages, den Faulkner aus der Perspektive Quentins in einem mitreißenden Bewusstseinsstrom erzählt, wird der junge Mann sich das Leben nehmen, wird die Zeit damit nicht überwinden, aber vermeiden, er durch den Freitod, sein Vater, der sich zu Tode trinkt, zuvor durch Selbstmord auf Raten, durch das Ausschalten der Zeit im Rausch.

Das Ticken der Uhr, das Läuten der Kirchenglocken ist ein Leitmotiv dieses grandiosen Romanes, von dem Faulkner selbst sagte, er sei ihm der liebste seiner eigenen Werke: Die Zeit, sie ist über diese Südstaatenfamilie, deren Niedergang der Nobelpreisträger aus vier Perspektiven beschreibt, hinweggegangen. Die Zeit der Compsons, deren einstmals grandioses Herrenhaus verlottert, sie ist vorbei. Schall und Wahn, Niedergang und Verzweiflung: Die Buddenbrooks auf amerikanisch, nur mit weitaus mehr Fleisch, Blut und Tränen.

„Das Leben ist an Gut und Böse nicht interessiert…Das moralische Gewissen des Menschen ist der Fluch, den er von den Göttern anzunehmen hatte, damit er von ihnen das Recht bekam, zu träumen.“

Dieses Faulkner-Zitat stellt der Verlag seiner Buchbewerbung voran – eine Essenz dessen, was auch die Figuren in „Schall und Wahn“ prägt, gebeutelt vom Leben, Opfer ihres Lebens, aber nicht frei von Träumen, auch wenn es vielleicht die falschen Träume sind, auch wenn sie vielleicht zum Scheitern verurteilt sind.

Die Welt ist ein Irrenhaus, und wenn du mit besonderem Pech gesegnet wirst, so wirst du in eine neurotische Familie hineingeboren: Schemenhaft, handlungsunfähig, in sich selbst verstrickt erscheint die ältere Generation – der Vater sich in den Alkohol flüchtend, die Mutter in ihr abgedunkeltes Zimmer oder wahlweise in unreflektiertes Jammern. Die vier Nachkommen wären sich selbst überlassen, blieben da nicht, gleichsam wie ein positives Gegenbild, die schwarzen Hausangestellten, vor allem in Gestalt von Dilsey, die für Liebe, Wärme, Fürsorge steht.

Doch der moralische Bankrott ist unaufhaltbar: Quentin, der älteste Sohn, in Schuldgefühlen wegen der Liebe zu seiner Schwester Candance verstrickt, nimmt sich das Leben. Jason, Hauptfigur des dritten Kapitels, ist gefangen in seinen Minderwertigkeitsgefühlen. Er, der als jüngster weder studieren noch entfliehen konnte, ist der Ewig-zu-kurz-Gekommene, der aus Hader über sein Schicksal voller rassistischer und sonstiger Vorurteile steckt, der sich und anderen das Leben mit aller Macht noch vollends vergällt. Candance schließlich wird nach einer Schwangerschaft in eine ungeliebte Ehe getrieben, nach der Scheidung von der Familie verstoßen.

Lichtpunkte sind in diesen verstrickten Verhältnissen ausgerechnet die Underdogs, die scheinbar „Minderwertigen“: Der geistig behinderte Sohn Benjy, mit dem das Buch beginnt, die mütterliche Dilsey, mit der der Roman endet – eine Klammer, die dann doch etwas Trost spendet in einer heillos verfallenen Welt. „Schall und Wahn“ ist jedoch nicht nur inhaltlich ein herausforderndes Buch – sondern auch stilistisch ein Kunstwerk, eine Herausforderung, die zum Lesen im Fieberwahn führen kann und mit Nachschall belohnt. Philippe Djian schreibt in seinem Buch über seine maßgeblichen Schriftsteller („In der Kreide“, Diogenes Verlag) über Faulkner:

„Alle großen Werke haben mehrere Zugangsmöglichkeiten. Sie lassen nie jemanden vor verschlossener Tür. Sie führen uns immer auf die eine oder andere Weise dem Licht entgegen.“

Um Faulkner zu lesen, benötigt man eine Portion Unerschrockenheit. Die Orientierung am allein Schöngeistigen hilft da nicht weiter. Nochmals Philippe Dijan:

