Der moderne amerikanische Roman fasziniert durch seine enorme erzählerische Vielfalt. Neben einer zunehmenden Diversifizierung und Multikulturalität prägen vor allem politisch engagierte Romane die zeitgenössische nordamerikanische Literatur. Gleichzeitig bringen renommierte „Creative Writing“-Studiengänge in den USA regelmäßig maßgeschneiderte Bestseller hervor, die jedoch nicht selten als Eintagsfliegen enden.
Abseits dieses Mainstreams pflegen einflussreiche US-Autoren wie Percival Everett, Colson Whitehead oder Joshua Cohen die subversive Kraft des Romans weiter und erweitern sie um spezifische, kritische Sichtweisen. Doch welche Werke zeitgenössischer Schriftsteller lohnen sich wirklich? In diesem Beitrag präsentiere ich lesenswerte Buchempfehlungen für amerikanische Literatur und werfe einen Blick auf aktuelle Meisterwerke zwischen Neo-Western, Gesellschaftskritik und packenden Romanen mit Pulitzer-Preis-Potenzial.
| Autor | Titel | Genre/Stil | OA |
|---|---|---|---|
| Steven Bloom | Das positivste Wort der englischen Sprache | Entwicklungsroman/Tragikomödie | 2015 |
| Joshua Cohen | Auftrag für Moving Kings | Roman, Gesellschaftskritik, Realismus | 2017 |
| Anthony Doerr | Alles Licht, das wir nicht sehen | Historischer Roman/Drama/Zweiter Weltkrieg | 2014 |
| Jeffrey Eugenides | Middlesex | Roman/Familiensaga/Bildungsroman/Transgender-Literatur | 2002 |
| Percival Everett | James | Roman/Gesellschaftskritik/Satire/Neuerzählung | 2024 |
| Nathan Hill | Geister | Familienroman/Gesellschaftsgeschichte | 2016 |
| Adam Johnson | Das geraubte Leben des Waisen Jun Do | Roman/Schelmenroman/Satire | 2012 |
| Philipp Meyer | Der erste Sohn | Historischer Roman/Neo-Western | 2014 |
| Robert Reuland | Brooklyn Supreme | Literarischer Thriller/Großstadtkrimi | 2021 |
| James Salter | Alles, was ist | Roman/ Gesellschafts- und Entwicklungsroman | 2013 |
| J. Ryan Stradal | Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens | Roman/Familien- und Entwicklungsroman | 2015 |
| Colson Whitehead | Die Nickel Boys | Historischer Roman/ Gesellschaftskritik/ Rassismus | 2019 |
| Phillip B. Williams | Ours. Die Stadt | Roman/Black Surrealism/Magischer Realismus | 2024 |

Steven Bloom: „Das positivste Wort der englischen Sprache“ – Melancholie trifft Heiterkeit
„Als Maggie ging, wußte Norman nicht, was er fühlte. Er arbeitete weiter an seinem Roman über das Postamt, und obwohl es während der nächsten Jahre Frauen gab, fühlte er sich keiner so nahe wie seinen Figuren. Das Dunkel der Nacht kam sehr gut an, und Norman bewarb sich mit Erfolg an einem kleinen, aber renommierten College zwei Zugstunden von New York entfernt. Als er eines Tages eine Mitteilung des Fachbereichs las, merkte er beim Blick auf das Datum, dass er, wie auch immer, zweiundvierzig geworden war.“
Vor allem Männer, die über die Mitte des Lebens hinaus sind, sollten dieses Buch lesen. Man steht auf, macht seinen Job, versucht, irgendwie durchzukommen, kleinere und größere Ereignisse und Katastrophen verschwimmen irgendwann im Fluss der Zeit – und ehe man sich versieht, ist man Vierzig plus, ein Sonderling und ziemlich einsam.
Stoisch bis hin zum Gefühlsautismus
Norman Goldstein ist so ein Typ, beinahe ein „Stoner“, etwas tapsig, unbeholfen, aber auch stoisch bis hin zum zeitweiligen Gefühlsautismus, dabei aber auch überaus sympathisch. Dieser Goldstein scheint durch sein Leben zu gehen und sich meistens zu wundern, was ihm geschieht (oder vielmehr: nicht geschieht):
„In der Mensa der Fakultät wurde er eines Tages Ohrenzeuge einer Diskussion über die „Neue Enthaltsamkeit“ und war überrascht, dass es noch andere gab, die wie er waren. Seine Enthaltsamkeit war jedoch schon über zehn Jahre alt. Sie war das Geschenk, das er sich zu seinem fünfzigsten Geburtstag gemacht hatte.“
Vor allem die Frauen, die ihm geschehen:
„Du brauchst mir nicht zu sagen, dass ich dich herumkommandiere, sagte Maggie, als sie in einem Restaurant in Chinatown saßen, denn das ist nicht zu übersehen. Ich tue es aber aus dem besten aller möglichen Gründe: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Das stammt von Gott persönlich, Norman.„
Dass das mit Maggie – wie mit den Frauen zuvor – nicht gut ausgeht, liegt auf der Hand…
Eine späte Liebe lockt den Eremiten aus der Höhle
Erst als ihn eine späte Liebe ereilt, entdeckt Goldstein „das positivste Wort der englischen Sprache“: „YES“. Die temperamentvolle, wesentlich jüngere Kollegin Vashti holt den Bildungs-Eremiten aus seiner Höhle, überrollt ihn mit ihrer Lebensfreude, nimmt ihm förmlich an der Hand, rüttelt und schüttelt ihn aus seiner Lethargie.
„Mit „yes“, sagte Norman, endet der Ulysses. Er wollte, sagte Joyce, sein Buch mit dem positivsten Wort der englischen Sprache enden lassen.
Es ist ein gutes Wort, Norman, sagte Vashti.„
Endlich angekommen beim positivsten Wort der englischen Sprache, erfährt Norman tragischerweise ein großes, finales „No“: Vashti stirbt.
Steven Bloom bringt Melancholie und Heiterkeit zusammen
Es ist dem Talent des Steven Bloom zu verdanken, dass man diesen schmalen Roman zuklappt, und neben der Melancholie über ein Unhappy End (das Bloom leise, wehmütig ausgleiten lässt), auch ein Gefühl der Heiterkeit mitnimmt. Wie Vashti ihren Norman, so kann auch dieses Buch schütteln und rütteln. Es fordert die Frage heraus: Was stellst Du mit deinem Leben an?
Dabei ist „Das positivste Wort der englischen Sprache“ kein melancholisches Buch an sich. Bloom hat ein außerordentliches Talent für witzige Dialoge, stellt seinem Stadtneurotiker Norman zynische und lakonische Gesprächspartner an die Seite, lässt in dem schmalen Werk eine ganze Reihe bunter, schillernder Typen auftreten: Die linksliberalen jüdischen Eltern, den gewitzten Hausmeister, rassistische Vermieter, abgetackelte Spieler, versoffene irische Dozenten. Seitenweise prallvolles Leben, kapitelweise amerikanische Geschichte im Vorbeigehen – von der latent und offen rassistischen New Yorker Gesellschaft der Nachkriegsjahre, über die Aufbruchsstimmung unter Kennedy, die Emanzipation unter Martin Luther King, bis zur revisionistischen Reagan-Ära spannt sich der Bogen.
Ulrich Rüdenauer schrieb in der Zeit über das Buch:
„Das positivste Wort der englischen Sprache ist ein schmaler Entwicklungsroman, der wie nebenbei die Geschichte Amerikas des letzten halben Jahrhunderts miterzählt.„
Unterschlagen hat Rüdenauer dabei, dass der schmale Roman auch witzig und überaus unterhaltsam ist, vor allem dann, wenn Norman, der Schüchterne, von seinen Gesprächspartnern förmlich überrollt wird.
Bibliographische Angaben:
Steven Bloom
Das positivste Wort der englischen Sprache
Übersetzt von Silvia Morawetz
Wallstein Verlag, 2015
ISBN 978-3-8353-1597-6
Joshua Cohen: „Auftrag für Moving Kings“ – In der Tradition des großen US-Romans
„Es war unerklärlich, dass er zustimmte – und was er bei der Ankündigung von Yoavs Kommen empfand. Seine gierige Bereitschaft zwischen den erholsamen Dämmerphasen, dem Morphiumschlaf, der faden Diät, kein Nikotin, kein Alkohol. Es war eine Schwäche des Herzens. Während der Behandlung hatte er sich mit Sentiment angesteckt, mit Nostalgie, ein schlimmer Fall von Krankenhausinfektion. Aus dem Nichts hatte David plötzlich ein Sehnen verspürt, aber nicht nach Naheliegendem, sondern nach fernen Dingen.“
David King, ein älterer Transportunternehmer in New York, ein Selfmademan, einer, der den amerikanischen Traum lebte, vom Tellerwäscher zum Großunternehmer. Trinkt zu viel, raucht zu viel, isst die falschen Sachen, ist aber zu eingefahren, seinen Lebensstil zu ändern, selbst zu bequem, sein emotionales Leben in Ordnung zu bringen. Seine Exfrau hat ihn vor die Tür gesetzt, seine Geliebte, zugleich auch seine wichtigste Mitarbeiterin, die den Laden zusammenhält, hofft endlich auf etwas Verbindliches und seine Tochter ist nach Drogenabstürzen und Entzug ein emotionales Wrack.
Da erscheint zum rechten Augenblick Yoav, der Neffe aus Israel, der sich nach seinem Militärdienst auf Orientierungssuche begibt. Er könnte für King, dessen Pumpe aufgrund seines Lebensstils in Streik geht, der Anlass für einen Neubeginn sein – doch hier nimmt das Buch eine neuerliche Wendung und rückt weitere Personen in den Vordergrund. Erzähltechnisch bedingt bricht die Geschichte Kings ab, baut sich zwischen den zwei Männern keine eigene Beziehung auf. Schade eigentlich.
In der Erzähltradition des großen US-Roman
Joshua Cohen steht einerseits in der Erzähltradition großer amerikanischer Romanciers wie Saul Bellow, Philip Roth, John Updike. Darüber hinaus jedoch gilt er auch als das Pendant zu David Forster Wallace, schreibt moderner, avantgardistischer als die Granden des amerikanischen Romans. Doch mit ihnen gemein hat er, dass er das Urbane in den Fokus nimmt, Männer mit Brüchen in den Lebensläufen und den Seelen in diese Welt stellt, meist jüngere beziehungsweise modernere Rabbitts. Cohen kombiniert einen messerscharfen Blick für das Alltägliche mit den gesellschaftlichen Megathemen – so eignet sich sein jüngster Roman, der in der deutschen Übersetzung von Ingo Herzke beim Schöffling Verlag erschien, natürlich dafür, um insbesondere den Folgen der amerikanischen Immobilienkrise, der Gentrifizierung und zunehmenden Obdachlosigkeit ihren Raum zu geben.
