Die Arglosen im Ausland: Reiseliteratur aus den USA

„Die Arglosen im Ausland“: Der Titel dieses Beitrags stammt von Mark Twain. „The Innocents Abroad“, sein Reisetagebuch von 1869, wurde zu einem seiner erfolgreichsten Bücher. Mit seinem satirischen Blick auf die naiven Reisenden, die europäischen Sitten und seinen beißenden Bemerkungen zur „Abzocke“ durch die Reiseveranstalter brachte er einen neuen Ton in die zuvor eher romantisierende Reiseliteratur nordamerikanischer Autor*innen.

Später, vor allem im Zuge des Gonzo-Journalismus, folgten Reisebücher von ähnlichem Kaliber. Der Blick auf andere Kulturen vielreisender Schriftsteller*innen aus den USA ist so vielfältig wie die Autor*innen selbst – aber man spürt bei einigen doch die spezielle „amerikanische Linse“, geprägt durch ihre Herkunft.


Die marrokanische Wüste. Bild: Francesco Ungaro
Die marrokanische Wüste. Bild: Francesco Ungaro

„Die Wüstenlandschaft ist immer am schönsten im Zwielicht der Morgen- und Abenddämmerung. Um diese Zeit fehlt das Gefühl für Entfernungen: Ein naher Hügel kann wie ein weit entfernter Höhenzug wirken, jedes Detail kann zu einer Größe erster Ordnung im monotonen Thema der Landschaft werden. Der nahende Tag ist voller Verheißungen; erst wenn er sich voll entfaltet hat, kommt dem Betrachtenden der Verdacht, daß es der vorangegangene Tag sein könnte, der wiedergekommen ist – der gleiche, den er wieder und wieder erlebt hatte, immer noch blendend hell und unberührt von Zeit.“
„Himmel über der Wüste“, 1949

„Es ist eine einzigartige Empfindung, und sie hat nichts mit Verlassenheit zu tun, denn Verlassenheit setzt Erinnerung voraus. Hier, in dieser vollkommen mineralischen Landschaft, von Sternen erhellt wie von Leuchtfeuern, verschwindet sogar die Erinnerung; es bleibt nichts übrig als Ihr eigenes Atmen und das Geräusch Ihres schlagenden Herzens. Ein merkwürdiger und keineswegs angenehmer Prozess, bei dem Sie sich neu zusammensetzen, beginnt in Ihrem Innern abzulaufen, und Sie haben die Wahl, entweder dagegen anzukämpfen und darauf zu bestehen, dass Sie die Person bleiben, die Sie immer gewesen sind, oder es geschehen zu lassen. Denn niemand, der längere Zeit in der Sahara war, ist noch genau derselbe, wie bei der Ankunft.“
Paul Bowles, „Taufe der Einsamkeit“

Paul Bowles schreibt am schönsten, am klarsten dort, wo er über die Wüste schreibt – bei ihm wird sie zu einer Metapher für das Leben, ein Ausdruck unserer Existenz. Der amerikanische Schriftsteller und Komponist (1910-1999) verbrachte selbst sein überwiegendes Leben beinahe wie ein Nomade, insbesondere bereiste er Südamerika und Nordafrika. Ab 1947 lebte er in Tanger, zunächst mit seiner Frau, der Schriftstellerin Jane Bowles, bis zu deren Tod 1973. Die Beziehung war einzigartig – Jane Bowles war lesbisch, Paul Bowles bisexuell. Die beiden verband eine platonische und künstlerische Freundschaft, die bis zum Lebensende von Jane anhielt.

In seinem ersten Roman, „Himmel über der Wüste“, ist, obwohl Bowles dies stets abstritt, sicher auch einiges über diese Ehe zu lesen. Das amerikanische Paar Kit und Port Moresby versucht nach zwölf Jahren Ehe bei einer Reise durch Algerien ihre verloschene Liebe wiederzufinden. Doch – zum Teil fernab der Zivilisation, zurückgeworfen auf das eigene Selbst, zum Teil konfrontiert mit exzentrischen Figuren der Außenwelt – der Versuch misslingt. Port stirbt an Typhus, Kit verirrt sich im wahrsten Sinne in der Unendlichkeit der Wüste. Durch dieses Buch und den nachfolgenden, 1952 erschienenen Roman „So mag er fallen“, der ebenfalls die gescheiterte Flucht eines Mannes aus der Leere des amerikanischen Daseins nach Tanger beschreibt, hatte Bowles sein Thema gefunden – auch in seinen weiteren beiden Büchern stehen zivilisationsmüde Menschen im Mittelpunkt, die hoffen, in einer anderen, exotischen Umgebung zu sich zu finden. Und die darin scheitern.

Zudem hatte sich Bowles, in dessen Büchern immer wieder auch auf die Wirkung des „Kif“ eingegangen wird, damit auch eine literarische Fangemeinde erschrieben – er wurde zum Vorbild für die Schriftsteller der Beat-Generation Ginsberg, Burroughs und Kerouac, aber auch andere Autoren wie Truman Capote folgten ihm nach Tanger. Später geriet Paul Bowles zu Lebzeiten mehr oder weniger in Vergessenheit – nach dem Tod seiner Frau lebte er bis 1999 mit seinem Lebensgefährten Mohammed Mrabet in Tanger.

