JOACHIM MAASS: Der Schnee von Nebraska

„Für einen Schriftsteller stellt ein langdauerndes Exil im fremdsprachigen Ausland einen veritablen Notstand dar. Seine Sprache, der nährenden Zufuhr aus dem Alltagsgespräch beraubt, droht zu welken und zu verholzen und hört allmählich auf, ein aus sich selbst heraus schöpferisches Material zu sein. (…) Wer lange fortbleibt, ist bald so gut wie tot, und totgeschwiegen wird er, vielleicht nicht geradezu programmatisch, nicht geradezu aus bösem Willen, doch jedenfalls nach dem Grundsatz, dem der Literaturbetrieb wie jede Interessensgemeinschaft heimlich huldigt: Wer will jemanden guttun, der ihm nicht wehtun kann, und wer will jemanden nützen, der sich niemals revanchiert?“

Joachim Maass, „Ich lebe nicht in der Bundesrepublik“, 1964

Gefunden habe ich dieses Zitat in einem schmalen Band mit einer Erzählung dieses leider fast vergessenen Schriftstellers: „Der Schnee von Nebraska“ handelt von einer Kindesentführung in der amerikanischen Provinz, die grauenhaft endet. Joachim Maass hielt sich 1936 und 1937 mehrere Monate in den USA auf, bevor er 1939 ganz übersiedelte. Schon beim ersten amerikanischen Aufenthalt stieß er auf Zeitungsberichte, die vom Mord an einem kleinen Jungen handelte – bis sich die „bisher ungefügten Reise-Eindrücke mit dem dunklen Schicksal des schönen Knaben zu einer Art mystischer Einheit zusammenschlossen.“

Die 1938 erstmals erschienene Erzählung „Der Schnee von Nebraska“ ist nicht nur eine packende, ungeheuer dicht erzählte Story und psychologische Studie zweier Männer, die unheilvoll miteinander verbunden sind, sondern darüber hinaus auch der Blick auf ein „anderes Amerika“: eines, hinter dem „eine dämonische Macht steht, eine Übermacht der Natur, die schicksalsbildend und selber Schicksal ist.“

Maass, der Deutschland aus politischen Gründen verließ und ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus war, war nach einem Besuch in Hamburg 1952 von der politischen und kulturellen Situation in der jungen Bundesrepublik zutiefst enttäuscht. Er starb 1972 in New York.

Herausgegeben von Andreas F. Kelletat erschien die Erzählung nun neu im Persona Verlag, hilfreich ergänzt durch einige weitere kurze Texte, aus denen das obige Zitat stammt, von Joachim Maass über seine Erzählung und seine literarische Selbstdefinition sowie durch ein kenntnisreiches Nachwort des Herausgebers.

Joachim Maass: Der Schnee von Nebraska. Erzählung. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Andreas F. Kelletat. Persona Verlag, Mannheim 2024. 112 Seiten, Hardcover, 18 Euro.
http://www.personaverlag.de/