Lauter toxische Verhältnisse: Das Lebensdrama des Richard Yates
Es gibt Schriftsteller, die umkreisen immer wieder dieselben Themen. Und dennoch wird man ihrer nicht überdrüssig. Einer davon ist Richard Yates. Neben den Stories beleuchtet der Beitrag die Romane „Cold Spring Harbor“, „Zeiten des Aufruhrs“ und „Young Hearts Crying“.
Theodore Dreiser: Der amerikanische Traum und seine Schattenseiten
Theodore Dreiser revolutionierte den amerikanischen Naturalismus. Seine unbestrittenen Meisterwerke sind „Sister Carrie“ & „Eine amerikanische Tragödie“.
William S. Burroughs und Jack Kerouac: Und die Nilpferde kochten in ihren Becken
Das kommt dabei raus, wenn zwei Schriftsteller-Kumpels in einer Bar Radio-Nachrichten hören: Ein abgefahrener Titel für einen abgefahrenen Kriminalroman.
Eine sprunghafte Komposition
Doch daran kränkelt dieses Buch auch ein wenig: Es sind so viele Bücher in einem, zu viel wird angerissen, zu wenig auserzählt. Ähnliches bemerkte Ulrich Rüdenauer im WDR, den die Erzählkunst Cohens begeisterte, der aber an der Komposition des Buches als „einerseits zu ambitioniert, andererseits als zu sprunghaft“ seine Kritik hatte:
„Die Beschreibung der Wohnungsräumungen korrespondiert mit Yoavs Erinnerungen an die Militäreinsätze in den besetzten Gebieten, das äußerst robuste Vorgehen gegen die Palästinenser. Die eine Arbeit unterscheide sich kaum von der anderen, denkt Yoav. Man würde diesem inneren Konflikt gerne weiter folgen. Die Ängste, die Tragik, die Traumata Yoavs werden angerissen, aber nicht auserzählt. Am blassesten bleibt Avery Luter, die zuletzt eingeführte Hauptfigur. Cohen scheint zu sehr darum bemüht, verschiedenste gesellschaftliche Themenfelder in seinem Buch unterzubringen – Israel, Juden in der Diaspora, Gentrifizierung, Rassismus, das Auseinanderbrechen gesellschaftlicher Zusammenhänge. Jedes für sich genommen kommt dabei zu kurz.“
Vielleicht hätte Cohen, sonst auch eher ein Mann voluminöser Romane, schaut man auf das „Buch der Zahlen“ oder „Solo für Schneidermann“, einfach mehr Raum gebraucht. Gefolgt wäre ich ihm gerne: Denn Cohen ist ein starker und intelligenter Erzähler, hat eine Hand für Figuren, zeichnet plastisch, humorvoll, ironisch, zuweilen auch sarkastisch und ist bei allem Anspruch, den er an seine Leser stellt, immer auch wahnsinnig unterhaltsam.
Bibliographische Angaben:
Joshua Cohen
Auftrag für Moving Kings
Übersetzt von Ingo Herzke
Schöffling Verlag, 2019
ISBN 978-3-895-61628-0
Anthony Doerr: „Alles Licht, das wir nicht sehen“ – Pulitzer-Preis mit Kitsch-Effekt
Ich nenne es eine Pulitzer-Preis-Verschwörung: Es muss in der Jury in den vergangenen Jahren insgeheim die Entscheidung gefallen sein, im Bereich Belletristik vor allem Bücher auszuzeichnen, die durch ihr Volumen bestechen. Seitenmasse vor literarischer Klasse. Darunter fällt auch Anthony Doerrs Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“.
Ähnlich wie die zuvor preisgekrönten Werke – Donna Tartts „Distelfink“ und Adam Johnsons „geraubter Waise“ – hat dieser Roman in meinen Augen ein großes Defizit: Die Geschichte zerfleddert, hat ihre Längen, nimmt einen über die lange Strecke hinweg gesehen nicht bis zum Ende hin mit. Zwar seht eine außergewöhnliche, anrührende Geschichte im Mittelpunkt … aber sie zerläuft im Sande an der Küste bei Saint Malo.
Anthony Doerr schrammt nur knapp am Kitsch vorbei
Zudem äußerst konventionell erzählt. In einigen Rezensionen wird die poetische Sprache des Buches gewürdigt – ich fand das Buch stellenweise nahe am Kitsch. Ein Eindruck, den auch Hans-Peter Kunisch in seiner Rezension in der Süddeutsche Zeitung äußerte:
„Kurze, aber emotionsgeladen lyrische Sätze mit Human Touch setzen den Grundton. Doch je dicker ein Autor aufträgt, desto näher liegt die Grenze zum Kitsch. Doerr, der gern Flugblätter und Landschaften poetisch verzaubert („ein Morgen Ende Februar, die Luft duftet nach Regen und Ruhe“), setzt auf einfühlsames Pathos.“
Zudem lässt sich an den drei genannten Büchern eines festmachen: Sie treffen vor allem den Zeitgeist. Spielt der Distelfink durch sein Ausgangsszenario mit den Terrorängsten der US-Amerikaner, nimmt Adam Johnson das „Reich des Bösen“, Nordkorea, ins Visier. Doerrs Roman über eine Geschichte zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges kommt zum richtigen Zeitpunkt, da die Welt dieser Katastrophe mit symbolträchtigen Jubiläumsereignissen gedenkt.
Literarische Konfektionsware. Die Fähigkeit, eine Geschichte stringent voranzutreiben, einfach und knallhart zu erzählen, die Kunst der Beschränkung auf das Wesentliche – sie sind verloren gegangen. Wurden geopfert auf dem Altar der ausufernden Erzählweise. Pulitzer-Preisträger früherer Jahre wie Steinbeck, Faulkner, Sinclair – sie besuchten die Schule des Lebens. Die Pulitzer-Preisträger unserer Tage studieren kreatives Schreiben. Vielleicht macht das den Unterschied.
Bibliographische Angaben:
Anthony Doerr
Alles Licht, das wir nicht sehen
Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
C.H.Beck, 2014
ISBN: 978-3-406-81534-8
Jeffrey Eugenides: Die „Flutsch-Bücher“ zwischen Anspruch und Unterhaltung
Das „Flutsch-Buch“: Das sind Bücher, die man so richtig schön (und nicht ohne Vergnügen) durchflutscht, und die – manchmal mit der letzten Seite, manchmal später – wieder vollkommen aus dem Gedächtnis flutschen. Einer aus der Creative-Writing-Schule der USA beherrscht diese Flutscherei zwischen Unterhaltung und ein bißchen Anspruch ganz gut: Jeffrey Eugenides.
Seit seinem ersten Roman wird der in Detroit geborene Eugenides gefeiert – nicht nur in den USA, auch hier hat er mittlerweile eine große Fangemeinde. Ein wenig erinnert er in der Flüssigkeit des Stils an weitere US-amerikanische Autoren, die sich durch große Produktivität und reiche Fantasie auszeichnen, beispielsweise John Irving und T.C. Boyle. Man liest das gern, fühlt sich gut unterhalten, streckenweise amüsiert, manchmal zum Denken animiert – flutscht meist in einem Rutsch durch die Handlung, um sie dann flugs bald wieder zu vergessen. Vorteil des Flutschbuches: Man kann es, mit einem gewissen zeitlichen Abstand, wiederlesen, als sei es das erste Mal.

Drei Romane von Jeffrey Eugenides in näherer Betrachtung:
Die Selbstmord-Schwestern
Der Erstling, „Die Selbstmord-Schwestern“ (von Sofia Coppola verfilmt), erschien 1993, ist noch schön schmal, aber für mich das am wenigsten Unflutschige. Mag auch sein, dass sich Buch und die gelungene Verfilmung von Coppola überdecken, dass Text und Bilder dadurch eingeprägt bleiben. Ganz kurz der Plot (Plot = ein wichtiges Wort bei Eugenides!): Fünf Schwestern, die Älteste 17 Jahre alt, nehmen sich innerhalb kürzester Zeit nacheinander das Leben. In der Nachbetrachtung rätseln einige Jungen über die „suicide sisters“. Eine konkrete Antwort auf die Selbstmordserie will das Buch nicht geben, dies bleibt der Interpretation der Leser überlassen – die engstirnige, bigotte Atmosphäre in dem Fünf-Mäderl-Haus mag mit ein Grund für die Selbsttötungen gewesen sein.
Der Autor psychologisiert oder philosophiert jedoch nicht. Hintergründe, Ursachen und auch eine Reflexion über die individuelle Freiheit (bis in den Tod) oder die moralischen Aspekte des Freitodes – sie interessieren ihn nicht. Der Roman ist im eigentlichen Sinne ein Entwicklungsroman. Es zeigt, wie die Jungen, die dieses Drama miterleben, sich entwickeln (oder auch nicht). Es zeigt auch, wie ein Autor sich entwickelt – hier noch in einer knappen, sparsamen Sprache, die doch vermag, zumindest vieles an ernsthafterem Denken anzudeuten.
Middlesex
Da ist der Nachfolger, das 2002 erschienene und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete „Middlesex“ schon deutlich anders: Ein Wälzer, der vor Sprachkapriolen, Andeutungen, Metaphern, Gleichnissen strotzt. Der 41jährige US-amerikanische Diplomat Cal erzählt seine Geschichte – in Vor- und Rückwärtssprüngen, durch die Geschichte seiner Familie und seine Lebensgeschichte mäandernd. Cal, eigentlich Calliope, ist ein Hermaphrodit, dessen Zweigeschlechtlichkeit jedoch erst in der Pubertät erkannt wird. Das ist die erzählerische Frage im Vordergrund: Was prägt einen Menschen mehr – die Biologie oder die Erziehung?
