Es gibt Schriftstellerinnen, die haben die Fähigkeit, einen mit wenigen Skizzen nur in eine andere Welt zu versetzen – und das, obwohl sie eigentlich, oberflächlich betrachtet, von nichts anderem erzählen als von Alltäglichem. Elizabeth Strout gehört zweifelsohne dazu. Die amerikanische Schriftstellerin besitzt eine besondere literarische Gabe: Sie schildert das (meist) unspektakuläre Leben ganz gewöhnlicher Menschen so, dass daraus große Literatur wird.
Ihre literarische Karriere begann im Jahr 1999 mit dem vielbeachteten Debütroman Amy & Isabelle. Dem folgte 2007 das Werk Bleib bei mir (Abide with Me), bevor ihr 2008 mit Mit Blick aufs Meer (Olive Kitteridge) der ganz große internationale Durchbruch gelang. Das Buch, ein meisterhafter Roman in miteinander verknüpften Geschichten, brachte ihr nicht nur den renommierten Pulitzer-Preis ein, sondern wurde auch erfolgreich als Miniserie verfilmt. Nach Das Leben, natürlich (The Burgess Boys, 2013) rief Strout mit Die Unvollkommenheit der Liebe (My Name Is Lucy Barton, 2016) eine weitere ihrer unvergesslichen Hauptfiguren ins Leben.
Es folgten die Romane Alles ist möglich (Anything Is Possible, 2017) und die sehnsüchtig erwartete Fortsetzung Die langen Abende (Olive, Again, 2019). In den darauffolgenden Jahren kehrte Strout zu ihrer zweiten großen Protagonistin zurück und führte die Lebensgeschichte von Lucy Barton in den Werken Oh, William! (2021) und Am Meer (Lucy by the Sea, 2022) fort. Mit ihrem zehnten und neuesten Roman Erzähl mir alles (Tell Me Everything, 2024) schuf die Autorin schließlich ein literarisches Highlight, in dem sie ihre beiden berühmtesten Welten und Charaktere – Olive Kitteridge und Lucy Barton – zum ersten Mal aufeinandertreffen lässt.
Bei den Fans dere Schriftstellerin gibt es durchaus unterschiedliche Gewichtigungen. Die einen bevorzugen die feinsinnige Lucy Barton. Ich halte es dagegen mehr mit der knorrigen Olive, deren Charakter in meinen Augen mehr Kontur hat. In drei Romanen hat diese eigensinnige Dame ihren Auftritt. Der Beitrag bietet dazu einen Überblick.
Inhalt dieses Beitrags:
Die sperrige Mrs. Kitteridge: Ein Charakter im Wandel
Spätestens seit Strout, 1956 in Portland geboren, für ihren Episodenroman «Mit Blick aufs Meer» (2008) mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, gehört sie zu den prägenden Stimmen der zeitgenössischen US-Literatur. Im Mittelpunkt dieses literarischen Kosmos steht das fiktive Küstenstädtchen Crosby im Bundesstaat Maine. Und hier lebt auch eine der sperrigsten Figuren ihrer Bücher: Olive Kitteridge, ehemalige Mathematiklehrerin, von vielen gefürchtet, von anderen belächelt.
„Den meisten Menschen in Crosby fiel es schwer, Olive Kitteridge in eine Schublade zu stecken. Sie hatte etwas Großes, Starres, Unbeugsames an sich, wie ein Fels in der Brandung, an dem man sich leicht verletzen konnte.“
Der Durchbruch: „Mit Blick aufs Meer“ (2008)
Elizabeth Strout hat uns Leser*innen mit dieser Olive nicht nur eine sehr eigenwillige Protagonistin «beschert», sondern auch ein besonderes Geschenk gemacht – man kann mit dieser Frau mit allen ihren Ecken und Kanten gemeinsam älter werden, fast wie mit einer guten Freundin. Erstmals betritt Olive mit dem oben genannten Roman die Bühne: Zunächst ist sie eine Frau in mittleren Jahren, an ihrer Seite ihr sanftmütiger Ehemann Henry, dessen Freundlichkeit die eher zu Zornanfällen neigende Olive öfter auf die Palme bringt und ihren mürrischen Teenagersohn Christopher. Am Ende des Buches ist Olive Anfang 70, Witwe und voller Trauer, von «ihrem Biss» hat sie jedoch wenig verloren.