Erst in seinen letzten Lebensjahren wurde die Öffentlichkeit wieder auf den Schriftsteller und seine Bücher aufmerksam – 1990 kam „Himmel über der Wüste“ in der berauschenden Verfilmung von Bernardo Bertolucci in die Kinos. Ein Fest für das Auge, für die Sinne. Bowles, obwohl er sich mit der Literaturverfilmung unzufrieden zeigte, wirkte an dem Film sogar selbst mit.

Was lange hinter seinen Roman verborgen blieb, war dass Paul Bowles nicht nur ein herausragender Romancier Existenzialismus war, sondern – auch für die Absicherung seiner materiellen Existenz – zahlreiche Reiseberichte schrieb. Eine Auswahl davon erschien 2011 erstmals in deutscher Sprache beim Liebeskind Verlag: „Taufe der Einsamkeit“. Übersetzt wurden die Reportagen, die auch heute noch mitreißen und kaum von der Zeit überholt erscheinen, von dem Schriftsteller Michael Kleeberg (hier im Interview).

Deutlich werden an den Berichten nicht nur die Vielzahl der Orte und Welten, die Bowles sich reisend und forschend (so hält er im Auftrag der Rockefeller-Stiftung in Marokko die Formen der Berber-Musik fest) erschreibt, sondern auch seine stilistische Bandbreite: Mal faktenreich über die Wüste, mal voller Humor über den Versuch, in Indien einen Brief aufzugeben, mal kritisch über den Tourismus- und Bauboom an der Costa del Sol, mal voller Poesie über die Schönheit des Lebens auf Ceylon.

„Der amerikanische Schriftsteller Paul Bowles verbindet einen kristallinen Stil mit geradezu verblüffend anmutender Aktualität. Seine ursprünglich für angelsächsische Reisemagazine geschriebenen Reportagen sind konzise Erzählungen, die keinerlei Patina angesetzt haben“, so begeistert äußerte sich Marko Martin im Deutschlandradio.

Dabei bewahrt sich Bowles, trotz seiner Affinität für Orte und Menschen und trotz seiner spürbaren Neugier für das, was hinter den Mauern vorgeht, auch die Distanz des kritischen Beobachters, urteilt subjektiv, erzählt aus seiner Warte.

„In den Jahren des französischen Protektorats war es ein Gemeinplatz zu sagen, dass Casablanca das Schlimmste beider Welten vereinigte; seine Franzosen waren die arrogantesten und unangenehmsten und seine Marokkaner die dekadentesten, was so viel heißt wie: die europäisiertesten. (…)“

Ironisch-lapidar äußert sich Bowles über die Tücken des Taxiverkehrs in der Stadt:

„Sie verlassen also morgens ihr Hotel und winken eines der spielzeugartigen Taxis heran, die die Boulevards entlangrasen, und ob Sie es glauben oder nicht, Sie werden direkt in die Welt von Lewis Carroll versetzt. Quasi jedes Gespräch mit einem Taxifahrer kann das erreichen. Präzise Unlogik, einstudierte sinnlose Schlußfolgerungen, schamlose Widersprüche, die beiläufige Einführung völlig abseitiger Themen, dazu eine verdruckste Miene prinzipieller Mißbilligung – alle Zutaten sind vorhanden, um die Illusion zu vermitteln, man sei plötzlich in einen Kaninchenbau gefallen oder durch den Spiegel getreten.“

Diese humoristisch-subjektiven Schilderungen machen jedoch nur einen Teil des Reizes dieser Berichte aus. Vor allem Bowles‘ Bemühen, die anderen Kulturen zu ergründen, zu verstehen und diese äußeren mit einer inneren Reise zu verbinden, also im besten Sinne eine Begegnung der Welten zu erfahren, prägen diese lesenswerten Reportagen. Sie sind eine nichtfiktionale Erweiterung seiner Romane, sie können im besten Falle auch beim Leser Prozesse und zumindest Neugier auf „das andere“ in Gang setzen. Sein Bericht – oder fast besser noch „Reiseerzählung“ – über Sevilla endet mit diesen Worten:

„Ya es la hora de la siesta. All das wird ihn zurück nach Amerika begleiten, nichts wird verschwendet gewesen sein. Jede einzelne Stunde, die er mit offenen Augen verbracht hat, wird ihn ein Stückchen auf dem Weg zu einem Verständnis der Welt weitergebracht haben, und das ist schließlich der wahrhaftigste Gradmesser für Kultur, den wir bisher gefunden haben.“

Und – als ewige Träumerin von der Wüste – hier noch meine Lieblingsstelle aus der titelgebenden Reportage über die Sahara:

„War ein Mann (Anmerkung der Verfasserin: „eine Frau“ dazu denken) dort und hat die Taufe der Einsamkeit über sich ergehen lassen, dann kann er nicht anders. Ist er einmal dem Zauber des gewaltigen, gleißenden, stillen Landes erlegen, dann ist kein anderer Ort mehr kraftvoll genug für ihn, dann kann keine andere Umgebung das unüberbietbar befriedigende Gefühl in ihm hervorrufen, mitten im Absoluten zu stehen.“

Vorangestellt ist den Reportagen eine Art Programm, das Bowles 1958 in „The Nation“ veröffentlichte: „Eine Herausforderung an die Identität“.