Der zweite erzählerische Strang schlängelt sich um die Nemesis: Cal ist der Enkel zweier griechischer Einwanderer, die eigentlich Bruder und Schwester sind. Ist der Hermaphrodit die Rache für diesen Inzest? Ist er die fleischgewordene Mahnung, dass man der Hölle (hier dem Brand von Smyrna) nicht um den Preis verkaufter Seelen entkommen kann? Und im dritten Strang entwirft „Middlesex“ zudem ein sehr gelungenes Bild über die Situation von Einwanderern, hier am Beispiel der Griechen in Amerika: Zwischen Heimweh und Überanpassung schwankend, mit dem Willen, „es zu schaffen“, es zu beweisen, dass man kein Amerikaner zweiten Ranges ist.
„Middlesex“: Ein Flutsch-Buch, das durchaus noch in der Lage ist, Spuren zu hinterlassen. Durchaus spannend, originell, gut zu lesen.
Die Liebeshandlung
Und dann: „Die Liebeshandlung“. Erschienen 2011. Bin durchgeflutscht und war enttäuscht – welch ein Absturz im Vergleich zu den beiden Vorgängern. Der „Marriage-Plot“ – so der Titel im Englischen – ist trotz seiner 620 Seiten schnell erzählt: Madeleine, eine gut betuchte und verwöhnte WASP-College-Studentin, verliebt sich in den armen, aber manisch-depressiven Leonard. Mitbewerber Mitchell, eher ihrer Klasse entstammend, hat keine Chance und stürzt sich in religiöse Experimente, die ihn sogar zu Mutter Teresa führen. Das Konstrukt ist: Madeleine ist eigentlich Anhängerin des viktorianischen Romans à la Jane Austen, wo Stolz und Vorurteil, Vernunft und Gefühl, Sinn und Sinnlichkeit zwar auch zu mancherlei Verwicklungen führen, aber letztendlich in den Hafen der Ehe leiten. Was Eugenides wohl beweisen will, ist, dass dies in den 1980er Jahren keine denkbaren Konstrukte mehr sind (an der Universität trifft Madeleine demnach auch auf die Anhänger der französischen Dekonstruktion à la Derrida). Keine Frage, das alles ist schmissig geschrieben. So schmissig und flutschig, dass die Augen über ganze Textpassagen hinweghuschen – weil hier das Mäandernde, die Nebeninformationen, die Einführung zusätzlicher Figuren (Warum? Wieso? Wozu?) noch ausgeprägter zu finden sind als in „Middlesex“. Vom ökonomischen Schreiben seit den Selbstmord-Schwestern hat sich Eugenides in diesen 20 Jahren eindeutig entfernt.
Und ich fragte mich am Ende: Diese ganzen Irrungen und Wirrungen – wozu? Zumal die eigentliche Hauptfigur, Madeleine, eigenartig blass bleibt – trotz ihrer existentiellen Erfahrungen in der Ehe. Madeleiene entwickelt sich nicht, bleibt eigentümlich passiv, bleibt das Ziel der Entscheidungen anderer: Leonard ist es, der sie verlässt, um sie von seiner Erkrankung zu entlasten. Mitchell, der Freund, ist dann für sie da – als Freund, entscheidet aber, die Lücke als Liebender, Liebhaber, nicht zu füllen. Madeleine, so scheint es, bleibt in ihrer Jane-Austen-Welt. „Die Liebeshandlung“ wirft zu viele Fragen auf und beantwortet zu wenige. Am Ende des Buches klappt man die Deckel zu und denkt sich frei nach Shakespeare: „Viel Text um Nichts“. Und dies ist der Haken an Büchern mit hohem Flutschigkeitsfaktor: Man bleibt dabei. Bis zum bitteren Ende.
Die Augen habe ich mir etwas gerieben über den Klappentext von Daniel Kehlmann: „Nur Jeffrey Eugenides konnte daraus etwas so schwebend Schönes komponieren, ein so helles, vollkommenes Werk.“. Hell ja, aber vollkommen? – das ist etwas anderes.
Der deutsche Verlag von Jeffrey Eugenides ist Rowohlt. Für seinen weltweit gefeierten Roman „Middlesex“ bekam er 2003 den Pulitzer-Preis und den „Welt“-Literaturpreis verliehen. Für den Roman „Die Liebeshandlung“ erhielt er den Prix Fitzgerald und den Madame Figaro Literary Prize. Jeffrey Eugenides lehrt Amerikanische Literatur an der New York University.
Bibliographische Angaben:
Die Selbstmord-Schwestern
Aus dem Englischen von Mechtild Sandberg-Ciletti und Eike Schönfeld
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2005
ISBN: 978-3-499-23429-3
Middlesex
Aus dem Amerikanischen von Cornelia C. Walter und Eike Schönfeld
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2004
ISBN: 978-3-499-23810-9
Die Liebeshandlung
Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2012
ISBN: 978-3-499-25850-3
Percival Everett: „James“ – Die subversive Demontage eines Klassikers
«Aus der Perspektive der Herrschenden ist Bildung eine Waffe, in den Händen der Unterdrückten jedoch ein Werkzeug der Befreiung. James wusste das, lange bevor er das erste Wort auf Papier brachte. Er wusste, dass seine wahre Stimme seine größte Gefahr war – und seine einzige Rettung.»
Es erfordert doch einen gewissen Mut, sich eines der Meilensteine der amerikanischen Literatur anzunehmen und ihn komplett auf links zu drehen. Mark Twains Die Abenteuer des Huckleberry Finn gilt als ein Schlüsselwerk der US-Literatur. Doch Percival Everett, einer der profiliertesten zeitgenössischen US-Autoren, erweitert Twains Bildungsroman um eine ganz neue Seite. Everett gibt dem entflohenen Sklaven Jim nicht nur seine eigene Stimme zurück, sondern auch seine Würde, seine Intelligenz und seinen echten Namen: James.
Sprache als Überlebensstrategie
Everetts genialster erzählerischer Kniff liegt dabei in der Sprache. Für die weißen Sklavenhalter mimt James den einfältigen, abergläubischen «Jim», der in jenem gebrochenen Sklaven-Dialekt spricht, den Twain ihm einst in den Mund legte. Doch sobald die Weißen außer Hörweite sind, wechselt James in ein messerscharfes, fehlerfreies und hochgebildetes Englisch.
Die vermeintliche Dummheit erweist sich als reine Überlebensstrategie. Das «Sklaven-Idiom» ist eine Maske, sie verbirgt den wahren Kern von James in einer rassistischen Umwelt. Seinen Kindern bringt er heimlich bei, wie man sich gegenüber Weißen verhält, um zu überleben:
«Wir müssen ihnen genau das Bild von uns geben, das sie in ihren Köpfen bereits vorbereitet haben.»
Bildung ist in dieser Welt ein tödliches Vergehen für einen Schwarzen – und so wird das heimliche Lesen von Büchern in der Bibliothek des Richters zum gefährlichen Akt des Widerstands. Everett stellt dabei alles auf den Kopf: So gibt James seinen und anderen Kindern Unterricht in der «offiziellen» Sprache, die Sklaven von den Weißen zugestanden wird. Er erklärt, warum:
«Wenn sie sich unterlegen fühlen, haben nur wir darunter zu leiden. Oder vielleicht sollte ich sagen, wenn sie sich nicht überlegen fühlen.»
Eine Flussreise voller existenzieller Härte
Der Roman nimmt im wahrsten Sinne des Wortes Fahrt auf, als James erfährt, dass seine Besitzerin, Miss Watson, ihn nach New Orleans verkaufen will – James ergreift bei vollem Tageslicht die Flucht. Am Mississippi trifft er auf «Huck», der seinen Tod vorgetäuscht hat, um seinem gewalttätigen Vater zu entkommen. Wer nun eine eher gemütliche Nostalgie-Reise auf dem Mississippi auf Spuren Markt Twains erwartet, wird von Everett schnell eines Besseren belehrt.
Zwar folgt der Roman in weiten Teilen der bekannten Route von Huckleberry Finn und Jim auf dem Floß, doch die Tonalität ist von einer unbarmherzigen Schärfe. Wo Twain humorvoll abfederte, seziert Everett die nackte Gewalt des Antebellum-Südens. Auf und am Fluss begegnet das ungleiche Paar brutalen Sklavenjägern, korrupten Richtern und Sklavenhaltern, die im Umgang mit ihrem «Besitz» jegliche humane Regung vermissen lassen.
Everett schildert eine Gesellschaft, die auf der systematischen Entmenschlichung von Millionen aufgebaut ist und verzichtet dabei auf billigen Sentimentalismus. Seine Sprache bleibt – ähnlich wie die von Colson Whitehead in den Nickel Boys – kühl, präzise und elegant zurückgenommen, wodurch der Horror eine noch eindringlichere Wucht entfaltet.
Kompakt, philosophisch und klug
Dabei schlägt der Roman immer wieder auch Haken, die aus der klassischen Vorlage ausbrechen und schließlich in ein furioses, aufrüttelndes Finale münden. James begegnet auf seiner Flucht den Geistern seiner Zeit, führt im Traum philosophische Diskurse mit Voltaire und Locke über Freiheit und Gleichheit, während er in der Realität um sein nacktes Leben kämpfen muss. Immer wieder wird er mit einem System konfrontiert, dass schwarzen Menschen das Menschsein abspricht:
«Ich hatte noch nie einen weißen Mann erlebt, der so voller Angst war. Die bemerkenswerte Wahrheit war jedoch, dass es nicht die Pistole war, sondern meine Sprache – die Tatsache, dass ich nicht seinen Erwartungen entsprach –, die ihn so verstörte und verängstigte.»
Mit James füllt Everett eine Leerstelle: Er hat den Roman geschrieben, den Mark Twain, obwohl ein entschiedener Gegner der Sklavenhaltung, nicht schreiben konnte. Obwohl sein Roman antirassistisch ist, ist Mark Twain eben doch ein Kind seiner Zeit gewesen, der die Figur Jim mit allerlei Klischees ausstattet. Everett gibt jedoch nicht nur der gutmütigen und naiv erscheinenden Nebenfigur aus dem Original eine ganz eigene Stimme, sondern auch den Freunden und der Familie von James ihren Platz. Sie alle erscheinen in Mark Twains Roman, der bei allem guten Willen seines Schöpfers letzten Ende doch das Buch eines Weißen für weiße Leser war, endlich als eigenständige Figuren. Und auch die Beziehung zwischen James und Huckleberry Finn bekommt in Everetts Roman eine ganz neue Entwicklung.
