Pia Ziefle: Länger als sonst ist nicht für immer

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Bild von Pexels auf Pixabay

„Im Laden ruhen bereits die Brezeln und Brötchen in den großen Körben, und die Brotlaibe warten darauf, in Papier eingeschlagen und in Einkaufstaschen nach Hause getragen zu werden. Bei Evi gibt es seit dreißig Jahren nur ein kleines Sortiment, vor leeren Auslagen hat sie keine Angst. „Es muss schmecken, was wir anbieten, Ira. Morgens Brot, nachmittags Kuchen. Beste Zutaten, fertig.“

Supermärkte haben inzwischen aufgemacht, und eine Fußgängerzone ist in der Nähe entstanden. Seit ein paar Jahren gibt es einen Brötchenservice für die umliegenden Schulen, aber Evis kleinen Laden gibt es noch immer.“

Pia Ziefle, „Länger als sonst ist nicht für immer“, Arche Verlag, 2014.

Ich weiß nur zu gut, was der Duft von frischgebackenem Brot mit einem anstellen kann. Die ersten Kinderjahre verlebte ich neben einer Kleinstadtbäckerei. Wir gingen bei „Tante Berta“ ein und aus, bekamen ständig Rosinen zugesteckt, durften in Teigschüsseln lecken und an guten Tagen mit dem riesigen Holzschieber die Brotlaibe aus dem Ofen holen.

Der Geruch von frischen, warmen Brötchen, Mehlstaub in der Luft, alte Holzregale mit Broten, die nicht aussehen, wie am Band gestanzt – selbst in einer kleineren Großstadt wie „Augschburg“ ist das kaum mehr zu finden. Stolpert man allenfalls über Kettenbackläden mit Massenprodukten aus den Backfabriken. Außer man verirrt sich in einen obskuren Vorort wie die Firnhaberau, Pfersee oder Berlin – da ist die „Schwäbische Bäckerei“ (siehe Bild) ein Exportschlager, und die ollen Berliner wissen das gar nicht mal zu schätzen.

Jedenfalls: Frischgebackenes Brot – das ist wie eine Zeitreise in die Kindheit, ruft Heimeligkeit und Heimat hervor. Bevor ich jetzt jedoch die Leser auf eine falsche Fährte bringe: Nein, „Länger als sonst ist nicht für immer“ ist kein Heimatroman, der kuschelige Gefühle vermittelt. Pia Ziefle schreibt vielmehr von Verlusten. Von drei jungen Erwachsenen, die – zum Teil im unmittelbaren, zum Teil im übertragenen Sinne – ihrer Heimat verlustig gingen. Heimat, das wird deutlich, ist ein Gefühl eng verflochten mit der Kindheit. Für eine Kinderseele wiederum kann es kaum etwas Traumatischeres geben, als dieses Gefühl, das Urvertrauen, die Beheimatung früh und abrupt zu verlieren. Oft werden dies Menschen, die ihr Leben lang versuchen, dies wiederherzustellen – die Beheimatung, das Vertrauen. Suchende, die, wenn sie Glück haben, eine neue Heimat finden: Dies kann ein neuer Ort, kann ein Mensch, kann eine Aufgabe sein.

Pia Ziefle erzählt in ihrem zweiten Buch von solchen Suchenden – in einer warmen, behutsamen Sprache, fast schon herantastendend, die dem Leser viel Raum auch für eigene Entdeckungen gibt. Und obwohl dies ein ganz leises, sachtes Buch ist, das sich langsam entwickelt und dabei die drei Lebensgeschichten kunstvoll verknüpft, bringt die Schriftstellerin ganz, ganz viel Welt und Welterfahrung in diesem Roman unter.

Da ist Ira, die alleinerziehende Mutter, die es zurück in ihren schwäbischen Heimatort zieht, um dort in der kleinen Bäckerei in Nachbarschaft zum Elternhaus einen Neuanfang zu wagen. Allmählich erfahren wir mehr über die junge Frau – die enge, liebevolle Beziehung zum Vater, den sie in seinen letzten Lebenstagen pflegt, die gleichwohl überschattet ist von dessen schlimmsten inneren Kämpfen. Sehr vorsichtig, sehr behutsam nähert sich Pia Ziefle dabei dem Thema Kindesmissbrauch, der wohl gravierendste Vertrauensbruch, der zwischen Kindern und Eltern geschehen kann.

Ein anderer ist das absolute Verlassenwerden: Fido, der bei seinem serbischen Großvater aufwächst, weil die Mutter ihr Glück im reichen Deutschland sucht. In das Leben mit einem neuen Mann passt ein Kind nicht mehr.

Und nicht zuletzt ist da Lew, der zweimal die Erfahrung macht, Eltern und Elternhaus zu verlieren – die leiblichen Eltern verschwinden in einem Gefängnis der DDR, die Pflegeltern, selbst Funktionäre dieses Systems, kommen mit Auflösung des Staates nicht zurecht, begehen Suizid.

Was ist Heimat, wenn die ursprüngliche, kindliche Heimat in Brüche geht?
Wie sehr ist beinahe jeder Mensch doch auch darauf angewiesen, irgendwo zu wurzeln?
Wie sehr brauchen wir das Gefühl der Beheimatung – an einem Ort, in einem Menschen – um selber Mensch und Heimat für andere zu sein?

Viele Fragen spricht Pia Ziefle ihrem wunderbaren Roman an, der für mich den Duft von frischgebackenen Brot mit sich bringt…

Und welchen Duft, welches Gefühl verbindet ihr mit Heimat?

Einmal mehr fand ich auch bei Mara von „Buzzaldrins Bücher“ eine schöne Besprechung dieses Buches und ein interessantes Interview mit der Autorin.

Und zur Internetseite von Pia Ziefle geht es hier: http://www.piaziefle.de/

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