„Noch vor einem Jahrhundert ist das Reisen eine Sache für Spezialisten gewesen. Da ferne Orte außer für sehr wenige Glückliche und Widerstandsfähige abseits jeder Erreichbarkeit lagen, war es ganz normal, dass man die Sehnsucht nach dem Exotischen indirekt durch das Lesen von Büchern befriedigte. Heutzutage, wo rein theoretisch ein jeder überall hingehen kann, dient das Reisebuch einem anderen Zweck; die Gewichtung hat sich von dem Ort selbst auf den Eindruck verlagert, den der Ort auf einen Menschen macht. So ist das Reisebuch zwangsläufig subjektiver geworden, sozusagen literarischer.“

Und in diese Beschreibung reiht sich Paul Bowles selbst mit seinen Reiseberichten in grandioser Manier ein. Seinem Satz„Es gibt nichts, was ich mehr genieße als die akkurate Schilderung eines intelligenten Schriftstellers über all das, was ihm weit weg von zu Hause widerfahren ist“ – kann man nicht nur zustimmen, sondern er selbst erfüllt ihn auf die beste Weise.


„Monsieur Verne fragte mich, wie meine Reiseroute verlaufen sollte, und ich, glücklich, dass ich etwas sagen konnte, das er verstand, zählte für ihn auf: „ Meine Route führt von New York nach London, dann Calais, Brindisi, Port Said, Ismailia, Suez, Aden, Colombo, Penang, Singapur, Hongkong, Yokohama, San Francisco, New York.“
„Waum fahren Sie nicht über Bombay, so wie mein Held Phileas Fogg?“, fragte Monsieur Verne.
„Weil ich lieber Zeit spare, als eine junge Witwe zu retten“, antwortete ich.
„Vielleicht retten Sie ja unterwegs einen jungen Witwer“, entgegnete Monsieur Verne lächelnd.“

Einen jungen Witwer rettet sie tatsächlich nicht, diese rasende Reporterin, aber bei ihrem hektischen Trip um die Welt becirct sie Kapitäne, beschwatzt Botschaftsangestellte und spannt so ziemlich jeden, der ihr auf ihrer Reise begegnet, ein, um ein Ziel zu erreichen: Schneller als der Held aus Jules Vernes Roman den Globus zu umrunden. Anders, als man annehmen möchte, war dies 1890 allerdings nicht mehr ganz so das abenteuerliche Unternehmen wie Jahrzehnte zuvor.

„Von Seekrankheit unterbrochene Diners mit dem Kapitän auf der Atlantiküberfahrt, dysfunktionale Fußwärmer in europäischen Zügen und schlecht geschulte Schlangenbeschwörer in Ceylon (heute: Sri Lanka) bilden die letzten Ärgernisse in einer Welt, in der das Berliner Reisebüro von Carl Stangen bereits seit über zehn Jahren Weltreisen zum Pauschalpreis anbot.“

In seinem Vorwort zur ersten deutschsprachigen Ausgabe dieser Reisereportage (übersetzt von Josefine Haubold, erschienen im AvivA Verlag) verdeutlicht Herausgeber Martin Wagner:

„Der Tourist bewegt sich Ende des 19. Jahrhunderts bereits auf ausgetretenen Pfaden.“

So war das eigentlich Sensationelle an diesem Unternehmen, dass es eine junge, 25 Jahre alte, alleinstehende Frau war, die diese Reise antrat: Nur mit einem eigens für den Zweck erworbenen maßgeschneiderten Reisekostüm und einer handlichen Tasche, aber ausgestattet mit den Tantiemen der New Yorker Tageszeitung „The World“. Für die Journalistin, die drei Jahre zuvor mit ihrer Undercover-Reportage „Zehn Tage im Irrenhaus“ bereits für Aufsehen gesorgt hatte, wurde die Weltumrundung zum Coup, bei ihrer Rückkehr nach New York wurde sie gefeiert wie ein Star, mit der Artikelserie, die zur Reise erschien, schnellte die Auflage der Zeitung in die Höhe (wovon Nellie Bly aber nicht unmittelbar profitierte) und das darauffolgende Buch wurde ein Bestseller.

Diese Reisereportage kann man auch heute durch den „flotten“ journalistischen Stil der Autorin mit großem Vergnügen lesen – man rast mit ihr durch die Kontinente, sich durchaus bewusst machend, dass alle Eindrücke oberflächliche, im Vorbeigehen mitgenommene sind, eine Art des Reisens, die durchaus an den modernen Tourismus erinnert. Ich musste beim Lesen immer wieder an die japanische Reisegruppe denken, der ich einst in einer Pension in Avignon begegnet war – sie saßen an meinem Frühstückstisch und hakten gemeinschaftlich alle Ziele ab, die sie in ihrem Wälzer „Europe in 10 Days“ schon bewältigt hatten: Vorgestern Neuschwanstein „and the Fuckerei“ (die Fuggerei in Augsburg), gestern Paris, heute Avignon, morgen Barcelona. „Europe is wonderful, so nice, but Tokyo is more modern.“