Die unterschiedliche Darstellung der Charaktere in den beiden Romanen:
| Figur | Bei Mark Twain (Huckleberry Finn) | Bei Percival Everett (James) |
|---|---|---|
| Jim / James | Passiv und abergläubisch: Er wird oft als kindlich, treu und naiv dargestellt. Seine Intelligenz zeigt sich primär als „gesunder Menschenverstand“, er bleibt jedoch vom Wohlwollen Hucks abhängig. | Intellektuell und strategisch: Er ist hochgebildet und nutzt den Aberglauben der Weißen gezielt aus, um sie zu manipulieren. Seine Passivität bei Twain entpuppt sich als reine Überlebensstrategie. |
| Huckleberry Finn | Der moralische Kompass: Huck ist der rebellische, aber im Kern gute Junge, der lernt, Jim als Menschen zu sehen. Er behält die Kontrolle und die moralische Oberhand über die Flucht. | Ein Kind seiner Zeit: Huck bleibt zwar sympathisch, wird aber viel realistischer als weißes Kind des 19. Jahrhunderts gezeigt. Er ist oft ahnungslos, plappert rassistische Vorurteile nach und versteht James’ wahre Welt gar nicht. |
| Sadie (Ehefrau) |
Unsichtbare Motivation: Sie wird im Roman nie namentlich genannt oder gezeigt. Jim vermisst sie schmerzlich und weint um sie, aber sie existiert für die Leser nur als abstrakter Grund für seine Flucht. | Starke, präsente Frau: Sadie ist eine eigenständige Persönlichkeit, die aktiv Widerstand leistet. Sie schützt ihre Tochter unter extremem Druck und verhandelt klug mit den weißen Unterdrückern, um Zeit zu gewinnen. |
| Lizzie (Tochter) |
Die tragische Erinnerung: Sie taucht nur in einer berühmten, traurigen Anekdote auf: Jim erzählt Huck unter Tränen, wie er sie einst schlug, weil sie nicht gehorchte – nur um festzustellen, dass sie durch Scharlach taub geworden war. | Erbin des Widerstands: Lizzie ist weder taub noch passiv. James bringt ihr heimlich das Lesen und Schreiben bei. Sie teilt seine intellektuelle Welt und führt das Erbe ihres Vaters als Symbol der zukünftigen Freiheit fort. |
Für Percival Everett wurde James zum (bisherigen) Höhepunkt seiner literarischen Karriere: Der Roman wurde sowohl mit dem Pulitzer-Preis für Belletristik und dem National Book Award ausgezeichnet. Zu Recht.
Bibliographische Angaben:
Percival Everett
James
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl
Hanser Verlag, 2024
ISBN: 978-3-446-27945-2
Nathan Hill: „Geister“ – Das satirische Porträt einer gespaltenen Gesellschaft
Als Nathan Hills Debütroman «Geister» 2016 erschien, galt er vielen als der literarische Kommentar zum ersten Präsidentschafts-Wahlkampf von Donald Trump. Damit mag auch ein wenig der Erfolg des voluminösen Romans erklärt sein, der in rund 20 Sprachen übersetzt wurde. «Eigentlich wollte ich nur ein lustiges Buch schreiben», äußerte der 1975 geborene Schriftsteller später in einem Interview.
Lustig ist es streckenweise, aber auch eine Analyse der gesellschaftlichen Spaltung in den USA seit den späten 1960er-Jahren. «Geister» ist ein stellenweise satirisch-überdrehtes Abbild nordamerikanischer Gegenwart, das giftig aufzeigt, was in der amerikanischen Gesellschaft (und nicht nur dort) schräg läuft in Politik, Wirtschaft, Privatleben.
Portrait eines populistischen Kandidaten à la Trump
Auslöser für eine Familienzusammenführung der ungewöhnlichen Art ist ein populistischer Präsidentschaftskandidat.
«Im Lauf der Zeit hat Packer eine Art Prediger-Schrägstrich-Cowboy-Pathos perfektioniert, und sein antielitärer Populismus spricht vor allem weiße, konservative Arbeiter an, die unter der gegenwärtigen Rezession zu leiden haben. Er vergleicht Einwanderer, die den Amerikanern die Jobs wegnehmen, mit Kojoten, die Vieh reißen (…).»
Als der knapp 30-jährige Literaturprofessor Samuel Anderson einen Anruf von einer Anwaltskanzlei erhält, fällt er aus allen Wolken. Er soll einer Frau helfen – seiner Mutter. Faye hat den Rechtspopulisten Packer mit Kieselsteinen beworfen. Aus der älteren Yoga-Dame wird dank der Medienhysterie eine üble Terroristin. Ihr Sohn soll dazu beitragen, das Bild wieder zurechtzurücken.
Bindungsängste und Traumata
Aber: Anderson hatte über 20 Jahre keinen Kontakt mehr zu ihr. Als Samuel elf Jahre alt war, hatte Faye die Familie spurlos verlassen. Ein rätselhaftes Verschwinden, das der junge Samuel nie richtig verarbeitet hat. Sie war, nachdem sie vorsorglich monatelang Dinge aus dem Haus geschafft hatte, eines Tages einfach gegangen.
«So war sie weggegangen, unmerklich, langsam, Stück für Stück. Sie reduzierte ihre Existenz, bis sie nur noch sich selbst entfernen musste.»
Ein Trauma, das ihn prägt. Trotz festen Jobs als Juniorprofessor an einer kleinen Universität ist Samuels Leben leer und ziellos. Er verdaddelt seine Jahre im wahrsten Sinne des Wortes. Ehrgeiz entwickelt er allenfalls beim Online-Rollenspiel Elfscape.
Rückblick auf die Studentenproteste in Chicago
Der Anruf der Kanzlei, die seine Mutter vertritt, stellt alles auf den Kopf. Samuel begibt sich auf Spurensuche, recherchiert die Lebensgeschichte seiner Mutter, kommt deren eigentlichem Trauma auf den Grund. Das führt zurück zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen in Chicago, dem Höhepunkt der US-amerikanischen Protestbewegung.
Für Autor Nathan Hill begann damals die Spaltung der nordamerikanischen Gesellschaft. Für seinen Protagonisten beginnt da die Spaltung seiner Familie. Seine Mutter, die den engen Moralvorstellungen ihrer Heimat, dem konservativen Iowa, entkommen wollte, zieht zum Studium nach Chicago. Dort wird sie während der Proteste von einem korrupten Polizisten sexuell missbraucht – Jahre später sieht sie diesen in der Entourage Packers, der Steinwurf ist Ausdruck emotionaler Verzweiflung, nicht mehr und nicht weniger.
Je mehr sich Samuel mit der Lebensgeschichte seiner Mutter beschäftigt, desto mehr verlässt ihn auch seine eigene Passivität. Und so vereint «Geister» mehrere Genres in sich, ist politischer Gesellschaftsroman, Entwicklungsroman, Familienroman. Gewisse Längen kann man dem Wälzer nicht absprechen – wer nicht gerade ein Fan von Computerspielen mit Elfen und ähnlichen Wesen ist, wird mit den entsprechenden Abschnitten wenig anfangen können. Dafür bietet das Buch für Anhänger der Beatliteratur unvergessliche Szenen. Wie Allen Ginsberg den prügelnden Polizisten in Chicago einfach ein „Oooooooooooommmmmmmmmmmmmm“ entgegensetzt: Köstlich.
Bibliographische Angaben:
Nathan Hill
Geister
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence und Katrin Behringer
Piper Verlag, 2017
ISBN: 978-3-492-31198-4
Adam Johnson: „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ – Polit-Abenteuer im Fokus
„Der Kapitän mit der Tätowierung seiner Frau auf der uralten Brust tauchte vor seinem inneren Auge auf – wie bläulich verwaschen die ursprünglich schwarze Tinte geworden war. Sie war unter der Haut des alten Mannes verlaufen, und das gestochen scharfe Bild war zum Aquarell verschwommen – zu einem bloßen Schatten der geliebten Frau.“
Abenteuerroman, Liebesgeschichte, Politbuch: Ein dicker Brocken, den Adam Johnson hier mit rund 700 Seiten dem geneigten Leser vorlegt. Dick ja, gewichtig nein: „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“, der zweite Roman des US-Schriftstellers, ist gut geschrieben, wartet mit einem aktuellen Thema auf und arbeitet sich daran burleskisch ab. Aber dennoch fragt man sich am Ende des Buches: ???
Aus der Schule des kreativen Schreibens
Dass das Buch auf der Bestsellerliste der New York Times gelandet ist, ist nachvollziehbar. Johnsons` Stil ist geschult am amerikanischen System des universitären „Creative Writing“. Immer wieder kommen aus diesen Kaderschmieden hervorragende Unterhaltungsromane. Und dies ist auch „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ letzten Endes – nicht mehr, und nicht weniger. Eine gut lesbare, unterhaltsame Geschichte, die alle Kriterien des Genres „Abenteuerroman“ erfüllt: Ein moralisch aufrechter Held, eine große Liebe, ein exotischer Schauplatz, unwahrscheinliche, gefährliche Ereignisse. In den Kanon der großen Weltliteratur gehört das Buch aber nicht.
„Adam Johnsons Buch ist politische Science-Fiction, keine Propaganda, aus genuin amerikanischer Perspektive erzählt. Literarisch ist es eigentlich nicht bemerkenswert. Es verbleibt im Romanschema, wie es an amerikanischen Universitäten gelehrt wird, übrigens auch von Adam Johnson„, urteilte auch Thomas E. Schmidt 2013 in der Zeit. Und setzt noch eins nach:
„Ganz unerträglich wird der Roman allerdings, wenn er akribisch Foltermethoden und Demütigungspraktiken schildert. Der Hunger, die Aussichtslosigkeit, die hygienischen Verhältnisse, die grauenerregende Ausbeutung der Körper und Seelen – all das beeindruckt. Doch erhöht die Frequenz solcher Beschreibungen nicht die literarische Qualität. Am Ende sinkt der erschöpfte Leser ins Kissen zurück: „Toll, dass der Waise Jun Do eine unsterbliche Seele hatte. Noch besser, dass das Buch nun aus ist.“
Dass der Schmöker 2013 sogar mit dem Pulitzer-Preis für Belletristik ausgezeichnet wurde, verwundert. Aber es mag auch eine von der Politik dominierte Entscheidung gewesen sein.