Das Besondere an Mit Blick aufs Meer ist seine Struktur: Das Buch ist kein klassischer, linearer Roman, sondern ein Geflecht aus 13 miteinander verwobenen Erzählungen. Olive Kitteridge steht dabei nicht immer im Rampenlicht. Manchmal ist sie die Hauptfigur, oft aber ist sie auch nur eine Randfigur oder Katalysator für die weitere Entwicklung – als die grantige Nachbarin, die ehemalige Lehrerin oder als flüchtige Beobachterin beim Einkaufen. Dadurch zeichnet Strout kein isoliertes Porträt, sondern das lebendige Panorama einer ganzen Kleinstadtgemeinschaft, in der jeder sein eigenes, oft unsichtbares Päckchen aus Einsamkeit, Enttäuschung oder unerfüllter Liebe trägt.
Die Dynamik zwischen Olive und Henry:
Ein zentraler Anker des ersten Bandes ist die Ehe von Olive und ihrem Mann Henry, dem örtlichen Apotheker. Ihre Beziehung lebt von scharfen Gegensätzen: Henry ist die personifizierte Langmut, ein herzensguter, harmoniebedürftiger Mann, der still unter Olives unberechenbaren Zornesausbrüchen leidet. Während Henry versucht, die Welt mit Freundlichkeit zu heilen, begegnet Olive ihr mit einer fast schmerzhaften, ungeschminkten Wahrheit. Erst nach seinem Tod und im Rückblick ihres eigenen Alterns erkennt Olive vollends, wie tief diese Bindung trotz aller Reibungspunkte war.
Es ist diese Mischung aus ihrer ungeschminkten, oft verletzenden Ehrlichkeit und einer tief verborgenen Empathie, die diese Heldin so bemerkenswert macht. Wie Henry einmal im Stillen feststellt:
«Manchmal gab es keinen Trost, und Olive weigerte sich, so zu tun, als ob.»
Bibliographische Angaben:
Mit Blick aufs Meer
Übersetzt von Sabine Roth
Luchterhand Literaturverlag, München, 2010
ISBN: 978-3-442-74154-0

Das Älterwerden: „Die langen Abende“ (2019)
Gut elf Jahre später begegnet man einer Olive wieder, die langsam etwas milder wird. In der Fortsetzung «Die langen Abende» (2019) wird dieser herbe Charakter einer spürbaren Veränderung unterworfen. Nach dem Tod ihres Mannes Henry und konfrontiert mit den eigenen körperlichen Gebrechen, wird Olives harter Charakter langsam weicher. Nicht zuletzt wird dies auch durch einen «dritten Frühling» ausgelöst – Olive trifft bereits am Ende von «Mit Blick aufs Meer» auf den Witwer Jack Kennison, der sich von ihrer Direktheit nicht abschrecken lässt.
«Jetzt gestattete Jack es sich doch, an Olive Kitteridge zu denken. Groß, wuchtig; mein Gott, war sie eine seltsame Frau. Aber es hatte gepasst zwischen ihnen, sehr sogar, sie hatte eine Ehrlichkeit – war es Ehrlichkeit? – irgendetwas hatte sie an sich.»
Die beiden heiraten, Olive zieht zu Jack und genießt noch für einige Jahre die Sonnenseiten des Lebens – Zweisamkeit, gemeinsame Reisen und Unternehmungen. Ganz ohne Knatsch geht es natürlich auch in dieser Ehe nicht – aber vor allem belastend ist für die Mitte 70-Jährige die Distanz zu ihrem Sohn, der mittlerweile in New York lebt. Dennoch ereilt auch Olive – und damit uns Leser*innen die Erkenntnis, dass man sich auch im hohen Alter noch verändern, anpassen und vor allem auch – nicht zuletzt sich selbst – verzeihen lernen kann.
