Kloster Maulbronn: Hier kam Hermann Hesse unters Rad

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Das Kloster Maulbronn im Nordwesten Baden-Württembergs gilt als eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Klosteranlagen Europas und zieht jährlich unzählige Kulturbegeisterte an. Doch für die Weltliteratur hat dieser Ort eine ganz besondere, düstere Bedeutung: Hier verbrachte der junge Hermann Hesse die wohl schwerste Zeit seiner Jugend. Die traumatischen Erfahrungen im dortigen evangelisch-theologischen Seminar verarbeitete der spätere Nobelpreisträger Jahre später in seinem berühmten Roman „Unterm Rad“.

Schon in den ersten Zeilen seines Romans beschreibt der Autor die Kulisse beinahe sehnsüchtig:

„Im Nordwesten des Landes liegt zwischen waldigen Hügeln und kleinen stillen Seen das große Zisterzienserkloster Maulbronn. Weitläufig, fest und wohl erhalten stehen die schönen alten Bauten und wären ein verlockender Wohnsitz, denn sie sind prächtig, von innen und außen, und sind in den Jahrhunderten mit ihrer ruhig schönen, grünen Umgebung innig zusammengewachsen. Wer das Kloster besuchen will, tritt durch ein malerisches, die hohe Mauer öffnendes Tor auf einen weiten und sehr stillen Platz.“

Diese fast märchenhafte Beschreibung zeigt, welchen tiefen Eindruck Landschaft und Kulisse von Kloster Maulbronn auf den jungen Hermann Hesse gemacht haben. Wer die historische Anlage heute besucht, merkt schnell: Die Magie des Ortes ist geblieben. Doch hinter der idyllischen Fassade aus Sandstein und Natur erlebte der spätere Nobelpreisträger eine emotionale Zerreißprobe, die sein gesamtes Leben und Schreiben prägen sollte. Das Kloster war für ihn kein Ort der Zuflucht, sondern ein Ort der Isolation.

So idyllisch, wie Hermann Hesse das Kloster Maulbronn in „Unterm Rad“ schildert, so ist es auch immer noch – auch wenn der Komplex, der seit 1993 zum Weltkulturerbe gehört, anders als zu Hesses Zeiten, inzwischen vermehrt Touristen anlockt. Das alte Gemäuer, der weite Platz – sie strömen nach wie vor eine Ruhe aus, die sich auch auf die Grüppchen, die durch das Kloster und das Gelände schlendern, überträgt.

Trotz der Spiritualität und Schönheit, die den Ort prägt – Hermann Hesse erlebte hier keine gute Zeit. Der im nahegelegenen Calw geborene Sohn eines evangelischen Missionars wird als 14jähriger in das evangelisch-theologische Seminar (das übrigens bis heute existiert) in Kloster Maulbronn gebracht. Die geistige Enge der Lehrer, seine Suche nach Gleichgesinnten unter den Seminaristen, die Verlassenheit und Verlorenheit, die den sensiblen Jungen plagt – dies alles verarbeitet Hermann Hesse später (1906) in dem Roman „Unterm Rad“.

„Seit langer Zeit hat man dieses herrliche, weltfern gelegene, hinter Hügeln und Wäldern verborgene Kloster den Schülern des protestantisch-theologischen Seminars eingeräumt, damit Schönheit und Ruhe die jungen Gemüter umgebe. Zugleich sind dort die jungen Leute den zerstreuenden Einflüssen der Städte und des Familienlebens entzogen und bleiben vor dem schädigenden Anblick des tätigen Lebens bewahrt.“

Hesse flieht im März 1892 aus dem Seminar, kehrt kurz zurück und muss es dann wegen seiner anhaltenden depressiven und aggressiven Stimmungen im Mai 1892 endgültig verlassen. Kurz darauf unternimmt Hermann Hesse einen Suizidversuch und wird in eine Nervenheilanstalt verbracht.

