JOHANNA HANSEN: Schamrot

„Das Schweigen ragt aus dem Krieg heraus, der mehr als zehn Jahre vorbei ist. Es stapelt das Zimmer bombenvoll. Das Kind lernt den Ausdruck bombiges Wetter kennen, die geblümte Schlafzimmertapete wird zur Wiese. Löwenzahn, Kornblumen, Ähren, Mohn, der Teppich vor dem Bett ist aus rosa Schafwolle, in die webte die Großmutter ein paar Sterne hinein.

An dem hohen Himmelszelt weißt du wieviel Wolken gehen, Gott der Herr hat sie gezähählet, dass ihm auch nicht eines fehehlet, an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.“

Johanna Hansen, „Schamrot“, Roman, edition offenes feld, 2025

Dieses Buch ist ein Gesamtkunstwerk: In ihrem autofiktionalen Text „Schamrot“ schildert die Malerin und Dichterin Johanna Hansen ihre Kindheit am Niederrhein in einer hellsichtigen Mischung aus Träumen, Phantasien, inneren Monologen und schonungsloser Darstellung. Jenseits der ländlichen Idylle beschreibt Hansen, wie in den fünfziger und sechziger Jahren die Wunden des Zweiten Weltkriegs längst nicht alle geschlossen sind, wie religiöse Moral die Wahrnehmung des eigenen Körpers auch noch in den siebziger Jahren beeinflusst und wie die Umwelt auf ein ebenso sensitives wie hochbegabtes Kind reagiert. Hansens unbedingt lesenswerter Bericht ist ein ebenso erschütternd persönliches wie raffiniert poetisch aufgeladenes Zeitzeugnis.

Wir begleiten die Ich-Erzählerin durch ihre Kindheits- und Jugendjahre, die geprägt sind von den kriegsbedingten Traumata der vorhergehenden Generationen, von der Sprachlosigkeit und dem Gefühl des eigenen Fremdseins und Ungenügens. Der autofiktionale Roman endet mit dem Weggang zum Studium, dem Ver- und Hinter-sich-lassen des Geburtsortes:

„Mein bisheriges Leben hatte mich manchmal bis an den Rand des Todes geführt. Ich wollte es hinter mir lassen. Mehr als zuvor wünschte ich mir, herauszufinden, weshalb ich krank war und mich so fremd in der Welt fühlte.“

„Schamrot“ ist ein eindringlicher, berührender Bericht, der einerseits eine ganz individuelle Geschichte erzählt, andererseits aber auch stellvertretend für die Erlebnisse dieser Generation steht. Ergänzt durch zahlreiche Bilder der Malerin Johanna Hansen wird diese poetische Erzählung zu einem Gesamtkunstwerk.


Stimmen zum Buch:

„Was Johanna Hansens Buch von anderen autofiktionalen Texten abhebt, ist ein poetischer Raum, in dem den Leser:innen auf sehr berührende Weise die Gefühlswelt des Kindes nahegebracht wird und der zugleich die Weite besitzt, um selbst zwar andersartige, aber doch vergleichbare Erfahrungen der Lesenden aufzunehmen.“ – Blog des Niederrheinischen Literaturhauses Krefeld

„„Schamrot“ ist ein durch und durch ungewöhnliches Buch – wobei der Terminus „Buch“ ungeachtet seiner physischen Gestalt zu kurz greift. (Und schon gar nicht ist es ein Buch, das man „mal eben nebenher“ liest.) „Schamrot“ ist ein eigener Kosmos, in den ich hineingezogen wurde; eine wort-, bild- und wortbildgewaltige Collage, die mich vollkommen gefangen genommen, bisweilen sanft belustigt und mitunter zu Tränen gerührt hat. Große Leseempfehlung!“ – Yvonne Schauch

„Hansen schreibt feinfühlig, poetisch und zart. Ihre Reise in die fremde und doch nahe Zeit der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts ist auch die Erkundung eines Zeitgefühls.“ – Dierk Wolters, Frankfurter Neue Presse, 5. Januar 2026

„Die Erfüllung ersehnter Träume lässt das Leben reifen. Schön ist es, wenn schließlich die volle Pracht der Schmetterlingsflügel ausgebreitet vor uns liegt. Kunst ist Welteinsicht.“
Bernhard R. M. Ulbrich

„So sehr das Buch in der Vergangenheit verortet ist, so sehr zeigt es doch Gegenwärtigkeit: in seiner poetischen Form, in seinem präzisen Blick auf Erziehung, Weiblichkeit, Gewalt und Klassenzugehörigkeit. Hansen verzichtet auf jedes Pathos – gerade darin liegt die Kraft von Schamrot.“ – Ute Pappelbaum, Lesering.de

„Die bildreich erzählenden Passagen treffen dabei auf sprechende Bilder. Die Zeichnungen gewinnen eine neue Dimension durch die Geschichten, und die Bilder in den Geschichten gewinnen Kontur durch die Aquarelle, alles bereichert einander, ergänzt und weitet den Blick.“ – Elke Engelhardt, TEXTOR

„Johanna Hansens Buch ist nicht nur durch sein großes Format und die Illustrationen sehr beeindruckend. Nach den langen Jahren der „Luftknappheit“, des Schweigens, der Knebelung jeder Fantasie, nach dem langsamen Heraus-lösen aus den Konflikten, Knoten, Verletzungen der voraus-gegangenen Generationen, hat sie den Weg gefunden, der aus der Enge herausführt: Sprache, Ausdruck in jeder Form.“ – Petra Lohrmann, Gute Literatur – Meine Empfehlung


Zur Autorin:

Johanna Hansen wurde als drittes von fünf Kindern in Moers geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in Kalkar am Niederrhein, studierte nach dem Abitur Germanistik und Philosophie in Bonn.  Nach dem 2. Staatsexamen arbeitete sie zunächst als Sprachlehrerin und Journalistin. Seit 1993 ist Johanna Hansen, die nun in Düsseldorf lebt, als Bildende Künstlerin und Schriftstellerin tätig, es folgten zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen. Ab 2008 Publikationen vor allem von Lyrik in Kombination mit eigenen Bildern, seit 2013 ist sie mit Wolfgang Allinger Herausgeberin der Literaturzeitschrift WORTSCHAU. In Zusammenarbeit mit Musikern und Musikerinnen und Komponisten und Komponistinnen entstanden Performances, Buch/CD Projekte und Poesie-Filme. Ihre Gedichte wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. 

Foto: Elena Hill

Preise und Auszeichnungen:

2024 Feldkircher Lyrikpreis
2024, 2022, 2021 und 2020 jeweils Arbeitsstipendien des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur NRW
2019 Preisträgerin im Postpoetry Lyrik Wettbewerb NRW
2018 Autorenresidenz im Schriftstellerhaus Ventspils, Lettland
2013 Lyrikpreis des Kultursalons „Madame Schoscha“, Berlin
2012 artist window „Kindheitshelden“

Mehr: https://www.johannahansen.de/


Bibliographische Angaben:


Johanna Hansen
Schamrot
Eine niederrheinische Kindheit

edition offenes feld, November 2025
Hardcover mit Schutzumschlag, zahlreiche Abbildungen
Format: 19×27 cm, 212 Seiten,
40,00 €
ISBN: 978-3-8192-7383-4


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