
„Ich verkünde die Opposition aller kosmischen Eigenschaften gegen die Gonorrhoe dieser faulenden Sonne, die aus den Fabriken des philosophischen Gedankens kommt, den erbitterten Kampf mit allen Mitteln des dadaistischen Ekels.
Jedes Erzeugnis des Ekels, das Negation der Familie zu werden vermag, ist Dada; Protest mit den Fäusten, seines ganzen Wesens in Zerstörungshandlung: Dada; Kenntnis aller Mittel, die bisher das schamhafte Geschlecht des bequemen Kompromisses und der Höflichkeit verwarf: Dada; Vernichtung der Logik, Tanz der Ohnmächtigen der Schöpfung: Dada; jeder Hierarchie und sozialen Formel von unseren Dienern eingesetzt: Dada; jeder Gegenstand, alle Gegenstände, die Gefühle und Dunkelheiten; die Erscheinungen und der genaue Stoß paralleler Linien sind Kampfesmittel: Dada; Vernichtung des Gedächtnisses: Dada; Vernichtung der Archäologie: Dada; Vernichtung der Propheten: Dada; Vernichtung der Zukunft: Dada; Absoluter indiskutabler Glauben an jeden Gott, den spontane Unmittelbarkeit erzeugte: Dada; eleganter, vorurteilsloser Sprung von einer Harmonie in die andere Sphäre; Flugbahn eines Wortes, das wie ein Diskurs, tönender Schrei, geschleudert ist; alle Individualitäten in ihrem Augenblickswahn achten: im ernsten, furchtsamen, schüchternen, glühenden, kraftvollen, entschiedenen, begeisterten Wahn; seine Kirche von allen unnützen, schweren Requisiten abschälen, wie eine Lichtfontäne den ungefälligen oder verliebten Gedanken ausspeien, oder ihn liebkosen – mit der lebhaften Genugtuung, daß das einerlei ist – mit derselben Intensität in der Zelle seiner Seele, insektenrein für wohlgeborenes Blut und von Erzengelkörpern übergoldet. Freiheit: Dada, Dada, Dada, aufheulen der verkrampften Farben, Verschlingung der Gegensätze und aller Widersprüche, der Grotesken und der Inkonsequenzen: Das Leben.“
Tristan Tzara aus dem „Manifest Dada“, 1918
Dada ist die Weltseele,
Dada ist der Clou,
Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.
Hugo Ball
Die ersten europäischen Beatniks
Die Dadaisten waren die europäischen Beatniks. Junge Künstler, die sich vom etablierten Kunstbetrieb abwandten. Doch nicht nur davon – die Erfahrung des 1. Weltkriegs, der Hurra-Patriotismus, die Kriegsbegeisterung einiger ihrer Künstlerkollegen, alle Erfahrungen erschüttert, den Glauben an die bestehende Ordnung verloren, das Überwinden-Wollen des Althergebrachten sowohl in der Kunst als auch in der Politik, all dies trug zum Entstehen von DADA bei. Und das Grenzensprengende, auch das Überwinden der sprachlichen Grenzen, die Lust am beinahe kindlichen Spiel und die Anarchie – die durften sich hier austoben. Damit wurde der Dadaismus zum Ausgangspunkt einer neuen künstlerischen Freiheit. Ausdruck fand das alles im „DADA-Manifest“ von Hugo Ball und Tristan Tzara.
Auch Richard Huelsenbeck lieferte eine Legende zur Begriffsfindung: „Als Ball und ich den Dadaismus entdeckten, waren wir uns unserer großen Mission bewusst. Ball hatte gerade einen Teller Nudelsuppe gegessen, und ich hatte gerade den letzten besoffenen Studenten aus dem Cabaret Voltaire geworfen, da sagte Ball: „Da … Da siehst du, wo das hinführt.“
Wo führte das hin? Zu einer kreativen, anarchistischen, wilden Explosion, zu einer künstlerischen Hitzewelle, die ausgerechnet in der Schweiz (!) einige wenige Jahre (im Herbst 1920 verließen die letzten Mitglieder dieser Künstlergemeinschaft die Eidgenossenschaft) ihren Raum fand.
Schon zu den Hochzeiten des Dadaismus ist die Fülle an beteiligten, inspirierten Künstlerinnen und Künstlern kaum zu fassen: Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, Walter Serner, Giorgio de Chirico, Marcel Janco, Hans Richter, Christian Schad, Mary Wigman, Katja Wulff, Hans Heusser, Max Ernst, und viele weitere mehr, die sich vom Dadaismus anstecken ließen.
