Verschwörung gegen Amerika: Philip Roths prophetischer Roman

Viel zu lange stand dieses Buch von Philip Roth schon ungelesen in meinem Regal. Aber nun war der Griff danach beinahe schon zwingend. Es schien mir das Buch zur Stunde. Und wird doch beinahe schon stündlich wieder von den neuen Nachrichten aus Amerika überholt. Wer glaubt, die Schreckenszeiten seien auf vier Jahre beschränkt, der täuscht sich in meinen Augen. Alles, was an Staatsumbau derzeit in den USA per Dekret und sowohl am Kongress und an den Gerichten vorbei implementiert wird, ist auf Dauer angelegt.

Aber zurück zu der literarischen „Verschwörung gegen Amerika“: Es ist sicher nicht der beste Roman von Philip Roth, 2004 veröffentlicht. Insbesondere im deutschen Feuilleton wurde das etwas hanebüchen wirkende Ende des Romans kritisiert (siehe hier eine Zusammenfassung im Perlentaucher), als er 2005 in deutscher Übersetzung durch Werner Schmitz hierzulande erschien. Und dennoch hinterlässt dieser Roman einen mulmigen Nachgeschmack. Und er wirft die Frage auf: Hat der große Romancier da schon etwas kommen sehen, vor dem wir selbst vielleicht zu lange die Augen verschlossen?

Roth schreibt in „Verschwörung gegen Amerika“ kurzerhand die Geschichte um. 1939 kehrt Charles Lindbergh nach längerem Aufenthalt in ein Land zurück, dessen Bevölkerung offenbar mehrheitlich bereit ist für den von ihm vertretenen Isolationismus. Er überzeugt die Wähler mit einer einfachen Losung: Wählt Lindbergh oder wählt den Krieg. Der demokratische Präsident Roosevelt sieht im Aufstieg der Nationalsozialisten eine Gefahr für die ganze Welt. Er will Europa in dem von Hitler entfesselten Krieg unterstützen.

Dass Lindbergh dagegen eine Nähe zu den Nationalsozialisten pflegt, ficht die Mehrheit der Amerikaner nicht an. Sie folgen seinem Kurs des „America first“ willig. Und wählen ihren tragischen Helden, den wagemutigen Flieger und trauernden Vater, zum Präsidenten.

„Da war er wieder, unser Lindy (…), der furchtlose Lindy, jugendlich und doch auch ernst und gereift, der zähe Individualist, der legendäre amerikanische Übermann, der das Unmögliche leistet, indem er sich ganz auf sich allein verläßt.“

Bild: Anatolii Grytsenko, Pexels

Es ist der literarische Kunstgriff Philip Roths, der die Lektüre dieses Buches so eindrücklich macht. Geschildert wird die Geschichte dieser Machtergreifung und ihrer Folgen aus der Sicht eines siebenjährigen Kindes, dem Alter ego des Autors. Roth bringt Anteile ein. Seine Eltern waren assimilierte amerikanische Juden, seine Kindheit verbrachte er in einem jüdisch geprägten Stadtteil von Newark. Und genau hier lässt er seinen kindlichen Erzähler erleben, wie seine Welt von Tag zu Tag enger und bedrohlicher wird.

„Angst beherrscht dieser Erinnerungen, eine ständige Angst. Natürlich hat jede Kindheit ihre Schrecken, doch ich frage mich, ob ich als Kind nicht weniger Angst gehabt hätte, wenn Lindbergh nicht Präsident gewesen oder ich nicht das Kind von Juden gewesen wäre.“

Zunächst scheint das Schlimmste, was Philips hellsichtiger Vater Herbert befürchtet und erwartet, jedoch nicht einzutreten – auch wenn der Amerikadeutsche Bund seinen Judenhass offen zur Schau tragen darf und viele ihren Antisemitismus deutlich zeigen, fühlt sich die jüdische Gemeinde in Newark noch relativ sicher. Doch dann kommt es Schlag auf Schlag. Jugendliche werden ihren Familien entfremdet. Hand in Hand mit der Politik geht die Wirtschaft ein „Umsiedlungsprogramm“ für jüdische Familien an. Ein jüdischer Journalist wird unbehelligt ermordet, die Stimmung gegen Juden ständig angeheizt, bis es schließlich zu offenen Pogromen kommt.

