Ein Überblick über die Besprechungen zeitgenössischer Literatur aus der Schweiz auf diesem Blog – von Jonas Lüscher bis Tom Zürcher.
Inhaltsverzeichnis:
- Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren (2013)
- Lukas Bärfuss: Koala (2014)
- Daniel de Roulet: Zehn unbekümmerte Anarchistinnen (2018)
- Reto Hänny: Blooms Schatten (2014)
- Hildegard E. Keller: Was wir scheinen (2021)
- Hildegard E. Keller & Christof Burkard: Frisch auf den Tisch (2020)
- Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf (2010)
- Joachim B. Schmidt: Tell (2022)
- Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis (2020)
- Tom Zürcher: Mobbing Dick (2019)
Jonas Lüscher: „Frühling der Barbaren“
„Preising war ob seiner eigenen Erzählung ganz betrübt. Alles hing ihm aus dem Gesicht. Die traurige Nase, die trockenen Lippen, die wässrigen Augen. Darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. „Was hast du damit bewiesen?“ fragte ich ihn unerbittlich. Ein verborgenes Wissen und Kümmernis über ebendies schien in seiner Antwort zu liegen. „Du stellst schon wieder die falsche Frage“, sagte Preising.
Die Finanzwelt frisst ihre Kinder – angesichts der Suizide unter Topmanagern in den vergangenen Jahren erscheint die Erzählung von Jonas Löscher geradezu von prophetischer Aktualität. Löscher wählte für seine Betrachtung der menschlichen Gier und Grenzenlosigkeit die Form der Novelle. Diese setzt er so meisterlich um, Goethe hätte mit den Ohren geschlackert. Dass einer derart fulminant schreibt, ist schon an sich eine „unerhörte Begebenheit“ – so wie sie die Novellentheorie vorsieht. Darüber hinaus alle Novellen-Regeln beachtet: Eine in sich geschlossene Rahmenhandlung, die die Zukunft der handelnden Personen im Ungewissen belässt, der distanzierte Erzähler, das Ding-Objekt – wie aus dem Lehrbuch. Formale Perfektion erreicht das Lehrstück, auch wenn die eine oder andere Passage etwas überspitzt erscheint.
2013 veröffentlichte Jonas Lüscher sein literarisches Erstlingswerk. Mit „Frühling der Barbaren“ gelang dem gebürtigen Schweizer auf Anhieb ein Erfolg, die Novelle wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, als kommentierte Ausgabe für den Schulunterricht herausgegeben und in mehrere Sprachen übersetzt.
Ein wüster Trip in Tunesien
Der Inhalt von „Frühling der Barbaren“ ist kurz erzählt. Die Rahmenhandlung spielt in einer psychiatrischen Klinik. Der auktoriale, allwissende Erzähler erfährt die Geschichte eines wüsten Trips, eines Wüsten-Trips. Sein geschwätziger Gesprächspartner: Ein „Unternehmer“, der nichts unternimmt, der zur Handlung unfähig ist, der Verantwortung ablehnt. Dieser, Preising, steht der ererbten Firma quasi nur noch als repräsentative Pappfigur vor. In dieser Funktion landet er im Hotel der Tochter eines Geschäftspartners in der tunesischen Wüste.
Dieser eigentliche Kern der Handlung wird in einem fast logorrhöischem Monolog fabuliert, unterbrochen nur von kurzen, distanzierenden Anmerkungen des auktorialen Erzählers. Die Zwischenszenen lassen die Geschwätzigkeit des Preising umso deutlicher hervortreten. Man merkt dem Text zwischen den Zeilen an: Selbst der Autor mag seine Hauptfigur nicht so richtig. Ihn habe die Idee gereizt, über einen zu schreiben, der nicht handelt, so Lüscher in einem Interview. Das ist ihm gelungen – und ebenso gelungen ist es, keinen eindeutigen Sympathieträger zu zeichnen, kein Schwarz und Weiß. Alle der auftretenden Figuren sind zweideutig in Haltung und Handlung.

Klassischer Aufbau einer Novelle
So gibt Preising in seiner Handlungsunfähigkeit, mit seinen Zweifeln und seiner Skepsis, den Gegenpart ab zu „Quicky“, einem rabiaten Bankmanager, der am Ende die scheinbar Zivilisierten als Anführer in die Barbarei treibt. In bester Novellenmanier verfolgt die Erzählung einem klassischen Aufbau: Preising also landet im „Thousand and One Night Resort“. Dort laufen die Vorbereitungen zu einer luxuriösen Hochzeit. Das Brautpaar ist in der Londoner Finanzwelt beheimatet, gefeiert wird mit Glanz, Gloria und 70 aus England importierten Gästen. Preising beobachtet die Gruppe von außen – je gedeckter die Farben der Kleidung, desto gedeckter der Scheck, für amüsante Farbtupfer in der Erzählung sorgen die verunsicherten Verwandten aus dem britischen Arbeitermilieu.
Der in der Novelle vorgesehene Wendepunkt kommt, als England seinen Staatsbankrott erklärt. Der jeunesse dorée wird die geplatzte Blase zum Verhängnis. Zurück bleiben, im wahrsten Sinne des Wortes, nur Schutt und Asche. Alles löst sich in einer grandiosen Barbarei auf, wird in die Luft gejagt. Ein Leitmotiv dabei: das gequälte Kamel, von einigen Rezensenten als Ding-Symbol identifiziert. Als Symbol ist es in der Novelle vorhanden – als Kreatur, die ständig unter die Räder kommt. Das Ding-Symbol an sich jedoch ist in dieser Erzählung das allgegenwärtige Handy – die Fußfessel unserer Zeit, der Fluch der ständigen Erreichbarkeit. Der Kündigung kann man „dank“ Blackberry, Smartphone, i-pod auch in der Wüste nicht entkommen – es sprengt die Hochzeitsnacht, es verwandelt per Funksignal zivilisierte Europäer in Barbaren.
Ein Buch wie ein Film
Lüscher führt durch dieses wüste Chaos mit in einer geschliffenen Sprache, die einen Sog ausübt, die zieht, die packt. Sprachlich meisterhaft, doch stellenweise zu plakativ, zu sehr Kintopp. Spürbar wird, dass der Autor jahrelang in der Filmindustrie gearbeitet hat. Das Ausweiden eines Kamels, das macht sich sicher gut auf der Leinwand – in der Novelle, die sowieso ständig zwischen Realität und Farce schwankt, ist es ein Tick zuviel, schwenkt den Fokus zu sehr Richtung Actionfilm.
