
„Ich bin Österreicher geworden, weil ein Österreicher namens Hitler Deutscher geworden ist.“ Ulrich Becher, 1910 in Berlin geboren, 1990 in Basel gestorben, war ein Wanderer zwischen den Welten. Zuerst Jurastudent, dann Meisterschüler bei George Grosz zog es ihn aber doch zur Schriftstellerei. Sein erstes Buch, der Novellenband „Männer machen Fehler“, erschien 1932 und wurde ein Erfolg – aber landete bereits ein Jahr später auf der Liste „entarteter Literatur“.
Einen Tag nach dem Reichstagsbrand ging Becher nach Österreich und flüchtete später in andere europäische Länder vor den Nationalsozialisten. Es folgten Aufenthalte in Brasilien und New York – ein Leben aus Koffern. Er kehrte nach dem Krieg nach Europa zurück, seine letzte Station war Basel, wo er ab 1954 lebte. Obwohl er unheimlich produktiv war und auch als Theaterautor – unter anderem mit „Der Bockerer“ – große Erfolge feierte, blieb ihm der ganz große Durchbruch verwehrt.
Für mich ist sein 1969 erschienener Roman „Murmeljagd“ neben „Die Insel des zweiten Gesichts“ (1953) von Albert Vigoleis Thelen jedoch einer der beiden barocken Großromane der deutschen Nachkriegszeit, die zu meinen absoluten Favoriten gehören.
Inhaltsverzeichnis:
Kurt Tucholsky – Augen in der Großstadt
Tucholsky verband zu Berlin eine Art Hassliebe. Die Anonymität, die Hektik, den Rhythmus der Stadt brachte er kongenial in „Augen der Großstadt“ zum Ausdruck.
«Der Afrik» von Sven Recker erzählt von Zwangsauswanderung
Um die Armen loszuwerden, schickten manche Ortschaften in Deutschland ihre Tagelöhner im 19. Jahrhundert als Wirtschaftsflüchtlinge nach Nordafrika. Sven Recker erzählt in „Der Afrik“ auf beeindruckende Weise von solch einem Schicksal.
Literarische Orte: Wieland unter abgeschmakten Schwaben
Nichts wie weg hier: Als Kanzleiverwalter hat Christoph Martin Wieland in Biberach arg gelitten. Dafür umso mehr geschrieben. Ein Besuch in seiner Heimatstadt.
Ein Jahrhundertroman: Murmeljagd (1969)
„Ihren Passeport.„
Er blätterte in meinem Reisepass nur kurz:
„Janein, dieser Pass ist ungültig.“
Ich schwieg.
„Es ist Ihnen bekannt, dass seit zirka drei Monaten eine Republik Österreich, Republique d’Autrice de jure und de facto nicht mehr existiert.“ „Es ist mir bekannt. Weit mehr de facto als de jure.“
Dieses Buch haut einen um wie eine Naturgewalt. Es macht atemlos. Und zunächst auch sprachlos. Als ich es zur Seite legte, war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt eine halbwegs anständige Besprechung dazu zustande bekäme. Sicher bin ich mir immer noch nicht. Aber es sollte, ja, es muss vorgestellt werden – denn jeder, der Sprache und das Spiel mit ihr liebt, der Wortkapriolen zu schätzen weiß, der sehen und lesen und lernen möchte, wie phantastisch phantasievoll man mit Sprache umgehen kann, der wird daran seine Freude haben. Und noch mehr: Einen langen, nachklingenden Genuss.
Ein ewiger Geheimtipp
1969 erstmals erschienen, ist „Murmeljagd“ von Ulrich Becher (1910-1990) lange so etwas wie ein Geheimtipp gewesen. Dabei brächten Buch und Autor alle Voraussetzungen mit, in eine Ruhmeshalle der sprachmächtigsten, exaltiertesten und umwerfendsten Werke des vergangenen Jahrhunderts zu gelangen. Und man hätte sogar den Vorteil, Ulrich Becher als „Drei-Länder-Schriftsteller“ für sich vereinnahmen zu können: Becher, zwar 1910 in Berlin geboren, hatte über seine Mutter, eine Pianistin, Schweizer Wurzeln. Sein Schwiegervater war in Österreich ein Berühmter: Roda Roda. Österreich und die Schweiz zudem Stationen im Exil.
Und vor allem war Becher wohl ein allseits talentierter Mensch: Er studierte Jura, wurde der einzige Meisterschüler von George Grosz und begann zu schreiben. 1932 erschien sein Debüt „Männer machen Fehler“ – das kaum ein Jahr später von den Nationalsozialisten als entartete Literatur eingestuft wurde.