So bringt auch Nellie Bly bei ihrer Reise ihre eigene Landkarte und ihre amerikanischen Maßstäbe mit, an der sie – auch mangels Zeit – das bemisst, was sie an der Oberfläche sieht. Und so gut man sich bei der Lektüre unterhalten kann, so sehr fallen auch zwei Dinge störend ins Gewicht, die die Autorin in ein unsympathischeres Licht stellen: Eine Form von Patriotismus und von Rassismus, die durchaus aufstößt. Erstaunlich, schrieb sie doch zuvor mit so viel Engagement über den unmenschlichen Umgang mit psychisch Kranken – doch einige Jahre später entdeckt man in ihrem Berichten von der anderen Seite der Welt wenig Empathie mit Menschen anderer Rasse. Leprakranke beschreibt sie als ekelerregend, die chinesische Bevölkerung als schmutzig, faul und hinterlistig, die Bewegungen einiger Matrosen erinnern sie an den Affen, den sie währender Reise kauft.

Martin Wagner geht auf diesen Aspekt in seinem Vorwort ausführlich ein:

„Dabei bringen erst die bedauerlich rassistischen Passagen die volle Bedeutung sowohl von Nellie Blys Rekordreise als auch vom Reisen am Ende des 19. Jahrhunderts insgesamt zu Tage. Die Geschichte des globalisierten Tourismus ist ohne seine kolonialistischen Voraussetzungen und Implikationen nicht verständlich. Der auf Weltreise befindliche Tourist bietet das schwache Abbild des einmarschierenden Imperialisten. In dem Wunsch, die Welt zu bereisen, ist der Anspruch, die Welt zu beherrschen, immer schon mit enthalten.“

Nun, Nellie Bly wollte vor allem die Zeit beherrschen, zumal zur gleichen Zeit die Reporterin Elizabeth Bisland für den „Cosmopolitan“ auf Weltreise gegangen war, eine Konkurrenz, die dem Unternehmen noch mehr Aufmerksamkeit bescherte. Bly gewann das Rennen und den Ruhm. Und hierin, in der Forschheit, dem Wagemut und der Selbstsicherheit, mit der sie ihr Unternehmen durchsetzte und durchzog, liegt auch ihr großer Verdienst. Als erste der sogenannten „girl stunt reporter“, Frauen, die undercover über die Missstände in Fabriken, Gefängnissen, Armenhäusern und anderen Institutionen berichteten, ist Nellie Bly eine weibliche Wegbereiterin des kritischen, aufklärenden Journalismus. Und ihre Reise um die Welt auch ein Akt weiblicher Selbstbestimmung.

Die unprätentiöse, selbstironische Art und Weise, wie sie sich im Kontext der Mitreisenden und Menschen, denen sie begegnet, bewegt und beschreibt, gleicht ein wenig die unsympathischeren Züge aus. Dank des Vorworts von Martin Wagner kann man das Buch in seinen geschichtlichen Kontext setzen, die kritischen Passagen entsprechend bewerten und es dennoch als amüsantes, unterhaltsames Zeugnis seiner Zeit lesen. Und bei der ironischen Betrachtung ihrer Reisegenossen fühlt man sich durchaus an eigene Erlebnisse, die man beim Reisen hatte, erinnert:

„Ich kenne mich mit Eseln aus, weil ich einige Zeit in Mexiko gelebt habe, aber viele der Passagiere fanden die Esel durchaus neuartig und wollten unbedingt auf ihnen reiten, bevor sie zum Schiff zurückkehrten. Also saßen alle auf, die ein Reittier finden konnten, und jagten durch das malerische, verschlafene Städtchen. Dabei schrien sie vor Lachen und sprangen wie Gummibälle in ihren Sätteln auf und ab (…).“

Ein Reisebegleiter von mir beliebte einstmals bei einer solchen Szene, deren wir ansichtig wurden, zu sagen: „Da weiß man wirklich nicht, wo der Esel nun aufhört oder anfängt.“


„Nehmen Sie nur mich“, rief der Sajjid mit schriller Stimme. „Als Kind habe ich die Europäer für eine überlegene Rasse gehalten (…) Ich habe alle Länder gesehen, habe ihre Propaganda gehört. Ich habe gesehen, welche Schmiergelder sie bezahlen und mit welchen Methoden sie kämpfen, all die hochzivilisierten, vornehmen Völker Europas, und ich weiß, was ich weiß. (…) Erst haben wir die Briten gemocht, weil sie besser sind als die Russen, doch nun gibt es keinen Druck von Russland, und die Briten haben sich verändert. (…). Europa ist unser Lehrmeister, Europa gibt uns Waffen“.

John Dos Passos war gerade mal 25 Jahre alt, als er eine Reise in die Länder des Nahen Ostens unternahm. Jung an Jahren, aber reich an Erfahrung: Einen Weltkrieg hatte er bereits miterlebt, zwei Romane verfasst, mit einem davon, „Three Soldiers“, schon eine gewisse Reputation erlangt. Von einem Schriftsteller wie diesem ist kein klassischer Reisebericht zu erwarten – dazu war John Dos Passos zu sehr auch politischer Denker und Sozialrevolutionär. Er verknüpft malerische Szenerien mit politischem und historischem Hintergrund, verbindet die Rolle des Journalisten, der die Geschehnisse mit dem distanzierten Blick des außenstehenden Beobachters aufzeichnet, mit der des Romanciers.

