Sinclair Lewis, der Staubaufwirbler

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Keiner hatte so wie er zuvor auf die amerikanischen Kleinstädte geblickt, den Mittelstand und das Spießbürgertum seziert, den amerikanischen Traum zertrümmert: Harry Sinclair Lewis (1885 – 1951). Er erhielt als erster US-Amerikaner den Literaturnobelpreis und erzielte in seiner Heimat hohe Auflagen, aber war wegen seiner satirischen und gesellschaftskritischen Romane in gewissen Kreisen wenig populär. „Der Staubaufwirbler“, so sein Spitzname, war von einem großen Gerechtigkeitsgefühl angetrieben – das verband ihn mit seinem Mentor, Jack London, dessen Privatsekretär er einige Zeit gewesen war.

Einer seiner ersten Romane, „Main Street“, 1920 erschienen, wurde zu einem sensationellen kommerziellen Erfolg, zwei Jahre später folgte ein thematisch verwandtes Buch, „Babbitt“, das auch heute noch zu einem seiner bedeutendsten Werke gezählt wird.


„Man konnte es mit diesem zivilisatorischen Fortschritt auch übertreiben, fand Babbitt. Noël Ryland, Verkaufsleiter bei Zeeco, hatte seinen Abschluss frivolerweise in Princeton gemacht; Babbitt hingegen war ein solides Durchschnittsprodukt aus dem großen Warenhaus namens State University. Ryland trug Gamaschen, schrieb lange Briefe über Stadtplanung oder Stadtchöre, und obwohl er ein Booster war, hieß es, er trage in einer seiner Taschen gelegentlich einen kleinen Band fremdsprachiger Gedichte bei sich. All das ging zu weit. Henry Thompson stand für extreme Provinzialität, Noël Ryland für extreme Schaumschlägerei, Babbitt und seine Freunde hingegen hielten genau die Mitte, traten für den Staat ein und verteidigten die evangelischen Kirchen, das traute Heim und reelle Geschäfte.“

1922 veröffentlicht Sinclair Lewis, da bereits schon durch „Main Street“ (1920) ein an den Erfolg gewöhnter Autor, seine „Studie“ über den typischen amerikanischen Durchschnittsbürger aus der Mittelschicht – und landet damit wieder einen Bestseller, der sich aus dem Stand tausendfach verkauft. Und bis heute gelesen wird: „Babbitt“ ist – in mehr als einem Sinne – ein „Evergreen“.

Denn man kann das Buch natürlich ganz reflektionsbefreit als wunderbare Satire lesen: Als überspitzte Darstellung eines Spießers, eines Opportunisten, der im Käfig seines Mittelstanddaseins gefangen ist. Huch, das könnte mein Kollege sein, der ständig über die nächste Gehaltserhöhung nachdenkt oder auch die Nachbarin, die so andächtig den nagelneuen SUV für ihre Minimaleinkäufe ausführt. Kurzum, „Babbitts“ wird es immer geben, ein unverwüstlicher Typ.

Sinclair Lewis gelang mit diesem „bürgerlichen Roman“ auch ein Lehrstück über die Macht der Masse: Selbst ein revoltierender Babbitt lässt sich letzten Endes wieder einfangen, wird resozialisiert, babbittisiert. Michael Köhlmeier stellt in seinem Nachwort zur Neuausgabe des Romans in deutscher Übersetzung die Frage:

„Die Satire ist spektakulär und oft spekulativ. Satire übertreibt. Lässt sich auch das Normale übertreiben, der Durchschnitt, das Unspektakuläre?“

„Babbitt“ ist ein authentischer, sogar ein zeitloser, unsterblicher Charakter (der übrigens auch zum Vorbild weiterer literarischer Figuren wurde – ganz direkt erkennbar im „Hasenherz“ Harry Angstrom, dem Helden von John Updikes „Rabbit“-Romanen). Der Durchschnittstyp, mit dem man beim Lesen trotz seiner Borniertheit, seiner intellektuellen Beschränktheit und seinem Großmanns-Getue auch Mitleid bekommen kann: Gesegnet mit einer etwas naiv-treuen Gattin, drei durchschnittlich aufsässigen Kindern, einem florierenden Immobilienhandel nachgehend, wäre eigentlich alles in Ordnung in „Zenith“, jener fiktiven Stadt, die Lewis für seinen Helden schuf. Doch – obwohl er dieses Gefühl nicht genau erfassen kann –  spürt Babbitt die Sinnleere in seinem Dasein, sehnt sich nach etwas, das über den ewigen Kreislauf des Geldverdienens und Geldausgebens hinausreicht.