Nordkorea: Natürlich ein pulitzerreifes Thema
Denn Johnson hat sich einen Schauplatz gewählt, der insbesondere in den USA Aufmerksamkeit garantiert: Nordkorea. Das Buch ist nach wie vor aktuell, was den Grundkonflikt angeht: Die wenigen nach außen dringenden Nachrichten aus Nordkorea machen die im Roman beinahe fiktiv anmutenden Lebensverhältnisse, den Führerkult, die Unterdrückung der Menschen, die Brutalität und Verfolgung Andersdenkender nur zu glaubhaft.
Der exotische Schauplatz, den Johnson gewählt hat, ist also das Nordkorea der frühen 2000er-Jahre. Der Leser profitiert hier von der journalistischen Ausbildung des Schriftstellers: Johnson hat umfangreich über Nordkorea, das Politsystem, die Ausbeutung der Menschen dort und deren Alltag recherchiert, bis hin zu einer Reise in das abgeschottete Land – hier allerdings war es Johnson, wie allen anderen Gästen auch, nicht möglich, hinter die Kulissen zu sehen. Vor allem dies macht eben auch die Faszination des Romans aus: Wenig weiß man über diese kommunistische Diktatur, wenig dringt nach außen. Die kurze Hoffnung, dass nach Kim Jong II durch dessen Sohn Kim Jong Un (der im Roman nicht auftritt) eine Öffnung und Besserung geschehen könnte, wurde schnell zunichte gemacht.
Erzählt wird von Johnson die Geschichte eines Waisenjungen, der in einem Staat, der seine Bürger normieren möchte, um seine Individualität kämpft – auch wenn er selbst keine Geschichte, keine Familie, nichts eigenes mitbringt. Jun Do ist auch ein John Doe – der sich jedoch im Laufe des Romans häutet, in eine neue Identität schlüpft, der versucht, das System in der Maske des Funktionärs auszutricksen. So weit, so gut – doch das Buch wankt zwischen realistischer Alltagsbeschreibung im unbekanntesten Land der Welt und wandelt sich dann, im zweiten Teil, zu einer Burleske mit tragischem Ausgang. Ein Bruch im Buch, der das Ganze seltsam unentschlossen wirken lässt.
Von Verlusten und dem Erwachsenwerden
Teil 1 – der Waisenjunge Pak Jun Do lernt eine Lektion fürs Leben: Je mehr der „geliebte Führer“ Kim Jong II einem seiner Bürger gibt, desto mehr kann er ihm nehmen: Zwischenmenschliche Beziehungen sind nur Beziehungen auf Zeit. Wer einen Menschen bei sich haben will, tätowiert sich sein Gesicht auf die Brust. Aber selbst diese hautnahen Beziehungen verblassen. Denn zwischenmenschliche Beziehungen sind gefährlich: Wer liebt, wird verletzbar. So opfert Pak Jun Do seiner großen Liebe, seiner Sonne, seinem Mond, der Staatsschauspielerin Sun Moon, auch sein Leben. Teil 1 erzählt von Pak Jun Do, seinem Erwachsenwerden, seinen Verlusten, seiner Instrumentalisierung für das System.
Teil 2 – Pak Jun Do häutet sich. Er schlüpft in die Haut des Kommandanten Ga. Wird Ehemann der Staatsschauspielerin Sun Moon, wird persönliche Marionette des geliebten Führer, wird Folteropfer und Lebensretter. Um die Geschichte schlüssig zu Ende zu bringen, braucht es wohl diesen Rollenwechsel – trotzdem bleibt am Ende der Eindruck zurück, dass dem Autoren diese seltsame Konstruktion als einziger Ausweg verblieb, um seinen Roman irgendwie zu Ende zu bringen.
Erzählerisch in eine Sackgasse geraten, wird die Geschichte durch einen Kunstgriff befreit – nicht der einzige Haken, den Johnson schlägt. Oder wie es Hubert Spiegel im Deutschlandfunk ausdrückte:
„Seine Handlung schlägt Haken, die jeden jungen Hasen wie eine alte Schildkröte aussehen lassen.“
Der US-Roman fiel beim deutschsprachigen Feuilleton durch alle Blätter hinweg durch. In den USA war er dagegen wirklich erfolgreich. Und auch für sein nächstes Buch, „Fortune Smiles“ (2015), einem Sammelband mit Kurzgeschichten, wurde Adam Johnson hochdekoriert – es wurde mit dem National Book Award ausgezeichnet. Seither jedoch folgte keine weitere Buchveröffentlichung, soweit ich das überblicken kann.
Bibliographische Angaben:
Adam Johnson
Das geraubte Leben des Waisen Jun Do
Übersetzt von Anke Caroline Burger
Suhrkamp Verlag, 2014
ISBN: 978-3-518-46522-6
Philipp Meyer: „Der erste Sohn“ – Ein texanisches Epos im Cinemascope-Format
Manchmal beginnt man ein Buch zu lesen und hat von Beginn an dazu Bilder im Kopf. So erging es mir beim Lesen der Familiensaga „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer. Eintauchend in die Geschichte der Familie McCullough, die sich im Lauf von zwei Jahrhunderten und über mehrere Generationen hinweg ein sattes Stück Texas unter den Nagel reißt, begann ich mehr und mehr in Cinemascope-Format zu lesen. Endlose Weiten, gewaltige Natur, Indianer- und Texas Rangers-Gefechte, Öltürme, riesige Ranchgebäude, übergewichtige whiskeyschlürfende Farmer und abgerissenes mexikanisches Landvolk nahmen Breitbildformat an. Vor allem aber: Die göttliche Liz, der wilde James Dean, der souveräne Rock Hudson. „Giganten“ (der letzte Dean-Film) war das Leinwandepos der 1950er-Jahre, der das zähe Festhalten der texanischen Großgrundbesitzer an ihrem Lebensstil in ebenso gigantische Bilder verwandelte. Ich war eigentlich kaum mehr überrascht, dass Meyer im Laufe des Buches Bezug auf den Streifen nimmt:
„Das Buch der Frau war erschienen und wurde später verfilmt, mit James Dean in der Hauptrolle. Es war eine einzige lange Übertreibung. Alle wirkten wie Witzfiguren, als wären sie zufällig zu Wohlstand gestolpert, als gäbe es im Staat Texas nur hinterwäldlerische Tycoons, die keine zwei funktionierenden Gehirnzellen hatten.“
Überflutung mit Fakten und Recherchematerial
Für die „einzige lange Übertreibung“ sorgte die amerikanische Schriftstellerin Edna Ferber (1885-1968) in ihrem Texas-Roman „Giant“ – nicht die einzige Stelle des Romans, in der sich Meyer auf literarische Vorgänger bezieht. Was abzuwarten bleibt: Was die Texas-Roman-Autoren der nächsten Generation über „Der erste Sohn“ zu sagen haben – denn nach Erscheinen des Buches wurde es zunächst ausnahmslos gefeiert. Aber es hat einige erzählerische Schwachpunkte, wie ich meine, vor allem eine gewisse Faktenüberflutung und Redundanz.
Allerdings – Oliver Jungen schwärmte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:
„Landschaften werden unterschätzt. (…) Geben sie nicht sogar vor, wie sie besungen werden wollen? So wie der verspielte Zickzackkurs des Rheins den lyrischen Ton und schwülstige Nixenromantik fordert, so lassen die weiten amerikanischen Prärien und gigantischen Plateaus, will man ihnen gerecht werden, nur die Form des schwartendicken Epos zu.“
Gut – „Der erste Sohn“ ist ein schwartendickes Epos, Literatur im Breitbandformat. Ganz gutes Kino, aber ist es auch großes? Zumindest ist das Buch kaum, so wie in der Zeit vollmundig angekündigt, ein Roman, der Literaturgeschichte schreiben wird. Meyer gelang mit diesem 600-Seiten-Wälzer, der beim Knaus Verlag passenderweise in Überformat (Breitbild in Buchform) erschien, solide Unterhaltung. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Mit seiner Erzählkonstruktion – drei Erzählerstimmen aus verschiedenen zeitlichen Ebenen – legt der Schriftsteller, der über fünf Jahre an dem Buch arbeitete, die Fessel an, führt den Leser am Lasso der Neugierde durch das Geschehen.
Ein Gemetzel nach dem anderen
Aber an etlichen Stellen kommen Längen auf, bedrängt einen das Gefühl, da reihen sich Gemetzel der Weißen an Indianer, der Indianer an den weißen Siedler, und das Ganze nochmal von vor, aneinander. Und dazu: Jede Menge Informationen, die einen Nicht-Amerikaner – und vielleicht auch bereits einem Nicht-Texaner – wenig sagen, aus dem Nichts daherkommen und im Nichts wieder verschwinden. Es scheint, als habe Meyer jede recherchierte Schlagzeile unterbringen wollen. In Bezug auf das obige Zitat: Name dropping – wer sind die Klebergs, die Reynolds, was für`n Hotel? Das ist manches Mal ein Info-Overflow, eine Prise zuviel.
Wenn über knapp anderthalb Seien detailliert beschrieben wird, was der Comanche und seine Frau aus einem erlegten Bison alles so machte – dann wird es ein wenig zähledern wie ein abgetragener Mokassin. Man merkt das Bemühen des Schriftstellers, aber auch wirklich alle recherchierten Fakten unterzubringen – mehr Erzählfluss wäre schön gewesen und das Buch wäre ein satter, fesselnder Western.
Gewaltiges Panorama, aber kein gewaltiger US-Roman
Wieland Freund schrieb in seiner amüsanten Kritik „Das sind die Rezepte der Comanchen“ in der Welt:
„Vielleicht kann man es deshalb so sagen: Philipp Meyer hat den ersten Western der Wissensgesellschaft geschrieben, ein lehrreiches und also unterhaltsames Buch, das als Gewaltritt durch die Geschichte von Texas durchaus beeindruckt. Dergleichen ist gemeint, wenn Zeitungen werbewirksam von einem „gewaltigen Panorama“ sprechen. Einen gewaltigen Roman allerdings hat Philipp Meyer nicht geschrieben. “
Einen Gutteil der Zeit am Buch dürfte Meyer mit dem Studium der texanischen und amerikanischen Geschichte verbracht haben – die Familiengeschichte ist natürlich eng verflochten mit dem Zeitgeschehen dieses US-Bundesstaates an der mexikanischen Grenze. Texas, einst zu Mexiko gehörend, wird am 2. März 1836 unabhängige Republik – und das ist auch das Geburtsdatum von Eli McCullough, der 100 Jahre später vom Aufstieg der Familie erzählt. Meyer bringt im Wechsel drei Erzählerstimmen zu Gehör: Den Patriarchen Eli, seinen Sohn Peter, der an den Gewalttaten der Familie, die archetypisch für die rücksichtlose Eroberung des Landes durch die Weißen steht, verzweifelt, und die Urenkelin Jeanne Anne, die versucht, sich als Ölmagnatin, in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen (hier kippt der Schalter im Kopf von „Giganten“ über zu „Dallas“).