DerBuchtitel ist leicht irreführend: „Orient Express“ nimmt eigentlich dort erst richtig Fahrt auf, wo der legendäre Luxuszug endete, in Istanbul. Noch die Bilder vom „Coney Island aller Coney Islands“, Venedig, auf der Netzhaut, landet der junge Autor 1921 in der Metropole. Von dort geht es weiter mit Schiff, Zug, zu Fuß und auf dem Kamel über Tiflis, Eriwan, Teheran, Bagdad bis zum Schlusspunkt Damaskus. Die Reise führt ihn in durch die Türkei, Georgien und Armenien, den Iran (Persien), Irak und Syrien.

John Dos Passos
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John Dos Passos erlebt eine Region, ja einen halben Kontinent im Umbruch, am Siedepunkt: Die Kolonialmächte feilschen um die Vorherrschaft, die russischen Bolschewisten annektieren Landstriche und greifen eisern durch, die türkisch-griechischen Feindseligkeiten erreichen einen neuen traurigen Höhepunkt, der Genozid an den Armeniern, der von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen worden wäre, hätte es damals nicht schreibende Reisende wie John Dos Passos gegeben. Zwischen all diesen Polen ringen die Völker des Orients um ihre Autonomie – ihnen gibt der Amerikaner eine Stimme.

Er wird zum Chronisten des Umbruchs, der Zeitenwende, der Massaker, des Flüchtlingselends, der Hungersnöte, aber auch der Schönheit des Orients. Dies hält er in nüchternen Alltagsbetrachtungen fest, fast schon ängstlich bemüht, nicht in die Haltung der „Okzidentalen“ zu verfallen, für die „der Orient“ vor allem eine riesige Projektionsfläche ist. Einerseits schreibt Dos Passos mit „Abscheu vor den ganzen romantischen Orientklischees, von denen es ja selbst im Orient wimmelt“, finden sich andererseits auch Passagen wie die folgende – als „Randepisode“ gekennzeichnet, begibt sich Dos Passos damit selbst in Distanz,  doch bleibt eben auch nicht frei vom Schwelgen im Exotischen:

Als Randepisode ist dieser verblassende Orient noch immer sehr schön. Der unbeschreiblich weiche, federnde Gang eines zweihöckerigen Kamels, die alten Männer mit karminroten Bärten, die mächtigen Turbane, weiß, blau, schwarz, grün auf rasierten Schädeln, Knaben mit Käppchen, unter denen das lockige Haar nach Troubadourart hervorquillt, die gespenstisch verhüllten Frauen, die turmhohen Filzhüte, die bunten Teppiche, die Gewänder aus papageiengrüner Seide, die Bäume von grellem Mangangrün auf gelben Hügeln, dahinwirbelnde Wasserläufe, weiße Esel, die türkisfarbenen Kuppeln, die weißen Mohnfelder.“

Poetischen Passagen wie diese finden sich im Wechsel zu einer kühlen Beobachterhaltung, der Distanz des Reporters. „In den letzten Jahren hat die Geschichte diese Region abermals heimgesucht in Gestalt dreier gnadenloser Armeen. Während des Weltkriegs haben Türken und Russen hier gegeneinander gekämpft. 1918 kamen die Briten in ihrem Feldzug um Öl hierher und bauten die Straße, genauer gesagt, erneuerten sie“, beschreibt Dos Passos den Weg auf dem Pass Taqhe Gara in den Irak. „Das hat dazu geführt, dass hier kaum noch ein Clan oder Dorf steht, dass die Wüste, Schauplatz der gossen Aufmärsche der Geschichte, das ganze Agrarland aufgefressen hat und dass man während einer Tagesreise in einem klapprigen Ford nichts zu essen findet, außer, mit viel Glück, eine Schale saurer Milch im Zelt kurdischer Nomaden.“

Erstaunlicherweise wurde dieser ungewöhnliche Reisebericht eines großen Schriftstellers erstmals 2013 in deutscher Übersetzung (Matthias Fienbork) veröffentlicht. Dabei ist diese Reportage in Romanformat beziehungsweise dieser Roman im Reportagestil, betrachtet man die Ereignisse im Nahen Osten, nicht nur hochaktuell, sondern vermutlich auch zeitlos: Die Sünden der Vergangenheit, die Wunden, die kolonialistische Fremdmächte geschlagen haben, die Zerrissenheiten zwischen den Ländern selbst erscheinen in naher Zeit kaum heilbar.


„Der Sonnenuntergang leuchtet rot an einem unermeßlich weiten Himmel. Die kleinen Berge und gewaltigen Felsen aus Vulkangestein stehen schwarz gegen das Licht. Funkelnde Feuer brennen in den Dörfern. In Richtung Garua nehmen die Felsblöcke seltsame Gestalt an – ein großer Affengott, ein Buddha; außer dem Geräusch des Wagens ist kein Laut zu vernehmen, und niemand ist zu sehen. Ich spüre, daß der Mensch auf diesem Erdteil nur ein Zwischenspiel von kurzer Dauer ist. Kein Land erschien mir je älter, weniger berührt oder geprägt von der menschlichen Rasse.“

Ja, es gibt sie auch in diesem Buch, die romantischen Momente, die das Reisen mit sich bringt, diese Augen- und Anblicke, die so überwältigend sind, dass die Poesie der Sprache unzureichend erscheint. Und Martha Gellhorn (1908 – 1998), die Vielgereiste, die hartgesottene Kriegsberichterstatterin und Autorin, nahm nicht wenige Mühen und Strapazen auf sich, um die Welt in ihrer unermesslichen Schönheit so weit als möglich zu ermessen: Die Amerikanerin wechselte ihre Wohnsitze und „möblierte Übergangswohnungen“ wie andere Menschen ihre Unterkleidung, eine Unsesshafte, eine Reisesüchtige von ihrer Kindheit in St. Louis an.