„Er konnte etwa für sich beanspruchen, der jüngste Autor gewesen zu sein, dessen Bücher die Nazis verbrannten. Keine geringe Ehre, das musste einer erst schaffen: knapp über zwanzig, ein erster schmaler Band und schon ein entarteter Staatsfeind. Becher war, als bildender Künstler, als der er begann, Schüler von George Grosz, fing an zu schreiben, floh aus den genannten Gründen über Österreich und die Schweiz schließlich nach Brasilien, schrieb eine ganze Reihe Romane, Erzählungen und Theaterstücke und starb, relativ vergessen, 1990 in Basel“, so die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse in ihrem lesenswerten Artikel in der „Welt“, die zur Wiederauflage im Schöffling Verlag ein enthusiastisches Nachwort schrieb.
Verfolgung und Exil zerstörte die Karriere
In der Presse brach 2020 Begeisterung aus, als handele es sich darum, das Erscheinen eines fulminanten Debütromans zu feiern. Gut für das Buch, schade für Ulrich Becher: Der hätte die Aufmerksamkeit zu Lebzeiten genossen und verdient, Aber ihm ging es wohl, wie vielen seiner Schicksalsgenossen: Die Naziverfolgung, das Exil – es zerstörte viele Existenzen und Karrieren. Nicht alle von denen, die überlebten, fassten später wieder Fuß.
Das Überleben in finsteren Zeiten, die Flucht vor den Häschern, Exil und Vertreibung: Das sind auch die Hauptthemen dieser 700 Seiten starken, turbulenten Parforcejagd durch die Schweiz. Eine Berg- und Talfahrt, eine Tour de Force: Knallbunt und prallvoll wie das Leben, ab und an auch zappenduster und schwarz wie der Tod.
Geflüchtet in die Schweizer Bergwelt
Den abtrünnigen Adeligen Albert Trebla, der sich – noblesse oblige – dem Sozialismus verschrieb, hat es (nach dem Anschluss von Österreich „heim ins Reich“) mit seiner Frau Xane in die Schweiz verschlagen. Dort versucht man einigermaßen durchzukommen, ständig unter Kuratel durch die Schweizer Behörden, versucht, mit den Verwandten im Vielvölkerstaat Österreich Kontakt zu halten, und, wenn möglich, weiter Politik zu treiben. Plötzlich häufen sich im Umfeld Treblas jedoch undurchsichtige Unfälle mit tödlichem Ausgang. Der Exilant wird auch in der Schweizer Bergwelt zum Gejagten – in seiner Gedankenwelt jedenfalls. Zwei Murmeltierjäger geraten ihm ins Visier, sein Verdacht: Mögliche Nazischergen. Trebla wird zum „Murmelmurmeljäger“. Zugleich häufen sich die finsteren Nachrichten aus der Heimat von Freunden und Weggenossen, die in den Konzentrationslagern und am spanischen Himmel ihr Leben verlieren.
Was Trebla jedoch nicht davon abhält, sich durch die Lokalitäten zu charmieren, den einen oder anderen amourösen Fehltritt zu begehen und letztendlich doch seine geliebte Xane noch zu schwängern.
Man sieht: In diesem Buch liegt alles nahe beieinander, Liebe und Leid, Leben und Wahn. Und dies in einer Sprache, die in ihrer Lust zum Spiel an Arno Schmidt erinnert, die die elegante Grandezza eines Heimito von Doderer mit der speziell österreichischen Melancholie eines Joseph Roth vereint. Manches Mal kapriolt er vielleicht zu sehr, manches Mal macht ihm das Groteske so viel Freude, dass man als Leser um das Niveau zu bangen beginnt – aber schnell schlägt Becher dann die nächste Volte. Und man ist schon wieder im besten Sinne: Mitgenommen. Dazu kommen noch zahlreiche Anspielungen und Verweise auf Jahrhunderte europäischer Geschichte und Kultur, die man beim ersten Lesen des Buches wohl auch kaum in ihrer Fülle erfassen kann.
