Liz Moore ist ein Phänomen: Ihre ersten drei Romane wurden zwar vom Feuilleton in den USA wohlwollend wahrgenommen, aber liefen ansonsten eher unter dem Radar. Erst mit «Long Bright River» (2020) begann die Aufmerksamkeitswelle anzurollen. Und wurde mit «The God of the Woods» (2024) zum veritablen Sturm. Von Barack Obama empfohlen, eroberte der Kriminalroman nicht nur die nordamerikanischen Bestsellerlisten. Die deutsche Übersetzung von Cornelius Hartz war wochenlang auf der Spiegel-Liste zu finden.
Zugegebenermaßen ist das nicht immer ein Qualitätsurteil. Doch im Fall von Liz Moore nachvollziehbar: Sie ist tatsächlich die «Queen der Cliffhanger», wie es Elisa von Hof im Spiegel auf den Punkt brachte. Oder auch die Meisterin der Parallelwelten. Denn wie wenige andere verbindet sie geschickt verschiedene Erzählperspektiven zu einem raffinierten Plot. In «Der Gott des Waldes» hat sie diesen Kniff der Parallelmontage zu einer ersten Höhe gebracht. Auch weil das Geschehen aus Sicht mehrerer Perspektiven angelegt ist, wird aus einem spannenden Kriminalroman ein ebenso anspruchsvoller Gesellschaftsroman.
Inhaltsverzeichnis:
«Der andere Arthur» ist ein Frühwerk von Liz Moore
All das ist auch in ihrem zweiten Roman, der nun ebenfalls in deutscher Übersetzung durch Cornelius Hartz zu lesen ist, bereits angelegt. «Heft» (2012), hierzulande unter dem Titel «Der andere Arthur» erschienen, wird zwar den einen oder anderen Krimileser enttäuschen. Obwohl auch mit spannenden Elementen, einem Geheimnis, das erst spät gelüftet wird und einer überraschenden Auflösung versehen – ein Krimi ist dieses Buch nicht.
Vielmehr ein sehr berührender Roman über Einsamkeit. Wie ein Mensch mehr und mehr auf sich selbst zurückgeworfen wird, das habe ich selten so dezent geschildert und dennoch ergreifend gelesen wie in «Seht mich an» von Anita Brookner. Die britische Autorin wählte die Perspektive einer Frau. Liz Moore dagegen schildert dies aus der Sicht eines Mannes – nicht weniger berührend als Brookner, aber mit einem kleinen Hoffnungsschimmer am Ende.

Immer wieder: Kaputte Familien
Da ist Arthur Opp, ein ehemaliger Literaturdozent, der sein Haus in Brooklyn seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr verlassen hat. Essen ist ihm Trost und Ablenkung zugleich und führt immer weiter in die Einsamkeitsspirale. Wegen seines Übergewichts von rund 250 Kilo wagt er sich nicht mehr in die Außenwelt, ist voller Ängste und Befürchtungen.
In diese Höhle bricht eines Tages telefonisch eine Stimme ein: Charlene, eine ehemalige Studentin Arthurs, bittet ihn, sich um ihren Sohn, den anderen Arthur zu kümmern. Nach und nach entblättert Liz Moore in Rückblenden die (gemeinsame) Vergangenheit der beiden. Sie, eine schüchterne Tochter aus der Provinz, für die ein Studium der Gipfel aller Träume wäre und jeder Unidozent ein anzuhimmelnder Held ist. Er, das ebenso schüchterne Einzelkind aus einer zwar begüterten, aber dysfunktionalen Familie, geprägt von einer süchtigen Mutter und einem gefühlskalten Vater. Und schließlich in der zweiten Generation «der andere Arthur», der die ganze Last gescheiterter Träume auf seinen Schultern trägt.
Der Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg
Wie in «Der Gott des Waldes» spielen Süchte, die den Menschen irgendwie helfen, durch ihr Leben zu kommen, eine entscheidende Rolle. Und auch in diesem frühen Roman lässt Liz Moore die verschiedenen gesellschaftlichen Klassen aufeinanderprallen. Am sichtbarsten wird dies an Kel, Charlenes Sohn, der mit seiner alkoholkranken Mutter im verarmten Yonkers lebt, aber eine Eliteschule im fiktiven Pells Landing besucht.