„Ich war mein ganzes Leben lang eine Reisende, angefangen in meiner Kindheit mit den Straßenbahnen meiner Geburtsstadt, die mich nach Samarkand, Peking, Tahiti, Konstantinopel transportierten. Ortsnamen waren der stärkste Zauber, den ich kannte. Und sie sind`s noch“, erinnert sich später die 70-jährige. „Und ich hatte seit meinem einundzwanzigsten Geburtstag wie verrückt darauf hingearbeitet, meinen Plan zu verwirklichen, überall gewesen zu sein und jedes und jeden gesehen zu haben und darüber zu schreiben.“

Bis zu ihrem siebten Lebensjahrzehnt war sie in 53 Ländern gewesen, schrieb Gellhorn im Vorwort zu diesem Buch: „Und „unter „gewesen war“ verstehe ich, daß ich mich lange genug dort aufgehalten habe, um etwas vom Leben, von Sitten und Gebräuchen zu erfahren. Eben nicht wie in Indien (das damalige Indien), als ich in Karatschi landete, einen schnellen Blick auf die Kühe und die armen gequälten Kinder warf und wie ein geölter Blitz zum Flughafen zurücklief – nichts wie weg.“

Nichts wie weg wollte Gellhorn auch in den „fünf Höllenfahrten“, von denen sie in diesem 1978 erstmals veröffentlichten Buch berichtete – doch die Umstände erlaubten das blitzartige Abreisen nicht. Zum Glück für die späteren Leser: Denn Gellhorn schreibt so temperamentvoll, so unterhaltsam und witzig über ihre katastrophalsten Reiseunternehmungen, dass ihre Schilderungen von Dauermärschen durch chinesischen Schlamm,  von schlechtem Essen, fürchterlichen Krankheiten wie der Chinafäule und Sonnenbränden, von sprachunkundigen Dolmetschern und wenig fahrtauglichen Reiseführern zu einem wahren Vergnügen werden.

Meist reiste sie nach dem Motto „Spring, bevor du schaust“, eine alte slawische Volksweisheit, die dem Buch als Zitat vorangestellt ist. So kann sie in den 1940er-Jahren ihren damaligen Ehemann Ernest Hemingway als zunächst „Unwilligen Begleiter“ (UB) davon überzeugen, sie auf eine recht kurzfristig angesetzte Reportagetour an die chinesisch-japanische Kriegsfront zu begleiten. Von der Front sehen die beiden Amerikaner, stets abgeschirmt vom chinesischen Kader, wenig. Von den politischen Verhältnissen – auch das schildert Gellhorn voller Selbstironie – haben sie im Grunde genauso wenig Ahnung: Den Revolutionär Tschu En Lai, den sie bei einem konspirativen Treffen kennenlernt, kennt sie nicht, erst später wird sie von seiner Rolle in der Kommunistischen Partei erfahren. Aber der „UB“ dagegen erweist sich als tüchtiger Diplomat, der bei den endlosen Festessen Reden schwingt, die Gastgeber unter den Tisch trinkt und auch einmal ein erschöpftes kleines chinesisches Pferd auf den Armen trägt statt auf demselben zu sitzen.

Spontan auch ihr Entschluss, in Moskau die Witwe von Ossip Mandelstam zu besuchen – ein einwöchiger Aufenthalt hinter dem Eisernen Vorhang, der sie schnell ernüchtert. Moskau empfindet sie als kalt, die Moskauer als ablehnend:

„Diese Stadt war wortwörtlich nicht von dieser Welt. Sie gehörte zu keiner Welt, die ich kannte, war nicht Teil Europas, war ganz und gar fremdartig. Entweder hatte der Krake Staat das Leben aus diesen Leuten herausgequetscht, oder sie versteckten sich hinter diesen freundlichen Gesichtern, mißtrauten einander, weil man nie wußte, wer denunzierte.“

Politisch nicht immer korrekt, oft auch mit dem Blick einer zwar liberalen, aber doch sehr amerikanisch geprägten Berichterstatterin, aber immer temperamentvoll, manchmal scharf und oft sehr komisch: So blickt die Reisende während ihrer Höllenfahrten auf die Welt. Nicht verschwiegen werden darf jedoch, dass dies auch ein Buch der Melancholie ist:

„Die Idee zu diesem Buch packte mich, als ich auf einem kleinen, verkommenen Strand am Westzipfel Kretas saß, umgeben von einem leckgeschlagenen Schuh und einem verrosteten Nachttopf. Um mich herum: Der Abfall unserer Spezies.“

