
Chronist des Alltäglichen, Meister des Absurden, melancholischer Lebensbetrachter: Wilhelm Genazino (1943 – 2018) hat viele Zuschreibungen erhalten. Was nicht fehlen darf: Der Wortschöpfer – aus jedem seiner Romane ging ich mit einem neuen Begriff heraus.
Vom „mitfühligen Draufschauer“ (Hubert Spiegel in der FAZ) habe ich seit der Abschaffel-Trilogie, die 1977 herauskam. ausnahmslos jedes Buch gelesen.
Inhaltsverzeichnis:
- Aus der Ferne. Auf der Kippe (1993)
- Bei Regen im Saal (2014)
- Außer uns spricht niemand über uns (2016)
- Tarzan am Main (2013)
Aus der Ferne. Auf der Kippe (1993/2000)
„Wenn dieses Bild aufscheint, am Ende von „Modern Times“, sind die Zuschauer erleichtert, daß Charlie und die schöne junge Frau endlich zusammengefunden haben. (…) Er (Chaplin) zeigt uns zwei in ihren Äußerlichkeiten kraß auseinanderstrebende Menschen, die trotzdem ein Paar sind. Ein Paar freilich, das keinen Versuch unternimmt, einander passend zu machen, worin es sich von allen „Paaren“ der Wirklichkeit unterscheidet. Kurz bevor wir aufatmend das Happy-End beklatschen, sehen wir die traumhafte Utopie einer Annäherung ohne Verähnlichung. „
Wilhelm Genazino (1943 – 2018): Auch aus einer kurzen Bildbetrachtung machte er einen Text voller Welt. „Aus der Ferne. Auf der Kippe“ beinhaltet Texte zu Fotos und Postkarten, die der Spaziergänger Genazino auf Flohmärkten, in Trödelläden und bei seinen Streifzügen erstand. Und die dann zu Meditationen über seine Lieblingsthemen führten – Paare und Passanten.
Meist jedoch floßen die Alltagsbeobachtungen in grandiose Romane ein, die seit seiner „Abschaffel-Trilogie“ von 1977 zur Freude seiner Anhänger in seltener Kontinuität erschienen. Auch wenn sie sich glichen, müde wurde man ihrer nie – dafür sorgte allein schon das Wortschöpfungswunder Genazino. Aus jedem Roman habe ich mir Begriffe notiert, die in meinen Wortschatz eingeflossen sind – so kann man den „Zwischendrinsteher“ herrlich im Alltag als nicht sofort erkennbare Verbalinjurie verwenden.
Jürgen Serke: Die verbrannten Dichter
Zum 90. Jahrestag der Bücherverbrennung kam in einer prächtigen Neuauflage „Die verbrannten Dichter“ von Jürgen Serke wieder heraus. Wie kein anderer hat der Autor dazu beigetragen, die Literatur der Weimarer Republik wieder ins Gedächtnis zu rufen.
Uwe Wittstock beschreibt den Februar 33 als Winter der Literatur
„Februar 33“: Sorgfältig recherchiert, rasant geschrieben. Ein gelungenes Buch, das nochmals deutlich macht, welchen geistigen Verlust die deutsche Literatur und Kunst in diesen wenigen Wochen erlitten hat.
Heinrich Heine: Shakespeares Mädchen und Frauen
Heinrich Heine über die Frauen in Shakespeares Dramen: Das ist ein Kleinod und Lesevergnügen für jeden, der sowohl den Dramatiker als auch Heine schätzt.
Bei Regen im Saal (2014)
Der „Zwischendrinsteher“ hat in einem seiner letzten Romane, dem 2014 erschienenen „Bei Regen im Saal“ seinen Auftritt. Im Grunde wieder dasselbe wie in den Büchern zuvor: Ein Mann, meist Anfang bis Ende Vierzig, Einzelgänger, ohne berufliche oder private Perspektiven geschweige denn Ambitionen, meist mit einem Bein außerhalb der „normalen“ Gesellschaft stehend, meist mit einem Bein doch auch hineinwollend, mit einem halben Herzen in einer Liebesbeziehung, mit dem anderen halben Herzen nicht dabei, ein beobachtender Spaziergänger, Alltäglichkeiten registrierend und kontrollierend, nicht ohne Aburteilungstendenzen, ja, eigenbrötlerisch bis hin zur Misantrophie. Eine typische Genazino-Figur eben.