Eine Geschichte von Blut und Boden
Jeanne Anne ist letztendlich auch jene, an der sich als fast 90jährige das Schicksal – Aufstieg und Fall einer Familie – vollzieht, die die „Erbschuld“ bezahlen muss: Sie fällt gewissermaßen den Geistern der Vergangenheit zum Opfer. Eli, als Kind von Comanchen entführt und bei den Indianern aufgewachsen, ist bei der Landeroberung wenig zimperlich: Ein angeblicher Rinderdiebstahl genügt ihm als Rechtfertigung, um ein Massaker an der spanischstämmigen Nachbarsfamilie Garcia durchzuführen. Nur eine Tochter der Spanier überlebt – und wird später die Geliebte Peters und Mutter von dessen Kindern. Ein Nachfahre dieser unheiligen Verbindung, ein junger Mexikaner, wird der alten Frau zum Verhängnis. So schließt sich der Kreis.
Der US-Roman ist eine Geschichte der Landeroberung, von Blut und Boden – Meyer spart die Grausamkeiten, die in solchen Epochen geschehen, nicht aus, recherchierte gründlich und erfasst die Mentalität zwischen Pioniergeist und Besitzgier, die dazu führte, dass die Weißen die indianischen Ureinwohner ausrotten und die mexikanischen Nachbarn niederknebeln konnte. Er zeigt aber auch auf, welcher Preis dafür gezahlt werden musste – moralische Verrohung, Vereinsamung, Verelendung der unterdrückten Bevölkerungsteile. Und er verdeutlicht, wozu das sture Festhalten an einem längst überkommenen Lebensstil führt. So zeigt der Roman die Entwicklung einer Mentalität auf, die bis heute dazu führt, dass in Texas nach wie vor das „Auge um Auge“-Prinzip zählt, dass an der Todesstrafe festgehalten und der US-Bundesstaat der konservativste von allen ist: Wo es Öl, Land und Geld gibt, gibt es etwas zu verlieren…
Lassen wir zum Schluss noch einmal Patriarch Eli zu Wort kommen:
„Mir wurde vorhergesagt, dass ich hundert Jahre alt werden würde, und da ich dieses Alter erreicht habe, sehe ich keinen Grund, an dieser Prophezeiung zu zweifeln. Ich sterbe nicht als Christenmensch, auch wenn mein Skalp unversehrt ist, und falls es die ewigen Jagdgründe gibt, bin ich dorthin unterwegs.“
Mit Stipendium und Studium auf die Bestsellerliste
Philipp Meyer, geb. 1974, hat einen wechselvollen Werdegang hinter sich. Nach seinem Studium an der Aufnahmeprüfung an der Cornell University arbeitete er zunächst als Broker an der Wall Street. In dieser Zeit begann er zu schreiben. Ein Stipendium ermöglichte ihm einen Aufenthalt an der University of Texas, wo er seinen ersten Roman „American Rust“ (dt. „Rost“) begann. Das Buch gewann den Los Angeles Times Book Prize, war das Washington Post Book of the Year, schaffte es auf diverse Bestsellerlisten und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.
2014 erschien „Der erste Sohn“, an dem er über fünf Jahre gearbeitet hatte. Das Buch wurde überwiegend positiv besprochen und stand längere Zeit auf der Bestsellerliste der New York Times. Seither veröffentlichte der Schriftsteller jedoch keinen neuen Roman mehr.
Bibliographische Angaben:
Philipp Meyer
Der erste Sohn
Übersetzt von Hans M. Herzog
Knaus Verlag, 2015
ISBN: 978-3-442-71309-7
Robert Reuland: „Brooklyn Supreme“ – Ein düsterer Justiz-Thriller für die Leinwand
„Wir New Yorker sind gut im Vergessen. Wir haben keine Zeit, uns um irgendjemand zu kümmern, also vergessen wir ihn. Unser kollektives Gedächtnis reicht zwanzig Minuten zurück, deshalb machen wir immer wieder dieselben Fehler. Deshalb unsere blind herumschießende Energie, deshalb ist New York anders als jede andere große Metropole dieser Welt. In London oder Rom lebt man mit seinen Vorfahren, die einen aus jedem alten Gebäude heraus anblicken. In New York reißen wir alles ohne Sinn und Verstand ab und bauen was Neues.“
Und was mitunter auch vergessen wird, wenn einer vor dem Brooklyn Supreme Courthouse landet, das ist die Wahrheit: Etwas, das Gewerkschaftsvertreter Willy Way, ein ehemaliger Cop, eigentlich zur Genüge weiß. Doch als Way, der für die „Patrolmen’s Benevolent Association“ arbeitet, der jungen Polizistin Georgina Reed zur Seite stehen soll, ahnt er noch nicht, dass von da an sein ganzes Leben komplett auf den Kopf gestellt wird. Und er sich selbst einigen Wahrheiten stellen muss, denen er lange ausgewichen ist.
Rassistische Polizeigewalt in den USA
Georgina Reed, ein „Rookie“, hat im Dienst einen jungen Afroamerikaner erschossen, der einen Raubüberfall begangen haben soll. Sie behauptet, es sei Notwehr gewesen, ein Komplize des Opfers streitet dies ab. Ein Fall, der viel Zündstoff in sich birgt: Bald steht Willy Way, der für die junge Polizistin eine gute Lösung finden will und soll, zwischen allen Fronten. Die Medien stürzen sich ebenso auf diesen Fall von Polizeigewalt wie prominente Anwälte, auf den Straßen formiert sich der Protest von Bürgerrechtlern, Polizei- und Gewerkschaftsfunktionäre haben einiges zu vertuschen, und nicht zuletzt droht dem amtierenden obersten Staatsanwalt bei den nächsten Wahlen Konkurrenz durch einen berühmten Richter, einen typischen W.A.S.P.-Vertreter.

Im Zentrum eines Sturms aus Intrigen und Ehrgeiz
Zusätzlich zu all diesen politischen Verwicklungen verbindet Willy Way mit eben jenem Richter auch ein privates Geheimnis: Er war einst befreundet mit der Tochter des Richters, die nach einem (mutmaßlichen) Schwangerschaftsabbruch Suizid beging. Kurzum: Willy Way steckt plötzlich mitten im Zentrum eines Sturms, aus dem er – so viel sei an dieser Stelle verraten – nicht unbeschadet entkommen wird, wie ihn eine Staatsanwältin warnt:
„Sie sind von lauter gefährlichen Menschen umgeben, und keinen von denen interessiert es die Bohne, dass Sie der Antiheld Ihres eigenen kleinen Bildungsromans sind. Wenn Sie denen im Weg stehen, räumen sie Sie einfach weg. Wenn die Sie benutzen können, tun sie es. Und wenn die Sie zerquetschen müssen, werden Sie zerquetscht. So einfach ist das.“
Am Ende geht er, ganz in der Art amerikanischer Helden, für die Wahrheit, seine Wahrheit, einige Monate in den Knast, aufrecht, aber nicht gebrochen. Gut ist es, wenn man dann auf die Familie bauen kann: Zumindest bringt der Fall um Georgina Reed Willy Way seinem Vater, einen hartgesottenen Kriegsveteranen mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, wieder näher und der Einstieg ins väterliche Gemüse-Lieferanten-Geschäft nach der unfreiwilligen Auszeit ist garantiert:
„Butler war gar nicht mal so übel. Das Essen erinnerte mich an das in der Schulmensa und der Ausblick meiner Zelle führte ins Nichts. Die Zelle selbst hatte etwas von einem schäbigen Motel an irgendeinem Highway. Nach siebzehn Monaten checkte ich aus, und heute erscheint mir das Ganze wie ein vor Ewigkeiten gesehener Film. Ich habe keine Alpträume davon, und laut meiner Visitenkarte bin ich derzeit Gen’l M’ger Wm. Way & Son NY’s Largest et cetera.“
Ein düsterer New York-Roman, wie gemacht fürs Kino
Film ist hier ein gutes Stichwort: Denn die heimliche Hauptrolle in diesem raffiniert konstruierten politischen US-Roman spielt die Stadt, ihre heruntergekommenen Ecken, die Gehwege der gutbürgerlichen Viertel, die Keller und Zellen der Polizeiwachen, die kühlen Gerichtssäle, die pompös eingerichteten Anwaltskanzleien. „Brooklyn Supreme“ verströmt eine gewisse, dunkle New Yorker Atmosphäre, die beim Lesen zum Umsetzen in Kinobilder animiert. Und so meint auch William Boyle in seinem Nachwort: „Schade, dass Sidney Lumet keinen Film mehr daraus machen kann.“ Aber vielleicht hat Martin Scorsese Lust. Und Robert de Niro würde ich als Dad von Willy Way gut machen…
Robert Reuland der in Park Slope, Brooklyn, lebt, kennt jedenfalls seine Stadt und als ehemaliger Staatsanwalt deren Rechtssystem gut. Das wird in jeder Zeile deutlich:
„Damals war Bushwick schwarz und arm. Jetzt war es schwarz und arm und arm und neuweiß, ein Viertel der Pitbulls und Pudel, Schrotgewehre und Kinderwagen. Die Neuordnung hatte nicht einmal fünf Jahre gedauert.“
Atmosphärisch dicht in seinen Beschreibungen und intelligent durch die verschlungenen Pfade politischer Verwicklungen führend, ist „Brooklyn Supreme“ ein durchaus mitreißendes Buch, wenn auch Willy Way als Figur zu sehr so an der einen oder anderen Stelle manches Klischee eines Hard-Boiled-Helden erfüllt.