Dass hinter den Fassaden des bürgerlichen Wohlstands längst nicht alles eitel Freude und Wonne ist, das zeigt sich am Schicksal seines besten Freundes: Der, zermürbt von den ewigen Anforderungen und Nörgeleien seiner Gattin, versucht, diese zu erschießen und landet hinter Gittern.

Babbitt bringt dies vollends von der Rolle, der Schuss, ein Wecksignal sozusagen: Das Riesenbaby stürzt sich in eine seltsame Affäre, verpulvert das mühsam erworbene Geld, trinkt unmäßig und lässt sich sogar auf sozialistische Ideen ein – vor allem dieses strapaziert die Geduld seiner Geschäftsfreunde über Maßen. Der Ausbruch währt nicht lange und Babbitt kehrt zurück als reuiger Sünder ins Mittelstandsnest.

Der Manesse Verlag hat diesen Roman nun in seine Reihe moderner Klassiker aufgenommen. Die Übersetzung von Bernhard Robben liest sich geschmeidig und frisch, wenn auch mir manche Wendungen und Ausdrücke – beispielsweise „Werbefuzzis“ – zu modern erscheinen. Zugleich aber macht die Übertragung auch durch ihre Sprache deutlich: Dieser Roman ist immer noch aktuell. „Zenith“, wiewohl fiktiv, gibt es immer noch – irgendwo in den USA. Oder auch auf dem alten Kontinent:

„Genau das ist der springende Punkt! Und es gibt da noch was, was wir tun sollten“, sagte der Mann mit dem Verlourshut (Koplinsky hieß er), „wir sollten diese verdammten Ausländer gar nicht erst ins Land lassen. Dank sei dem Herrn, dass die Einwanderung begrenzt wurde. Diese Hunnen und Spaghettifresser müssen endlich kapieren, dass Amerika das Land des weißen Mannes ist und sie hier nicht erwünscht sind.“



Trifft es in „Babbitt“ einen sittsamen Familienvater, der phasenweise ausbricht, so steht in „Main Street“ eine Frau im Mittelpunkt: Carol Milford, die nach dem College als Bibliothekarin in Chicago arbeitet, und die es in eine amerikanische Kleinstadt verschlägt. Carol, die Sinclair Lewis dramatisch als einsame Gestalt vor kornblumenblauen Nordhimmel einführt, hat, wie der Provinzler sagen würde, „Flausen im Kopf“. Nicht unsympathisch, aber kaum konsequent, eine Träumerin, die die Welt verändern möchte, durch Kultur verbessern: Mal sieht sie sich als Stadtplanerin, mal schließt sie sich einem Kreis junger Frauen an,

„die, in hauchdünnes Leinen gewandet, im Mondschein Tänze aufführen. Sie wurde auf ein waschechtes Atelierfest eingeladen, eins mit Bier, Zigaretten, Bubikopf und einer russischen Jüdin, die die Internationale sang. Nicht, dass Carol den Bohemiens irgendetwas Erwähnenswertes zu sagen gehabt hätte. Sie war vielmehr gehemmt in ihrer Gegenwart, kam sich ungebildet vor und war gleichzeitig schockiert über die hier zelebrierte Freizügigkeit, nach der sie sich dennoch jahrelang gesehnt hatte. (…) Irgendwann ging sie nach Hause, und das war Anfang und Ende ihres Bohemelebens.“

Die junge Frau ist dem Tierarzt Dr. Will Kennicott begegnet, einem wackeren Bürger des fiktiven Provinzstädtchens Gopher Prairie, „the honest place in Wahkeenyan County“. Sinclair Lewis kommentiert die Entwicklung mit der ihm eigenen trockenen Ironie:

„Von der Liebesromanze zwischen Carol und Will Kennicott gibt es nichts zu erzählen, was man nicht an jedem Sommerabend in jeder schummerigen Gasse belauschen könnte. Was sie zusammenführte, war halb Biologie, halb Mysterium (…)“.