Mit großer Verlässlichkeit schickte der Frankfurter Schriftsteller einen dieser Anti-Helden alle ein, zwei Jahre auf den Weg. Man könnte sagen: Kennt man einen, kennt man alle. Und dennoch wartete ich geduldig seit dem „Abschaffel“, um wieder einmal „Mittelmäßiges Heimweh“ oder das „Glück in glücksfernen Zeiten“ empfinden zu können, um einen „Regenschirm für einen Tag“ zu haben oder auch, um von „Der Obdachlosigkeit der Fische“ zu erfahren.
„Bei Regen im Saal“ ist es Reinhard, 43 Jahre alt, (einer der seltenen Fälle, in denen die männliche Hauptfigur einen Vornamen erhielt ist so ein Zwischendrinsteher, der nach den Möglichkeiten zur Durchführung des Lebens sucht.
Männer um die Vierzig in der ewigen Sinnkrise
„Eines meiner Probleme war, dass ich mich für fast alles zu alt fühlte. Ich war vierundvierzig oder achtundvierzig, vielleicht aber auch erst einundvierzig. Wie meine Mutter hatte ich angefangen, mein genaues Alter nicht mehr wissen zu wollen. Jedenfalls war mir unklar, was ich inmitten der schnellverderblichen Welt noch anfangen sollte.“
Reinhard, studierter Philosoph, als Nachtportier, Barmann und in freier Beratertätigkeit als „Überwinder“ (er, der von Ängsten selbst geplagte, hilft anderen bei der Angstüberwindung) durch, unterhält ein intimes Verhältnis zu Sonja („Wahrscheinlich verdankte ich es ihrem Druck, dass ich noch den Pfad der Ordentlichkeit gefunden hatte.“), prokrastiniert jedoch vor deren Verlangen nach elfjähriger Beziehung nach mehr Verbindlichkeit („Die Technik des schnellen Vergessens erinnerte mich an die Ehe meiner Eltern und beunruhigte mich. Tauchte am Horizont allmählich die Ehe auf?“) und etwaigen Erlebnissen. Eine Paris-Reise ist Überforderung pur. Als Sonja ihn jedoch verlässt, ereilt auch Reinhard die typische Genazino-Zuspitzung der seinen Figuren eigenen chronischen Sinnkrise.
„Während des Herumstehens im Regen gelang mir das Gefühl meiner momentweisen Abtrennung von der Welt. Dabei konnte ich mir die harmlose Freude am stillen Herumtrödeln nicht mehr länger leisten. Ich musste den Schlingerkurs meiner Existenz endgültig beenden. Gegen die Ödnisse der Tage ging ich rücksichtslos vor, aber wie beendete man das Schwanken einer Biografie? Ich ahnte, dass ein anhaltend falsches Leben im Handumdrehen in ein Schicksal umschlagen konnte.“
Überlassen wir hier Reinhard seinem Schicksal. Er wird, wie seine Vorgänger, noch einige Buchseiten herumstehen, herumlaufen, herumdenken, herumhadern, um dann von Sonja wieder aufgenommen zu werden. Um auch dann erneut nicht zu wissen, was er vom Leben will. Oder auch nicht.
