Literarische Orte: Der Revoluzzer von der Alb

Das Schubart-Denkmal in Aalen. Bild: Birgit Böllinger

„Gottes Schild flamm‘ über dir! In dir werden Männer geboren stark und voll Kraft. Deutschheit, redlicher Sinn, schwäbische Herzlichkeit, redselige Laune, unschuldiger Scherz seyen immer, wie bisher, dein Eigenthum. Der Vorsicht Flügel schweb‘ über eurer Kirche, eurem Rathhause, euren Hütten, und – eurem Gottesacker!“

Christian Friedrich Daniel Schubart, Zitat aus „Simon von Aalen“, ca. 1775

Die Schwäbische Alb ist eine rauhe Landschaft. Geprägt vom Juragestein, ein Land, das den Menschen früherer Zeiten alles abverlangte. Der „Älbler“, er gilt gemeinhin als „eigen“. Und mitten hinein in diese herbe, karge Gegend wird 1739 ein wortstarker Freigeist und Luftikus geboren: Christian Friedrich Daniel Schubart. Geboren im württembergischen Obersontheim wurde für Schubart zur eigentlichen prägenden Stadt der Kindheit und Jugendjahre jedoch das nahegelegene Aalen: Hier wirkte der Vater Schubarts ab 1740 als Präzeptor und Musikdirektor.

In seinen Memoiren schrieb Schubart später:

„In dieser Stadt, die verkannt wie die redliche Einfalt, schon viele Jahre im Kochertale genügsame Bürger nährt – Bürger von altdeutscher Sitte, bieder geschäftig, wild und stark wie ihre Eichen, Verächter des Auslands, trotzige Verteidiger ihres Kittels, ihrer Misthaufen und ihrer donnernden Mundart, wurd ich erzogen… Was in Aalen gewöhnlicher Ton ist, scheint in anderen Städten trazischer Aufschrei und am Hofe Raserei zu sein. Von diesen ersten Grundzügen schreibt sich mein derber deutscher Ton…“

In Aalen lebte Schubart bis 1753, dann wurde er zur Universitätsvorbereitung auf das Gymnasium in dem etwa 40 Kilometer entfernten Nördlingen geschickt. Während des Theologiestudiums in Erlangen macht der Feuerkopf bereits das erste Mal Bekanntschaft mit dem Gefängnis – er, der zeitlebens Wein, Weib und Gesang zugetan war, landet dort wegen Schulden. Geknickt kehrt er 1760 nach Aalen zurück, wo er seinen Vater als Kantor und Prediger unterstützt. 1763 kommt er als Organist nach Geislingen, ebenfalls auf der Schwäbischen Alb gelegen, 1773 wird er jedoch als Stadtorganist wegen seines lockeren Lebenswandels und seiner frechen Zunge aus dem Dienst entlassen.

Sein weiterer Lebensweg führt ihn durch weite Teile Württembergs und Bayerns. 1774 ist ein bedeutsames Jahr: Schubart wendet sich dem Journalismus zu. In Augsburg gibt Christian Friedrich Daniel Schubart erstmals ein Wochenblatt, das in der Regel zweimal wöchentlich erschien, unter dem Namen „Deutsche Chronik“ heraus. Bereits nach fünf Wochen verbietet der Augsburger Magistrat jedoch den Druck des Journals, dieser wird dann 1776 bis 1777 beim Verlag Wagner in Ulm fortgesetzt.

Heiner Jestrabek schreibt dazu in der Broschüre „Sturm und Drang auf der Ostalb“:

Die „Deutsche Chronik“ war ein volkstümliches Blatt, das sich mit politischen Fragen befasste und literarische, pädagogische und poetische Beiträge brachte. Die Chronik war ausserordentlich erfolgreich und bald das wichtigste puplizistische Organ der bürgerlichen Opposition im ganzen Deutschen Reich. Schubart war jetzt 35 Jahre alt und hatte endlich einen Beruf, der Dauer und Einkommen versprach. 1775 wurden 1600 Exemplare verkauft. Da die Chronik viel herumgereicht wurde, hatte sie bis zu 20.000 Leser. Nach nur fünf Wochen wurde der Druck in Augsburg untersagt und musste nach Ulm verlegt werden.

Auch mit seinen alten Widersachern, den Jesuiten gab’s Ärger. Ein Vorfall sollte die Brutalität und Gefährlichkeit dieser Klerikalen zeigen. Knapp ausserhalb der Ulmer Stadtmauern, in Wiblingen, wurde Josef Nickel, ein entlaufener Jesuitenschüler, der sich zu den Schriften Wielands, Lessings und Votaires bekannt hatte, gegen den Pater Gassner redete und offen für Schubart eintrat, unter dem Vorwurf der Ketzerei verhaftet, zum Tode verurteilt und „im Jahr des Heils 1776, am ersten Juni, Morgens 8 Uhr“ geköpft. Schubart, der ihm einen Roman geliehen hatte, wurde beschuldigt, der Verursacher der „Religionsbeschimpfung und Gotteslästerei“ Nickels gewesen zu sein.


Als Schubart jedoch des württembergischen Herzogs Mätresse Franziska von Hohenheim in einem Schandgedicht als „Lichtputze, die glimmt und stinkt“ verspottet, ist er in den Augen der Obrigkeit fällig: Durch eine Intrige wird er 1777 nach Blaubeuren gelockt, von da aus geht es in den Kerker in Hohenasperg. Ohne Anklage oder gar Verurteilung wird Schubart in der Festung Asperg für zehn Jahre eingesperrt und damit der berühmteste politische Gefangene seiner Zeit. Er darf lange keine Besucher empfangen und wird in den Anfangsjahren mit Schreib- und Leseverbot belegt. Erst die politische Intervention Preußens führte zu seiner Freilassung 1787. Zwar setzt er seine angriffslustige Polemik auch dann wieder fort, unter anderem in der Vaterländischen Chronik. 1791 stirbt er jedoch, physisch wie psychisch gebrochen.

Zu seinem 275. Geburtstag würdigte ihn Frank Suppanz in einer Veröffentlichung des Reclam Verlages:

„Es wäre zu einseitig, in Schubart nur den literarischen Polemiker zu sehen. Er war ein hochbegabter Klavierspieler und Organist (…) Die Musik schien differenziertere Seiten in Schubarts Charakter zum Vorschein zu bringen. In seinen „Ideen zur Ästhetik der Tonkunst“ argumentiert ein Vollblutmusiker mit klassizistischen Normen – für Angemessenheit als Maßstab des musikalischen Ausdrucks und für feine Nuancierung als Voraussetzung eines schönen Vortrags.“

Gedenktagel in Blaubeuren. Bild: Birgit Böllinger

Weitere Informationen:
Gedichte und Texte Schubarts in der Bibliotheca Augustana
Schubart in der „Deutsche Biographie“
In Aalen findet sich nicht nur eine umfangreiche Schubart-Sammlung, seit 1955 wird dort auch ein Schubart-Literaturpreis vergeben.