Mir ist bewusst, ich stelle – nach Preising – die falsche Frage. Und doch drängt sie sich mir auf: Wo ist die Moral, was ist die Erkenntnis? Bei allem Jubel über die Kunstfertigkeit der Erzählung – ich haderte auch mit diesem Buch. Die formale Kunstfertigkeit, der stilistische Esprit überpinseln ein Manko dieses Textes: Auch wenn er wirtschaftspolitisch hochaktuell ist, inhaltlich bietet er nichts Neues. Die Erzählung zeigt: Der Mensch, nimmt man ihm die Grundlagen und seine Rückversicherung, der wird zum Tier. Ob und was Preising, Quicky & Co. gelernt haben, lässt Lüscher offen. Dass der Mensch jedoch des Menschen Wolf ist, müsste ohnehin nicht mehr eigens betont werden – das wird bei dieser Abenteuergeschichte mit zum Teil absurden Elementen großformatig an die Leinwand geworfen. Aber die Erkenntnis, dass Hochmut vor dem Fall kommt, dass der Tanz auf dem Vulkan in der Katastrophe endet – auch das ist eine Erfahrung, von der uns die Geschichte zeigt: Der Mensch als Individuum ist lernfähig, die Menschenheit als Gesamtheit wohl kaum. Die Folgen der Finanzkrise – sie werden bald vergessen sein. Eine Änderung des Systems wird es nicht geben. Nicht bevor die Wüste ausgreift. Die Anti-Zivilisierung der Menschheit – in Umkehrung von Norbert Elias – ist ein genetischer Defekt, der von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Bibliographische Angaben:
Jonas Lüscher
Frühling der Barbaren
C. H. Beck Verlag, 2013
ISBN: 978-3-406-64694-2
Lukas Bärfuss: „Koala“
„Ich hätte mir einen Abschiedsbrief gewünscht, einige Zeilen, die ein für alle Mal die Gründe dargelegt hätten, weshalb er freiwillig aus dem Leben geschieden war. Dieses Schreiben, so stellte ich mir vor, hätte mich von meinen Fragen erlöst (…).“
Schreiben kann ein Versuch sein, mit einem schwer erträglichen Ereignis umzugehen. Lukas Bärfuss hat diesen Versuch mit seiner romanhaften Erzählung „Koala“ nach dem Suizid seines Bruders unternommen. Wie im Leseheft zur Longlist zum Deutschen Buchpreis 2014 zu lesen ist, hat das Nachdenken jedoch kaum dabei geholfen, mit der Erschütterung zurande zu kommen, im Gegenteil, sagt Bärfuss: „Die literarische Auseinandersetzung mit einem Thema vertieft die Wunden und vergrößert die Fragen.“
Erfolgreicher Autor mit breitem Spektrum
Lukas Bärfuss, 1971 in der Schweiz geboren, wird vor allem als Dramatiker und Theaterautor gefeiert, aber auch sein 2008 erschienener Debütroman „Hundert Tage“ wurde zu einem großen Erfolg. Umso schwerer taten sich etliche Kritiker mit diesem sehr persönlichen Buch, zu unfassbar die Form der Erzählung, so wenig in Schubladen einzuordnen, schwankend zwischen einer Autobiographie, Historischem und Naturgeschichte. Von Euphorie bis zum Verriss reichen die Stimmen der Feuilletonisten. Wenig verwunderlich also, dass „Koala“ es nicht in die Shortlist zum Buchpreis geschafft hat.
Aber was soll`s: Das Lesen und Leben lässt sich nicht in Listen messen. Das Leben lässt sich nicht mal überlisten. Denn: Ob auch der „Freitod“ (ein schreckliches Wort, sind doch jene Menschen, die ihn begehen, zuvor alles andere als frei und ist es fraglich, ob „danach“ die Freiheit kommt) ein Ausweg ist, eine Befreiung, auch dies zählt zu den großen Fragen, die sich nicht beantworten lassen. Und um die dieser im Grunde hochphilosophische Roman kreist.
Heinrich von Kleist und der eigene Bruder
Bärfuss trifft bei einem Vortrag in seiner Heimatstadt über einen der berühmtesten Selbstmörder der Literatur – Heinrich von Kleist – ein letztes Mal seinen Halbbruder. Sie sind sich fremd, haben sich wenig zu sagen. Wochen später erreicht ihn die Nachricht über den Suizid des Bruders, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beginnt, es setzen die Selbstvorwürfe über die Entfremdung ein, die ganzen Emotionen kommen hoch, die Angehörige durchleben. Schonungslos, auch sich selbst gegenüber, dabei die Sprache des Schriftstellers:
„Und wenn auch die Gründe privat sein mochten, der tote Körper war öffentlich, eine Verwaltungssache, eine gesellschaftliche Affäre. Eine Leiche musste aus dem Haus in die Gerichtsmedizin getragen werden. Es würde eine Akte anzulesen sein, doch selbst wenn die Leiche verbrannt oder vergraben war, blieb der Tote eine unerledigte Sache. Man wurde mit einem Selbstmörder nicht fertig, niemals.“
Ein Ex-Junkie mit wenig Interessen
Der Mahlgang der Gedanken kreist um das Motiv: Der Bruder einer, der sich dem System verweigerte, ein Ex-Junkie, der sich mit einem brotlosen Job über Wasser hielt, der wenige Freunde hatte, wenig Interessen außer an einigen Comicheften, der nichts hinterlässt. Ein Außenseiter, ein Einzelgänger, als „Original“ abgestempelt, ein scheinbar leeres Leben, das mit einer Überdosis Heroin beendet wird. Nichts wird erklärt.
Bärfuss ist zu klug, um platt zu psychologisieren. Die schwierige Kindheit der Halbbrüder, die unbeständige Mutter, deren wechselnde Männer, das Gefühl der Ablehnung und Ausgrenzung, die die beiden von der Mutter erfahren, Schicksalsschläge, ein Unfall – all dies Mosaiksteine, die dennoch nicht erklären können, warum der eine leben will, der andere nicht. Letztlich bleibt die Tat unerklärlich, müssen Erklärungsversuche im Ungefähren stecken bleiben. Sicheren Boden unter den Füssen findet Bärfuss erst wieder in Australien.
Ein Spitzname aus der Kinderzeit
Der „Koala“ unternimmt hier eine Volte. „Koala“, das ist der Spitzname, den der verstorbene Bruder als Kind im Pfadfinderlager erhielt. Fast die Hälfte des Buches geht Bärfuss dem Beutelbär auf die Spur. Von den Anfängen dieses urzeitlichen Tiers, dessen Anpassungsleistung, dem Überleben, der fast vollendeten Ausrottung, der Vereinnahmung und Verniedlichung. Zugleich schreibt er hier eine kurze Geschichte der Anfänge Australiens als Straflager der Briten, die Inbesitznahme des Landes im Namen der Queen. Der Koala, der sich eigentlich verweigert, der sein Heil in der Flucht sucht – nicht von ungefähr wird das Tier zum Bruder-Stellvertreter, lassen sich Parallelen ziehen.
