MICHAL AJVAZ: Passagen unter Glas

Der Erzähler in „Passagen unter Glas“ wird Zeuge einer seltsamen, fast symmetrischen Begegnung: Zwei Männer laufen in einer Leipziger Passage aufeinander zu und tauschen identisch aussehende Taschen aus. Als er sie später in einem Café sitzen sieht, gesellt er sich – neugierig geworden – hinzu. Wer diesen philosophischen Künstlerroman, dieses formstrenge wie zugleich verschwenderisch verzierte Bauwerk zur Hand nimmt, auf den warten in Gestalt von gekonnt miteinander verbauten Binnenerzählungen Seitenflügel mit tausenden Kammern und Nischen, jede überwältigend in ihrer Wirkung und doch getragen von ruhiger Souveränität.

Großthema ist die Entstehung von Kunst aus dem Nichts; bei dieser wilden Kamerafahrt durch den menschlichen Geist dürfen sich Lesende selbst beim Denken zuschauen, sich von fließenden Metamorphosen in einen Flow hineinreißen lassen, sich dem Wuchernden und der sinnlichen Wucht hingeben. Dabei werden sie Zeugen einer interessanten Juxtaposition: Gegenstände, Gewächse und glitzernde Oberflächen sehen sich von ihrer vermeintlichen Banalität erlöst und wirken oft lebendiger als die aus der Masse bewusst nicht ausscherenden Menschen.

Prägnante Solo-Rollen haben etwa ein namenloser Roboter oder aber ein Einzelgänger namens Angelo inne; ihren Szenen wird auch ein Übermaß an geradezu sentimentaler Intensität zuteil. Auf diese müssen die meisten menschlichen Handlungsträger verzichten, nicht zuletzt ein deutlicher Wink in Richtung KI.

Frei nach dem u. a. von Michel Foucault geadelten Vor-Surrealisten Raymond Roussel werden nach dessen Bauprinzip, einer klanglich-assoziativen Methode, aus dem Vornamen Andrée der Andréide (Roboter), aus E. T. A. Hoffmann wird Hugo von Hofmannsthal.

Angelos Idiotie steht (ähnlich Dostojewskis Der Idiot) für die Geschichte eines vermeintlichen Defekts, der mangels konventioneller Wertungsschemata Freiheit im Kopf erst ermöglicht, aber in seiner Naivität auch tragikomische Züge aufweist. Zahlreiche surrealistische Elemente wie z. B. ein fliegendes Auge (Odilon Redon) vervollständigen das Bild. Wer sich auf diesen Roman einlässt, dem schwinden mit größtem Erkenntnisgewinn sämtliche seiner Sinne; am Ende werden ganze Passagen der wahrnehmbaren Welt nicht mehr die gleichen sein.

Cover von Passagen unter Glas Allee Verlag

Michal Ajvaz’ jüngster Roman (2024 auf Tschechisch erschienen), ein Werk in der Tradition von E. T. A. Hoffmann und Raymond Roussel, ist zugleich der zweite Band der Ajvaz-Werkausgabe in deutscher Übersetzung, die im Allee Verlag erscheint.


Rezensionen

„Der Roman entfaltet stellenweise ein schwindelerregendesEigenleben, als würde man in ein Kaleidoskop hineinschauen, das durch Spiegelung – in diesem Fall von Architektur-Elementen – immer neue, symmetrische Muster hervorbringt.“ – Judith Leister, Saarländischer Rundfunk

„Ajvaz hat damit ein wahrlich ungewöhnliches Buch geschrieben, ein glitzerndes Labyrinth voller Geschichten kreiert, die nicht zuletzt eine Intention haben: unsere Imagination zu befeuern!“ – Michael Stavaric in „Die Presse“, 16.05.2026

Mark Reichwein empfiehlt den Roman „als Schule des Erkundens von urbanen Räumen und Gestalten“ in der Literarischen Welt in der Welt am Sonntag, 8.3.2026

„Surrealismus und magischer Realismus, verschachteltes Erzählen und raffinierte Winkelzüge in den Geschichten sind die Markenzeichen von Ajvaz‘ Erzählen, und es hat natürlich auch eine besondere Bewandtnis mit den Schatullen, die aber hier um des Lesevergnügens nicht verraten werden soll. Ein fabelhafter Roman!“ – Michael Braun, Borromäusverein