Eva Menasse lobt ihn seit Jahren
Noch einmal seine Verehrerin Eva Menasse zum Schluss:
„Mag sein, dass einige dramaturgische Volten zu gewagt sind, mag sein, dass in diesem Buch zu viel und zu aufsehenerregend gestorben wird, mag sogar sein, dass der Schluss des Romans gegen den Rest etwas abfällt – dies ist dennoch eines der ganz seltenen Bücher, die einen mit physischer Gewalt ergreifen, die einen ihre Geschichte hören, riechen, schmecken, erleiden lassen. Und schließlich beweist dieses Hauptwerk eines fast vergessenen Teufelskerls wieder einen Hauptsatz der Literatur: Nur wer, wie Ulrich Becher, der Katastrophe auch ihre Grotesken abzulauschen versteht, vermag seinen Leser wahrhaft zu erschüttern. Denn das tiefste Erschrecken liegt direkt neben dem brüllenden Lachen, nirgendwo sonst.“
New Yorker Novellen (1950)
„Ja, er hatte heimliche Sorgen, der erfolgreiche Seelenwart der Park Avenue. Nicht war er ohne Liebe. Doch konnte sie nicht als Triebkraft seines Daseins gelten. Diese Triebkraft, die ihn hatte vom Schlachtfeld des Ersten Kriegs in die Schweiz fliehen, zum Pazifisten werden, aus dem Dritten Reich fliehen, zum Hitlergegner werden lassen, dieser Motor, der ihm nimmer erlahmte, trug einen knapperen Namen:
Angst.“
Bereits 1945, noch in New York, begann Ulrich Becher an diesen drei Novellen zu schreiben, die schließlich 1950 erstmals publiziert wurden. Der Band umfasst die Erzählungen „Nachtigall will zum Vater fliegen“, „Der schwarze Hut“ und „Die Frau und der Tod“ – ein „Zyklus in drei Nächten“, der von entwurzelten Außenseitern handelt.
Schwarzhumoriger Humor erinnert an Mentor George Grosz
Drei Novellen, die das Fremdsein und Fremdbleiben, das Unbehauste der Vertriebenen, auf ganz unterschiedliche Art und Weise beschreiben. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Diesen schwarzhumorigen Unterton, die beinahe groteske Verzerrung mancher Situationen, die nicht von ungefähr an George Grosz erinnert: Ulrich Becher, eine Doppelbegabung als Schreibender und Malender, war Schüler und Freund des großen Künstlers.
Doch trotz der Lust am Sprachwitz und ungeheurer Kapriolen – allein, wie aus dem schmächtigen Flüchtling Hans Heinz Nachtigall der wohlsituierte und erfolgreiche Psychoanalytiker John Henry Nightingale wird, zeugt von der Spielfreude des Autors – sind die Erzählungen auch geprägt von einem düsteren Setting. Sie handeln von Menschen, die eine dunkle Vergangenheit verfolgt und fürs Leben prägt: Der in den USA aufgestiegene Nightingale, der es nicht wagt, seinen betagten Vater in Deutschland, den er allein zurückließ, aufzusuchen. Der arme jüdische Exilant, der in der Erzählung „Der schwarze Tod“ von seinen Erinnerungen an das Konzentrationslager Dachau eingeholt wird. Der amerikanische Soldat, traumatisiert von seinen Kriegserlebnissen, der in „Die Frau und der Tod“ durch das nächtliche New York streift, einer ebenso betörenden und verstörten Frau auf der Spur.
Im Deutschland der Nachkriegszeit ein umstrittener Autor
Als diese New Yorker Novellen im Nachkriegsdeutschland erschienen, waren sie nicht unumstritten: Ausgerechnet dem Exilautor, der mit seinem Witz eben niemanden verschonte, soll „antisemitische Propaganda“ unterstellt worden sein, andere hielten ihn für einen unverbesserlichen Kommunisten. Es ist zu hoffen, dass Ulrich Becher, so wie es Moritz Wagner, Herausgeber der „New Yorker Novellen“ in seinem Nachwort andeutet, auch eine Lebenseinstellung hatte, die er in seinen Werken immer wieder durchblicken lässt: Das Komische als Überlebenshilfe, alles, nur kein „Lamento-Boy“ zu sein.
Schon alleine wegen dieser literarischen Herangehensweise, dieser satirisch-grotesken Betrachtung der Welt, aber auch wegen seiner Fabulierlust und den fast schon barocken Sprachspielereien, lohnt es sich, Ulrich Becher immer wieder und wieder zu lesen.
Bibliographische Angaben:
Murmeljagd
Schöffling Verlag, 2020
ISBN: 978-3-89561-452-1
New Yorker Novellen
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Moritz Wagner
Schöffling Verlag, 2020
ISBN: 978-3-89561-453-8