Um dann wieder auf die große, die eine Frage zurückgeworfen zu sein: Welchen Zweck hat das Leben?
„George Perry, der englische Schneckenforscher, schrieb, unter allen seltsamen Tieren, die aus der Neuen Welt bekannt seien, gebühre dem Koala bestimmt ein besonderer Platz, und wenn man seinen ungeschickten und unbeholfenen Körper betrachte, ganz abgesehen von seiner seltsamen Physiognomie und seinem bizarren Lebenswandel, dann fehle einem jede Erklärung, zu welchem Zwecke der große Autor der Natur ein solches Wesen erschaffen haben mochte.“
Verweigerung in einer Leistungsgesellschaft
Die Frage nach dem Zweck: Sie mündet in Reflektionen über Arbeit, die einerseits Struktur und Sinn vergeben zu mag, die andererseits aber als Wertmaßstab in unserer Gesellschaft pervertiert ist. Koala – der Bär und der Bruder – verweigern sich. Und scheinen zum Untergang verurteilt.
„Und Faulheit war, so lernte ich, nicht hinzunehmen. Wer auf ihr bestand, musste vernichtet werden. Sein Friede wurde ihm genommen und seine Garderobe, man zerlegte ihn und versilberte die Überreste. Nur in geringer Zahl, in Zoos und Naturreservaten, zu plüschigen Kuscheltieren entstellt in harmlosen Kinderbüchern, ertrug man die Kreaturen der Faulheit. Das Prinzip ihrer Existenz, die Ehrgeizlosigkeit, sollte sich nicht frei entwickeln dürfen, zu groß war die Gefahr und die Provokation.“
„Koala“ ist ein schmales, dafür aber umso gehaltvolleres und sprachmächtiges Buch.
Ein Buch über die wesentlichen Fragen, die aufbrechen angesichts des Verlusts eines Menschen. Was macht das Leben aus?
Auch Bärfuss findet nicht die eine, die alles erklärende Antwort. Aber er findet für sich eine Lösung, um weiterzumachen. Der letzte Satz der Erzählung lautet:
„Ich stieg in den Wagen, fuhr nach Hause, setzte mich an den Schreibtisch und machte mich an die Arbeit.“
Bibliographische Angaben:
Lukass Bärfuss
Koala
Wallstein Verlag, 2014
ISBN 978-3-8353-0653-0
Daniel de Roulet: „Zehn unbekümmerte Anarchistinnen“
„Uns alle beeindruckte der Feuereifer eines jungen, italienischen Anarchisten, den sie Benjamin nannten. Er war erst 18 Jahre alt und hing an den Lippen von Bakunin, der achtundfünfzig Jahre alt war, von denen er zehn im Gefängnis verbracht hatte. Eines Abends erzählte der russische Prinz im Café de la Place von seiner Flucht aus Sibirien, wohin er deportiert worden war. Er war über Japan, Kalifornien, New York geflohen, bevor er nach London zurückgekehrt war, um mit Karl Marx zu streiten, dessen Bücher er ins Russische übersetzt hatte. Benjamin spendierte die Runde, sagte, es sei ganz natürlich, für eine Idee um die Welt zu reisen.“
Sie träumen von der Freiheit und der Liebe, lassen sich von „Julie oder Die neue Heloïse“ zu Tränen rühren und spüren vor allem, dass das Leben, das sie in ihrem Tal im Berner Jura fristen, so weder in Ordnung noch gerecht ist. Zehn junge Frauen, die sich zu zehn „unbekümmerten Anarchistinnen“ entwickeln. Sie wollen der Enge und Armut ihrer Heimat entfliehen, der Ausbeutung durch die Uhrmacherindustrie, der politischen Unterdrückung und der Kontrolle durch die Kirchenvertreter. Am anderen Ende der Welt wollen sie ihr Glück suchen und dort – zunächst in Patagonien, dann auf einer Pazifikinsel und am Ende in Buenos Aires – ihren Traum von einem freien Leben ohne Autoritäten und ohne Ungleichheit leben.
Nur eine der Frauen bleibt am Ende übrig
Am Ende bleibt nur eine übrig, um vom großen Experiment zu berichten: Die spröde, skeptische Valentine, die als Erzählerin in chronologischer Reihenfolge von den einzelnen Stationen der Gruppe berichtet. Überall dort, wo die Frauen ankommen, versuchen sie ihre Utopie vom Zusammenleben in Freiheit zu leben. Sie, die in der Uhrenindustrie in Saint-Imier als billige Arbeiterinnen ausgebeutet wurden, gründen in Südamerika eine Bäckerei, eine Uhrmacherwerkstatt, schlagen sich mit wechselnden Jobs durch – aber sie stehen auf eigenen Füßen. Manche von ihnen lieben Frauen, manche wechseln ihre Liebhaber ständig, andere, wie Valentine, trauern einem Phantom hinterher. Doch all dies ist erlaubt, wird akzeptiert: Platz ist für jeden in dieser Gruppe.
