Friedrich Dürrenmatt und Charlotte Kerr: Das Nashorn schreibt der Tigerin

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Als Friedrich Dürrenmatt die Journalistin Charlotte Kerr kennenlernte, war er gesundheitlich angeschlagen und schien über dem Zenit seines Schaffens. In dieser Buchbesprechung werfen wir einen Blick auf eine außergewöhnliche Beziehung, die im Buch Das Nashorn schreibt der Tigerin durch rührende Zeichnungen und Texte dokumentiert ist.

Friedrich Dürrenmatt lernte Charlotte Kerr im Herbst 1983 kennen. Dieser hatte kurz zuvor seine Ehefrau Lotti Geissler, mit der er seit 1946 verheiratet war, verloren. In dieser persönlichen und beruflichen Krise traf er auf Charlotte Kerr. Sie heirateten 1984. Für Dürrenmatt brachte diese Begegnung auch neuen künstlerischen Aufschwung. Eine Ahnung von der tiefen Beziehung erhält man auch durch Kerrs filmisches Dürrenmatt-„Portrait eines Planeten„.

Sie erlöste den Minotaurus aus seinem Gefängnis. Und baute sich damit vielleicht ein Stück ihr eigenes: „Die Frau im roten Mantel“ (so der Titel ihres Buches, in dem sie wunderbar über ihre wenigen Jahre mit dem Schweizer Schriftsteller schreibt), wurde sein kreativer Antrieb, sein Gegenstück, seine Ergänzung. Aber sie wurde auch zur Frau an Seite Dürrenmatts, erhielt später das Etikett der „Berufswitwe“, Sachwalterin seines Erbes. Als sie starb, titelte die NZZ: „Dürrenmatts Witwe Charlotte Kerr gestorben“.

Dass da noch mehr wahr, die eigenen Leistungen, der eigene Beruf: Das geht an der Seite eines solchen Mannes wohl auch unter, wird nicht gesehen. Ein schönes Portrait über eine starke Frau schrieb Pirmin Meier. Kerr plagten Depressionen, schwarze Stimmungen:

„Wenn der See grau ist,
wenn die schwarzen Vögel in den Bäumen hocken,
lauern, nach mir hacken,
wenn Depressionen nach unserem Glück gieren,
es zu verzehren drohen,
dann tritt die Familie in Aktion.“

Am Morgen findet Charlotte Kerr neben ihrem Bett eine Nashornzeichnung.
„Damit Joggeli beim Erwachen lacht …“
Die schwarzen Vögel stieben davon.

Sie brachte ihm die Kreativität zurück, er verscheuchte die schwarzen Vögel: Ein Buch, das ohne viele Worte auskommt, ist Zeugnis dieser innigen Beziehung, einer tiefen Verbundenheit.

Die Familie, das ist ein Kosmos aus liebevollen Figuren, eine Fabelwelt, die sich Dürrenmatt und Kerr erschufen, die Dürrenmatt liebevoll auf Papier bannte. 2001 wurden einige dieser Zeichnungen mit Anmerkungen von Charlotte Kerr unter dem Titel „Das Nashorn schreibt der Tigerin“ veröffentlicht.

Andreas Platthaus stellte „die Familie“ und das Buch am 1. November 2001 in der FAZ vor:

Denn Dürrenmatt hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, Charlotte Kerr mit selbstangefertigten Zeichnungen zu beglücken, auf denen er selbst als Nashorn, sie als Tigerin und außerdem noch drei weitere Akteure ihre Späße trieben (…). Die kindliche Lautverschiebung von R zum L wurde zum Prinzip der Texte, die Dürrenmatt seinen schnell dahingeworfenen Nashornzeichnungen beigab. Deshalb also das „Stasilinozelos“.

Die ausführliche Besprechung bei Literaturkritik hebt einen Punkt hervor:

„Dominiert werden sämtliche Zeichnungen durch das Nashorn, das nicht nur im Mittelpunkt des Geschehens steht, sondern auch immer größer als die Tigerin und alle anderen Partizipanten ist. Selbst das Brandenburger Tor schrumpft im Verhältnis zum Schweizer Nationaldenkmal Dürrenmatt alias Rhinozeros. Das lässt natürlich Rückschlüsse auf das Selbstbild des Autors zu, und wäre da nicht die gleichzeitige Behäbigkeit und Komik des Nashorns, würde einem grauen vor so viel Egomanie.„

Man würde es sich wohl jedoch zu einfach machen, sähe man in Charlotte Kerr nur die Frau an seiner Seite, die vieles aufgab und hinter sein Werk zurücktrat. Denn was weiß man schon vom Innenleben eines Paares? Ein wenig mehr weiß man nun vom Nashorn und seiner Tigerin.

Charlotte Kerr/Friedrich Dürenmatt
Das Nashorn schreibt der Tigerin
Aufbau Verlag, 2022
ISBN: 978-3351029616