Und viele Versprechen, die man als Verliebter halt so macht:

»Dann komm mit. Komm mit nach Gopher Prairie, und zeig uns, wie`s geht. Mach unsere Stadt … na ja … mach sie kunstsinnig! Mächtig hübsch ist sie schon, aber ich muss gestehen, übermäßig kunstsinnig sind wir nicht gerade. Unser Holzlager ist wahrscheinlich nicht so geschleckt wie diese ganzen griechischen Tempel! Aber mach du dich nur ran! Kremple uns tüchtig um!«

Es kommt, wie es kommen muss: Viele hundert Seiten später ist Gopher Prairie noch das alte Kleinstädtchen, tüchtig umgekrempelt ist dagegen Carol. Um etliche Erfahrungen im „Kampf“ gegen die Provinzialität reicher und nach einer längeren Ehe-Auszeit, Jahre, die sie in Washington verbringt, kehrt sie leicht resigniert in ihr „Nest“ zurück, fügt sich in ihr Schicksal als Tierarztgattin, Mutter und mustergültiges Mitglied der Gemeinde. Nur ein Rest der alten Träume, Gopher Prairie und damit die Welt zu verändern, bleibt:

«Aber in einem habe ich doch gesiegt – ich habe meine Niederlagen nie entschuldigt, indem ich mich über meine Ambitionen lustig gemacht oder so getan hätte, als wäre ich über sie hinausgewachsen. Ich lasse nicht gelten, dass die Main Street so schön ist, wie sie sein sollte! Ich lasse nicht gelten, dass Gopher Prairie großartiger oder edelmütiger ist als Europa! Ich lasse nicht gelten, dass Geschirrspülen ausreicht, um eine Frau zufriedenzustellen! Ich habe den Kampf für das Gute vielleicht nicht bis zum Ende ausgefochten, aber ich habe mir den Glauben daran bewahrt.»

Der Roman endet in einem Kompromiss, das letzte Wort behält der Mann – und wir wissen nicht, ob Carols Ideale dann irgendwann beim Geschirrspülen doch noch vollends den Abfluss hinuntergehen. Ihr bis dahin geführter „Kampf“ für das Gute besteht aus einer Vielzahl von Projekten und Episoden, die Sinclair Lewis in diesem personenreichen Roman abspielen lässt – es ist keine stringente Handlung, die sich in „Main Street“ vollzieht, sondern vielmehr ein Kaleidoskop von pointierten Anekdoten, die das Provinzleben wiedergeben und die Entwicklung Carols nachvollziehbar machen. Das ist nicht ohne komische Elemente, das ist nicht ohne Tragik und Drama – es ist das Leben in der Provinz. Lewis, der durchaus einen Hang zu epischer Detailliertheit hatte, schildert das Leben in Klassen und Kasten, zwischen Kirchen und Küchen, wie es sich an jeder amerikanischen Main Street oder deutschen Hauptstraße auf dem Lande abspielen könnte. Da treten die Männerbünde auf, die untereinander Vetterleswirtschaft betreiben, die bigotte Nachbarin mit ihrem dumpf-kriminellen Sohn, die „alte Jungfer“, der verschrobene Hagestolz, der sozialistische Reden führende Outlaw, zu dem sich Carol naturgemäß hingezogen fühlt. Das Personal ist individuell charakterisiert und doch so typisch: Typen, wie man sie überall finden kann.

Vielleicht machte „Main Street“ genau diese Wiedererkennbarkeit zu so einem großen und bei Erscheinen auch heftig umstrittenen Bucherfolg – und vielleicht ist es deswegen auch bis heute noch aktuell, wird Sinclair Lewis genau deswegen gerade wieder entdeckt und gewürdigt: Weil er Menschliches, Allzumenschliches so kenntnisreich schilderte. Bei aller Ironie geschieht dies jedoch mit viel Wärme und Nachsicht für die Engstirnigkeit der in der Provinz Sozialisierten. Im Nachwort zur aktuellen Manesse-Ausgabe von „Main Street“ meint dazu Heinrich Steinfest:

„Ich finde, dass man in diesem Roman genau die Paradoxie eines Autors spürt, der diese Uniformität erkennt und mit seiner Heldin darangeht, ihr den Kampf anzusagen, der aber gleichzeitig ein Kind dieser Stadt ist und bei allem Sarkasmus, mit dem er die Bewohner entblößt und beschreibt, eine Detailversessenheit praktiziert, die eben nicht ohne Liebe möglich ist. Das zeichnet übrigens die meisten Nestbeschmutzer aus, ihre Liebe zum Detail und ihre Liebe zum Objekt der Beschmutzung.“

Den Lesern, so Steinfest, verordnet Sinclair Lewis ein „masochistisches Vergnügen“. Es verwundert wenig, dass der Roman 1920 eine heftige Kontroverse auslöste. In der amerikanischen Literatur galt die Provinz bis dahin als positiver Gegenpol zu den verderbten Städten, so Mark Schorer, amerikanischer Literaturwissenschaftler und Autor von „Sinclair Lewis: An American Life“ (1961):