„Bei Faulkner stößt man auf viel Schweiß, viel Brutalität, viel Licht. Seine Protagonisten sind einfältige Menschen, gefallene Mädchen, Schwärmer, Rohlinge, Heilige und Märtyrer. Daher kann man sich leicht vorstellen, wie verdichtet diese berühmten Monologe sind, ihre düstere, von Blitzen erhellte Schönheit, ihre schwüle Atmosphäre, ihre schwindelerregenden Abgründe.
Faulkner ist ein Meister des Aufbaus. Darüber sollte man allerdings nicht das Wesentliche vergessen: die Macht seiner Worte, den poetischen Hauch, der sich wie ein undefinierbarer, unregelmäßiger leichter Wind erhebt, kommt und geht, sich um die eigene Achse dreht, zunimmt, bis er auf allen Seiten pfeift und heult und alles auf seinem Weg hinwegfegt.“


Sinclair Lewis, der Staubaufwirbler

Er sezierte das nordamerikanische Spießbürgertum: Sinclair Lewis, der unter anderem mit „Babbitt“ einen zeitlosen Charakter geschaffen hat.


Dieser Windhauch, der zum Sturm wird: Er ist in „Schall und Wahn“ – unter allen Büchern Faulkners auch für mich das mitreißendste – besonders zu spüren. Welches Wagnis, einen Roman aus der Perspektive eines geistig Behinderten zu beginnen – doch schon dieser Monolog zeigt Faulkners ganze Kunst, seine Sprachmacht, sein Geschick im Aufbau. Es ist die leichte Brise, die Ruhe vor dem Sturm.

„Ich hab nicht geweint, aber ich konnte nicht aufhören. Ich hab nicht geweint, aber die Erde blieb nicht still, und dann hab ich doch geweint.“

Benjy ist der Seismograph, der in seiner ganzen geistigen Unmittelbarkeit (NICHT: Beschränktheit) die Strömungen aufnimmt und widergibt, die die Familie durchlaufen. Schon dieses Eingangskapitel eine tour de force, führt dann der Perspektivenwechsel zu Quentin zu einem inneren Monolog, der jenem Bewusstseinsstroms Mollys in „Ulysees“ durchaus vergleichbar ist (wenn auch weitaus kürzer). Sprach- und Perspektivenwechsel dann erneut hin zu Jason, das innere Auge des Tornados wird erreicht, Erschöpfung, Ruhe, vielleicht auch Neubeginn im Schlusskapitel.

Eine Herausforderung für den Leser, erst recht eine für den Übersetzer. Frank Heibert erläutert in einem Nachwort zur Neuausgabe beim Rowohlt Verlag seine Herangehensweise, beispielsweise den Verzicht auf Dialektanleihen:

„Zu Faulkners beherzten literarischen Wagnissen gehört auch seine Art, mündliche Sprache zu verschriftlichen. Wann immer schwarze Figuren zu Wort kommen, notiert er, sozusagen in ausgeschriebener Mimikry, ihre Aussprache, fast eine Transkription: ein auffälliges Mittel, um die Eigenständigkeit der Sprecher und ihren Abstand zu den weißen Herren zu markieren, und eine weitere ästhetische Qualität dieses an literarischen Höhepunkten reichen Romans. (…).

Christopher Schmidt nannte in einer Besprechung in der Süddeutschen Zeitung die Übersetzung durch Frank Heibert „titanisch“. Tatsächlich ist sie im Vergleich zu der älteren Übertragung von Helmut M. Braem und Elisabeth Kaiser (erhältlich beim Diogenes Verlag) kunstvoller, näher am Original, trotz des Verzichts auf Dialektismen. Und allein schon wegen Heiberts Gedanken zur Unübersetzbarkeit des Titels „The Sound and the Fury“ lohnt sich diese Ausgabe. Entlehnt hat Faulkner dieses aus Shakespeares „Macbeth“. Das Leben,

„a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing“.

Mehr gibt es nicht zu sagen.


„Aber ich mach ihr keinen Vorwurf“: Dieser eine Satz, den der alte Farmer immer wieder wie ein Mantra wiederholt, enthüllt die ganze Absurdität der Situation: Denn Addie, die ursächlich ist für diese tragisch-komische Odyssee, auf die sich ihre Familie begibt, liegt da längst schon tot im Sarg und ist völlig unempfänglich für Vorwürfe. Sie, die Mutter von fünf Kindern, hatte ihrem Mann Anse das Versprechen abgenommen, nicht in Yoknapatawpha County unter die Erde zu kommen, sondern in der weit entfernt liegenden Kleinstadt Jefferson, aus der sie ursprünglich stammte. Ein deutliches Statement: Im Tod wollte sie sich nicht mehr gemein machen mit dem spindeldürren, buckligen, zahnlosen Farmer, den sie da gefühlt weit unter ihrem Stand geheiratet hatte.