Doch analog zum bekannten Kinderlied geht bei jedem Kapitel eine der unbekümmerten Anarchistinnen verloren. Sie werden ermordet, überleben Schwangerschaften, Krankheiten, Epidemien und Revolutionsmärsche nicht. Kann man da von einem gelungenen Experiment sprechen? Die 64jährige Valentine, die Übriggebliebene, schreibt Jahre später darüber, will davon erzählen, „was es kostet, die Welt neu zu erfinden.“ Sie, die sich als Berichterstatterin versteht, will ein Zeugnis ablegen:
„Uns liegt weder an Spott noch an Glorifizierung. Einfach unsere Portraits, unsere Liebesgeschichten, unsere Überzeugungen, keine Urteile, keine Übertreibungen. Eher eine Art politisches Testament, also eine ernste Sache. Wie Sie sehen werden, hatten wir alle ein ausgefülltes Leben.“
Die nüchterne Erzählerin weiß:
„Wir hatten eine zufriedenstellende Lebensform gefunden oder fast. Denn man weiß ja, dass ein befreiter Raum nur etwas Vorübergehendes sein kann. Solange Anarchie nur in einer kleinen Gemeinschaft gelebt wird, bleibt die Welt ringsum bedrohlich.“
Das anarchistische Experiment scheitert
Insofern ist das Experiment für die Frauen, zwischen 17 und 31 Jahre alt, als sie aus der Schweiz aufbrechen, gescheitert – immer wieder stoßen sie auf ihren Stationen an Grenzen stoßen, von staatlicher und männlicher Autorität errichtet, immer wieder müssen sie von vorne beginnen. Halt gibt ihnen die Solidarität unter Frauen:
Mehrere von uns Frauen taten sich zusammen, um zu schreiben. Wir wollten zeigen, dass wir auch etwas im Schädel und nicht nur im Bauch hatten. Mathilde formulierte ein paar Dinge sehr deutlich: „Nur die soziale Revolution vermag den Klerus, die Regierung, die Herrschaft, den Kapitalismus, die Gesetzbücher, die Richter und Staatsanwälte und das ganze Faulenzerpack zu beseitigen, das nichts produziert und auf unsere Kosten von allen profitiert.“
Der Schriftsteller Daniel de Roulet erzählt diesen kleinen Roman auf Basis historischer Begebenheiten: Tatsächlich war das Zentrum der Schweizer Uhrenindustrie zeitweilig auch das Zentrum der internationalen anarchistischen Bewegung, tatsächlich trugen viele Schweizer Emigranten die anarchistische Utopien in die Welt hinaus.
Reale Ereignisse als Hintergrund
1872 kamen auf Einladung der Arbeiterorganisation „Juraföderation“ in St-Imier im Berner Jura die Delegierten der antiautoritären Gruppierungen zusammen, dabei wurde die „Antiautoritäre Internationale“ gegründet. Dies war eine Reaktion auf den Kongress der Ersten Internationalen, bei dem es Karl Marx gelungen war, Anarchisten wie Bakunin auszuschliessen.
Daniel de Roulet legt seiner Erzählerin eine spröde, fast karge Sprache in den Mund. Mehr Jura-Gestein denn patagonische Lava. Diese Schmucklosigkeit und die längeren Zitate anarchistischer Texte schränken den Lesegenuss gelegentlich ein.
Bibliographische Angaben:
Daniel de Roulet
Zehn unbekümmerte Anarchistinnen
Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle
Limmat Verlag, 2017
ISBN: 978-3-85791-839-1
Reto Hänny: „Blooms Schatten“
Ulysses in einem Satz? Das Experiment „Blooms Schatten“ ist das Projekt eines Joyce-Jüngers, der sich sein Leben lang auf dieser Joyce-Odyssee befand.
„danach – war`s anders zu erwarten – der natürlich noch wach Liegenden (einladend vor ihm geöffnet, halb auf der Seite jetzt, der linken, die linke Hand unter dem Kopf, das rechte Bein gestreckt auf dem angewinkelten linken ruhend, erfüllt, entspannt, von Samen strotzend voll), beim Rapport ihr den Ritus des Onan und andere ihm unangenehme Vorkommnisse geflissentlich unterschlagend, vom Frühstück am Morgen über die Beerdigung bis zu seinem jetzigen Bei-ihr-Liegen in großen Zügen fein säuberlich den verflossenen Tag rekapituliert,“
1 Buchseite nimmt dieser Absatz im Literaturexperiment des Schweizer Schriftsteller Reto Hänny ein – allein der Akt des Zu-Bettgehens eines gewissen Leopold Bloom erstreckt sich in der berühmten Vorlage über zahlreiche Absätze, eingeleitet durch Fragen, die jeden Gedanken des Bloom, insbesondere über den Liebhaber seiner Molly, festzuhalten versuchen. Man schlage selber den „Ulysses“ nach, um zu lesen, wie sich bei James Joyce der Bloom im Bett erstreckt.
Ein gewagtes literarisches Experiment
Verdichtet, eingedampft, eingekreist, nacherzählt, der Versuch, die Essenz eines Mammutwerkes in einem, einzigen langen Satz zu fassen – dieses, man mag schon beinahe „Wahnsinns-Experiment“ sagen, ist Reto Hänny mit „Blooms Schatten“ eingegangen. Er nimmt die Nacherzählung eines Tages mit dem berühmten Kalypso-Kapitel auf, beginnt diese Reduktion oder besser diesen Fassungsversuch mit einem Satz (der dann über die folgenden 139 Seiten nimmer mehr unterbrochen wird, ganz in der Tradition des Gedankenstroms) so:
„Die Odysee eines Annoncenakquisiteurs weder ohne Furcht noch ohne Tadel der, teils wie unter Schock, von morgens um acht all die Stunden bis weit über Mitternacht hinaus, das nimmer Neue mit immer neuer Hoffnung zu betrachten, einen hektisch anstrengenden Tag lang (einen, wenn man es bedenkt, völlig gewöhnlichen Frühsommertag, einen ausgesprochenen durstigen zwar, an welchen die Trockenheit nach Wochen eitel Sonne aber ihren Höhepunkt erreichen und abrupt zu Ende gehen sollte) durch das Labyrinth einer Stadt weit oben auf der nördlichen Halbkugel irrt, wo die vielen Kneipen den größten Teil der reichlich bemessenen freien Zeit und des leider der freien Zeit nicht ganz gemäßen Geldes beanspruchen…“
Eine Annährung an das Jahrhundertbuch
Somit ist das wer-wo-was umrissen – wer, das ist Leopold Bloom, wo, das ist Dublin, was, das ist ein Tag im Leben dieses Blooms, das ist auch dieser Roman, das Jahrhundertbuch, in dem Joyce den Gedanken eines Mannes einen Tag lang auf der Spur blieb, ein 24-Stunden-Gedankenstrom-Experiment – mehr als 90 Jahre später wiederum von einem Schweizer in einem weiteren Experiment zu einem einzigen Satz geformt.
Reto Hänny las den Ulysses erstmals mit 15 Jahren, wie er in seinem Nachwort schreibt, tauchte ein in eine Wunderwelt der Sprache, eine Begegnung, die ihn von seiner Legasthenie kurierte.
„Der Ulysees hat mich seither nicht mehr losgelassen, auch die letzten Jahre nicht, in denen ich mich vorwiegend mit Musik beschäftigte, und da bei mir seit je eins aus dem andern wächst, sind mir diese Musikstudien bei der Neuformung der alten Geschichte, die ich erst jetzt schreiben könnte, wie sie mir vorschwebte, zugute gekommen.“
Wie Roland Barthes einst postulierte, wird Literatur aus dem Leben gemacht – und auch, wenn Hänny sich an die Devise hält, „Literatur entstehe aus der Literatur“, liegt darin kein Widerspruch. „Blooms Schatten“ ist das Projekt eines Literaturbesessenen, eines Ulysses-Jüngers, einer, der sich sein Leben lang mit auf dieser Joyce-Odyssee befand, um nun endlich wieder anzukommen – in einem kleinen, schmalen Buch, eigentlich wohl auch ein Lebenswerk, in dem sich die Liebe zur Literatur und Musik verdichtet.
