
Als Dürrenmatt Charlotte Kerr kennenlernte, war er der ältere Herr, knapp ein Jahr verwitwet, alkohol- und tablettenabhängig, und schien über den Zenit seines Schaffens hinaus. Die Kerr, anfangs ihrer Karriere Schauspielerin in B-Movies („Heißer Sand auf Sylt“) und Kultfigur auf der Raumpatrouille Orion, war zur Zeit des Kennenlernens eine ernstzunehmende Journalistin. Kennen und lieben lernten sie sich über das Theater, die Beziehung vertiefte sich bei Kerrs filmischen Dürrenmatt-„Portrait eines Planeten„.
Die Frau im roten Mantel
Sie erlöste den Minotaurus aus seinem Gefängnis. Und baute sich damit vielleicht ein Stück ihr eigenes: „Die Frau im roten Mantel“ (so der Titel ihres Buches, in dem sie wunderbar über ihre wenigen Jahre mit dem Schweizer Schriftsteller schreibt), wurde sein kreativer Antrieb, sein Gegenstück, seine Ergänzung. Aber sie wurde auch zur Frau an Seite Dürrenmatts, erhielt später das Etikett der „Berufswitwe“, Sachwalterin seines Erbes. Als sie starb, titelte die NZZ: „Dürrenmatts Witwe Charlotte Kerr gestorben“.
Dass da noch mehr wahr, die eigenen Leistungen, der eigene Beruf: Das geht an der Seite eines solchen Mannes wohl auch unter, wird nicht gesehen. Ein schönes Portrait über eine starke Frau schrieb Pirmin Meier. Kerr plagten Depressionen, schwarze Stimmungen:
„Wenn der See grau ist,
wenn die schwarzen Vögel in den Bäumen hocken,
lauern, nach mir hacken,
wenn Depressionen nach unserem Glück gieren,
es zu verzehren drohen,
dann tritt die Familie in Aktion.“
Am Morgen findet Charlotte Kerr neben ihrem Bett eine Nashornzeichnung.
„Damit Joggeli beim Erwachen lacht …“
Die schwarzen Vögel stieben davon.
Sie brachte ihm die Kreativität zurück, er verscheuchte die schwarzen Vögel: Ein Buch, das ohne viele Worte auskommt, ist Zeugnis dieser innigen Beziehung, einer tiefen Verbundenheit.
Ein Kosmos voller liebevoller Figuren
Die Familie, das ist ein Kosmos aus liebevollen Figuren, eine Fabelwelt, die sich Dürrenmatt und Kerr erschufen, die Dürrenmatt liebevoll auf Papier bannte. 2001 wurden einige dieser Zeichnungen mit Anmerkungen von Charlotte Kerr unter dem Titel „Das Nashorn schreibt der Tigerin“ veröffentlicht.
Andreas Platthaus stellte „die Familie“ und das Buch am 1. November 2001 in der FAZ vor:
Denn Dürrenmatt hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, Charlotte Kerr mit selbstangefertigten Zeichnungen zu beglücken, auf denen er selbst als Nashorn, sie als Tigerin und außerdem noch drei weitere Akteure ihre Späße trieben (…). Die kindliche Lautverschiebung von R zum L wurde zum Prinzip der Texte, die Dürrenmatt seinen schnell dahingeworfenen Nashornzeichnungen beigab. Deshalb also das „Stasilinozelos“.
Die ausführliche Besprechung bei Literaturkritik hebt einen Punkt hervor:
„Dominiert werden sämtliche Zeichnungen durch das Nashorn, das nicht nur im Mittelpunkt des Geschehens steht, sondern auch immer größer als die Tigerin und alle anderen Partizipanten ist. Selbst das Brandenburger Tor schrumpft im Verhältnis zum Schweizer Nationaldenkmal Dürrenmatt alias Rhinozeros. Das lässt natürlich Rückschlüsse auf das Selbstbild des Autors zu, und wäre da nicht die gleichzeitige Behäbigkeit und Komik des Nashorns, würde einem grauen vor so viel Egomanie.„
Man würde es sich wohl jedoch zu einfach machen, sähe man in Charlotte Kerr nur die Frau an seiner Seite, die vieles aufgab und hinter sein Werk zurücktrat. Denn was weiß man schon vom Innenleben eines Paares? Ein wenig mehr weiß man nun vom Nashorn und seiner Tigerin.
Informationen zum Buch:
Charlotte Kerr/Friedrich Dürenmatt
Das Nashorn schreibt der Tigerin
Aufbau Verlag, 2022
ISBN: 978-3351029616
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