Roger Willemsen geht auf Reisen: Durch Deutschland und an die Enden der Welt

Bild von Engin Akyurt auf Pixabay

Der Pabba bestellt sich einen Champagner Rosé, dreht sich zu den Umsitzenden wie einer jener Hartgummi-Cowboys, die sich nur noch um die eigene Taille drehen können, und setzt noch einen drauf: noch die Blattsalade mit Tausend-Eiland-Dressink und die Flasch Wasser. Herrlich, so ein Sonntag in der Fußgängerzone Heidelberg, findet er und eröffnet das Gespräch mit seiner Frau durch den Ausruf: „Wat Menschen! Wat Menschen!“ Das findet seine Frau auch.

Nun, irgendwo müssen sie ja hin, die vielen Touristen: Nicht alle bewältigen den Aufstieg zum Schloss oder haben den Nerv, an der Schlossbahn in den Warteschlangen auszuharren. Für viele ist bei der berühmten Neckar-Brücke Schluss. Und so erlebt man in der Heidelberger Fußgängerzone täglich die oben beschriebene Parade – denn irgendwo müssen sie ja hin, die vielen Touristen in der Stadt mit dem höchsten Besucheraufkommen Deutschlands. Für einen wie Roger Willemsen boten solche Biotope genügend Stoff für feinkritische Beobachtungen – sie sind versammelt in dem 2002 erschienenen Buch „Deutschlandreise“.

Willemsen fuhr 2001 und 2002 kreuz und quer durch seine Heimatland. Ein reizvoller Gedanke: Die Heimat aus den Augen eines Reisenden, eines „Fremden“ zu betrachten. Aber ahnt man nicht schon beim Aufschlagen des Buches, wie das Deutschlandbild eines Willemsen sein wird? „Denk ich an Deutschland in der Nacht …“: Heine lässt grüßen. Das Leiden an der Heimat, an „den Deutschen“ und an „Schland“, eine intellektuelle, kulturhistorische Tradition.

„Ich sitze im Zug und fahre weit weg. Nach Deutschland. Oder besser zu den so genannten Menschen draußen im Lande. Aber wo ist das?  (…) In Deutschland nach Deutschland zu reisen, das ist die Exkursion zu einer Fata Morgana. Am schönsten ist das Land als Versprechen, weit weg. Ein Weiler unter der Hügellinie, drei rote Dächer und eine Birke, ein Windstoß in den Sträuchern und eine Frau, die zum Wäscheaufhängen unter die Bäume tritt. Gute Menschen, die Milch aus zottigen Viechern melken und vor dem Essen beten. Das unausrottbar Schöne, doch, das gibt es, aber man darf ihm nicht zu nahe kommen.“

Nun, keiner kann sich von Klischees befreien. Auch ein Willemsen nicht, der offenbar die Erfindung der Melkmaschine ignoriert. Ganz frei vom intellektuellen Hochmut des Einzelgängers – oder besser: „Einzelfahrers“ – ist dieses Buch nicht, nicht ganz frei von Denkschablonen. Aber das tut dem Lesevergnügen beim Mitleiden an „Schland“ keinen Abbruch – wenn man die Klischees teilt, wenn man ähnlich denkt.

Natürlich schaute Willemsen dorthin, wo es wehtut: Dem Volk aufs Maul. Ich frage mich, wie dieses Buch heute wohl aussehen würde, da sich die „besorgten Bürger“ offen zu artikulieren wagen, verbale Hemmschwellen gefallen sind, da dieses „Ich bin stolz auf mein Land“, ausgesprochen mit dem fürchterlichen Ton des Herrenmenschen, so schreckliche Assoziationen mit sich bringt.

Insofern sind die Reisebeobachtungen des Roger Willemsen zwar von gestern, aber nicht überholt: Er zeichnet das Bild einer Nation, in denen Shopping-Malls zu Lebenssinnerfüllungszentren werden. In der die Angst, die sich in diesen Tagen äußert, die Angst vor dem „Fremden“, der uns den Wohlstand streitig macht und damit die innere Leere enthüllt, in der eben diese Angst regiert. Er zeichnet ein Bild vom Boden, aus dem in den jetzigen Zeiten die Hetze kriecht …
Und, weil es an dieser Stelle passt: Er fehlt, dieser feine Beobachter, diese kritische Stimme.

Man mag manches überzeichnet finden, manches überhöht: Doch Willemsen warf eben nicht den nüchtern-sachlich-wissenschaftlichen Blick eines Ethnologen auf das Land, nicht den eines Insektenforschers, der das Treiben geschlechtsreifer Großstädter und des Landvolkes kalt durch das Mikroskop betrachtet. Sondern den wehmütigen Blick eines dessen, der „sein“ Land trotz aller Kritik liebt:

„Vermutlich würde es den Menschen das Sprechen über ihr Land erleichtern, wenn sie sich alle als Heimatvertriebene erkennen wollten, davongejagt aus künstlichen Paradiesen. Von der Heimat lohnt es sich nur zu sprechen als von einem Mangel, dem Inbegriff des Verlorenen.“



LEBENSZEIT: „Ich habe meine Frist. Ich erfülle sie.“ Dies sagte Roger Willemsen in einem Interview mit der KNA vor einigen Jahren. Die Lebensreise dieses großartigen Denkers und feinsinnigen Essayisten ging  viel zu früh zu Ende.