Spuren von Shakespeare, Flaubert & Co.
Eingeflossen sind in dieses Ein-Satz-Buch noch weitere „Spuren und Ablagerungen der täglichen Lektüre“, es lohnt also, das Buch – das durchaus in einem Durchgang gelesen werden kann – mehrfach aufmerksam aufzunehmen, nach Shakespeare, Flaubert, Claude Simon und anderen zu forschen. Über allem aber ohne Zweifel Joyce.
Gesteckt ist damit jedoch dennoch auch der Rahmen, die Grundlage für Leser: „Blooms Schatten“ kann freilich auch ohne explizite „Ulysses“-Kenntnis als kleine Miniatur genossen werden, als eigenständiges Werkstück mit einer ausgesprochenen musikalischen Sprache, die sich beim Laut- oder auch Vorlesen voll entfaltet. Doch zum eigentlichen Genuss kommt man freilich nur dann, wenn man die berühmte Vorlage kennt – als Reduktion oder Zusammenfassung für jene, die Joyce-Kenntnisse vortäuschen wollen, eignet sich „Blooms Schatten“ nicht. Es ist also letztendlich doch ein Werk für eine kleine Lesergemeinde – umso rühmenswerter, dass der Verlag sich dessen angenommen hat. „Literatur in größtmöglichen Abstand zum Mainstream“ – dieses Zitat von Urs Widmer ist auf dem Umschlag zu lesen. Jawohl!
Bibliographische Angaben:
Reto Hänny
Blooms Schatten
Matthes & Seitz, 2014
ISBN: 978-3-88221-199-3
Hildegard E. Keller: „Was wir scheinen“
Es ist bereits viel über den ersten Roman der Schweizer Literaturkritikerin Hildegard Keller geschrieben worden und all das Positive, was über „Was wir scheinen“ berichtet wurde, es ist richtig. Tatsächlich tritt einem die poetische Denkerin Hannah Arendt aus diesem Buch so lebendig und nahbar entgegen, dass man meint, eine Mischung aus „der Arendt“, wie man sie unter anderem aus dem Gaus-Interview kennt und einer Barbara Sukowa, die sie im Film verkörperte, zu begegnen. Fiktion und Realität verschmelzen hier aufs Schönste.
Hannah Arendt und ihr letzter Urlaub im Tessin
Hannah Arendt (1906 – 1975), die nach ihrer Flucht 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland ab 1941 in den USA lebte, kam immer wieder nach Europa zurück, unter anderem verbrachte sie regelmäßig Ferien im Tessin. Ihr letzter Tessin-Aufenthalt ist der Rahmen der Erzählung: Arendt ist allein, von den wenigen noch lebenden Freunden ist keiner greifbar. Zum Arbeiten zu unkonzentriert, zum Faulenzen zu unruhig, wandern die Gedanken zurück in die Vergangenheit: Zu den Jahren des Studiums bei Jaspers und der Liebe zu Heidegger, zur Pariser Zeit, als sie sich mit Walter Benjamin befreundet und ihren Mann Heinrich Blücher kennenlernt, zu den Anfängen mit Heinrich und ihrer Mutter in New York und natürlich zu dem prägenden Ereignis ihres beruflichen Lebens, das sowohl politisch und als auch privat einen Bruch darstellt: Der Eichmann-Prozess, der im April vor 50 Jahren begann. Ihren Berichten im New Yorker darüber und ihrem darauffolgenden Buch folgten Wellen der Empörung, eine regelrechte Hetzkampagne, heute würde dies als Shitstorm bezeichnet.
Ihre missverstandene These von der „Banalität des Bösen“, ihr unabhängiger Blick auf die Rolle der Judenräte, ihre Weigerung, sich als Jüdin einen bestimmten Blick auf Eichmann und auf die Prozessführung in Jerusalem anzueignen, dies alles stellte Hannah Arendt in den Zentrum eines Empörungssturms. Welche Verletzungen, welche Schrammen Hannah Arendt dabei davontrug, darüber äußerte sie sich öffentlich nicht.
Keller zeigt die Philosophin von einer ganz unbekannten Seite
Diesen Blessuren geht Hildegard Keller in ihrem Roman auf den Grund, nähert sich behutsam der verletzbaren, „weichen“ Seite der Denkerin, die dennoch streitbar und unbeugsam blieb, an. Die Form des biographischen Romans ist nicht unumstritten – im schlimmsten Fall überwiegt die Interpretation über die Realität, werden historische Personen zu Figuren umgezeichnet. Hildegard Keller umgeht diese Falle elegant und intelligent und spielt sogar charmant mit dieser Falle, in die auch sie hätte tappen können:
„Fiktiv werden ist nicht schön, wenn alles erstunken und erlogen ist“, reflektiert die Hannah Arendt des Romans beim morgendlichen Sinnieren im Bett. „Stillgelegt wie Figuren in einer Farce. Ach, wen geht es an, was wir sind und scheinen.“
Aber: „Wenn man zur Romanfigur gemacht wird, ist das natürlich was Anderes. Im Zeichen der Dichtung darf man schließlich einen Funken von Inspiration erwarten.“
Ein Roman, der zum Denken auffordert
Profunde Faktenkenntnis gepaart mit Inspiration, das Spiel mit Schein und Sein, dies geht bei diesem biografischen Roman eine glückliche Verbindung ein. Doch der größere Verdienst von „Was wir scheinen“ liegt nun nicht darin, dass „die Arendt“ so lebensnah erscheint, sei es, wenn sie Ingeborg Bachmann zeigt, wie man amerikanischen Speck brät, wenn sie mit zwei Fingern pfeift oder ein wenig verschämt-stolz ihre Straußenledertasche ausführt und dadurch von Keller etwas vom Status der politischen Pop-Ikonie, zu der Arendt ebenfalls geworden ist, weggerückt wird. Sondern, dass dieses Buch geradezu dazu animiert, den Kant`schen Leitspruch „Sapere aude!“, dem sich auch Hannah Arendt verpflichtet fühlte, anzueignen. „Was wir scheinen“ ist auch – ohne irgendwie professoral daherzukommen – eine Einführung in das selbständige Denken, eine Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.