In ihrem Nachwort bezeichnet die Literaturkennerin Sigrid Löffler Martha Gellhorn als eine der Letzten ihrer Art, als „Welt-Verschlingerin“:

„Martha Gellhorn war eine solche Enthusiastin des Reisens, und sie bereiste die Welt im gerade noch richtigen, im letztmöglichen Moment: noch abenteuerlich, noch exklusiv – knapp, ehe der globale Tourismus die ganze Welt mit seinen All-inclusive-Urlaubsparadiesen zurichtete.“

Martha Gellhorn erlebte als größtes Glück des Reisens stets die Momente der vollkommenen Einsamkeit: Berauscht vom Anblick des afrikanischen Sternenhimmels, vollkommen glücklich in einer abgeschiedenen Bucht in das Meer tauchend, sprachlos vom Anblick des ostafrikanischen Rift Valley. Es wird wohl kaum mehr Orte an der Welt geben, die vollkommen unberührt von Menschenhand sind, die noch nicht geprägt sind von den Auswüchsen unserer Zivilisation. Man findet dieses Glück des Reisens allenfalls noch in der Literatur – beispielsweise auf den Spuren Gellhorns.


„Im Herbst 1992 fuhr ich in das frühere Jugoslawien, um mir den Multikulturalismus in der Praxis anzusehen. In letzter Zeit hatten dort verschiedene kulturelle Gruppen eine ungeahnte Kraft entfaltet – durch Schusswaffengebrauch.“

Manche wollen immer dorthin, wo es kracht, scheppert, wummert, wo Tränengas und Pfefferspray in der Luft liegen, wo hinter der nächsten Mauer ein Heckenschütze lauern könnte. Es gibt Journalisten, die Adrenalin-Junkies sind – P.J. O‘ Rourke, Schriftsteller, Satiriker, der unter anderem für den Playboy, Vanity Fair und als Auslandskorrespondent für den Rolling Stone berichtet hatte, scheint mir einer von diesen zu sein. Er ist einer dieser Kriegsberichterstatter, die – selbst im Urlaub – das Herz der Finsternis besuchen.

Abgeklärte philosophische Betrachtungen über die Ursachen und Auswirkungen des Krieges darf man von diesem Buch nicht erwarten. Eher literarische Trips in die Hölle, die beim Lesen jedoch einen Höllenspaß machen. O’Rourke schreibt lakonisch, ironisch, zuweilen hemmungslos zynisch darüber, was der Mensch dem Mensch antut. Und das um den ganzen Globus herum und ohne Aussicht auf Einsicht. Reflektionen über das Wesen des Hasses und des Krieges kommen eher beiläufig daher:

„Und wieder überraschte mich etwas seltsam Alltägliches – der Hass, so allgemein und allmächtig, so einfach und so selbstverständlich wie Gott in der Al-Aksa-Moschee. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass Gott oder der Hass Menschen derart durchdringen kann, schon gar nicht gleichzeitig.“ (In: „Das Heilige Land – Gottes Affenhaus!, 1988).

Der Journalist ist hier nicht der abgehobene Berichterstatter, der seinen wehrlosen Zeitungslesern aus scheinbar neutraler, übergeordneter Wächterposition die Welt erklärt. Sondern O’Rourke erinnert zuweilen an ein Kind, das staunend durch den Spielzeugladen Welt läuft und uns daran teilhaben lässt – aber eben durch einen Spielzeugladen, in dem es lebensgefährlich zugeht.

Sein Stil ist eine ständige Gratwanderung zwischen Pose und Polemik. Zuweilen verdeckt die Lust an der Sprache, an der gelungenen Formulierung den Ernst der Sache. O’Rourke schreibt nach dem Motto „Besser einen guten Freund verloren, als einen guten Witz verschenkt“. Nichts also für zarte Gemüter.

„Ich hatte gehofft, wenigstens gut zu schlafen. In Beirut waren die Bombenexplosionen doch ziemlich zahlreich gewesen. In der Nacht vor meiner Tour in den Süden hatte ich fünf gehört, die erste gegen Mitternacht in einer Bar, ein paar Blocks vom Commodore entfernt, und das steigerte sich dann bis zu einem großangelegten Attentat auf den Erziehungsminister um sechs Uhr morgens, bei dem Fenster im Umkreis von drei Blocks in die Brüche gingen und in meinem Zimmer die Möbel wackelten. Der Minister überlebte, meine Nachtruhe nicht.“ (In: „Auf Bummeltour im Libanon“, Oktober 1984).

P.J. O'Rourke
Beirut. Image by djedj from Pixabay

Politische Korrektheit darf man also bei den Reportagen des 1947 geborenen Amerikaners, der sich im Lauf der Zeit vom Hippie zum liberalen Konservativen wandelte, nicht erwarten. Schließlich gilt O ‚Rourke als einer der frühen Vertreter des Gonzo-Journalismus, sein Artikel „How to Drive Fast on Drugs While Getting Your Wing-Wang Squeezed and Not Spill Your Drink“ von 1979 ist ein bestes Beispiel dafür. Doch es fehlt auch die besserwisserische Mentalität, die leichte Arroganz mancher Journalisten. O’Rourke gesteht in seinem Erstaunen über die grauenvolle Seite der Welt ein, dass er von den Ursachen mancher Krisenherde oder Mentalitäten anderer Völker so wenig versteht wie einer seiner Leser, beispielsweise in Toledo, Ohio (da ist er geboren) oder Augsburg.