Willemsen, ein Reisender, der wusste: Reisen beinhaltet auch die Möglichkeit des Verlorengehens.

„Der Reisende muss neben allen anderen Gefahren auch die Skepsis gegenüber der Anhäufung des Nutzlosen überwinden. Die Neugier findet ja immer auch dies. Vom eigenen Ich muss sie sich ab-, der Welt muss sie sich zuwenden und weiß nicht einmal, was sie finden wird. Trotzdem kann es geschehen, dass sie schließlich den Horizont erweitert.“


Zu Beginn seiner, einer faszinierenden Lesereise an die Enden der Welt, begegnet Roger Willemsen einem  achtjährigen Jungen im Krankenhaus, der an einem bösartigen Hirntumor leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Ungeachtet des nahenden Endes – für das Kind besteht der Klinikalltag aus Routine, ihm ist langweilig. Und so beginnt die erzählerische Reise – indem Willemsen mit dem Jungen in Gedanken reist, indem er dann für sich selbst die Welt durchmisst, die das Kind wahrscheinlich nie mehr sehen wird. Und zeigt: Die mächtigste Grenze ist der Tod. Aber auch aus anderen Gründen stößt man mitunter beim Reisen an „Die Enden der Welt“.

„Wenn Menschen eine Aura haben, warum sollten Städte keine haben? Eine Anmutung zumindest, manchmal Verheißung, manchmal Einschüchterung. Im Namen fasst sich der Nimbus einer Stadt zusammen: Kinshasa. Angereichert von Zeitungsfotos und Reportagefetzen der jüngeren Zeit, Begegnungen mit Menschen von dort, die zum Namen der fernen Heimat einen Gesichtsausdruck annehmen, schmerzlich, betrübt, entsagend, fatalistisch, voller Ärger, mit sich ringend.

Reisen an die Enden der Welt. Das sind nicht nur die Orte, an denen die Welt scheinbar ins Meer fällt. Oder Orte, an denen der Hund begraben ist. Es sind auch die Landschaften, in denen der Mensch untergeht vor ihrer Naturgewalt. Oder ein Menschleben – so im Kongo – schlicht und einfach nicht viel Wert hat. Willemsen hat in diesem ungewöhnlichen Reisebuch die Erfahrungen aus drei Jahrzehnten versammelt – Erfahrungen, so scheint es, die mehr sind als aus nur einem Menschenleben.

22 Stationen auf fünf Erdteilen besucht, ja seziert beinahe auf literarische Weise Roger Willemsen in diesem Expeditionsbericht, der jedoch nicht geschrieben wurde, um auch noch den letzten Winkel des Globus auszuleuchten. Die dunklen Ecken bleiben dunkel, denn, so wird deutlich: Die Welt, das ist der Mensch. Und wo es Sonne gibt, wird es immer auch Schatten geben – Schatten, vom Menschen gemacht, Schatten, vom Menschen erduldet, die dunkle Aura, die auch am Licht nicht vergeht.

Willemsen ist an Orten wie Gibraltar, Hongkong, Timbuktu, Minsk, Orvieto, selbst im Himalaya und am Nordpol nicht auf der Suche nach herausragenden optischen oder sprachlichen Bildern. Ihn treibt die Neugier, selbst an diesen extremen Orten im Alltäglichen einzutauchen – wie ein Reporter, allerdings sprachlich und philosophisch über die Reportage weit hinausgehend.  Mitten im Buch deutet Willemsen an, dass das Reisen auch mit Verschwinden verbunden ist, mit der Auslöschung des Ichs – der Tod ist ein Leitmotiv, sei es bei einem zufälligen Zusammentreffen in einem Krankenhaus in Minsk, sei es als Zeugnis eines Suizids auf der Expedition an den Nordpol.

„Statt neue Erkenntnisse über die Welttopographie einzusammeln, fährt dieser Erzähler der Auslöschung entgegen. Das Ziel heißt Ich-Verlust, nicht Selbstbestätigung, und deshalb ist das Werk als Fahrtenbuch annähernd unbrauchbar, als Roman aber fulminant“, schrieb Daniel Haas in der FAZ.

Auch wenn es Roger Willemsen nicht um die Bedienung des mit dem Reisen verbundenen Klischees der Selbsterfahrung durch Grenzüberschreitung geht, sondern um dessen Gegenteil – des Verschwindens, der Zurücknahme des Ichs: Eine Selbsterfahrung macht der Autor, die ich gut teilen kann. Ausgerechnet in Hongkong, im technologisiertesten, im luxoriösten aller seiner Reiseziele überkommt ihn das heulende Elend. Dort, inmitten der aufgerüsteten Zivilisation, überfällt ihn das Alleinsein. Man mag noch soviel reisen, am Ende der Welt steht man alleine da.


Roger Willemsen
Deutschlandreise
Fischer Taschenbuch, 2004
ISBN: 978-3-596-16023-5

Roger Willemsen
Die Enden der Welt
Fischer Taschenbuch, 2011
ISBN: 978-3-596-17988-6