1916 veröffentlichten Ball und Huelsenbeck ein erstes Manifest
„Es soll der Presse und dem Publikum durch unser Auftreten gezeigt werden, daß es Persönlichkeiten gibt, die die Sache der “jüngsten” Literatur auch im Kriege weiterführen. Diese jüngste Literatur hat eine ganz bewußte Tendenz. Diese Tendenz: Expressionismus, Buntheit, Abenteuerlichkeit, Futurismus, Aktivität, Dummheit (gegen die Intellektualität, gegen die Bebuquins, gegen die gänzlich Arroganten). Wir wollen: Aufreizen, umwerfen, bluffen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang, Draufgänger und Negationisten sein. Unsere Sache ist die Sache der Intensität, der Nüstern, der Askese, des methodischen Fanatismus, der Flaggen und Konspirationen. Wir werden immer “gegen” sein. Wir werden die geistige Führerschaft an uns nehmen. Wir werden zu Felde ziehen gegen die Gehirnwesen, Geistlinge, Systemlinge. Gegen die Aktionierer und lyrische Tenöre. Gegen die “Programmatiker” und Sektenbildner. Wir ergreifen die Partei der Bilderstürmer und jeglicher Radikalisten. Wir propagieren den Stoffwechsel, den Saltomortale, den Vampyrismus und alle Art Mimik. Wir sind nicht naiv genug, an den Fortschritt zu glauben. Wir haben es nur mit dem “Heute” zu tun. Wir wollen sein: Mystiker des Details, Bohrlinge und Hellseher, Antikonzeptionisten und Literaturstänker. Wir wollen den Appetit verderben an aller Schönheit, Kultur, Poesie, an allem Geist, Geschmack, Sozialismus, Altruismus und Synonymismus. Wir gehen los gegen alle “ismen” Parteien und “Anschauungen”. Negationisten wollen wir sein.“

Im Wallstein Verlag wurde eine mehrbändige Werkausgabe von der Hugo-Ball-Gesellschaft herausgegeben. Darunter auch „Zinnoberzack, Zeter und Mordio“, ein Buch, in dem erstmals die ansonsten nur verstreut publizierten DADA-Texte Balls gesammelt erschienen sind. Obwohl der Name von Hugo Ball als DADA-Gründer untrennbar mit dieser literarischen Strömung verbunden ist, währte sein eigentliches Engagement dafür nur wenige Monate. 1915 erschien das oben zitierte Manifest, 1916 erfolgte die Gründung des „Cabaret Voltaire“ in Zürich (der Pazifist Hugo Ball war in die Schweiz emigriert), 1917 beteiligte er sich noch einige Wochen an der „Galerie Dada“.
Die Blüte des Cabaret Voltaire
Doch trotz dieser kurzen Zeitspanne, in der Ball Texte für das Cabaret Voltaire und einige Publikationen schrieb, überrascht das DADA-Werk Balls durch die Bandbreite literarischer Formen. Das Buch zeigt eindrücklich, dass DADA eben weit mehr war als nur die lautmalerische Lyrik, die heute vor allem damit verbunden ist. So sind neben den Manifesten selbstverständlich auch die Gedichte – Zug der Elefanten, Wolken, Der Dorfdadaist, um nur einige zu nennen – enthalten, aber auch das „bruitistische“ Krippenspiel, der Roman „Tenderenda, der Phantast“ sowie Auszüge aus dem Tagebuch „Die Flucht aus der Zeit“, die sich auf jene Monate in Zürich beziehen.
Zwar blieb Hugo Ball (hier der Lebenslauf auf den Seiten der Hugo-Ball-Gesellschaft) dem Dadaismus verbunden, widmete sich jedoch persönlich und literarisch nach seinem Ausstieg aus den Züricher Aktivitäten anderen Themen. Eckhard Faul, Herausgeber des Dada-Bandes bei Wallstein, schreibt:
„Seine Abkehr von Dada verleiht Ball eine Aura der Unbestechlichkeit. Das hebt ihn ebenso von den anderen Dadaisten ab wie seine Stellung als Gründer und erster Theoretiker einer Kunstbewegung, die er selbst nur als Laune begreifen wollte. Während vor allem Tzara schon früh versuchte, mit Dada künstlerisch zu reüssieren, stand für Ball stets das kindliche, absichtslose Element im Vordergrund. Er setzte die `Kindheit als eine neue Welt, und alles kindlich Phantastische, alles kindlich Direkte, kindlich Figürliche gegen die Senilitäten, gegen die Welt der Erwachsenen.“
Vorbild für viele andere Kunstrichtungen
Und auch wenn die Dada-Flamme in den 1920er-Jahren ausgebrannt erschien, anderes hatte sich an ihr entzündet und ist ohne sie nicht denkbar: Das „Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind“ (Hugo Ball) hatte den Weg bereitet für Surrealismus, abstrakte Dichtung, Pop-Art und viele andere Richtungen mehr. Denn Dada sagt im Grunde eines: Alles, was da ist, was vor allem in unserem menschlichen Hirn ist, ist da – Lautmalereien, Simultangedichte, Ausdruckstanz, der sich aus unseren Gebärden speist, abstrakte Malerei, alles, was ursprünglich ist, unverfälscht, ungekünstelt, direkt den Geistesblitzen unseres Hirns entsprungen ist da da da da da da … und will raus. So liest sich denn auch die spätere Aussage von Hans Arp:
„Dada ist für den Unsinn. Das bedeutet nicht Blödsinn. Dada ist unsinnig wie die Natur und das Leben. Dada ist für die Natur und gegen die Kunst.“
Hugo Ball
Zinnoberzack, Zeter und Mordio
Alle DADA-Texte, hrsg. von Eckhard Faul
Wallstein Verlag, 2011
ISBN 978-3-8353-0892-3