„Allzu betont hatten die gängigen amerikanischen Romane lange Zeit das Leben in der Provinz als beschauliches Idyll und ihre Bewohner als sympathisch, wenn nicht gar bewundernswert beschrieben. (…) In den fünfzig Jahren vor Erscheinen dieses umstrittenen Buches hatte es natürlich auch Ausnahmen gegeben, Romane, die das Leben in der Provinz mit kritischen Augen sahen – aber im allgemeinen begann man doch immer noch an die »brüderliche Dorfgemeinschaft« zu glauben; und diese Illusion war es, die «Main Street» ein für allemal brutal zerstörte.“


Es ist doch immer wieder verblüffend, über welche «seherischen» Fähigkeiten manche Schriftsteller scheinbar verfügen. Liest man heute «It can’t happen here» von Sinclair Lewis, so kommt einem die Lektüre angesichts der aktuellen Entwicklungen – und das nicht nur in den Vereinigten Staaten – schauderhaft aktuell vor. Bereits 1935 schrieb Lewis diesen satirischen Roman über die Machtergreifung eines Populisten, der das Land innerhalb weniger Tage in eine Diktatur umbaut.

Nun, ein Prophet musste Sinclair Lewis nicht sein – vielmehr hatte der Schriftsteller einfach die Gabe, die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse seiner Zeit gut zu beobachten und zu analysieren. Das reale Vorbild für seinen machtgierigen Populisten, der allen alles verspricht, um an die Spitze des Staates zu kommen, war der demokratische US-Senator Huey Long (1893 – 1935), der auch «der Königsfisch» genannt wurde. Dass man heute beim Lesen in der fiktiven Figur Berzelius Windrip einen Donald Trump erkennt, ist weniger verblüffend als traurig: Scheinen solche Typen doch niemals auszusterben, aber vor allem scheint auch die Zustimmung für sie – obwohl man es aus der Geschichte besser wissen müsste – nie zu enden.

Zudem hatte Sinclair Lewis über seine damalige Ehefrau Dorothy Thompson Einblicke über das Entstehen und den Aufstieg des Faschismus aus erster Hand: Thompson, eine der einflussreichsten Journalistinnen dieser Zeit, traf Hitler zum Interview und berichtete für die auflagenstarke Saturday Evening Post in zahlreichen Reportagen über den Untergang der deutschen Demokratie. Ihre Texte werden jetzt dank der Publikationen im DVB Verlag (Wien) wiederentdeckt, darunter die 2025 aufgelegten Reportagen unter dem Titel „Das Ende der Demokratie“.

Die verklemmte Kleinbürgerlichkeit eines Hitlers, die Thompson erkannte (seine Erfolgsaussichten zunächst jedoch fatal falsch einschätzte), die vulgäre Geschmacklosigkeit eines Trump, vor allem aber dessen korrupte Geschäftstüchtigkeit – sie alle lassen sich in der Hauptfigur des satirischen Romans von Sinclair Lewis wiedererkennen.

Windrip und seine Entourage – darunter sein PR-Mann, der die einen heute an Steve Bannon erinnert, jedoch ebenso Züge von Goebbels trägt – nutzen für ihren Aufstieg die Nöte der Mittelschicht und der Arbeiterklasse: Während der Phase der «großen Depression» stieg die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten auf 25 Prozent, die Wirtschaftsleistung sank um ein Drittel. Den Menschen verspricht Windrip, der als «Demokrat» bei den Vorwahlen Roosevelt aussticht, nicht nur 5000 Dollar bei einem Wahlsieg auf die Hand, sondern weitaus goldenere Zeiten. Natürlich werden auch Sündenböcke für die Misere ausgemacht – insbesondere jüdische Bankiers und Kommunisten sowie selbstverständlich der nicht-weiße Anteil der Bevölkerung.

Windrip propagiert ein Wahlprogramm, das sowohl «America first» beinhaltet als auch die ganzen rassistischen, antisemitischen und selbstverständlich frauenfeindlichen Elemente, wie man sie auch heute wieder von rechtspopulisten Strömungen kennt. Bei seiner letzten Wahlkampfrede

«malte (er) dann ein demokratisches Paradies, in dem, nach Abbruch des korrupten alten Systems, der geringste Arbeiter ein König und Herrscher sein und seinesgleichen in den Kongress entsenden wird, Abgeordnete, die nicht, wie es bisher der Brauch war, kaum nach Washington, die Wünsche ihrer Wähler vergessen, sondern unermüdliche Diener des öffentlichen Wohls bleiben, angespornt und überwacht durch einen starken Staat.»

