John O’Hara: Begegnung in Samarra

„In diesem Moment kam alles wieder in ihm hoch wie mit einem furchtbaren, alles erbeben lassenden Geräusch, als stünde er zu dicht vor einer großen Glocke, die plötzlich, ohne Vorwarnung, angeschlagen wurde. Seine Finger und sein Mund steckten eine Zigarette an; sie wußten, wie das geht. Er dachte gar nicht an eine Zigarette, denn mit dem Glockenlärm kamen die Katerstimmung und die Reue. Er brauchte einen Moment, aber schließlich erinnerte er sich an das Schlimmste, was er je getan hatte, und es war wahrscheinlich schlimm. Er erinnerte sich, Harry Reilly einen Drink ins Gesicht gekippt zu haben, mitten in sein feistes, billiges, ekelhaftes, irisches Gesicht. Und jetzt war also Weihnachten und Frieden auf Erden.“

John O’Hara, „Begegnung in Samarra“, 1934

Dieser Roman atmet das Amerika der goldenen 1920er und der 1930er-Jahre, als die USA aus ihrem goldenen Traum, von der Weltwirtschaftskrise gebeutelt, erwachten. Er ist lakonisch in Hemingwayscher Manier, bietet die Eleganz und Subtilität eines F. Scott Fitzgerald, den Zynismus einer Dorothy Parker (die den jungen Autoren maßgeblich förderte). Er ist ein Abbild der Hangover-Generation – jene, die noch an all dem festhielt, was sie schon längst verloren hatte. Und natürlich ist der Text in Alkohol getränkt. Und somit auch für die Nachwelt gut konserviert.

Das Buch umfasst nur einige wenige Tage an Weihnachten 1930. Genügend, um Abstieg und Fall eines seiner Protagonisten zu schildern. Und das Erwachsenwerden, die Desillusionierung einer Frau sowie das Scheitern einer Gangsterkarriere unterzubringen. Julian English (der Name steht für das etablierte, weiße Bürgertum in den USA, den „weißen Adel“) beginnt die Weihnachtstage mit einem Skandal. In einem der gehobenen Clubs der fiktiven Stadt Gibbsville kippt er, aus einem Impuls heraus, dem Iren Harry Reilly einen Drink ins Gesicht. Es ist eine Geste des Überdrusses, der Langeweile, der Lebensunlust – eine Geste mit Folgen.

Nur mit reichlich Alkohol zu ertragen für Julian English: Das Leben in der amerikanischen Kleinstadt. Image by Pexels from Pixabay

Angewidert von seinem Leben, das vor allem aus Trinkgelagen in diversen Clubs und Kneipen besteht, abgelehnt von seinem dominanten Vater, nirgends dazugehörend. Materiell und vom öffentlichen Status her gehört dieser Antiheld nicht zu den Underdogs, mit denen er in seiner Kindheit wilde Bandenspiele trieb. Und auch nicht zu den Gangstern, die in Zeiten der Prohibition die Stadt beherrschen. Ebenso wenig liegt ihn jedoch auch an den oberen „Zehntausend“

Das Leben des Julian English ist im Grunde eine leere Hülle und eine anstrengende, alle Energie kostende Farce. English ist zugleich weltfremd und lebensuntüchtig, hoffnungslos dem Alkohol verfallen. Die Weihnachtstage 1930 bringen kein letztes Aufbäumen, keinen Überlebenswillen, keine Entscheidung, das Leben zu einem Besseren zu wenden. Sie gleichen vielmehr dem Bild vom Kessel, der unter zu großem inneren Druck platzt. Der ausgeschüttete Drink, die Debatten mit seiner Frau, die nachfolgenden Prügeleien und manischen Autofahrten, sie pflastern den Weg zum tödlichen Ende.

Einzig die Ehe mit Caroline hält Julian English noch am Laufen. Doch am Ende dieser Tage ist sie müde. Sie zieht sich zurück und verlässt ihn, aus Zorn und Hilflosigkeit.