Wahrheit ist kein Geschenkartikel
„Wahrheit ist kein Geschenkartikel“, heißt es an einer Stelle des Buches. So bekam auch Hannah Arendt, die sich plötzlich einer feindseligen Öffentlichkeit gegenübersah, für ihren Mut zum selbständigen Denken nichts geschenkt. Wie die Denkerin zu dem wurde, was sie war (und nicht nur schien), dies zeichnet Hildegard Keller in ihrem geschickt aufgebauten Roman wunderbar nach:
„Er (Heidegger) hat mich unterscheiden gelehrt, das Beste überhaupt. Wissen Sie, uns Studenten war der gelehrte Gegenstand damals ziemlich gleichgültig, nicht aber das Denken. Noch heute ist es rar an den Universitäten, weil man dort ja immer über etwas oder jemanden arbeitet. Wer denkt, sagte Heidegger, steht nicht über den Dingen, sondern geht in sie ein. Der Denkende ist mittendrin.“
(Nur als Einschub: Gerade die Beziehung zu Heidegger, die über dessen nationalsozialistisches Engagement hinweg bestehen blieb, zeigt, dass Hannah Arendt mehr war, als sie schien).
Die Bereitschaft und Fähigkeit zum unabhängigen Denken, wie sie Hannah Arendt von sich und anderen verlangte, ist in einer Zeit, in der Wahrheiten in einem Wust von fake news unterzugehen zu scheinen, notwendig wie eh und je. Und wenn die Aufforderung, selbst zu denken, so gescheit und unterhaltsam wie in diesem Roman vermittelt wird, dann bitte gerne mehr davon!
Bibliographische Angaben:
Hildegard E. Keller
Was wir scheinen
Eichborn Verlag, 2021
ISBN: 978-3-8479-0066-5
Hildegard Keller & Christof Burkard: „Frisch auf den Tisch“
Dass Literatur auch durch den Magen geht, das beweisen die Maulhelden: Autorin Hildegard Keller und der Jurist und Krimischriftsteller Christof Burkard, die in der Küche und auf der Bühne ein kongeniales Team bilden. Ihre Streifzüge durch die Literatur und die leckeren Rezepte, die davon inspiriert sind, veröffentlichten Keller & Burkard als Kolumne im „Literarischen Monat“. Sie gründeten zusammen 2019 auch die „Edition Maulhelden“, deren zweiter Titel „Frisch auf den Tisch“ eben nun jene „Weltliteratur in Leckerbissen“ serviert, ergänzt durch drei neue, weitere Gänge mit Max Frisch, Rosa Luxemburg und Walter Benjamin sowie einem ausführlichen Küchengeplauder der beiden Herausgeber.
Die Kolumnen drehen sich um die großen Hechte der Weltliteratur und Kultur: Um den oben zitierten Walter Benjamin, viele Schweizer Autoren wie Friedrich Glauser, Gottfried Keller und Max Frisch sind vertreten, aber auch Ingeborg Bachmann, Hannah Arendtund Hildegard von Bingen haben ihren Auftritt an der literarisch-kulinarischen Tafel.
Ein abwechslungsreiches Menü, das den Leserinnen und Lesern da serviert wird, die einzelnen Gänge ganz unterschiedlich gewürzt: Mal mit einer dezenten Prise Ironie wie bei Max Frisch, mal mit Gewürzen und Gerüchen aus Nordafrika angereichert wie bei Glausers Taboulé oder einem Dessert, das wie ein Gedicht ist, für Ingeborg Bachmann. Allerdings eines, das sowohl Könnerschaft als auch Mut erfordert:
„Und wehe, wenn der Ofen während des Backens geöffnet wird, scheint Ingeborg Bachmann zu flüstern. Profiteroles sind Poesie pur und werden nicht ganz angstfrei hergestellt. Man kann an ihnen scheitern.“
In den locker-luftig geschriebenen Essays erfährt man auch allerlei Neues zu Leib- und Magendichtern. Von Robert Walsers Liebe zur Wurst ahnte ich bislang nichts. Wie man dagegen Kartoffelstock zu essen hat, das weiß man vielleicht bereits aus Kellers „Seldwyla“. Meine Lieblingsstelle in diesem Buch jedoch ist die, mit der Max Frisch ganz vortrefflich charakterisiert wird:
„Wie bringen wir diesen Frisch auf den Teller? Das Ringen mit der Form und der Kantigkeit des Lebensbei gleichzeitigem Hoffen auf die wahre Essenz lässt nur ein Gericht zu: Die gefüllten Teigtaschen à la Max – im Volksmund Ravioli – sind nichts anderes als Architektur auf dem Teller. Sie bilden ab, wie Faber sein Leben durch diese ziemlich schiefe Liebe erneuern will. Wilder Inhalt ist gebändigt im bürgerlichen Rechteck und schwimmt schließlich doch in einer schönen Brühe.“
Guten Appetit!
Übrigens: Das Buch im handlichen Format ist sehr schön gestaltet und ist mit seinen vielen liebevollen Details – freigestellten Zitaten, Illustrationen von Hildegard Keller und den Rezepten von Christof Burkard – etwas für literarische Feinschmecker.
Bibliographische Angaben:
Hildegard Keller & Christof Burkard
Frisch auf den Tisch. Weltliteratur in Leckerbissen
Edition Maulhelden, 2020
ISBN: 978-3-907248-01-0
Melinda Nadj Abonji: „Tauben fliegen auf“
„Dragana dreht sich von mir weg, packt den Sparschäler, rüstet Kartoffeln und Karotten, die einfachsten Tätigkeiten, die nicht mehr für sich stehen, nur davon zeugen, dass wir hier nichts tun, denke ich, sagt sie, und ich sehe es plötzlich klar vor mir, die beiden Welten, die einander gegenüberstehen und sich nicht vereinbaren lassen, wir hier in der Schweiz und unsere Familien in Jugoslawien, im ehemaligen Jugoslawien, wie man sagt, das sind meine Feinde, und Dragana zeigt auf die Kartoffelschalen, fährt sich mit dem Handrücken über die Augen, ja, wir leben hier, die Schweizer, im Zuschauerraum, denke ich, das ist zumindest eine Wahrheit.“
Melinda Nadj Abonji ist eine 1968 in Serbien geborene Schriftstellerin. Die Familie ging in die Schweiz, wo Melinda Nadj Abonji studierte. Sie lebt in Zürich. Für ihren 2010 erschienenen Roman „Tauben fliegen auf“ wurde sie sowohl mit dem Deutschen und als auch dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.