Man ahnt es schon: Realisiert wird von alledem nur der «starke Staat». Kaum gewählt, ruft Windrip den Kriegszustand aus, vereinigt alle Macht auf sich, lässt seine Privatarmee, die «Minuten-Männer» das Land kontrollieren bis hin zur Errichtung von Arbeits- und Konzentrationslagern. Die 5000 Dollar sehen die Wähler selbstverständlich nie, aber dafür profitieren die Wohlhabenden und Industriellen, die Windrip loyal zur Seite stehen.

Lewis lässt die Geschehnisse aus Sicht eines liberalen Kleinstadt-Verlegers erzählen, der – wie andere seiner engeren Bekannten auch – den Aufstieg des Populisten zwar mit Skepsis sehen, aber lange brauchen, um sich das Schlimmste einzugestehen. «Das ist bei uns nicht möglich»: Wie ein Mantra beten Jessup und andere demokratisch gestimmte Menschen diesen Satz herunter, bis sie selbst vom Terror erfasst werden, Familienmitglieder vor Standgerichten verlieren, Folter, Gefängnis und Arbeitssklaverei erleben.

Hier liegt die eigentliche Botschaft des Romans: Lewis zeigt, wie wenig Gesellschaften in Krisenzeiten solchen Entwicklungen entgegenzusetzen haben, wenn die liberalen Demokraten zu indolent sind und die Linke in sich zerstritten. Doremus Jessup, dieser grundsympathische Zeitungsmann, wirft sich selbst vor:

«Die Tyrannei dieser Diktatur ist nicht so sehr das Werk des Großkapitals oder der Demagogen, die ihr schmutziges Geschäft betreiben, sondern sie ist das Werk des Doremus Jessup! All der gewissenhaften, ehrbaren, nachsichtigen Doremus Jessups, die den Demagogen das Tor geöffnet haben, weil sie sich nicht heftig genug widersetzten.»

Jessup, der schließlich nach Kanada fliehen kann, schließt sich der Widerstandsbewegung an – hier, im letzten Drittel des Romans schwächelt der Roman zwar, wird mehr zur Posse denn als Satire, aber ab und an blitzt unter allem dystopischen Gewitter auch nochmals Utopie auf. So lässt der ebenfalls nach Kanada einstige demokratische Gegenkandidat des Diktators einen Industrieboss, der sich ihm und dem Widerstand anbiedern will, abblitzen:

«Wie sich die kommende Regierung immer nennen wird (…) – auf jeden Fall wird sie von einem neuen Gefühl beseelt sein – nämlich, dass der Staat kein Tummelplatz für ein paar geschickte, entschlossene Athleten ist wie Sie, Will, sondern eine große Gemeinschaft, deren Leitung über alle Produktionsmittel verfügen muss – und das schwerste Verbrechen wird nicht Mord oder Entführung sein, sondern Übervorteilung der Gesellschaft (…)»

Anders wie Philip Roth siebzig Jahre später in seinem Roman «Verschwörung gegen Amerika» lässt Sinclair Lewis die Diktatur jedoch nicht sang- und klanglos enden oder in einer Katastrophe untergehen – zwar nimmt auch Windrip ein übles Ende, wird von seinen eigenen Leuten ermordet, doch mit jedem seiner Nachfolger wird die Diktatur grausamer, werden innenpolitische Schwierigkeiten durch Aktionismus – so die Mobilmachung gegen Mexiko – überlagert. Detail am Rande: Auch Grönland wird in diesem Buch bei den Großmachtphantasien des Diktators erwähnt…
Der Roman lässt es erst einmal offen, ob der Widerstand siegt – umso wirksamer vielleicht die Botschaft, die Lewis seinem Buch eingeschrieben hat: Lasst es gar nicht erst soweit kommen …



Babbitt
Übersetzt von Bernhard Robben
Manesse Verlag, 2017
ISBN: 978-3-7175-2384-0

Main Street
Übersetzt von Christa E. Seibicke
Manesse Verlag, 2018
ISBN: 978-3-7175-2454-0

Das ist bei uns nicht möglich
Übersetzt von Hans Meisel
Aufbau Verlag, 2020
ISBN: 978-3-7466-3694-8