Bibliographische Angaben:
Robert Reuland
Brooklyn Supreme
Übersetzt von Andrea Stumpf
Polar Verlag, 2023
ISBN: 978-3-948392-73-4
James Salter: „Alles, was ist“ – Die lakonische Bilanz eines leeren Lebens
„Irgendwann wird einem klar, dass alles ein Traum ist und nur geschriebene Dinge die Möglichkeit haben, wirklich zu sein.“
Bezeichnend, was James Salter (Jahrgang 1925) seinem Alterswerk „Alles, was ist“ als Motto voranstellt. Die ersten zehn Seiten des Buches branden an wie eine Bugwelle: Der Leser wird wie der junge Philip Bowman hineingerissen in eine Schlacht im Zweiten Weltkrieg im Pazifik. Alles, was folgt – die erste Liebe, das Werben, die Heirat, die Scheidung, der Aufstieg in einem Verlag, Reisen, weitere Geliebte, weitere Trennungen, Freundschaften, Todesfälle, Verluste – nimmt weit weniger Raum ein.
Jede Begegnung mit einer Frau zunächst voller Emotion, Bowman spricht schnell von Liebe – aber mehr und mehr perlen Emotionen von ihm ab, werden Trennungen beiläufiger, scheinen Enttäuschungen und Verluste keine Risse zu hinterlassen. Das Leben läuft so vor sich hin – oder ihm davon, je nach Perspektive. Und am Ende war es das. Und man bedauert diesen Mann, der doch mit allen Möglichkeiten ausgestattet war: Tja, wenn das nun alles war.
James Salters lakonisch-dezenter Stil
Salter erzählt von einem Leben, das von außen glamourös erscheint, voller Ereignisse, in einem lakonischen, beiläufigen, manchmal dezent zynischen Stil, der an John Cheever erinnert. Doch trotz des angefüllten Lebens – es ist am Ende leer. Weil: „Alles, was ist“ ist wenig, wenn man auf Distanz zum Leben bleibt – zum Leben, zu den Lieben, zu den Freunden. Bowman, der eigentlich abwesende Antiheld.
Es war der sechste und letzte Roman eines Schriftstellers, der als „Writer’s Writer“ galt: Von Kollegen hochgeschätzt, aber beim Publikum ohne wirklichen Durchbruch. „Alles, was ist“ erschien über drei Jahrzehnte nach Salters vorhergehendem Roman – vielleicht auch die etwas bittere Bilanz, allerdings ohne Lamento, des Autors selbst.
Bibliographische Angaben:
James Salter
Alles, was ist
Übersetzt von Beatrice Howeg
Berlin Verlag, 2013
ISBN 978-3-8270-1162-6
J. Ryan Stradal: „Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“ – Kulinarische + literarische Spitzenklasse
„Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens“ ist allerbeste Unterhaltung. Ein erstklassiges Flutschbuch – locker geschrieben, leicht und lässig, aber eben nicht ohne Anspruch, mit einer spannenden Konstruktion, die den Leser an der Leine hält. Ein Pageturner erster Sahne, um nun ganz tief in die kulinarische Rhetorik einzusteigen. Der Red Hot Chilli Pepper unter den Debütromanen, die mir in den vergangenen Monaten in die Leserküche geraten sind.
Ein Talent für außergewöhnliche Geschichten
J. Ryan Stradal hat all das drauf, was man sich von nordamerikanischen Autoren erwartet und erhofft: Ein Talent dafür, von außergewöhnlichen Menschen außergewöhnliche Geschichten zu erzählen und dabei doch allgemeingültige, existentielle Fragen anzusprechen, die auch uns gewöhnliche Leser in unseren alltäglichen Leben beschäftigen – was ist Familie, was ist Freundschaft, was ist Liebe? Und wann gibt es das nächste gute Essen?
Dieses Basisrezept amerikanisch-literarischer Hausmannskost wird verfeinert wie folgt: 3 gut gehäufte Esslöffel sprachliches Talent, 100 Gramm Kreativität und Phantasie, 1 Prise Ironie, 1 Messerspitze Gesellschaftskritik und irgendeine Geheimzutat, die dazu führt, dass das alles bedeutend weniger kopf- und bodenlastig, bedeutungsschwanger und kalorienhaltig daherkommt als manches, was in deutschen Literatenküchen so angerichtet wird.
Ein Flutschbuch à la John Irving
Ja, dies ist auch ein – mein – Bekenntnis zum Flutschbuch. Literatur darf, soll und kann anstrengend sein, muss auch herausfordern, soll erarbeitet werden. Aber manchmal möchte ich auch schlicht und einfach gut unterhalten werden – und das ist diesem Roman gelungen wie wenig anderen Büchern zuvor in den vergangenen Jahren. Ich habe mich an das Lesegefühl erinnert, als ich den ersten John Irving in die Hände bekam – ein ähnliches Gespür für Geschichten, nur ohne Bären und Ringer, zeigt dieser junge Autor auf. Und ähnlich wie Irving beherrscht er die Kunst der menschenfreundlichen Ironie – auch wenn er beispielsweise die Anhängerschaft der glutenfrei-regional-angebauten-genfrei-gezüchteten-biobauer-vegan-und-überhaupt-nur-das-Gesündeste-für-mich-und-mein-Kind-Fraktion aufs Korn nimmt, so geschieht dies mit viel Wärme für seine Figuren.
Tja, und um was geht es nun überhaupt bei diesen Küchengeheimnissen? Erzählt wird die Lebensgeschichte der begnadeten Köchin Eva, von ihrer Geburt an bis zu ihren etwa 30er-Jahren. Doch nicht stringent an einem Lebenslauf entlang, sondern aus den Augen anderer erzählt, in einzelnen Episoden, die im Schlusskapitel bei einem großen Dinner nochmals verknüpft werden.
Zugegeben, ich mache es mir etwas einfach mit meiner Schwärmerei für diesen US-Roman – aber: Ich möchte noch einmal das Schlusskapitel lesen und ganz dringend einige der Rezepte, die im Buch wiedergegeben sind, ausprobieren. Gruß aus der Küche. Und allen, die sich vom #stradalfieber anstecken lassen: Guten Appetit!
Bibliographische Angaben:
J. Ryan Stradal
Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens
Übersetzt von Anna-Nina Kroll
Diogenes Verlag, 2016
ISBN: 978-3257244205
Colson Whitehead: „Die Nickel Boys“ – Ein erschütterndes Denkmal gegen das Vergessen
«Zu Weihnachten bekam Elwood das schönste Geschenk seines Lebens, nur stürzten ihn die Ideen, die es ihm eingab, am Ende ins Verderben.»
So doppelbödig wie der Prolog – «Sogar als Tote machten die Jungs nur Ärger» – beginnt auch der Einstieg in den Roman «Die Nickel Boys» von Colson Whitehead. Eine «klassische» Täter-Opfer-Umkehr, wie der 2019 erschienene Roman in der Folge aufzeigen wird. Denn es sind nicht die Jungs, die sich schuldig machen. Sondern ein System, das in den USA der 1960er-Jahre nach wie vor brutal ausgelebten Rassismus begünstigt und duldet. Ein System und seine Schergen – und die üben in einer «Besserungsanstalt» im Süden der USA ein gnadenloses Regime aus.
Das rassistische System der Besserungsanstalten
Es ist von tragischer Ironie, dass Elwood, ein junger Schwarzer aus Tallahassee (Florida), an diesen dunkelsten der dunklen Orte gerät. Elwood, der bei seiner Großmutter aufwächst, ist fleißig, strebsam, und kurz davor, aufs College zu gehen.
Ausgerechnet auf dem Weg dorthin gerät der Autofahrer, der ihn beim Trampen mitnimmt, in eine Polizeikontrolle. Der Wagen ist gestohlen. Und damit ist das Schicksal von Elwood, der nichtsahnend und unschuldig ist, besiegelt: Er wird in die «Nickel Academy» eingewiesen. Eine Kombination aus Pech und Vorherbestimmung: Als der soziale Aufstieg greifbar ist, kollidiert sein Schicksal mit der rassistischen Realität.
Ein anonymes Massengrab als historisches Zeugnis
Bereits im Prolog klärt der afroamerikanische Schriftsteller darüber auf, mit was wir es zu tun haben: Jahrzehnte später, «nachdem man den ersten Jungen in einen Kartoffelsack verschnürt und in eine Grube versenkt hatte», wird auf dem Gelände der inzwischen geschlossenen Anstalt ein Friedhof mit zahlreichen anonymen Gräbern entdeckt. Die Überreste von Jungen, die die «Besserungsmethoden» nicht überlebt haben.
Colson Whitehead nutzt für seinen auktorialen Erzähler eine beinahe nüchterne, zurückgenommene Sprache, um ein «schmerzhaftes Kapitel amerikanischer Geschichte» (New York Times) prägnant und gerade deswegen umso eindrucksvoller zu schildern. Anstalten wie diese gab es in den 1960ern noch viele. Und ganz nebenbei drängt sich auch der Gedanke auf, ob sich da aktuell nicht wieder eine ähnliche Entwicklung vollzieht in den Immigration Detention und ICE-Centern…
Kompakt, präzise, nur mit wenigen poetischen Einsprengseln und stilistisch deutlich unterschiedlich zum ebenfalls mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman «The Underground Railroad» schildert Whitehead den Untergang seines tragischen Helden Elwood.
Die Grenzen von Martin Luther Kings gewaltlosem Widerstand
Der, beseelt von den Worten Martin Luther Kings – «Martin Luther King At Zion Hill» auf Schallplatte ist das «schönste Weihnachtsgeschenk» – glaubt an Gerechtigkeit, Gleichheit, ja auch an das Gute. Kings Lehre von gewaltlosem Widerstand stößt in der Nickel Academy, einem rechtsfreien Raum, der auf brutaler Gewalt, Rassismus und Korruption basiert, jedoch an ihre Grenzen. Selbst Elwood beginnt mit seinem Idol zu hadern:
«Die Prügel, der Missbrauch, die unbarmherzigen Prüfungen ihrer Person. Sie standen das durch. Aber jene zu lieben, die einen am liebsten auslöschen würden?»
Trotz der Zweifel an Kings Konzept von der «Leidensfähigkeit», die obsiegt, gibt Elwood den Glauben an Würde und Integrität nicht auf. Eine «idealistische Naivität» in den Augen seines Freundes Turner, die ihm – ähnlich wie dem tragischen Helden Bucky Cantor in Philip Roths letztem Roman «Nemesis» – zum Verhängnis wird. Sein Versuch, die Öffentlichkeit über die Gewalt und den Missbrauch zu informieren, endet tödlich für ihn.
Idealismus vs. Pragmatismus: Elwood und Turner im Vergleich
Sein Freund Turner ist das Gegenbild zu Elwood: Pragmatisch, zynisch, schon früh mit Überlebensstrategien und Straßenklugheit ausgestattet. Trotz ihrer Unterschiede werden sie enge Freunde – mit Folgen und Veränderungen auch für Turner, der am Ende sein eigenes Leben riskiert, um Elwood zu helfen.
