Wenn man verschiedene Autorinnen und Autoren nach ihrem besonderen Klassiker fragt, dann kann es auch zu Doppelnennungen kommen – so ist es mit „Der Untertan“ von Heinrich Mann geschehen. Beide Autoren waren einverstanden, dass es zwei Beiträge zu diesem wichtigen Roman der Weimarer Republik geben kann – für die Leser ist es vielleicht auch spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Zugänge sein können.
Heute schreibt Jörg Mielczarek: Jörg ist ein profunder Kenner der Literatur der Weimarer Republik – ihr gilt seine ganze Leserleidenschaft. Unter dem Titel „Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften“ veröffentlichte er ein Buch, das anhand seiner literarischen Reisen informativ und lebendig aufzeigt, was diese Literaturepoche ausmacht.
Heinrich Mann und sein Untertan:
Wenn sich Geist und Moral, Recht und Anstand in ihr Gegenteil verkehren und jeder Versuch misslingt, humanistisches Denken und Handeln durchzusetzen, ist eine Gesellschaft gescheitert.
Das zeigt sich in Heinrich Manns „Der Untertan“. An dem Roman hat Mann Jahre gearbeitet: „Den Roman des bürgerlichen Deutschen unter der Regierung Wilhelms II dokumentierte ich seit 1906. Ich brauchte sechs Jahre immer stärkerer Erlebnisse, dann war ich reif für den ,Untertan´“, schreibt er in seinen autobiographischen Mitteilungen. Obwohl kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs im Juli 1914 fertiggestellt — und größtenteils als Vorabdruck in der Zeitschrift Zeit im Bild erschienen (der Beginn des 1. Weltkriegs verhinderte den kompletten Abdruck des Werkes – der Krieg, der im Roman als unausweichlich erscheint), 1916 vom Verleger Kurt Wolff privat in einer Auflage von mindestens 10 Exemplaren gedruckt — konnte die reguläre Buchausgabe des Untertans erst im Dezember 1918, nach Aufhebung der Zensur, erscheinen, und wurde umgehend ein großer Erfolg: Innerhalb von sechs Wochen konnten 100.000 Exemplare verkauft werden. So avancierte der Roman zum ersten Bestseller der jungen Republik.

Die satirische Entlarvung des kaiserlichen Untertans bildet den ideellen Mittelpunkt von Manns Werk. Feige Kriecherei gegenüber allem Mächtigen und Starken, unerbittliche Brutalität gegenüber Schwächeren und Untergebenen; so kann man sich eine Teilnahme an der Macht sichern. „Wer treten wollte, mußte sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht.“ Diederich Heßling ist „Der Untertan“.
Mit Diederich enthüllt Mann „die Vorgestalt des Nazi“ (Originalton des Autors), bereits als Schüler zeigt Heßling Eigenschaften, die Kennzeichen des nationalsozialistischen Deutschland werden sollten; Diederich quält einen jüdischen Mitschüler und erlangt das Wohlwollen seiner Lehrer. „Was Diederich stark machte, war der Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die überwältigende Mehrheit drinnen und draußen. Denn durch ihn handelte die Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit und einem Selbstbewusstsein, das kollektiv war!“
Eine weitere Schlüsselszene: Heßlings wollüstiges Erschauern, als ein Arbeiter grundlos von einem Soldaten erschossen wird: „Für mich hat der Vorgang etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches.“
Mit „Der Untertan“ ist Heinrich Mann ein großer Wurf gelungen; eine wunderbare Darstellung der wilhelminischen Zeit, eine auf den Punkt gebrachte Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Deutschland in den Ersten Weltkrieg führten.
Wenn ich heute Manns Buch aus dem Regal ziehe, stellt sich mir eine Frage: Wo ist der Gegenwartsautor, der die gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme literarisch aufarbeitet?
Jörg Mielczarek
https://literaturweimar.blog/
Die Reihe #MeinKlassiker
Anfang 2016 startete auf dem Blog „Sätze&Schätze“, den ich damals seit drei Jahren betrieb und der inzwischen in Teilen auf diese Seite integriert wurde, die Reihe #MeinKlassiker: Zahlreiche Literaturblogger*innen, aber auch Autor*innen und andere Menschen aus der Literaturwelt stellten in Gastbeiträgen einen Klassiker vor, der sie und ihr Lesen prägte. Seither ist die Reihe, die immer wieder fortgesetzt wurde, auf eine stattliche Zahl von Beiträgen angewachsen, die durchaus auch ein kleines Literaturlexikon sind. Einige der beitragenden Personen sind nicht mehr aktiv oder auch ganz von uns gegangen – aber ihre Beiträge bleiben bestehen und damit in dankbarer Erinnerung.
Alle Beiträge der Reihe #MeinKlassiker im Überblick
Das tragische Leben des Hans Fallada
Zum 70. Todestag von Hans Fallada erschienen zwei starke Biographien, die das tragische Leben des Schriftstellers gründlich durchleuchten.
Hans Fallada und die große Frage: Kleiner Mann – was nun?
„Kleiner Mann – was nun?“: Das Buch, 1932 erschienen, wurde sofort ein Bestseller. Der Roman von Hans Fallada erscheint heute von erschreckender Aktualität.
#MeinKlassiker (9): Hans Fallada – und was «Jeder stirbt für sich allein» uns heute noch zu sagen hat
Wenn Marina Büttner an Klassiker denkt, dann leuchtet vor allem ein Buch für sie: Ein Roman, den Hans Fallada binnen vier Wochen schrieb.