Noch unter den Augen der Sterbenden zimmert ihr Sohn Cash also einen Sarg und werden die Reisevorbereitungen getroffen. Doch vorher müssen, trotz aller Warnungen vor einem aufkommenden Unwetter, noch einige Handvoll Dollar verdient werden – also schickt Anse zwei seiner Söhne noch auf eine letzte Fuhr vor der Abfahrt. Weil sich dadurch alles verzögert, stößt der Leichenzug auf die zu erwartenden Hindernisse: Der Fluss läuft über, die Brücken brechen und beim Versuch, das reißende Wasser zu überqueren, gehen Fuhrwerk und Sarg beinahe verloren.

Als die Familien dann letzten Endes trotz aller Widernisse in Jefferson anlangt, während bereits die Bussarde über der Truppe streifen, angezogen vom Verwesungsgeruch, haben beinahe alle etwas verloren: Der älteste Sohn Cash sein Bein, Darl seinen Verstand, Jewel sein mühsam erspartes Pferd, Dewey Dell das Geld für eine Abtreibung und der Jüngste die Unschuld seines kindlichen Denkens. Nur Anse erlebt ein Happy End oder, wie Eberhard Falcke es in seiner Rezension für den Deutschlandfunk formuliert, „die haarsträubend mickrige Parodie eines Happy Ends“. Mit dem Geld seiner Kinder leistet er sich endlich ein neues Gebiss und präsentiert en passant gleich eine neue Mrs. Bundren.

William Faulkners Roman „Als ich im Sterben lag“ erschien 1930 und war, nach „Schall und Wahn“ das Buch, das seinen Weltruhm als außergewöhnlicher Stilist begründete. Eine Tour de Force, nicht nur für die Protagonisten, die mit unvergleichlicher Zähigkeit an ihrem Vorhaben festhalten (ein ums andere Mal kommt beim Lesen der ketzerische Gedanke auf, warum man Addie nicht einfach an Ort und Stelle begräbt).

Sondern auch ein Parforceritt für den Schriftsteller selbst, wie Eberhard Falcke in seiner Rezension ausführt:
„Tatsächlich war es eine Tour de Force im doppelten Sinn, auf die sich Faulkner hier eingelassen hatte. Er schrieb das Buch, wie er behauptete, in nur sechs Wochen, des Nachts, während er das Heizwerk der Universität beaufsichtigte. Zugleich aber handelt der Roman buchstäblich von einer verrückten Gewalttour, von einem schicksalsprallen Abenteuer, von einer Odyssee, deren Personal allerdings nicht aus griechischen Helden, sondern aus ärmlichen amerikanischen Südstaatenfarmern besteht.“

Faulkner hatte bereits mit „Schall und Wahn“ seinen literarischen Kosmos gefunden, sein Sujet, die armen, rückständigen Farmer und Leute aus dem amerikanischen Süden, meist gottesfürchtig, wenn nicht gar fundamental christlich, immer aber auch psychisch oder physisch gewalttätig, archaisch im eigentlichen Sinne. „White trash“ würde man sie heute nennen, die Bundrens, zu denen man, je weiter die Reise vorangeht, ein in sich widersprüchliches Verhältnis entwickelt, das sich aus Unglauben, Mitleid, Empathie und Abstoßung zusammensetzt. Eben wie im echten Leben.

Nebst der Wahl dieser ungewöhnlichen Protagonisten, wahrer Antihelden, war die eigentliche Sensation des Romans bei seinem Erscheinen seine formale Konzeption: Multiperspektivisch, es kommen Dutzende von Stimmen zu Wort, selbst die Addies, zusammengesetzt aus inneren Monologen, die insbesondere im Falle des jüngsten Sohns, des Kindes Vardaman, verdeutlichen, was „Bewusstseinsstrom“ bedeutet. Faulkner war einer der ersten Autoren, der diese Technik, ja, vielmehr Kunstgriff, anwandte. Und so ist „Als ich im Sterben lag“ auch ein faszinierendes Puzzle, das nach und nach die Geheimnisse seiner einzelnen Figuren enthüllt, ein Bild ergibt, das dennoch niemals alles enthüllt – die letzte Deutung bleibt den Lesern überlassen.