Die Küche eines kleinen Schweizer Cafés als Mikrokosmos, als Abbild des jugoslawischen Völkergemisches, in dem die verschiedenen Nationalitäten aufeinanderprallen – Serben, Kroaten, Bosnier. Nadj Abonji, selbst aus der Vojvodina stammend, dieser serbischen Region mit hohem ungarischen Anteil, beschreibt hier ihre Familiengeschichte. „Papierschweizer“, die sich ihr „menschliches Schicksal“ in der Eidgenossenschaft erst noch erarbeiten müssen. Die Eltern sind aus wirtschaftlicher Not in die Schweiz gekommen, lange, bevor der Bürgerkrieg die Nation Jugoslawien ein für alle mal verändert.
Zwischen zwei Welten und nirgends zugehörig
Dieser Krieg holt die Familie in der neuen Heimat ein und trennt sie zugleich von der alten und kappt die Wurzeln: Im Ungewissen bleibt, was mit den Familienangehörigen dort geschieht. In der neuen Welt, bei den „Käsigen“ noch nicht richtig angekommen, vielleicht auch immer „Mischwesen“ bleibend, ist der Zugang zur Herkunft verschlossen.
Aber auch dort, in dieser Kultur, waren sie bereits „die Schweizer“. „Mein Land liegt im Sterbebett“, sagt einer der Flüchtlinge. Und die neue Heimat ist keine Geburtswiege, keine Gemeinschaft, die Fremde ohne weiteres aufnimmt.
Nadj Abonji erzählt dies nicht anklagend, nicht lamentierend. Im vordergründigen Sinne ist das Buch zudem eher ein Entwicklungsroman: Wie sich eine junge Frau auch aus dem Korsett der Familie löst, wie sie, hineingeworfen in die neue Welt, anfängt, eigene Wege zu gehen. Das gibt am Ende auch Hoffnung, dass Ankommen – zumindest in der zweiten Generation – doch möglich ist.
Bibliographische Angaben:
Melinda Nadj Abonji
Tauben fliegen auf
Verlag Jung & Jung, 2010
ISBN: 978-3-902497-78-9
Joachim B. Schmidt: „Tell“
Diese Version des „Tell“ hat mich wirklich begeistert. Der Schiller‘sche Held mit Ecken und Kanten, einer, der mit dem Leben hadert und das Leben mit ihm.
Schmidt beleuchtet die Schweizer Nationalfigur aus mehreren Perspektiven, lässt viele Stimmen zu Wort kommen: Einen eher zögerlichen, weichen Reichsvogt Gessler, Tells nachdenklichen Sohn Walter, die Frauen rund um den mürrischen Bauern, der hier durchaus nicht im strahlenden Licht erscheint. Er ist im Grunde zweite Wahl: Er fühlt sich schuldig am Tod seines Bruders (dessen Kind Walter ist), heiratet dessen Witwe, betreibt dessen Hof. Als er von Gesslers Schergen der Wilderei beschuldigt wird, nimmt auch bei Joachim B. Schmidt das Drama seinen Lauf. Nicht in fünf Akten, sondern in zehn knackigen, rasant durchkomponierten Kapiteln. Natürlich greift Schmidt auch auf die bekannten Höhepunkte der Tragödie zurück, den aufgespitzten Hut, den Apfelschuß, das Treffen in der Hohlen Gasse. Doch ansonsten lässt er seiner Fantasie freien Lauf, entwirft quasi eine Gegenerzählung zum allseits bekannten Schiller-Drama: Sein Tell ist kein strahlender Freiheitsheld, sondern ein gebrochener Mann.
Darf man das? Ja freilich, wieso auch nicht – schließlich ist der Tell keine historisch gesicherte Figur. Und passt in dieser modernen Fassung mit ihrer frischen Sprache vielleicht auch viel besser in unsere heutige Welt.
Bibliographische Angaben:
Joachim B. Schmidt
Tell
Diogenes Verlag, 2022
ISBN: 978-3257072006
Hansjörg Schneider: „Hunkeler in der Wildnis“
„Dies war die schönste Zeit des Tages, wenn er aus tiefer Nacht erwachte und erkannte, dass alles in Ordnung war. Die Welt der Träume, der er dann manchmal entstieg, war ganz und gar nicht in Ordnung. Er wusste das, obwohl er sich beim Erwachen kaum je an einen genau umrissenen, erzählbaren Traum erinnern konnte. Bloß an beängstigende Unordnung, in der alles Vernünftige aus den Fugen geraten war.“
Es hat etwas Beruhigendes, den Hunkeler zu lesen.
Beruhigungsfaktor Nummer eins: In seiner Bärbeißigkeit, seiner Misanthropie ist der Hunkeler eine Konstante. In seinem zehnten Fall nun zwar im Ruhestand, bleibt er immer noch genervt von den Kollegen, den Mitmenschen, den Umständen des Lebens überhaupt. Das Granteln und Grummeln deutet jedoch auf eine besondere Feinfühligkeit hin, die nur ausgeglichen werden kann durch weitläufiges Spazierengehen, stundenlanges Sitzen bei einem Wein vor dem Haus, durch Steingeschosse in die Fenster der laut feiernden Nachbarn (dass das Geschoss versehentlich das Fenster eines verschreckten alten Ehepaares zertrümmert, bringt die seelische Konstruktion wieder gefährlich ins Wanken).
Beruhigungsfaktor Nummer zwei: Manchmal schielt man neidvoll auf die eidgenössischen Nachbarn, bei denen so manches anders, aber nach außen hin immer so proper erscheint. Der Hunkeler mit seinem großen Verständnis für die Abgehängten, Abseitigen, Verwirrten, er nimmt einen mit hinter die Fassaden. Beispielsweise ins Basler „Milchhüsli“, eine Kneipe, wo schon einmal ein Betrunkener auf dem Boden pennt. Man lernt mit dem Alt-68er Hunkeler: Die Schweiz hat ihren Reiz, aber eben nicht für jeden. Jede Gesellschaftsordnung, die auf Konsum und Kapital basiert, produziert auch ihre Opfer. Um die sich der Hunkeler dann, Ruhestand hin oder her, kümmert.
