Literarische Orte: Mit Mörike und Hesse am Blautopf

Die schöne Lau am Blautopf. Bild: Birgit Böllinger

’S leit a Klötzle Blei glei bei Blaubeira, glei bei Blaubeira leit a Klötzle Blei.

Ein Höhepunkt früherer schwäbischer Familienausflüge: Ein Stopp am „Blautopf“. Nur von der Oberfläche her betrachtet ist das Gewässer eher unspektakulär – eine kleine Pfütze im Querschnitt und im Vergleich zum Bodensee. Doch es ist die Tiefe (wie immer), die zählt: Rund 22 Meter geht es nach unten, dann erreichen Taucher über die Blautopfhöhle den Einstieg in ein grandioses Höhlensystem. Deep Blue.

Dabei wechselt der Blautopf auch an der Oberfläche regelmäßig seine Farbe. Türkisblau. Meerblau. Violett. Cyan. Ultramarin. Kobalt. Hellblau. Dunkelblau. Indigo. Warm wie der Sommerhimmel. Kalt wie im Inneren einer Eishöhle. Auch wenn mittlerweile auch schon von Touristen überlaufen, kann man ab und an noch die Atmosphäre, die schon Hermann Hesse in den Bann zog.

„Überall roch es nach Schwäbisch, nach Roggenbrot und Märchen“, schrieb Hermann Hesse 1953 nach einem Besuch: „Überall duftete es nach Jugend und Kindheit, Träumen und Lebkuchen, Hölderlin und Mörike.“

Quelle: Thomas Köster, Angaben s.u.

Bild: Birgit Böllinger

Im Sommer dagegen wird man hier sein „blaues Wunder“ erleben: Da spucken Busreiseunternehmen ihre Touristengruppen aus, Radler und Wanderer drängeln sich im Biergarten und am Souvenirladen und das Blautopfbähnle bahnt sich bimmelnd seinen Weg. Rund um den kleinen Topf muss man sich zwischen Mountainbikern und Familien mit missgelaunten Kindern mit Ellbogen einen Blick auf den Tümpel erkämpfen. Von wegen mystischer Idylle. Von wegen meditativer Ruhe. Von wegen heiliger Ort.

Besser also die Atempause zwischen Winter und Frühlingsankunft nutzen, um wenigstens den Hauch einer Ahnung zu haben, warum dies seit jeher ein magischer Ort, warum der „Blautopf“ Eduard Mörike zu seinem Märchen von der schönen Lau inspirierte.

„Die schöne Lau“, das ist eine Wassernixe, die von ihrem Gemahl vom Schwarzen Meer in das Schwäbische verbannt wurde (der Originaltext ist bei Gutenberg zu finden). Ein typisches weibliches Schicksal: Die traurige Nixe, die keine Kinder bekommen konnte, wird verstoßen. Nur das Lachen kann sie von ihrem Fluch – Kinderlosigkeit und Verbannung – erlösen. Dass eine handfeste Schwäbin der romantischen Udine das Lachen zurückbringt, versöhnt wieder ein wenig mit dem Frauenbild jener Zeit. Heute, angesichts des Rummels am Blautopf, würde der Lau wahrscheinlich jedoch wieder mau und ihr das Lachen schnell vergehen.

Die Schriftstellerin Renate Schostack schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über ihr Lieblingsmärchen:

„Nirgendwo sonst in der Literatur wird das Schwäbische so zart und fein überhöht, ohne daß es seiner Erdhaftigkeit beraubt würde. (…) Die 1852 in der Märchensammlung vom „Stuttgarter Hutzelmännlein“ veröffentlichte Geschichte enthält viel von des Autors Neigung zu den Abgründen des Lebens und der Seele, seiner Sehnsucht nach dem Gewöhnlichen, dem Wunsch, das Unheimliche mit dem Heimeligen zu versöhnen. Eine Aura des Gefährlichen, des Unerlösten bleibt.“

Idylle am Blautopf. Bild: Birgit Böllinger

Der Weltschmerz, das Melancholische, die Weltflucht, auch das Abgründige: Lange wurde dies in den Werken Mörikes übersehen, galt er als kleiner, spießiger Landpfarrer, der Idyllen-Dichter, an die Heimat gebundene Biedermeiermann bevorzugt. Dabei dringt das Doppelbödige, das Dunkel-Melancholische auch aus vielen seiner Verse. Es sind die Nachtgespenster, die ihn quälten. Abgrundtief wie das Gewässer.

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,
Dort gehet schon der Tag herfür
An meinem Kammerfenster.
Es wühlet mein verstörter Sinn
Noch zwischen Zweifeln her und hin
Und schaffet Nachtgespenster.
– Ängste, quäle
Dich nicht länger, meine Seele!
Freu dich! schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.

Doch der Blautopf samt Blaubeuren ist nicht nur wegen Mörike und seiner Lau ein literarischer Ort. Neben der Quelle liegt das um 1085 gegründete Benediktinerkloster, dessen Kirche vor allem wegen ihres spätgotischen Altars kunstgeschichtliche Interessierte begeistern wird. Im Zuge der Reformation wurde das Kloster sozusagen „evangelisiert“ – und ist bis heute neben Kloster Maulbronn, in dem Hermann Hesse darbte und Friedrich Hölderlin litt, Standort der evangelischen Seminare in Baden-Württemberg. Literarisch bedeutsame Seminaristen in Blaubeuren waren Märchendichter Wilhelm Hauff und Albrecht Goes (1908 – 2000), dessen berühmteste Erzählung „Das Brandopfer“ ist.

Kloster Blaubeuren. Bild: Birgit Böllinger

In einem Klostergebäude ist zudem eine Schubartstube eingerichtet. Erinnert wird an den Schriftsteller Christian Friedrich Daniel Schubart, der 1777 nach Blaubeuren gelockt wurde. Doch anstatt hier Unterschlupf zu finden, setzten ihn die Schergen des Herzogs Carl Eugen von Württemberg hier fest und brachte ihn in die Festung Hohenasperg. Nicht für jeden also war der Aufenthalt in Blaubeuren märchenhaft…

Zum Weiterlesen:
Ein Beitrag von Thomas Köster über den Blautopf und das Märchen vom häuslichen Glück auf der Seite des Goethe-Instituts.
Beim Literaturland Baden-Württemberg finden sich Informationen zur Schubartstube im Kloster Blaubeuren.
Und alles zum Blautopf findet sich unter diesem Link.