Sein enger Freund Hugo Ball schreibt in der Biographie „“Hermann Hesse – Sein Leben und sein Werk“, die 1927 erschien:

„Wenn es (…) nun in Hesses Leben einen Haupt- und Generalpunkt gibt, den der Dichter noch nicht erschöpft und aufgelöst hat; wo dem Biographen noch etwas zu sagen bleibt, so ist es diejenige Zeitspanne, zu deren Beschreibung ich jetzt komme: die Zeit der Berufswahl und der anschließenden Wirren; die Zeit der Gärung und der Loslösung vom Vaterhaus, und mit einem Worte: Maulbronn (…). Die Darstellung des Landexamens und der Seminaristenzeit in „Unterm Rad“ ist lebensgetreu. Nur heißt der Vater Joseph Giebenrath und ist nicht Missionsprediger, sondern Zwischenhändler und Agent. Nur ist das Erlebnis in einer Art Spaltung der Persönlichkeit, die auch sonst in Hesses Büchern, so im „Lauscher“, im „Demian“, in „Klein und Wagner“ hervortritt, an zwei Freundesgestalten verteilt. Die Flucht des Hermann Heilner aus Maulbronn ist des Dichters eigene Flucht aus dem Seminar. Aber auch die seelischen Wirrnisse und Leiden des zurückbleibenden Hans Giebenrath sind diejenigen des Dichters.“

Hugo Balls Analyse macht deutlich, dass Hermann Hesses „Unterm Rad“ weit mehr ist als eine fiktive Erzählung. Der Roman ist die tiefenpsychologische Verarbeitung einer persönlichen Krise. Indem Hesse sich in die Figuren des rebellischen Flüchtenden und des daran zerbrechenden Musterschülers aufteilt, arbeitet er sein eigenes Erleben im Maulbronner Seminar auf. Es ist dieser radikal ehrliche, autobiografische Kern, der das Buch bis heute zu einer ergreifenden Lektüre über den zerstörerischen Druck von Bildungssystemen macht.

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In seinem „Kurzgefaßten Lebenslauf“ sagt Hermann Hesse 1925 über diese Wirrnisse:

„Von meinem dreizehnten Jahr an war mir das eine klar, daß ich entweder ein Dichter oder gar nichts werden wolle. Zu dieser Klarheit kam aber allmählich eine andere peinliche Einsicht. Man konnte Lehrer, Pfarrer, Arzt, Handwerker, Kaufmann, Postbeamter werden, auch Musiker, auch Maler oder Architekt, zu allen Berufen der Welt gab es einen Weg, gab es Vorbedingungen, gab es eine Schule, einen Unterricht für den Anfänger. Bloß für den Dichter gab es das nicht! Es war erlaubt und galt sogar für eine Ehre, ein Dichter zu sein. Ein Dichter zu werden aber, das war unmöglich; es werden zu wollen, war eine Lächerlichkeit und Schande, wie ich sehr bald erfuhr.“

Der existenzielle Konflikt zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und dem eigenen, unbedingten Drang zur Kreativität war der eigentliche Auslöser für Hesses Zusammenbruch. Das Kloster Maulbronn wurde zum Symbol für ein starres System, das keinen Raum für Individualität ließ. Die Verzweiflung des Jungen, der „entweder ein Dichter oder gar nichts“ werden wollte, hallt in jeder Zeile von „Unterm Rad“ nach. vorbeigeschrammt ist.

Dieses Wissen, in Maulbronn auf ein „falsches“ Leben vorbereitet zu werden, der Druck, die Erwartungen der Familie und der Lehrer zu erfüllen, dies alles führte zum Zusammenbruch. Dass Hesse schließlich aus diesem Dilemma herausfand, dafür können wir Leser heute dankbar sein. Seine Erinnerungen an die Maulbronner Zeit verarbeitete er später in einem melancholisch-versöhnlichem Gedicht (Auszug):

Und alles ist so schön und still geblieben.
Nur ich ward älter, und die Leidenschaft,
Der Seele dunkler Quell in Haß und Lieben,
Strömt nicht mehr in der alten wilden Kraft.

Hier ward mein erster Jugendtraum zunichte.
An schlecht verheilter Wunde litt ich lang.
Nun liegt er fern und ward zum Traumgesichte
Und wird in guter Stunde zum Gesang.

Erst Jahre später gelang es dem gealterten Autor, Frieden mit seiner Vergangenheit zu schließen. Bei einem späteren Besuch der Anlage fand er jene spirituelle Ruhe, die ihm als 14-Jähriger verwehrt geblieben war. Seine versöhnliche Rückkehr an den Ort des Schmerzes ist Gegenstand des Gedichts „Im Maulbronner Kreuzgang“.

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