Im Epilog des Buches bringt Colson Whitehead eine überraschende Wendung: Jahrzehnte nach dem Geschehen begegnen wir Elwood als erfolgreichem Umzugsunternehmer in New York City. Bis klar wird, dass Turner den anderen Namen angenommen hatte, «zu Ehren seines Freundes»:
«Um stellvertretend für ihn zu leben.»
Der einst zynische Straßenjunge hat Elwoods moralischen Kompass verinnerlicht. Das Vermächtnis des Toten ermöglichte es ihm überhaupt erst, ein stabiles Leben zu führen. Dennoch bleibt das Fazit des Romans bitter: Das «Nickel» schleppt man immer mit sich – es prägt ein ganzes Leben.
Das bittere Erbe der Vergangenheit: Die überraschende Wendung
Mit „Die Nickel Boys“ hat Colson Whitehead ein erschütterndes, literarisches Denkmal gegen das Vergessen geschaffen. Seine kühle, fast dokumentarische Eleganz seziert den historischen Horror ohne billigen Sentimentalismus. Ein schmerzhafter Roman, der zeigt, dass die Geister der Vergangenheit im heutigen Amerika noch lange nicht zur Ruhe gekommen sind.
Bibliographische Angaben:
Colson Whitehead
Die Nickel Boys
Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens
Hanser Verlag, 2019
ISBN: 978-3-446-26276-8
Phillip B. Williams: «Ours» – Der Mut der Magie gegen eine bittere Realität
«Ours. Die Stadt» von Phillip B. Williams beginnt mit einem Paukenschlag. Eine Szene, die man so schnell nicht vergisst: Ein 17-Jähriger, der gerade die Highschool abgeschlossen hat, liegt erschossen auf der Straße. Plötzlich scheint alles wie in einer verzögerten Filmszene rückwärts abzulaufen: Die Limonade fließt wieder in die Flasche, die der Junge hielt, das Blut zurück in seinen Körper.
Ein literarisches Statement zwischen Black Surrealism und Hoodoo
Es ist ein literarisches Statement, das der in den USA bislang mit Lyrikbänden hervorgetretene Schriftsteller mit dieser Szene macht: Die anhaltende Polizeigewalt gegenüber Menschen mit schwarzer Hautfarbe in den USA hat natürlich ihre Wurzeln in der Vergangenheit, sprich in der Sklaverei und dem fortlebenden Rassismus. Zugleich deutet der Beginn darauf hin, dass wir es nicht mit einem Roman zu tun haben werden, der auf klassische Strukturen und eine eindeutige Chronologie zurückgreift.
Vielmehr ist «Ours» geprägt vom Black Surrealism und vom Hoodoo, einer afroamerikanischen Form der Magie und Spiritualität, die sich vor allem im Süden der USA entwickelt hat. Die Mischung aus spirituellen Praktiken, die die ersten Sklaven aus Afrika mitbrachten, und dem Heilwissen der indigenen Bevölkerung wurde nicht nur praktisch – beispielsweise zur Heilung von Wunden und Krankheiten – eingesetzt, sondern auch zum Schutz gegen die Brutalität der Weißen.
Der junge Schwarze stirbt an jenem Ort, an dem rund 200 Jahre zuvor eine geheimnisvolle Frau namens «Saint» einen Ort gründete, der zur Zufluchtsstätte für befreite und entflohene Sklaven wurde: «Ours». Saint selbst hatte zuvor zahlreiche Plantagen in Arkansas dank ihrer magischen Kräfte zerstört und die befreiten Menschen nach Norden, in die Nähe von St. Louis, geführt.
Saints Zufluchtsort: Zwischen radikaler Fürsorge und Tyrannei
Hier also soll eine Gemeinschaft freier Menschen entstehen, durch Magie geschützt vor der bedrohlichen Außenwelt. Doch «Saint», die «Heilige», hält den Ort mit eiserner Hand und viel magischem Zauber zusammen. Um «Ours» zu erhalten, regiert sie mit Härte und übermäßiger Kontrolle. Saint ist die personifizierte Ambivalenz: Ihr janusköpfiges Handeln zeigt, dass die Grenze zwischen radikaler Fürsorge und totalitärer Unterdrückung fließend ist.
In der Gemeinschaft wächst nach und nach der Widerstand gegen Saints Autorität, die viele auch an ihre Unterdrückung während der Sklaverei erinnert:
«Saint hatte ihnen deutlich gemacht, dass einem alles entrissen werden kann (…). Auch die Sklaverei hatte Honor gelehrt, dass einem alles, was man liebte, jederzeit genommen werden konnte: Ohne Vorwarnung wurde das eigene Kind verkauft, der Mann, die Tante, die beste Freundin. Verschwunden, verschollen, verloren. Wegverkauft oder getötet. Gelyncht oder gefoltert, bis der Verstand nach oben offen war.»
von Phillip B. Williams auf.
Zwillingsmotive und das Leben im goldenen Käfig
Das Zwillingsmotiv beziehungsweise Paare und Paarungen greift Williams in seinem Roman immer wieder auf, um die Kernfragen des Romans zu verstärken: die Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen Unterwerfung unter die Gemeinschaft oder dem Finden einer eigenen Identität. Oder, verkürzt gesagt: Lässt es sich in einem goldenen Käfig gut leben? Zwillingspaare, Ehepaare und Freunde stehen für diese Dualität, für die gleichzeitige Anwesenheit von Gut und Böse, für den Drang nach Freiheit und Autonomie einerseits und die Sehnsucht nach Sicherheit und Ordnung andererseits.
Auch ansonsten hat das voluminöse, fast 700 Seiten starke Werk zahlreiche wiederkehrende Motive und Anspielungen zu bieten. Schade ist jedoch, dass sich der Autor in diesem ambitionierten Projekt selbst verliert. Seinen Leser*innen macht er es mit den zahlreichen Zeitsprüngen, mit einem riesigen Ensemble und Erzählfäden, die zwischendurch versanden, nicht einfach. «Ours» braucht eingestandenermaßen Durchhaltevermögen – die Magie hilft über gewisse Längen nur bedingt hinweg. Am Ende ist man ein wenig erschöpft – ebenso wie Saints Kräfte.
Traumhafte Bilder im Geflecht einer ausufernden Erzählung
Da Phillip B. Williams als Lyriker die Sprache (nicht unerwähnt bleiben soll die grandiose Übersetzungsarbeit von Milena Adam) meisterhaft beherrscht – der Roman erinnert in seinem magischen Realismus an das preisgekrönte Meisterwerk «Menschenkind» von Toni Morrison –, fasziniert das Opus durchaus durch dichte, einprägsame Bilder, die oft im doppelten Sinne traumhaft sind. Eines davon ist das des Baums, in dem Luther-Philip, eines der ersten freigeborenen Kinder von «Ours», ein grauenhaftes Nest aus menschlichen Haaren samt Skalpen, blutigen Zähnen und Maden findet – eine deutliche Anspielung auf die gewaltsame Lynchjustiz, die der weiße Mob an Schwarzen ausübte.
Schlüsselmotive im Überblick: Die Symbolik in «Ours»
Phillip B. Williams nutzt im Roman tief verwurzelte, ambivalente Bilder des Black Surrealism, um existenzielle Kernfragen nach Freiheit, kollektivem Trauma und Identität spürbar zu machen.
- Die rückwärtslaufende Zeit / Der Paukenschlag: Die fesselnde Einstiegsszene – in der Blut und Limonade zurückfließen – symbolisiert das Aufbrechen einer rein chronologischen Geschichtsschreibung. Sie zeigt, dass die Geister der Vergangenheit und das Trauma der Sklaverei in der amerikanischen Gegenwart unaufhaltsam fortwirken.
- Das Zwillings- und Paarmotiv: Die wiederkehrenden Doppelgänger und Paarungen im Roman spiegeln die innere Zerrissenheit der Gemeinschaft wider. Sie stehen für das unauflösbare Spannungsfeld zwischen dem Drang nach individueller Freiheit (Autonomie) und dem Wunsch nach kollektiver Sicherheit (Ordnung).
- Der Wald und das „Verwurzeln“: Der Wald dient einerseits als magischer, realer Schutzraum vor der rassistischen Außenwelt der Weißen. Metaphorisch steht das Verwurzeln für den schmerzhaften, aber notwendigen Prozess, nach der Entwurzelung durch die Sklaverei eine neue, eigene Identität und Heimat aufzubauen.
- Die Bäume / Das grauenhafte Nest: Bäume fungieren im Roman als ambivalente Zeugen. Während sie einerseits Zuflucht bieten, verweist das von Luther-Philip gefundene Nest aus Haaren, Zähnen und Skalpen direkt auf die historische Realität der grausamen Lynchjustiz im amerikanischen Süden.
- Der „goldene Käfig“ (Die Stadt Ours): Die von der Magierin Saint gegründete Zufluchtsstätte personifiziert die Ambivalenz von Macht. Der Schutzraum wird unter ihrer eisernen Hand zum totalitären Kontrollraum – ein Symbol dafür, wie fließend die Grenze zwischen radikaler Fürsorge und neuer Unterdrückung sein kann.
Auch hier greift Williams auf die doppelte Bedeutung von Symbolen, Gegenständen und Wörtern zurück: Der Wald als Schutzraum, Bäume als Zufluchtsorte und das «Verwurzeln» als Metapher ziehen sich ebenfalls durch den Roman. Es ist zu schade, dass Williams in diesem Geflecht die erzählerische Ökonomie aus den Augen verliert – vielleicht wollte er sich als Lyriker, sonst der knappen Form verpflichtet, einmal austoben; vielleicht aber hat er seiner eigenen Geschichte nicht ganz vertraut, zu vieles auserzählt und auserklärt. Die herausfordernde Länge und Unüberschaubarkeit tun im Ganzen der Originalität dieses Romans, der einer bitteren Realität mit dem Mut der Magie zu Leibe rückt und letzten Endes auch eine Vision von einem freien Leben entwirft, wenig Abbruch. Man muss nur durchhalten.
Bibliographische Angaben:
Phillip B. Williams
Ours. Die Stadt
Aus dem Amerikanischen von Milena Adam
S. FISCHER Verlag, 2024
ISBN: 978-3-10-397609-0
