Ganghofer reloaded: Ein neuer Blick auf den „Alpen-May“

Er war ein Star der Literatur jener Tage: Ludwig Ganghofer (1855 – 1920). Mit über 40 Millionen verkauften Büchern bis heute bleibt er ein Bestseller-Autor mit einer Auflagenhöhe, von der gegenwärtige Schriftsteller nur träumen können. Er versorgte die Deutschen mit Berg- und Heile-Welt-Romantik, hatte mit seinem Stück vom Herrgottschnitzer in Ammergau in Berlin einen grandiosen Bühnenerfolg und bekam von Zeitgenossen, weil er der Lieblingsautor des Kaisers war, den Spitznamen „Hofganger“ verpasst. Sein Name ist, auch dank der zahlreichen (mehr oder weniger gelungenen) Verfilmungen seiner Bücher, zwar noch immer ein  Begriff  – auch wenn die wenigsten seine Bücher heute wohl noch lesen geschweige denn viel über den Erfolgsschriftsteller wissen.

Meist bringt man Ganghofer mit Oberbayern, beispielsweise mit der Gegend um den Tegernsee (Bild), zusammen. Dabei vergass er seine schwäbischen Wurzeln nie. Bild: Bild von Thanks for your Like • donations welcome auf Pixabay

Ein verbreiteter Irrtum: Der Schöpfer von Romanen wie „Schloß Hubertus“ und „Der Jäger vom Fall“ sei Oberbayer. Zwar starb Ganghofer vor über 100 Jahren in Tegernsee, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte und er liegt neben seinem Freund Ludwig Thoma auf dem Friedhof von Rottach-Egern begraben. Geboren jedoch ist er im bayerischen Schwaben – und dort bemüht man sich nicht nur um die Erinnerung an ihn, sondern auch um eine Befreiung des Volksschriftstellers vom Kitsch-Klischee. Mit einer wissenschaftlichen Tagung unter dem Titel „Total trivial? Ganghofer reloaded“ wollte Professor Klaus Wolf, Experte für bayerische Literatur an der Universität Augsburg, zum Jubiläum für einen neuen Blick auf Ganghofer sorgen – Corona-bedingt nun aufgehoben, aber nicht aufgeschoben. Wolf würdigt den Schriftsteller auch mit einem umfassenden Portrait in der Zeitschrift des historischen Vereins für Schwaben (erscheint im Wißner-Verlag):

„Die große Welt war Ludwig Ganghofer somit zunächst nicht in die Wiege gelegt.
Sein Vater arbeitete als Förster, der sich um eine Reform des königlich-bayerischen
Forstwesens bemühte. Er war aber ein Reformer, der zunächst Anfeindungen auch
als Beamter ausgesetzt war und es erst in seinen letzten Lebensjahren zum Ministerialrat,
ja bis zum Adelstitel – allerdings ein nicht erblicher Adelstitel – unter
Prinzregent Luitpold brachte. Ludwig Ganghofer wuchs also tatsächlich in einem
damals gottverlassenen Nest, in einer dörflichen, bäuerlichen Gegend auf.“

Er zeigt auf, wie aus dem Bub vom Land ein junger Schriftsteller und Journalist wurde, der sich ganz dezidiert liberal und weltoffen positionierte – so hielt Ganghofer auch entschieden gegen den grassierenden Antisemitismus seiner Tage an. Und den vielschichtigen, liberalen, an technischen und ökologischen Fragen interessierten Ganghofer stellt man ebenfalls bei der Regio Augsburg in den Mittelpunkt. „Vieles, was mit dem Namen Ganghofer verknüpft ist, ist ganz aktuell“, betont Tourismusdirektor Götz Beck, „das reicht von der Sehnsucht nach einer intakten Natur bis hin zur Diskussion über den Heimatbegriff heute in einer globalisierten Gesellschaft.“

Wer auf Ganghofer-Spurensuche in Schwaben geht, wird an etlichen Orten fündig: Der „Alpen-Shakespeare“ erblickte in Kaufbeuren das Licht der Welt. Eine Tafel am Geburtshaus erinnert daran und natürlich ist ihm in der „Dichterstube“ im Stadtmuseum viel Raum gewidmet. Zu sehen ist dort unter anderem sein Schreibtisch mit dem bezeichnenden Motto: „Ohne Fleiß kein Preis“. Aus Kaufbeuren, konkret von der Deutschen Ganghofer-Gesellschaft und ihrem Vorsitzenden Karl Ilgenfritz, kam die Idee einer virtuellen Ganghoferstraße, die seit 2010 im Internet zu finden ist.