Bibliographische Angaben:
Die langen Abende
Übersetzt von Sabine Roth
Luchterhand Literaturverlag, München, 2020
ISBN: 978-3-630-87483-8
Das Spätwerk: „Erzähl mir alles“ (2024)
Mit dem jüngsten Buch der Autorin, «Erzähl mir alles» (2024), gibt es noch einmal eine Wiederbegegnung mit dieser besonderen Figur. Die 90-Jährige, die nach dem Tod Jacks in eine Altersresidenz gezogen ist, trifft hier auf eine andere Frau aus dem Strout-Kosmos: Auf Lucy Barton, die feinsinnige Schriftstellerin, die in mehreren Romanen Strouts eine tragende Rolle spielt.
Unterschiedlicher könnten die beiden Typen nicht sein: Trotz aller Altersweisheit bleibt Olive eine scharfzüngige und scharfsichtige Beobachterin, während die etwas verträumt über den Dingen schwebende Lucy eher auf der emotionalen Ebene eine Antenne für andere Menschen hat. Es ist bezeichnend, dass Olive die Schriftstellerin, die in Crosby eine «Zugezogene» ist, zunächst eher enttäuscht wahrnimmt:
«Ins Zimmer trat eine kleine Frau, die schüchtern und verhuscht aussah. Olive konnte diesen verhuschten Typ nicht ausstehen.»
Und doch beginnen die beiden Frauen damit, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen – aus ihrem Leben, vom Leben anderer, von ihren Erlebnissen. Sie erzählen sich alles. Auch wenn die Meinungen manches Mal auseinander gehen, haben die Geschichten doch einen Tenor, einen gemeinsamen Nenner, stellt Lucy fest:
«Aber Sie haben recht. Es sind Geschichten über Einsamkeit und Liebe.»
Einsamkeit und Liebe – das sind auch die Leitthemen, die alle drei Episodenromane bestimmen. Wie Puzzleteile setzt Elizabeth Strout in die fortlaufende Lebensgeschichte von Olive kurze Erzählungen über andere Einwohner dieses Küstenstädtchens dazwischen. Meist melancholisch stimmende Schicksale, kleine und größere Tragödien, die helle Freude ist das Leben für die Menschen hinter der scheinbar heilen Fassade nie.
Was Elizabeth Strout so meisterhaft beherrscht, ist es, dieses feine Beziehungsgeflecht in der richtigen Dosierung weiterzuspinnen – manche Figuren treten in den späteren Büchern erneut auf, manche werden nur erwähnt und andere sind auf den Punkt genau auserzählt. Nur der menschenfreundliche Anwalt Bob Burgess erhält im letzten Roman eine ganz eigene durchgehende Geschichte, wird zu einer eigenen Hauptfigur. Nicht zuletzt, weil der Senior, mit einer Pastorenfrau verheiratet, sich in Lucy Barton verliebt – eine Seelenverwandte, der er ebenfalls fast alles erzählen kann. Die Liebesgeschichte verbleibt auf platonischer Ebene – beide wissen, dass alles andere Leid mit sich brächte.
Aber nicht nur deswegen schlägt man das Buch am Ende mit einem wehmütigen Lächeln zu – denn weiß man, ob einem Olive, die einem in fast zwanzig Jahren so ans Herz gewachsen ist, jemals wieder begegnen wird?
Bibliographische Angaben:
Erzähl mir alles
Übersetzt von Sabine Roth
Luchterhand Literaturverlag, München, 2024
ISBN: 978-3-630-87771-6
Themen und Motive im Strout-Kosmos: Altern, Einsamkeit und Politik
Über alle diese Romane hinweg gibt es Themen und Motive, die die Bücher verbinden: Strout schreibt über Frauen in und ab den sogenannten mittleren Jahren, über weibliche Identitätsfindung und Rollenmuster. Den Prozess des Alterns schildert Elizabeth Strout, die selbst Gerontologie studiert hat, ohne Kitsch und falsche Sentimentalität – auch die ganzen körperlichen Beschwerden, die mit dem Älter werden einhergehen, umgeht sie nicht mit Euphemismen. Da darf die knatternde Olive auch einmal knattern, auch Inkontinenz und andere Dinge werden ungeschönt in die Erzählung eingeflochten.