Außer uns spricht niemand über uns (2016)
„Ein wenig Hoffnung schöpfte ich, als ich zu einem Sommerfest eingeladen wurde. Auf dem Sommerfest würden bestimmt ein paar in Frage kommenden Frauen herumflirren und Nachtfalterblicke aussenden. Ich fürchtete mich vor meinen humoristisch gemeinten Reden, die sich bei solchen Anlässen unangenehm in den Vordergrund schoben. Ich hörte mich schon jetzt, wie ich zu einer alkoholisierten Frau sagte: Ich habe den seriösen Paarungsdrang eines Maikäfers und biete problemfreie Anhänglichkeit. Am liebsten wollte ich mich nach solchen Sätzen selber ohrfeigen, wenn derlei nicht noch peinlicher gewesen wäre.“
Ein gescheiterter Schauspieler, der sich als Radiosprecher, Modeschauen-Moderator und Gedichte-Vorleser gerade so durchschlägt. In einer Gewohnheitsbeziehung verharrend. Mit lockeren Zähnen und dem nahenden Alter hadernd. Und dazu noch: Die Stadt, das Spazierengehen, der Müll – auch das vorletzte seiner Bücher, das kurz vor seinem Tod erschien, greift die typischen Genazino-Motive auf.
Der Held und sein Autor wirken müde
Als Chronist des Wandels unserer Innenstädte bleibt Genazino hier auf der Höhe. Ebenso als Alltagsbeobachter, Wortschöpfer, Sprachspieler. Doch gerade dieses Buch wirkt, als wäre sein Schöpfer selbst beim Schreiben seiner Helden müde geworden, zermürbt von der anhaltenden Alltagsuntauglichkeit seiner Protagonisten. Waren in den vorhergehenden Romanen die Spaziergangs-Assoziationen und die Liebeswirren noch von einer gewissen erzählerischen Stringenz, so wirkt dieser Roman, so schmal er auch ist, verheddert, undurchdacht, so zerrissen wie das Seelenleben seines Helden.
Dieser wird durch den Suizid seiner Partnerin in eine Krise geworfen: Es fehlt ihm etwas „Körperliches (Carola)“, der Verzicht auf Frauen, „eine“ Frau zu finden als Ersatz (gleich welche), will ihm aber auch nicht gelingen. Er wehrt sich gegen eine Trauerbehaftung und wird dennoch zur „Ein-Personen-Peinlichkeit“. Es ziehen die Geliebten vergangener Tage, Freundinnen, ältere Frauen, die den Jungen verführten, usw. am geistigen Auge des Mannes vorüber – nichts davon wirkt besonders lustvoll, lebenslustvoll. Eine neue Frau findet sich zunächst auch nicht, zumal sich auch die Suche danach nur halbherzig gestaltet. Und wer will schon mit einem Kerl, der mit Tomatenflecken auf der Hose, löcherigen Unterhemden und einem anhaltenden Missmut kokettiert, Maikäfer-Tänzchen wagen? Kurzum: Der Sexualtrieb ist noch so ziemlich der einzige Antrieb, der bei diesem Genazino-Helden nicht im Halbschlaf schlummert. Und Thema des Buches ist die Pein des Nicht-Ausleben-Könnens.
Aber selbst wenn das Begehren ein Objekt findet, wirkt das irgendwie und irgendwann schal… Am Ende schläft er mit der Schwiegermutter, der ganze Akt verschmilzt in der Vorstellung zu einer Liebeshandlung mit der eigenen Mutter. Endlich, möchte man als Leser sagen: Unterschwellig wartet dieser Ödipus-Komplex schon seit etlichen Büchern Genazinos auf eine Auflösung. Man könnte dem Buch zugutehalten, dass es die beiden stärksten Triebe der Menschen, Todesangst und Paarungswillen, in knappster Form miteinander verknüpft. Aber das Ganze wirkt bis zum Finale uninspiriert und blutlos.