„Als sich der Junge in der ersten Reihe der Kundgebungsteilnehmer die Spitze des kleinen Fingers abbiß und mit dem eigenen Blut KIN DAE JUNG auf seine superschicke Skijacke schrieb, kam ich mir, glaube ich, zum ersten Mal in meinem Leben wirklich wie ein Auslandskorrespondent vor, der aus der Fremde zu berichten hat.“

Da soll sich mal einer auskennen:

„Praktisch jeder Kandidat für das Präsidentenamt hieß Kim. Da gab es Kim Dae Jung, den Spitzenkandidaten der Opposition, und Kim Young Sam („Kim, die Fortsetzung“), ebenfalls Spitzenkandidat der Opposition, und außerdem Kim Yong Pil („Kim, die frühen Jahre“), den Ausputzerkandidaten der Opposition. Und dann war da noch der Nicht-Kim-Kandidat, Ro Tae Woo (sprich: No Tai Uh oder wie die Vertreter der Auslandspresse ihn nennen: Just Say No). Diesen Ro hatte die Militärdiktatur, die seit 1971 über Südkorea herrschte, ins Rennen geschickt.“

(Beide Zitate aus der Reportage „Seoul Brothers“ über die ersten Präsidentschaftswahlen in Südkorea, Dezember 1987).

So zynisch der Amerikaner zwischendrin über die Politik und über Politiker schreibt – an Mitgefühl mit den Opfern der weltweiten Kriege, seien es palästinensische Familien oder israelische Jungsoldaten im Gazastreifen, Verletzte und Tote im Bosnienkrieg, fehlt es ihm nicht. Nur eine Spezies lässt er – nebst den Politikern – selten ungeschoren davonkommen: Und das sind seine Berufskollegen, die, wenn sie bedächtig berichten, zu „breitmäuligen Reiseschriftstellern“ werden, sich davor fürchten, dass etwas gut und organisiert läuft, wie beispielsweise die Wahlen in Mexiko und wie „bleiche Drohnen“ immer auf der Suche nach der nächsten Story sind.

Wenn eine bleiche Drohne wie P. J. O’Rourke schreibt, dann wird man zumindest auf einen höllenmäßigen Trip mitgenommen: Selbst aus einem „Arbeitsurlaub“ auf Guadeloupe, wo er in Ruhe die Europäische Verfassung („das stilistische Niveau ihrer Prosa könnte selbst Danielle Steel nicht unterbieten“) lesen will, wird da ein Abenteuer.

Und zuweilen erinnert er ganz mächtig an einen großen Vorgänger in Sachen politisch unkorrekter Reisereportagen – man denke an die „Arglosen im Ausland“ oder „Bummel durch Europa“. Dies könnte ebenso gut aus der Feder von Mark Twain stammen:

„Ich sah zu, wie die Royalisten auf den Stufen vor einem Betonkasten im sowjetischen Stil, dem einstigen Kulturpalast, ein Podium und ein paar Lautsprecher aufbauten. Sie entrollten die herzchirurgisch eingefärbte albanische Fahne, auf der eine Figur zu sehen ist, die entweder einen doppelköpfigen Adler oder ein sehr wütendes Huhn aus einer Monstrositätenschau darstellt. Die Royalisten riefen Sprüche ins Mikrophon wie: „Wir bekommen unsere Stimmen, auch wenn dafür Blut fließen muss!“ In einer Lautstärke, die selbst die krachendsten Karambolagen übertönten. Dann spielten sie – noch lauter – die albanische Nationalhymne, die so lang ist wie eine Wagner-Oper und so klingt, als würde die Blaskapelle des amerikanischen Marine Corps den Ring aufführen und dabei die Treppe im Washington Monument von oben bis unten herunterrasseln.“
(In: „Schlechter Kapitalismus“, Albanien Juli 1997).

Für den vorliegenden Sammelband hat Albert Christian Sellner die besten Reportagen P. J. O‘ Rourkes zusammengestellt. Wenn dieses die besten sind, dann möchte ich gerne wissen, wie gut die schlechteren sich lesen…


Pau Bowles
Taufe der Einsamkeit. Reiseberichte 1950-1972
Übersetzung: Michael Kleeberg
Liebeskind Verlag 2011
ISBN: 978-3935890908

Nellie Bly
Around the World in 72 Days
Die schnellste Frau des 19. Jahrhunderts
Martin Wagner (Hg.)
Übersetzt von Josefine Haubold
AvivA Verlag
ISBN 978-3-932338-55-7

John Dos Passos
Orient-Express
Übersetzt von Matthias Fienbork
Verlag Nagel & Kimche, 2013
ISBN: 978-3-31200-552-9

Martha Gellhorn
Reisen mit mir und einem Anderen
Übersetzt von Herwart Rosemann
Fischer Taschenbuch, 2018
ISBN: 978-3-596-90704-5

P. J. O’Rourke
Reisen in die Hölle und andere Urlaubsschnäppchen
Übersetzt von Reinhard Kaiser
Die Andere Bibliothek, 2006
ISBN: 978-3-8218-4577-7