Doch die prägenden Jahre erlebte Ganghofer im Holzwinkel, „da entstand die Liebe zur Natur, die in seinem Werk so großen Raum einnimmt. Aber auch viele Erlebnisse, Eindrücke und Figuren aus dieser Zeit finden sich in den späteren Werken, natürlich literarisch verfremdet, wieder“, betont Professor Wolf.

Als Ludwig vier Jahre alt war, zog die Familie nach Welden, sein Vater, der später wegen seiner Verdienste als Forstreformer geadelt wurde, war dort als königlicher Revierförster tätig. Und das Kind wurde zu einem frühen Verfechter dessen, was heutzutage als „Waldbaden“ en vogue ist. In seiner mehrbändigen Autobiographie „Lebenslauf eines Optimisten“, die zwischen 1909 und 1911 erschien, erinnert sich der erwachsene Ludwig:

„Es mag wohl bald im ersten Sommer zu Welden geschehen sein, daß ich sehnsüchtig diesem winkenden Grün entgegenzappelte. Des Tages, der mir den Wald gegeben, weiß ich mich nicht mehr zu entsinnen. Aber ich glaube, daß dieser Tag mir den ersten Seelenrausch, das erste klingende Gefühl meines Lebens gab. Denn soweit ich mit klarem Erinnern zurückschaue in die Kindheit: immer steht mir zwischen schönen Dingen der Wald als das Schönste, und immer war mir da ein frohes Zittern im Blute, ein Jubelschrei in der Kehle, ein Staunen in den Augen, ein Gefühl der Erlösung in allen Sinnen, ein geflügelter Traum in all meinem Leben. Und das ist seit meiner Kindheit so in mir geblieben bis zum heutigen Tage – durch ein halbes Jahrhundert.“

In der Marktgemeinde Welden ist man natürlich stolz „auf unser berühmtestes Kind“, bemerkt Bürgermeister Stefan Scheider, „er wird entsprechend durch Hinweise im Ort, auch durch eine Ganghoferstraße, und viele Aktivitäten gewürdigt.“ Aber auch dem Politiker ist klar, dass man mit Blick auf seine Literatur jüngere Menschen erst einmal nicht begeistern kann. „Man muss sie neugierig machen auf die Person – beispielsweise indem darauf hinweist, dass Ganghofer mehr Bücher verkaufte als selbst Joan Rowling mit Harry Potter.“ Dass die Erinnerung an den Schriftsteller im Ort selbst so lebendig bleibt, ist laut Scheider wesentlich auch den Ganghofer-Freunden in Welden rund um Karl Höck zu verdanken: „Er hat praktisch alles erforscht, was es zu Ganghofers Zeit bei uns zu sagen gibt.“