Jörg Magenau urteilte in der Süddeutschen Zeitung:
„All die kleinen, feinen Alltagsbeobachtungen, die Genazinos Prosa seit jeher tragen, können den Roman auch nicht mehr retten. Über die Marathonläufer im Ziel bemerkt der Erzähler, dass hier endlich einmal einige Menschen ihre Erschöpfung öffentlich zeigen, dass es dazu hierzulande aber wohl eines Marathonlaufs bedarf. Dieser Roman, ließe sich ergänzen, kann das aber auch: Eine große Erschöpfung spricht aus ihm, die sich zu nichts mehr aufschwingen kann.“
Tarzan am Main (2013)
Ein weiteres Merkmal der Genazino-Prosa neben der resignativen Grundhaltung seiner Anti-Helden und dem großartigen Sensorium für Alltagsbanalitäten: Eine wichtige Rolle spielt immer auch die Stadt, meist wohl jene Stadt, in der Genazino selbst Jahre seines Lebens in einer Mischung aus Sesshaftigkeit und doch auch Verachtung verbrachte. Der gebürtige Mannheimer kam 1971 als Redakteur zur Satire-Zeitschrift „Pardon“. Er kam und blieb am Main – abgesehen von einigen wenigen Jahren in Heidelberg – und machte die Metropole immer wieder zur Zielscheibe spöttischer Beobachtungen.
„Wer in einem Flugzeug sitzt und sich langsam der Stadt Frankfurt am Main nähert, wird Opfer einer harmlosen Blendung. Etwa fünfzehn Minuten dauert der Sinkflug, und er spielt sich über schier endlosen Häusermeeren ab. In der Mitte des Panoramas erhebt sich machtvoll eine Wand von Hochhäusern, die zusammengewachsen scheinen. Wer die Geographie nicht kennt, hält den riesigen Teppich für Teile von Frankfurt, das seit langer Zeit damit leben muss, dass sie für die amerikanischste Stadt Deutschlands gehalten wird.“
Von der Stadt, dem Spazierengehen und vom Schreiben
In dem Band „Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“, 2013 in seinem Hausverlag, dem Hanser Verlag, erschienen, lässt er seiner Ab-und Zuneigung freien Lauf: Eine Sammlung kurzer Texte, die als „Genazinos Frankfurt-Buch“ gelten kann. Natürlich nehmen die Stadtbetrachtungen in diesem schmalen Band einen breiten Raum ein – zugleich sind sie aber auch Aufhänger für Biographisches. Genazino erzählt von den Anfängen seiner Schriftstellerexistenz, vom Schriftstellerdasein an sich („Ich sitze am Schreibtisch und suche nach Wörtern“), von den „zwiespältigen Wochen“ des Wartens auf die Herren vom Deutschen Literaturarchiv Marbach, die seine Aufzeichnungen übernehmen wollen („Vorlass“ genannt), von Kollegen (und dem leidigen und sträflich nachlässigen Umgang der Hochkultur mit den unterschätzten Vertretern des Fachs „Humor“ wie seinem Freund Robert Gernhardt). Aber es ist eben auch ein Buch über die Stadt, das Spazierengehen, das Schreiben, eine Trinität, die bei Genazino zwingend zusammengehört.
„Vermutlich ist der Schreibende das Gefäß einer Reizung, für die er sich immer besser präparieren lernt. Aus diesem Grund ist es irreführend, sich Literatur nur aus Sprache bestehend vorzustellen. Ohne die andauernde Wechselbelebung zwischen äußeren Bildern, ihrem verzögerten inneren Echo und deren Drang nach Gestaltung würde niemand schreiben wollen.“
Dass Genazino, dieser begnadete Alltagsbeobachter, in seinen Frankfurt-Beobachtungen keine Sehenswürdigkeiten (Römer, Paulskirche, Bankenviertel, Schaumankai, Goethehaus) abhandeln würde, davon bin ich ausgegangen. Wer sich der „Seele“ dieser Stadt ein wenig annähern möchte, für den ist der „Tarzan am Main“ (das Titel“bild“ entstammt eigentlich einer Vignette über Genazinos Geburtsstadt Mannheim, wo sich Klein-Genazino inmitten der Kriegstrümmer vorstellte, er könne sich mit Lianen buchstäblich abseilen) richtig. Und es erklärt sich aus Buch und Stadterleben auch, warum Frankfurt den passenden Nährboden abgab, damit Genazino hier mit seinem „Abschaffel“ das Genre des Angestelltenromans „erfinden“ konnte.