Vor allem aber setzt Elizabeth Strout auf die leisen, psychologischen Zwischentöne sowohl in der Charakterzeichnung als auch in der Schilderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Dezent, aber wirkungsvoll streut Strout den politischen Hintergrund der USA in den Alltag ihrer Figuren ein, schildert gesellschaftlichen Risse mit wenigen Bemerkungen. Etwas weniger dezent darf sich ihre Hauptfigur Olive äußern: Liberal gestimmt, wie sie ist, macht sie aus ihrer Meinung über den jeweiligen Präsidenten keinen Hehl. Durch die Gespräche von Olive mit ihrem zweiten Ehemann Jack, einem konservativen Alt-Republikaner, verdeutlicht Strout, die Gräben zwischen dem liberalen Bildungsbürgertum und der konservativen Seite. Die Gräben werden im dritten Kitteridge-Band noch tiefer, selbst Freundschaften, wenn auch noch so lose geflochtene, zerbrechen daran.
Ist es in den frühen Crosby-Geschichten noch die Ära von Präsident George W. Bush und der Nachhall des Irakkriegs, der die Gespräche beim Abendessen oder in der Apotheke unterschwellig färbt. Über die Jahre, bis hin zu den jüngeren Romanen, schleicht sich die tiefe Spaltung des Landes unter Präsident Donald Trump in das Leben der Kleinstädter. «Der Faschismus steht kurz vor der Tür!», donnert Olive selbst noch im Altersheim.
Elizabeth Strout ist damit eine Chronistin des Lebens in der amerikanischen Provinz, eine Erzählerin über den Alltag und all die kleinen unspektakulären Wahrheiten des Lebens.
Team Lucy vs. Team Olive: Eine kleine Glaubensfrage
Team Lucy oder Team Olive? Eine kleine Glaubensfrage
In der Strout-Fangemeinde gibt es seit Jahren eine klare Trennung zwischen zwei faszinierenden Charakterentwürfen.
Die Reflektierte
- Herkunft: Aufgewachsen in bitterer Armut im ländlichen Illinois, heute erfolgreiche New Yorker Autorin.
- Charakter: Feinsinnig, intellektuell, tiefgründig und verletzlich.
- Lebensgefühl: Eine fast kindliche, nie versiegende Neugier auf die Welt, gepaart mit ständiger Selbstreflexion.
Die Unbequeme
- Herkunft: Ehemalige Mathematiklehrerin, tief verwurzelt in der rauen Küstenprovinz von Maine.
- Charakter: Kantig, pragmatisch, oft unerträglich direkt und schroff.
- Lebensgefühl: Verzichtet konsequent auf Höflichkeitsfloskeln, besitzt aber einen felsenfesten, tiefen moralischen Kompass.
Noch mehr Portraits US-amerikanischer Schriftstellerinnen:
Liz Moore ist ein Phänomen: Ihre ersten drei Romane wurden zwar vom Feuilleton in den USA wohlwollend wahrgenommen, aber liefen ansonsten eher unter dem Radar. Erst mit «Long Bright River» (2020) begann die Aufmerksamkeitswelle anzurollen. Und wurde mit «The God of the Woods» (2024) zum veritablen Sturm.
Entdecken Sie meine ausführlichen Rezensionen zu den Romanen von Liz Moore.
Sie erhielt als erste afroamerikanische Schriftstellerin den Literaturnobelpreis: Toni Morrison (1931 – 2019). Wer tief in Toni Morrison Bücher eintaucht, begegnet dem literarischen Gewissen der USA. Mit ihren Romanen, aber auch als Lektorin bei Random House war sie eine Instanz für die Autorinnen der nachfolgenden Generation, ihr Einfluss auf die Literatur und deren Rezeption war enorm: Durch sie wurden afroamerikanische Themen zum Bestandteil des US-Literaturkanons.
Hier geht es direkt zu meinen Toni Morrison Buchbesprechungen.