Bild: Regio Augsburg Tourismus GmbH

Ob man das „Schweigen im Walde“ unbedingt gelesen haben muss, sei dahingestellt. Aber man kann es im wortwörtlichen Sinne auf Spuren des ganz jungen Ganghofers zumindest für ein paar Stunden genießen. 2015 wurde in Welden der „Ludwig Ganghofer Lausbubenweg“ eröffnet: Dort, im ehemaligen Refugium des kleinen Ludwigs, sind auf einem 3,5 Kilometer langen Rundweg mehrere Erlebnisstationen an den Erinnerungen des Schriftstellers ausgerichtet – man kann mit Tannenzapfen auf eine Nepomuk-Figur werfen, „Eierklauen beim Rollewirt“ oder einfach auch nur spielerisch den Wald entdecken. „Wenn man die Geschichten Ganghofers aus seiner Autobiographie im Ohr hat, dann bekommt so ein Waldspaziergang gerade für Kinder nochmal eine andere Qualität und einen Hauch von Abenteuer“, meint Götz Beck. Gemeinsam mit der Marktgemeinde und dem örtlichen Ganghofer Freundeskreis waren 2020 zum 100. Todestag etliche Veranstaltungen geplant – noch ist die Hoffnung da, dass diese 2021 nachgeholt werden können. „Sicher kann man mit seinen literarischen Werken junge Menschen nur bedingt erreichen – aber er war ein Vordenker, Reformer, ein moderner Mensch und diese Geschichten wollen wir erzählen“, betont Götz Beck.

Das wird auch deutlich in der Dauerausstellung im Landgasthof zum Hirsch in Welden: Am „Stammtisch“ wird darauf hingewiesen, dass der Autor von Heimatromanen durchaus ein Intellektueller war, der Rainer Maria Rilke entdeckte, der den wilden Wedekind ebenso förderte wie den Schlacks Karl Valentin. „Ganghofer wird einfach nach wie vor unterschätzt“, bedauert Klaus Wolf. „Das war ein Mensch, der an technischen Entwicklungen interessiert war, er warf einen sozialkritischen Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit, er thematisierte sehr früh schon auch die Probleme, die die Eingriffe der Menschen in die Natur mit sich brachten.“


Ganghofer in Welden

In der Marktgemeine Welden kann man selbst ganzjährig an vielen Stationen etwas über den Schriftsteller erfahren. Der kindgerechte Lausbubenweg ist mit dem Kinderwagen begehbar, etwas weiter führt ein Ganghofer-Rundweg von 5,5 Kilometern Länge. Unumgänglich ist ein Abstecher in den Landgasthof zum Hirsch: Dort wurde eine liebevoll gestaltete Dauerausstellung eingerichtet, die das Leben und Wirken der Försterfamilie in den Blick nimmt.

Wer möchte, kann sich im Hirsch auch einen i-Pod leihen und mit Ganghofer auf „Lauschtour“ gehen. Was sonst noch für Wanderer und Radler auf Ganghofers Spuren zu unternehmen ist, findet sich gebündelt auf einer Internetseite der Regio Augsburg: https://www.augsburg-tourismus.de/de/ludwig-ganghofer

Bilder: Regio Augsburg Tourismus GmbH


Allerdings erkannte Ganghofer, der nach dem Besuch des Augsburger Realgymnasiums zunächst Maschinenbau studierte und erst später zu Literaturgeschichte und Philosophie wechselte, schnell, wie sich mit seinem schriftstellerischen Talent auch sehr viel Geld verdienen ließ: Statt der Hochliteratur widmete er sich dem Verfassen von Hochlandromanen. „Zu dieser Zeit herrschte, auch aufgrund der Industrialisierung, ein großes Bedürfnis nach einer heilen Welt und unverfälschter Natur“, so Wolf, „und das bediente er mit seinen Romanen.“ Mit Büchern aus dem Holzwinkel wäre ihm dabei wohl weit weniger Erfolg beschieden gewesen, die Alpen als Kulissen waren da schon gewinnbringender. „Er hat sich ganz bewusst für dieses Genre entschieden, weil er damit seinen durchaus aufwändigen Lebensstil – er führte ein gastfreundliches Haus in München und hatte ein großes Jagdhaus in Tirol – finanzieren konnte“, sagt der Literaturexperte. Diese Geschäftstüchtigkeit als Literat war schon damals außergewöhnlich – aber auch das ist vielleicht ein schwäbischer Zug in Ganghofers Schaffen.

Weitere Informationen:
Alles rund um Ganghofer in Welden und Umgebung:
https://www.augsburg-tourismus.de/de/ludwig-ganghofer

Dieser Beitrag erschien zuerst im Magazin „top schwaben“, Nr. 72.

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