« (…) aber so ist das in Pells Landing: Die Stadt verändert einen, und auf einmal träumt man von der Zukunft – von einem großen, geräumigen Haus und Hunden namens Angelo und Maxie und einem kleinen Sohn, den man nach sich selbst nennt. Von einem richtigen Job. Von Geld, unvorstellbar viel Geld.»
Die Kämpfe, die der junge Kel auszustehen hat – die frühe Verantwortung, die er für seine kranke Mutter übernehmen muss, die Scham, das Streben nach Anerkennung und der Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg – beschreibt die Autorin ebenso anschaulich wie einfühlsam. Es ist ihre Qualität, dass sie die großen Fragen vom menschlichen Scheitern, von Enttäuschung und verblassten Lebensentwürfen auf eine Leinwand bringt, ohne dabei zu grell zu pinseln. Die Sprache bleibt nüchtern und klar und ist dabei dennoch voller verhaltener Sinnlichkeit.
Sylvia Plath – Schreiben unter der Glasglocke
Sylvia Plath (1932 – 1963) hinterliess ein schmales Werk, das aber – über ihre eigene Biographie hinaus – bis heute von Bedeutung ist. Ihr Roman „Die Glasglocke“ ist von düsterer Schönheit, herrlich leicht und witzig dagegen ihr Kinderbuch „Das Bett-Buch“.
William S. Burroughs und Jack Kerouac: Und die Nilpferde kochten in ihren Becken
Das kommt dabei raus, wenn zwei Schriftsteller-Kumpels in einer Bar Radio-Nachrichten hören: Ein abgefahrener Titel für einen abgefahrenen Kriminalroman.
Jeffrey Eugenides: Die Selbstmord-Schwestern (1993). Middlesex (2002). Die Liebeshandlung (2011).
Jeffrey Eugenides flutscht hin und her zwischen Anspruch und Trivialität. Er schrieb sich vom ernsthaften Roman zum Flutschbuch durch.
Kleine Ausrutscher ins Klischee
Wenn man an diesem Roman etwas bemängeln möchte, dann sind es allenfalls kleine Ausrutscher ins Klischee: Die manchmal etwas überzeichneten, beinahe karikaturhaften «Reichen» aus Pells Landing, die quirlige Reinigungskraft Yolanda, die Arthur aus seiner Eremitenhöhle lockt und deren kleinkrimineller Lover. In ihren späteren Romanen verzichtet Liz Moore auf solche Ausflüge, ist noch näher dran an ihren Figuren.
Den Eindruck, den «Der andere Arthur» nach der Lektüre hinterlässt, mindert dies nicht: Liz Moore erweckt – trotz ihrer zurückhaltenden Erzählweise – große Empathie für ihre gescheiterten Menschen. Allenfalls zeigt dieser Roman auch mit seinen kleinen Mängeln auf, wie sehr sich die Autorin in den Jahren dazwischen weiterentwickelt hat. Als «slow burn of success» bezeichnete die New York Times ihren Weg. Man darf gespannt sein, auf das, was noch kommt.
Der Gott des Waldes (2024)
In den Adirondacks liegen auch heute noch einige der exklusivsten Resorts der USA. Die Gebirgskette im US-Staat New York wurde im 19. Jahrhundert von den Reichsten der Reichen als Rückzugsort entdeckt. Die Rockefellers, Vanderbilts, die Astors und wie sie alle heißen, ließen sich dort Blockhaus-Paläste errichten, um unweit von NYC die «wilde Natur» zu genießen.
Hier also siedelt Liz Moore ihren literarischen Thriller «Der Gott des Waldes» an. Und lässt die Klassen aufeinanderprallen. Da ist auf der einen Seite die enorm reiche Bankiersfamilie Van Laar, denen seit drei Generationen eine als Naturreservat ausgewiesene Landfläche gehört. Und da sind die Mitarbeitenden, Saisonkräfte von außerhalb oder Bewohner des fiktiven Örtchens Shattuck. Sie alle hängen in ihrer Existenz von der Familie Van Laar ab. Nicht zuletzt auch, weil die Naturliebe der Van Laars dazu geführt hat, dass weder Waldbewirtschaftung noch kleine Industrieunternehmen in dem Gebiet eine Zukunft haben. Arbeitsplätze sind Mangel.