John Updike schreibt in seinem Nachwort zu diesem Roman:

„Bevor sich jedoch Caroline in einem letzten, lautstarken Streit voller Sarkasmen und verklausulierter Hilferufe von ihm entfremdet, teilt sie Julians furchtbaren, plötzlichen Absturz, und eine Reihe intimer Begegnungen zeigt die Zärtlichkeit, die hier verschleudert wird.“

Am Ende allein, gebrochen, zerstört, mischt sich Julian English einen letzten, überdimensionierten Monsterdrink in einer Blumenvase. Er torkelt durch sein Haus, setzt sich in die Garage und seinem Leben mit Auspuffgasen ein Ende. Obwohl John O` Hara sprachlich vor allem die letzten Seiten des Buches nüchtern bis kühl konzipiert hat, bleibt nach dem Ende des Romans ein mehr als großer Hauch von Melancholie und Trauer um diesen lebensuntüchtigen, aber dennoch charmanten Antihelden zurück. Was English hätte retten können? Eine schwierige Frage. Die Antwort wohl ebenso simpel wie komplex: Im Grunde nur er selbst.

John O`Hara (1905 – 1970) wußte wohl nur zu gut, wovon er in seinemDebütroman, der auf Anhieb zum Erfolg wurde, erzählte. Er stammte selbst aus einer Kleinstadt. Er litt unter seiner Trunksucht, die ihn, den Journalisten, immer wieder zu Streitigkeiten und Zerwürfnissen mit seinen Auftraggebern führte. Die satirische Beschreibung der Kleinstadt im Roman ist geprägt von eigenen Erfahrungen. Das Setting erinnert auch an „Main Street“ von Sinclair Lewis. Eingeführt wird in eine Welt der Engstirnigkeit und Bigotterie, in der Antisemitismus und Rassismus zum Alltag gehörten.

Ein Freund schrieb O`Hara von der „Verbitterung, die du gegen all diese verklüngelten Arschlöcher hegen mußt“. Im Gegensatz zu seinem Romanhelden Julian English schrieb sich John O`Hara den Weg aus diesem Milieu jedoch frei.

Hans-Peter Kunisch meinte, als der Roman 2007 in deutscher Sprache wiederaufgelegt wurde, in der Zeit:

„O’Hara wusste, wovon er sprach. Gibbsville ist Pottsville/Pennsylvania, wo er aufwuchs, nachgebildet. Was bei Erscheinen keine Einzelklage zur Folge hatte, sondern kollektive Pottsville-Wut. Jahrelang mied O’Hara seine Heimatstadt. Aber das hatte er sich gewünscht: ein Buch, das alle Brücken in Flammen aufgehen lässt, das ihn endlich rauskatapultieren soll aus der Kleinstadt.“

Das Time Magazin zählte „Begegnung in Samarra“ zu den 100 bedeutendsten Romanen der englischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Leider konnte O`Hara in seinen nachfolgenden Büchern dieses Niveau nicht mehr ganz erreichen. Und leider blieb er, obwohl er in den 1960er-Jahren immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde, auch hierzulande eher unbekannt. Was, nicht zuletzt angesichts der hervorragenden Übersetzungen durch Klaus Modick, zu bedauern ist.



Der Titel des Romans „Begegnung in Samarra“ stammt von einer arabischen Legende, die William Somerset Maugham erzählerisch verdichtete.

William Somerset Maugham, „The Appointement in Samarra“ (1933):

Death speaks:
There was a merchant in Baghdad who sent his servant to market to buy provisions and in a little while the servant came back, white and trembling, and said, Master, just now when I was in the market-place I was jostled by a woman in the crowd and when I turned I saw it was Death that jostled me. She looked at me and made a threatening gesture; now, lend me your horse, and I will ride away from this city and avoid my fate.

I will go to Samarra and there death will not find me. The merchant lent him his horse, and the servant mounted it, and he dug his spurs in its flanks and as fast as the horse could gallop he went.
Then the merchant went down to the marketplace and he saw me standing in the crowd and he came to me and said, Why did you make a threatening gesture to my servant when you saw him this morning? That was not a threatening gesture, I said, it was only a start of surprise. I was astonished to see him in Bagdad, for I had an appointment with him tonight in Samarra.