„Michal Ajvaz versteht es in diesem Roman, wie schon in Die andere Stadt, seinen Lesern mit sprachlichen Mitteln den Einblick in Bildwelten zu vermitteln, die gelegentlich in wilder Mischung aus Landschaften, Monstren, Obszönitäten, Vulkanschloten und Unterwasserurwäldern bestehen. Die Kombination von Alltagserfahrung und Phantastischem erreicht in Passagen unter Glas eine neue Höhe. Die Erzählung ist fern jeder Anbiederung an Traditionen oder Moden und behält ihren leichten Ton selbst in ihren philosophischen, kunst- und literaturtheoretischen Reflexionen bei.“ – Hermann Rotermund, literaturkritik.de

„Eine furiose Liebeserklärung an die Künste und das Entstehen von Kunstwerken.“ – Paul Hübscher, litteratur.ch

„Wir Lesende werden beim Durchwühlen der beiden Schatullen dieses, von der Verlegerin Veronika Siska wortgewaltig übersetzten, von Anspielungen zu anderer Literatur und Kunst geradezu wimmelnden, anspruchsvoll herausfordernden Roma-nes unsere wahre Freude daran haben, die gemeinsame Quelle der Geschichte zu finden.“ – Bennads Buchtipps, Bernhard R. M. Ulbrich

„Und schon ist man drin in einer Geschichte, die einen gleich weiter in die nächste Geschichte führt. (…) Und mit dieser Übersetzung von Veronika Siska schreitet man ja noch durch eine weitere Tür: in die benachbarte Welt der tschechischen Literatur, die einem auf einmal genauso vertraut vorkommt wie die deutsche.“ – Ralf Juhlke, Leipziger Zeitung

„Ein Meister des Erzählens.“ – Matthias Voß im Wochenspiegel der Märkischen Allgemeinen

Autor & Übersetzerin

Michal Ajvaz (*1949 in Prag) studierte Tschechisch und Ästhetik an der Karls-Universität Prag und promovierte über Richard Weiner und Karel Čapek. Während des kommunistischen Regimes lebte er in »innerer Emigration« und arbeitete in verschiedenen Berufen, bevor er 1994 freier Autor wurde. Seit 2003 ist er zudem als Wissenschaftler am Zentrum für theoretische Studien der Akademie der Wissenschaften und der Karls-Universität tätig. Seine Gedichte, Romane, Essays und Studien sind in 24 Sprachen übersetzt.

Auszeichnungen:
Longlist Magnesia-Litera-Preis für Passagen unter Glas (2025)
Tschechischer Staatspreis für Literatur (2020)
Prix Utopiales (2015)
Magnesia-Litera-Preis (2012)
Jaroslav-Seifert-Preis (2005)

Bild: David Konecny

Veronika Siska (*1976) studierte französische Sprache und Kultur an der Sorbonne in Paris, anschließend Neuere deutsche Literatur und Slawistik in München und Prag. Sie war viele Jahre in der Redaktion des Biographischen Lexikons zur Geschichte der böhmischen Länder tätig. Seit 2000 arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin und Lektorin. Als Kulturvermittlerin organisiert sie seit 2022 Lesereihen. 2024 gründete sie den Allee Verlag für europäische Literatur in deutscher Übersetzung.

Bibliographische Angaben

Michal Ajvaz
Passagen unter Glas
Roman
Aus dem Tschechischen von Veronika Siska
456 Seiten | Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
22,1 × 14,2 cm
€ 30,00 [D] | € 30,90 [A]
ISBN 978-3-911524-09-4 | Auch als E-Book erhältlich
Erscheinungstermin: 9. März 2026
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Verlag

*Im Rahmen meiner Arbeit – PR für Verlage und Autor*innen



Verlagsportrait: Der Allee Verlag

Der Name ist Programm beim erst 2024 von Veronika Siska gegründeten Allee Verlag: Mit seinen Publikationen will der Münchner Verlag Wege ebnen zu bislang noch unbekannten literarischen Schätzen aus Europa. „Der Verlag steht für die Idee eines vielfältigen Europas – nicht als politisches Schlagwort, sondern als gelebte kulturelle Praxis“, sagt die Übersetzerin und Lektorin Veronika…

MICHAL AJVAZ: Die andere Stadt

Der neu gegründete Allee Verlag veröffentlicht literarische Stimmen aus ganz Europa, deren Sprachen und Perspektiven im deutschsprachigen Raum unterrepräsentiert sind. Mit „Die andere Stadt“ von Michal Ajvaz legt der Verlag zum Programmauftakt einen philosophisch-phantastischen Roman aus Prag vor. In der Tradition von Gustav Meyrink, Alfred Kubin und Jorge Luis Borges entführt der Autor in surreale…