«Ja, mehr als das: Er war abwesend, und es gab ihn; er kehrte zurück, und es gab ihn nicht. Drei Frauen legten etwas in die Erde und deckten es zu, und es hatte ihn nie gegeben.»

Die einen feiern ihn als Meisterwerk, als die eigentliche «Great American Novel», als nordamerikanisches Pendant zum Ulysses. Für andere ist er schlichtweg ungenießbar. Doch eines ist gewiss: Dieser Roman ist eine Herausforderung.

Als 1936 «Absalom, Absalom!», der neunte Roman William Faulkners erschien, reagierte die Literaturkritik zunächst irritiert: Dieses Südstaaten-Epos hielt sich an keine der damaligen Regeln. Gewaltige Zeitsprünge ohne chronologisches Voranschreiten, diverse Erzählperspektiven – es tritt neben vier verschiedenen Stimmen auch gegen Ende des Buches ein auktorialer Erzähler auf – und einige der längsten Sätze, die die Literaturgeschichte bis dahin gesehen hatte. Mutmaßlich hat Faulkner dieses Buch wie im Rausch geschrieben – ein Rausch, der einen jedoch mitreißt und, je mehr man in dieses Labyrinth eindringt, nicht mehr loslässt. »Absalom, Absalom!», das auch ausschlaggebend war für die Vergabe des Literaturnobelpreises an Faulkner knapp anderthalb Jahrzehnte später, zeigt den Amerikaner auf dem Höhepunkt seines Schaffens.

Ein Mosaik, dessen Gesamtbild sich erst am Ende des Romans enthüllt, vielleicht auch erst nach mehrmaligen Lesen. Erzählt wird vom Aufstieg und Niedergang eines Mannes, der sich in der Südstaaten-Gesellschaft des 19. Jahrhunderts einen Platz erobern will – aber «Absalom, Absalom!» ist mehr als eine Mordsgeschichte, Tragödie oder auch psychologisches Melodram. Vor allem ist es eine bittere Abrechnung mit der engen Moral, dem Rassenhass und den gesellschaftlichen Verhältnissen, die der in Mississippi geborene Schriftsteller nur zu gut kannte. Es ist Faulkners ganz persönliche Abrechnung mit den Südstaaten – und doch bekennt einer der Erzähler, der Student Quentin (den man bereits aus «Schall und Wahn» kennt) am Ende des Buches:

«Jetzt sollst du mir nur noch eines sagen: Warum hasst du den Süden?»
«Ich hasse ihn nicht», sagte Quentin rasch, sofort, unmittelbar; «ich hasse ihn nicht», sagte er. Ich hasse ihn nicht, dachte er in der kalten Luft, der eiseskalten Nacht von New England keuchend: Nein. Nein! Ich hasse ihn nicht! Ich hasse ihn nicht!

Mit Quentin setzt 1909 die Erzählung der Geschichte ein, die rund 70 Jahre davor beginnt, als ein Fremder, Thomas Sutpen, in Jefferson (die fiktive Hauptstadt des ebenso fiktiven Yoknapatawpha County, in denen Faulkner etliche seiner Romane angesiedelt hat) auftaucht. Rosa Coldfield, spätere Schwägerin und Beinahe-Verlobte dieses Fremden, will dem Studenten Quentin vor ihrem Tod die tragische Geschichte ihrer Familie anvertrauen – vielleicht in der Hoffnung, dass er sie veröffentlicht, vielleicht in der Hoffnung auf späte Rache und Gerechtigkeit. Rosa, die einzig Überlebende dieser unglücksseligen Familie, die von Sutpen nur als «dem Dämon» spricht, ernennt sich selbst zum Anwalt dieser Erzählung:

«Denn ich, die ich von Liebe nichts erfahren hatte, nicht einmal von Elternliebe (…), wurde nicht Mätresse, nicht Geliebte, sondern etwas über die Liebe Hinausgehendes; ich wurde zum androgynen Anwalt aller allseitig wissenden Liebe.»

Dass Rosa wie die weiteren Stimmen eine unzuverlässige Erzählerin ist, entblättert sich nach und nach: Geprägt von elterlicher Vernachlässigung, Eifersucht auf die ältere Schwester, die sich Thomas Sutpen zur Frau nimmt, von unerfüllter Liebe kann sie «den Dämon» nicht anders als dunkelschwarz zeichnen. Sie selbst ist Opfer einer nicht gelebten Kindheit, aufgewachsen in einer düsteren «Mausoleumsluft von puritanischer Rechtschaffenheit und empörter Rachsucht».