Blick auf das abseitige Basel
Beruhigungsfaktor Nummer drei: Hunkeler-Krimis zu lesen, das ist immer mehr, als „nur“ einen Krimi zu lesen. Das „literarische Gewissen“ darf sich beruhigend einlassen – das ist mehr als bloße Spannungsliteratur (das ist es im Grunde sogar am wenigsten), sondern immer auch Gesellschaftskritik, Philosophie, Lebenskunst. Meist rutscht der Kriminalfall nach hinten, in diesem, dem zehnten Fall sogar ein bisschen zu sehr: Der Tod eines Kritikers (das löst bei Walser-Lesern zunächst einen Schreckmoment aus) wird beinahe linker Hand aufgelöst, ist im Grunde nur der Rahmen. Hansjörg Schneider lässt seinen brummigen Ermittler diesmal mäandern durch Stadt (Basel), Land (Elsass) und Fluss (eine Runde im Rhein zu schwimmen, gehört da einfach dazu) und führt seine Leser somit in ganz verschiedene Lebenswelten, die von obdachlosen Ex-Kommunisten, streunenden Stadt-Indianerinnen, von Alkoholikerinnen und ätherisch scheinenden Künstlerinnen bewohnt werden. Geschickt verknüpft Schneider Gegenwart und Vergangenheit, zeigt auf, wie die Verstrickungen der Menschen während des Nationalsozialismus auch heute noch im Drei-Länder-Eck nachwirken.
Hunkeler zu lesen, das ist auch eine Übung in Entschleunigung. So unzulänglich einem die Welt da draußen auch erscheint, nach einigen Stunden mit dem philosophierenden Ex-Kommissar kommt man wieder in seine Mitte. Ohm. Ein Fazit, das auch Sylvia Staude von der Frankfurter Rundschau zieht:
„Allemal geht es bei Hansjörg Schneider mehr um Lebensphilosophie in schweizerischer Gelassenheit und leiser Melancholie, als um einen Whodunnit. Die Sache mit dem toten Kritiker ist bald nur ein Nebenbei. Und es stimmt schon, dass Hunkeler auch aufbrausend sein kann. Aber als Leserin kommt man mit ihm zur Ruhe, wird trotzdem nicht im Seichten unterhalten.“
Informationen zum Buch:
Hansjörg Schneider
Hunkeler in der Wildnis
Diogenes Verlag, 2020
ISBN: 978-3-257-07097-2
Tom Zürcher: „Mobbing Dick“
„Nachts sitzt Dick im Büro und schreibt die Notizen fürs Archiv um. Er hofft jedes Mal, das letzte Tram zu erwischen, aber er schafft es selten. Zuhause kann er nicht einschlafen, obwohl er todmüde ist. Die Bank kocht in seinem Kopf weiter und die Fantastischen diktieren Müll und Mist. Ich muss hier raus, sagt er sich, die Kammer macht mich fertig.“
Was für ein grandioser Spaß! Ein Roman, so irrwitzig im ursprünglichen Sinne dieses Wortes und überdreht. Ein abgefahrenes Spektakel, ausgerechnet angesiedelt hinter der biederen Fassade eines Kleinfamilienhauses in Witikon und den soliden Mauern einer Züricher Bank. Dick – allein schon sein Vorname ein schweres Erbe, ist er doch der Heldenverehrung seiner Eltern für den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney zu verdanken – will vor allem nur eines: Geld verdienen, raus aus dem engen Elternhaus, rein in eine eigene Wohnung, dem kontrollsüchtigen, geizigen Vater und der überfürsorglichen Mutter entrinnen. Er bricht sein Jurastudium ab, bewirbt sich bei einer Bank, wird ohne große Qualifikation sofort genommen und ist erst einmal glücklich.
Seltsam verschrobene Ideen
Doch aus der großen Freiheit und den Träumen vom Aufstieg auf der Karriereleiter wird absolut nichts: Die Bank entpuppt sich als kafkaesker Käfig, eine Anstalt der Sinnlosigkeit, in der das Produktivste, was die einzelnen Angestellten zu unternehmen scheinen, das Spinnen der nächsten Intrige ist. Viel Gewese gibt es um das Bankgeheimnis. Ein eigens erfundener „Vreneli“-Code dient dazu, die Kundengespräche per Hand zu protokollieren. Wem das im Zeitalter der Digitalisierung verschroben vorkommt: Das ist es. Das Abfassen hunderter handschriftlicher Adressumschläge, das Schreiben von Protokollen, das Training von Schönschrift: Dick muss mehr Papier produzieren, als er Staub fressen kann. Aber auch das gehört zur satirischen Überspitzung, mit der Tom Zürcher in seinem dritten Roman das Tun und Treiben in dieser seltsamen Geldanstalt zeichnet.
Klaustrophobisch ist es zudem an der neuen Wirkungsstätte: Die „Fantastischen Fünf“, herrlich überspitzt dargestellte Finanzhyänen mit dem entsprechenden Jargon, lassen den jungen Mann gerne in einer fensterlosen Kammer schwitzen. Als das längst schon marode Bankhaus von Amerikanern übernommen wird, nimmt der Konkurrenzkampf unter den „Fanta 5“ existentielle Züge an, Dick selbst gerät mitten in das Gefecht und macht sich zudem durch Fehlspekulationen quasi zum Sklaven der Bank. Erneut will er wieder nur eines: Raus. Selbst der Rückzug zu den Eltern, Studium und finanzielle Abhängigkeit vom Vater erschiene ihm die bessere Alternative.
Doch es gibt kein Entkommen: Mit Versprechen auf mehr Gehalt und Aufstieg wird Dick, der in der Personalakte als „naiv“ und „gutgläubig“ bezeichnet wird, geködert, einem Esel gleich, dem man die Mohrrübe vorhält, durch die Arena gezogen. Mehr und mehr durch den Wind gedreht, verliert Dick die Kontrolle über sich. Sein Alter Ego „Mobbing Dick“ gewinnt die Oberhand, zieht als aufgespeedeter Racheengel durch das nächtliche Zürich und terrorisiert Kollegen wie Familie zunächst nur mit relativ harmlosen Stalking-Telefonaten. Doch Wahn und Wirklichkeit verwischen zusehends, aus dem Spaß wird Ernst: Das Ganze endet in einem Fiasko.
Aufstieg und Fall eines Naivlings
Wie Tom Zürcher diesen Aufstieg und Fall seines jungen Helden zeichnet, ist von einem unwahrscheinlichem Tempo, viel Wortwitz und absurden Dialogen geprägt. Was wie ein harmloses Coming-of-Age-Buch beginnt, wird zum aberwitzigen Roman und einer absurden Tragikomödie. Offengelegt werden die Mechanismen, die in hierarchisch strukturierten und auf Leistung ausgelegten Unternehmen im menschlichen Umgang wirksam werden. Zürcher erzählt dies trocken, fast nüchtern, in rasantem Präsenz, stilistisch unverschnörkelt.
Bibliographische Angaben:
Tom Zürcher
Mobbing Dick
Elster & Salis Verlag, 2019
24,00 Euro, Hardcover, 288 Seiten
ISBN 978-3-906195-83-4
