Ossip Mandelstam und der Bücherschrank seiner Eltern

Bild von StockSnap auf Pixabay

„Und inmitten der spröden Einrichtung dieses Arbeitsraumes stand ein kleiner Bücherschrank mit Glastür und einem grünen Taftvorhang. Von dieser Bücheraufbewahrung möchte ich nun erzählen. Der Bücherschrank der frühen Kindheit ist ein Begleiter des Menschen für sein ganzes Leben. Die Anordnung seiner Fächer, die Auswahl der Bücher, die Farbe der Buchrücken gilt ihm als die Farbe, Höhe und Anordnung der Weltliteratur selbst. Ja, jene Bücher, die nicht im ersten Bücherregal gestanden haben, werden es nie schaffen, ins Weltgebäude einzudringen, das die Weltliteratur bedeutet. Ob man will oder nicht, ist jedes Buch im ersten Bücherschrank klassisch, und auch nicht einen einzigen Buchrücken könnte man daraus entfernen.“

Ossip Mandelstam, „Der Bücherschrank“, zitiert nach: „Bahnhofskonzert. Das Ossip-Mandelstam-Lesebuch“, Herausgeber Ralph Dutli, Fischer Taschenbuch 2015.

Ossip Mandelstam schrieb dies über den Bücherschrank seiner Eltern. Literarisch eine privilegierte Kindheit: Neben den fünf Büchern Mose versammelte sich da „das in Staub gestürzte jüdische Chaos“, darüber die klassischen Deutschen Schiller, Goethe und auch Kerner, Shakespeare in deutscher Sprache, und natürlich die Russen: Puschkin, „auf Dostojewski lag ein Verbot, eine Art Grabplatte, und man sagte von ihm, dass er schwer sei.“ Turgenjew mit „seinen gemächlichen Gesprächen“ war dem jungen Ossip dagegen erlaubt.

Ginge es nach dem Bücherschrank meiner Kindheit und der Theorie Mandelstams, dann wären Uta Danella, Konsalik und Johannes Mario Simmel Bestandteil der Weltliteratur – meine Eltern waren Mitgliedern in Buchclubs. Ein Schiller stand da zwar auch herum, da ein gebürtiger Württemberger – aber ansonsten war wenig Klassik im Hause. Insofern kann ich Mandelstam nur bedingt zustimmen – der Bücherschrank der Kindheit ist ein Schrank auf dem Weg – aber die Schranktüren der Literatur stehen in einer freien Gesellschaft glücklicherweise jedem, der will, jederzeit offen.