Kritisiert wurde der Roman, wie eingangs angesprochen, durch die Auflösung der Geschichte. Lindbergh verschwindet spurlos und zu Tage kommt die eigentliche Verschwörung gegen Amerika – sein 1930 entführter Sohn lebt, ist in den Fängen der deutschen Nazis und wurde als Druckmittel gegen das Ehepaar eingesetzt, das ein faschistisches, antisemitisches Regime in den USA etablieren sollte. Das ist natürlich abenteuerlichste Fiktion und wirkt etwas arg aufgesetzt. Beinahe wie eine literarische Notlösung, um aus der eigenen, erfundenen Geschichte zu entkommen. Aber andererseits: Jeden Morgen schaue ich gerade nach den Nachrichten und hege dabei den naiven Wunsch, das, was jetzt geschieht, sei alles nur ein Traum und der Narzisst im Weißen Haus samt seiner ganzen Entourage ist über Nacht verschwunden …

Was das Buch so eindrücklich macht, ist die stringente Beibehaltung der kindlichen Perspektive: Ein Junge, der erlebt, wie zwei seiner Helden – Lindbergh und sein älterer Bruder – stürzen, sein Vater beinahe verzweifelt, die Familie zu zerbrechen droht – das Politische dringt nicht nur in das Private ein, es überlagert alles. Wer das Buch vor dem Hintergrund dessen, was sich heute in den USA abspielt, liest, der kommt nicht umhin, Parallelen zu ziehen: Die Angst, die die jüdische Familie im Griff hat, die jeden Einkaufsgang oder den Weg zur Schule gefährlich erscheinen lässt, weil man verhaftet, verschleppt oder angegriffen werden könnte – diese Angst fühlen Menschen mit Migrationshintergrund in den Vereinigten Staaten heute.

Und überhaupt lassen sich in diesem beinahe schon prophetischen Buch zahlreiche Anspielungen auf das Amerika dieser Tage erkennen. „Wer das Werk heute liest, muss glauben, eine Prophetie auf Donald Trump zu lesen. Die Ohnmacht unter Intellektuellen nach dem Wahlsieg Trumps 2016 war ja auch deshalb so groß, weil kein noch so kühner Denker oder Literat gewagt hatte, ein solches Szenario vorherzusagen. Amerikas stolze, durch Checks und Balances gesicherte Demokratie in den Fängen eines Autokraten, Egomanen und Rassisten? Unmöglich. Es dauerte ein bisschen, bis man in Roths Vierzigerjahre-Panorama die Parallelen zu der unmittelbaren, disruptiven Gegenwart im neuen Trump-Amerika wahrnahm“, schrieb Christian Buß 2018 im Spiegel. Nur dass es jetzt, sieben Jahre später, noch weitaus schlimmer geworden ist.

Und das nicht nur für die amerikanische Bevölkerung. Sondern, wie das Auftreten des Vizepräsidenten dieser Tage in München verdeutlichte, für die ganze Welt.

„Ein unabhängiges Schicksal für Amerika“ – das war der Satz, den Lindbergh in seiner Rede zur Lage der Nation etwa fünfzehnmal gebraucht hatte (…). Als ich meinen Vater fragte, was das zu bedeuten habe (…), machte er ein finsteres Gesicht und sagte: „Es bedeutet, dass wir uns von unseren Freunden abwenden. Es bedeutet, dass wir uns auf die Seite ihrer Freunde schlagen. Du weißt, was es bedeutet, Sohn? Es bedeutet, dass alles, wofür Amerika steht, kaputtgemacht wird.“


Philip Roth
Verschwörung gegen Amerika
Übersetzt von Werner Schmitz
Hanser Verlag, 2005
ISBN 978-3-446-26239-3