Wir da oben, ihr da unten
Die Hierarchie ist klar, die Verflechtungen reichen oft Jahrzehnte zurück. Man hat sich in den Gegebenheiten eingerichtet. Wir da oben, ihr da unten – während die Familie Van Laar im Haus «Self-Reliance» residiert, sind in dem Naturreservat Personalquartiere und ein vom Gründervater Peter I. ins Leben gerufene Feriencamp tiefer angelegt.
Doch der gesellschaftliche Frieden täuscht. Als sich im Jahr 1975 ein Unglück zu wiederholen scheint, brodelt vieles aus dem Verborgenen heraus. Über Nacht verschwindet die 13-jährige Tochter der Van Laars, die aufsässige Punkerin Barbara, spurlos aus dem Camp «Emerson» (natürlich nach dem Philosophen und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson benannt) in den Wäldern. Wie ihr damals achtjähriger Bruder «Bear» 14 Jahre zuvor. Die Suche nach dem Mädchen und die Ermittlungen der Kriminalpolizei bringen die Vergangenheit wieder hervor und reißen alte Wunden wieder auf. «Bear» wurde niemals gefunden, ein Mitarbeiter der Van Laars, der Familienvater Carl, aufgrund weniger Indizien verdächtigt, etwas damit zu tun zu haben.
Von Jimmy Fallon und Barack Obama empfohlen
Auch im Fall von Barbaras Verschwinden scheint eine Verdächtige schnell ausgemacht: Louise, aus einer dysfunktionalen Familie in Shattuck stammend, die sich als Aufsicht im Camp und Kellnerin durchs Leben schlägt. Sie hofft, dass ihr Verlobter John Paul, dessen Vater der Anwalt der Van Laars ist, ihr beisteht. Doch sie macht eine bittere Erfahrung. Denn wenn es hart auf hart kommt, dann heißt es wieder: Wir da oben, ihr da unten…
Die Musikerin und Autorin Liz Moore wurde mit ihrem fünften Roman (2024 in den USA erschienen) auch hierzulande schlagartig berühmt. Immerhin war sie damit auf den Sommer-Empfehlungslisten von Jimmy Fallon und Barack Obama. Und «Der Gott des Waldes» ist die perfekte Sommerlektüre: Ein Pageturner, der zwar vor Spannung knistert, aber auch den kühlen Atem des Waldes und die Frische eines Bergsees versprüht. Und einen auch über knapp 600 Seiten hinweg die Sommerhitze vergessen lässt.
In kurzen Kapiteln aus der Perspektive verschiedener Protagonisten und mit Zeitsprüngen zwischen den Jahren 1961 und 1975 blättert Liz Moore weit mehr auf als eine tragische Familiengeschichte. Erzählt wird vor allem aus weiblicher Perspektive. Nach und nach nimmt vor allem die dunkle Seite der Familie Van Laar Konturen an. Es geht um männliche Dominanz, um Machtmissbrauch bis hin zu Gewaltanwendung. Und um das Selbstverständnis, mit dem sehr wohlhabende Menschen sich Recht und Gesetz zurechtbiegen (lassen). Die Frauen sind einerseits Opfer der Strukturen. Aber andererseits – vor allem die jüngere Generation, die in den 1975er-Kapiteln zu Wort kommt – auch Personen, die sich aus diesen Strukturen befreien, die sich selbstermächtigen (wodurch die «Self-Reliance» der Van Laars nochmals ironisch gebrochen wird) und nicht zuletzt für ein wenig Gerechtigkeit sorgen.
So ist der «Gott des Waldes» trotz aller Spannungselemente vor allem eins: Ein Gesellschaftsroman, der grundlegende Themen wie Rollenbilder, Feminismus und soziale Ungleichheiten subtil anspricht und in eine Krimihandlung verpackt. Dabei kommt auch der Humor nicht zu kurz – auch wegen der Lästereien über die «Natursehnsucht» der Reichen und ihrer philosophischen Vorbilder (explizit wird dabei «Walden» von Henry David Thoreau angesprochen) lohnt sich die Lektüre.
Bibliographische Angaben:
Liz Moore
Der andere Arthur
Übersetzt von Cornelius Hartz
C.H. Beck, München, 2026
ISBN: 978-3-406-84333-4
Der Gott des Waldes
Übersetzt von Cornelius Hartz
C.H. Beck, München, 2025
ISBN: 978-3-406-82977-2
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