„In Langnau im Emmental gab es ein Warenhaus. Das hieß Zur Stadt Paris. Ob das eine Geschichte ist?“
Peter Bichsel: Zur Stadt Paris (1993)
Das ist die kürzeste Geschichte der kurzen Geschichten, die Peter Bichsel in „Zur Stadt Paris“ veröffentlichte. Etwas stereotyp wird der Schweizer (1935 – 2025) immer wieder als „großer Meister der kleinen Form“ bezeichnet. Als Miniaturist. Er ist derjenige, der Haikus mit einem Hauch Emmentaler schrieb. In Prosa. „Klein, kleiner, am kleinsten, Peter Bichsei“ so schrieb Andreas Isenschmid einmal über ihn in der „Zeit“. Wer aber dann meint, die kurzen Geschichten seien schnell zu lesen, der täuscht. Sie fordern ihre Zeit. Die Konzentration des Schreibenden setzt die Konzentration des Lesenden voraus. „So sind Geschichten. Man kommt mit ihnen nicht voran“, lauteten dazu die tröstlichen Worte des Schriftstellers.
Auch sein erster Erzählband „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“ hat nur 73 Seiten. Die kürzeste Erzählung „Erklärung“ umfasst gerade ein halbes Blatt.
Erklärung
Am Morgen lag Schnee.
Man hätte sich freuen können. Man hätte Schneehütten bauen können oder Schneemänner, man hätte sie als Wächter vor das Haus getürmt. Der Schnee ist tröstlich, das ist alles, was er ist – und er halte warm, sagt man, wenn man sich in ihn eingrabe.
Aber er dringt in die Schuhe, blockiert die Autos, bringt Eisenbahnen zum Entgleisen und macht entlegene Dörfer einsam.
Mehr braucht es nicht in Bichsels Welt, um seinen Lesern zu erklären, was der Schnee mit ihm macht – der tröstliche, wärmende, blockierende, erdrückende Schnee. Kleinkunst in Bestform. Und obwohl so vieles ausgespart ist, die Wörter und Sätze auf das Wesentliche eingedampft sind, erfährt man die ganze Geschichte. Oft ein ganzer Kosmos, in wenige Sätze verpackt. Auch die der Frau Blum: Eine ältere Frau, die einsam ist. Ihr einziger regelmäßiger Kontakt ist der Milchmann. Die Kommunikation ist eine Zettelwirtschaft. Die Zettel sind es, die zwei Liter Milch und 100 Gramm Butter, die dem Leben von Frau Blum Rahm und Rahmen geben.

Eisenbahnfahren mit Peter Bichsel – ein Traum!
Meine Lieblingsgeschichten sind jedoch die vom „Eisenbahnfahren“. Paris, die Bahn und davon insbesondere die Transsibirische – das sind die Koordinaten, um die sich Peter Bichsels gar nicht so kleine literarische Welt drehte.
Das Eisenbahnfahren hat mit der Kindheit zu tun: „Als Sechsjähriger kam ich mit meinen Eltern nach Olten. Und wenn mich jemand fragte: „Woher kommst Du“, sagte ich: „Wir kommen aus Luzern, wohnen aber in Olten.“ Meine Eltern taten sich in den ersten zehn Jahren schwer damit, sich mit Olten anzufreunden. Und nicht nur sie. Olten war eine Eisenbahnerstadt. Da gab es Lokomotivführer und Zugführer, die lange Zeit im schönen Tessin stationiert waren und nach Olten versetzt wurden. Sie hatten immerhin das Glück, billig Eisenbahn fahren zu dürfen.“ (Peter Bichsel, 2011, Rede zum Solothurner Literaturpreis).
Seine Fahrten finden oft nur in der Phantasie statt. Das zu erkennen, bleibt dem Leser überlassen. Eines dieser phantastischen Ziele war jahrzehntelang Paris. Bichsel umfuhr es sozusagen, mit der Literatur.
Präziser Beobachter des Alltags
Das Eisenbahnfahren hat wiederum mit der Haltung zur Welt zu tun. „Die Kunst des Eisenbahnfahrens ist die Kunst des Wartens, und darin liegt der eigentliche Zeitgewinn, dass man Zürich nicht zu erreichen hat, sondern zu erwarten.“ Und während Peter Bichsel wartet, übt er sich in seiner zweiten Kunst: Der des Hinschauens. Bichsel ist ein genauer Beobachter, ein Hinschauer mit einem guten Herzen. Isenschmid meinte in der „Zeit“ etwas süffisant, man müsse ab und an den sozialpädagogischen Vorhang wegziehen vom Kern der Geschichte. Aber gerade das sind die kleinen Erzählungen, die offenbaren, wie offen Bichsel gerade auf jene schaut, die sonst unsichtbar bleiben wollen oder müssen: Auf die leicht Verdrehten wie in „Der Mann mit dem Gedächtnis“. Auf die, die durch das Netz gefallen sind. Auf die, die keiner mehr haben will. Wie Frau Blum.
Wenn ich mit der Eisenbahn fahre, nehme ich künftig immer einen Band von Peter Bichsel mit. Damit ich auch was sehe.
Oder ein Hörbuch – zum Sehen, Staunen und Lachen. Denn Humor kann er auch. Siehe die Transsibirischen Geschichten.
Informationen zu den Büchern:
Peter Bichsel
Zur Stadt Paris
Suhrkamp Verlag, 2019
ISBN: 978-3-518-24206-3
Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen
Suhrkamp Verlag, 2022
ISBN: 978-3-518-39067-2
Eisenbahnfahren
Insel Verlag, 2015
ISBN: 978-3-458-17655-8
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