Erst durch Quentins Vater – dessen Vater wiederum der einzige Freund war, den Sutpen in Jefferson hatte – bekommt der Charakter der Hauptfigur auch andere Facetten, werden dessen Antrieb und Motive deutlich.

Sutpen, der als besitzloser Fremder in Jefferson ankommt, ist getrieben von Ehrgeiz: Mit seinem letzten Geld luchst er einem Indianer Land ab und macht dieses «Sutpen’s Hundred» in einer an Besessenheit grenzenden Arbeitsleistung zu einem der prächtigsten Güter der Gegend. Durch die Ehe mit Ellen Coldfield erhofft er sich gesellschaftliche Achtung – und wird dennoch am Tag der Hochzeit von einigen Kleinbürgern mit Dreck beschmissen. Obwohl nie vollständig anerkannt, wird er zumindest als größter Gutsbesitzer der Gegend gefürchtet. Bis das Schicksal seinen Lauf nimmt: Seine Tochter Judith verliebt sich in Charles Bon, den Studienfreund ihres Bruders Henry. Jener Charles ist jedoch der einzige Sohn aus Thomas Sutpens erster Ehe mit der haitianischen Plantagentochter Eulalia – die er verlassen hat, als er herausfand, dass sie gemischtrassig ist.

Das Verhältnis zwischen den Rassen ist eines der Grundthemen dieses Romans: Faulkner, der sich selbst öffentlich widersprüchlich zum Thema Gleichberechtigung äußerte, nimmt in diesem Roman den Rassismus und die Folgen der Sklaverei gnadenlos auseinander. Die Scheinheiligkeit dieser Moral, die schwarze Frauen zwar zu «Mätressen» tauglich macht, die Frauen überhaupt in die Klassen der «Damen, Huren oder Sklavinnen» einteilt, führt Sutpen und seine Nachkommen in die Katastrophe.

«Wir – die tausend, die weißen Männer – haben sie gemacht, geschaffen und produziert; wir haben sogar die Gesetze gemacht, die erklären, dass ein Achtel eines bestimmten Blutes mehr gelten soll als sieben Achtel eines anderen.»

Nur Quentins Großvater erfährt diese Geschichte – hier tritt Thomas Sutpen ein einziges Mal als Ich-Erzähler auf – in ihrer ganzen Tragweite: Sutpen erzählt ihm von einem Jungen, der in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen ist und weniger besaß als die Sklaven des Arbeitgebers seines versoffenen Vaters, der sein Leben lang davon angetrieben wurde, diese Erfahrungen zu überwinden, der all das verwirklicht sieht in einem Ort, «wofür er Mitgefühl, Güte, Liebe und sämtliche sanften Tugenden geopfert hatte.»

Am Ende liegt «Sutpens Hundred» in Trümmern, ist der Gutsherr selbst ermordet, sind auch die anderen tot oder verschwunden – alles aufgegangen in «Schall und Wahn». Familiendrama, Brudermord, Inzest, verschmähte Liebe, Rachsucht, verblendeter Ehrgeiz: «Absalom, Absalom!» enthält alles, was man aus griechischen Tragödien kennt. Oder aus dem Alten Testament – die biblischen Bezüge liegen schon aufgrund der Titelwahl auf der Hand, Faulkner hat sich von der Erzählung über Prinz Abschalom, den abtrünnigen Sohn von König David inspirieren lassen. Dabei steht bei Faulkner aber «David» in der Figur des Thomas Sutpen im Zentrum: Der Aufsteiger aus «kleinen Verhältnissen», der durch den Sohn für seine «Hybris» bestraft wird.

«Absalom, Absalom!» ist für mich eines der Wunderwerke der nordamerikanischen Literatur – dass der Roman auch in deutschsprachiger Übersetzung wieder erfahr- und erfühlbar ist, ist Nikolaus Stingl zu verdanken, der Faulkners Sprache, seine oft langen und sprunghaften Sätze, die Fülle der Andeutungen und Abschweifungen in seiner Übertragung wunderbar erfasst hat.


Schall und Wahn
Neuübersetzung von Frank Heibert
Rowohlt Verlag, 2014
ISBN: 978-3-498-02135-1

Als ich im Sterben lag
Neuübersetzung durch Maria Carlsson
Rowohlt Verlag, 2012
ISBN: 978-3-498-02133-7

Absalom, Absalom!
Neuübersetzung durch Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag, 2017
ISBN: 978-3-499-27099-4